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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 22
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Friedrich von Preen

Basel, 26. April 1872

Herzlichen Dank für das Wohlwollen, womit Sie die Bedeutung unserer Anstalt für Filii Entwicklung beurteilen. Ein Urteil über Ihre Landeslyzeen, das mir eine Parallele gestattete, besitze ich nicht; um so wohltuender ist mir Ihre freundliche Anerkennung.

Nun bitte ich zunächst nur noch um eine Zeile Auskunft darüber, ob unser Maturitätszeugnis ist als genügend anerkannt worden oder ob Filius sich noch einmal zur Maturität stellen muß? Es liegt mir daran, dies zu wissen.

Oberalemannien ist nach einigen Regentagen wieder sehr schön! Gestern gab es herrliche Beleuchtungen und in Muttenz einen Schoppen auf der Matte. Heute ist es strahlend schön. Quoad militaria: ich verzweifle nicht daran, Sie auf sachten, weiten Umwegen allmählich meiner Ansicht über den Ursprung der letzten Kriege zusteuern zu sehen. Einstweilen klappt es doch wenigstens so, als wäre es bezweckt und gewollt gewesen, nicht wahr? – Und wenn der gleiche Zweck wiederum einen Krieg verlangt, so wird man wieder einen haben. Der neuliche Artikel des ›Daily Telegraph‹ hatte nach meiner Überzeugung den allerechtesten Ursprung. Mit der ›Sicherung von Elsaß-Lothringen‹ hat man auch ohne Krieg wenigstens jeden Moment Kriegslärm, Mobilmachung und dergleichen disponibel, das heißt einen losen Belagerungszustand in Deutschland selbst, wobei Konstitutionalismus und andere Antiquitäten plötzlich verstummen müssen.

Ich bin nicht unbillig, Bismarck hat nur in eigene Hand genommen, was mit der Zeit doch geschehen wäre, aber ohne ihn und gegen ihn. Er sah, daß die wachsende demokratisch-soziale Woge irgendwie einen unbedingten Gewaltzustand hervorrufen würde, sei es durch die Demokraten selbst, sei es durch die Regierungen, und sprach: ›Ipse faciam‹, und führte die drei Kriege 1864, 1866, 1870.

Aber nun sind wir erst am Anfang. Nicht wahr, all unser Tun ist jetzt als beliebig, dilettantisch, launenhaft in einen zunehmend lächerlichen Kontrast geraten zu der hohen und bis in alles Detail durchgebildeten Zweckmäßigkeit des Militärwesens? Letzteres muß nun das Muster alles Daseins werden. Für Sie, verehrter Herr und Freund, ist es nun am interessantesten, zu beobachten, wie die Staats- und Verwaltungsmaschine militärisch umgestaltet werden wird; für mich: wie man das Schul- und Bildungswesen in die Kur nehmen wird und so weiter. Am merkwürdigsten wird es den Arbeitern gehen; ich habe eine Ahnung, die vorderhand noch völlig wie Torheit lautet und die mich doch durchaus nicht loslassen will: der Militärstaat muß Großfabrikant werden. Jene Menschenanhäufungen in den großen Werkstätten dürfen nicht in Ewigkeit ihrer Not und ihrer Gier überlassen bleiben; ein bestimmtes und überwachtes Maß von Misere mit Avancement und in Uniform täglich unter Trommelwirbel begonnen und beschlossen, das ists, was logisch kommen müßte. (Freilich kenne ich Geschichte genug, um zu wissen, daß sich die Dinge nicht immer logisch vollziehen.) Es versteht sich, daß, was man tut, ganz getan werden muß, und dann ohne Erbarmen nach oben und nach unten. In der gestrigen oder vorgestrigen ›A.A.Z.‹ war aus Berlin vom (–) Strichkorrespondenten das Programm der dortigen Zimmerleute mitgeteilt, welches Sie wohl auch in den Berliner Blättern leicht finden werden. Lisez et réfléchissez!

Die Entwicklung einer intelligenten Herrschergewalt, für die Dauer, steckt noch in ihren Kinderschuhen; in Deutschland zuerst wird sie vielleicht ihre Toga virilis anziehen. Es gibt hierin noch große unbekannte Länder zu entdecken. Die preußische Dynastie ist jetzt so gestellt, daß sie und ihr Stab überhaupt gar nie mehr mächtig genug sein können. Vom Innehalten auf dieser Bahn ist keine Rede mehr; das Heil Deutschlands selber drängt vorwärts.

Kommen Sie bald! Ich bin den ganzen Sommer höchstens einmal acht Tage abwesend, sonst immer hier.

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