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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 2
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Heinrich Schreiber

Berlin, 15. Januar 1840

Hochverehrtester Freund! Ich verdiene die Zuneigung, die Sie mir zuwenden, keineswegs, und ich fühle mich tief beschämt dadurch, daß mir meine Nachlässigkeit durch einen Dritten kund werden mußte. Wenn irgend einem Menschen in der Welt, so bin ich Ihnen Rechenschaft, und zwar baldige Rechenschaft, über mein hiesiges Leben schuldig gewesen, und diese Schuld zu spät abtragend, bitte ich Sie um Verzeihung. Als ich die ersten Stunden bei Ranke, Droysen und Böckh gehört hatte, machte ich große Augen. Ich sah, es war mir bisher ergangen wie jenen Rittern im Don Quichotte mit ihren Damen, ich hatte meine Wissenschaft auf Hörensagen hin geliebt, und nun trat sie plötzlich in gigantischer Größe vor mich, und ich mußte die Augen niederschlagen. Jetzt erst bin ich fest entschlossen, ihr mein Leben zu widmen, vielleicht mit Entbehrung des häuslichen Glückes; von nun an soll kein Zwitterzustand meine Seele ängstigen.

Ich habe den Mut gefaßt, mich für ein spezielles Feld der Geschichte zu entscheiden, und dazu habe ich – Vorderasien erwählt. Wie lange versuchte mich das deutsche und romanische Mittelalter! – Aber man muß bei der ungeheuren Ausdehnung der Wissenschaft sich auf etwas beschränken und dieses recht treiben, sonst zersplittert man sich. Ich weiß, es schmerzt Sie vielleicht, daß ich mich nicht dem Mittelalter zuwandte, und wenn man irgend einem Menschen in solchen Dingen zu Gefallen leben dürfte, so würde ich es Ihnen getan haben. –

Ich treibe nun Arabisch, höre bei Ritter Erdkunde, bei Böckh griechische Altertümer, bei Droysen alte Geschichte, bei Kugler Geschichte der Baukunst, bei Panofka Einleitung in die Archäologie, bei Homeyer Geschichte der deutschen Landstände (um doch auch die Gegenwart ein wenig beurteilen zu lernen, bloß eine Stunde wöchentlich). Bei Ranke würde ich ohne anderes neue Geschichte hören, aber das Kollegium kollidiert dreimal mit Kugler, und so kann ich bloß dann und wann hospitieren; auch darüber bin ich schon froh. Leider liest Ranke nie alte Geschichte, dennoch werde ich inskünftig alles bei ihm hören, denn wenn man sonst nichts bei ihm lernen könnte, so könnte man wenigstens Darstellung lernen. Ich treibe Hebräisch fort – und habe nun die Kleinen Propheten beendigt. Auch habe ich angefangen, die Alten, soviel sie vom Orient handeln, zu exzerpieren. Freilich bin ich noch nicht weiter als im dritten Buch des Herodot; den Berossus habe ich bereits beseitigt. Daneben lese ich griechische Dichter – kurz, es ist schon zuviel, um alles recht zu treiben. An Vorderasien freut mich besonders, daß es noch beinahe eine Tabula rasa ist, was man dem hellenischen und römischen Altertum nicht nachrühmen kann. Ich habe nun zunächst ein summarisches Studium der griechischen Dialekte vor und eine Repetition der hebräischen Grammatik; im nächsten Semester will ich dann auch Griechisches hören, jetzt ist keine Zeit dazu. Das Arabische nimmt gar manche Stunden in Anspruch, – ach Gott, ich referiere einstweilen fast nur, was ich tun will! Wann wird die Zeit kommen, wo ich berichten kann, was ich getan habe? –

Übrigens wird die Kunstgeschichte immer ihr Recht auf mich behaupten, so wie auch die Kenntnis der Literaturen immer eine Hauptseite meiner philologisch-historischen Bestrebungen sein wird. Auf der Reise durch das liebe Deutschland habe ich allerhand Kunstdata gesammelt, aber auch eben dadurch allerlei Gärungsstoff in mich aufgenommen ...

Jetzt bin ich frei und mutig, wieviel hievon ich Ihnen verdanke, werde ich nie vergessen; mein Bestreben soll sein und bleiben, Ihnen Freude, Ihrem Zutrauen Ehre zu machen. Ihre unverdiente Freundschaft soll mich in trüben Momenten aufrecht erhalten helfen und in heitern mich spornen und aufmuntern. Mir fehlt hier nichts als ein Lehrer, der so wie Sie mich bald spornen, bald bändigen könnte. Bei Droysen bin ich, obschon nicht empfohlen, doch sehr gut aufgenommen worden und besuche und berate ihn nun öfters, aber der Einfluß geht ganz durch das Medium des Verstandes, und ein väterlicher Freund fehlt mir hier ganz. Was unter diesen Umständen ein Brief von Ihrer Hand wirken würde, können Sie leicht erraten.

Ich verharre mit aufrichtiger Anhänglichkeit Ihr

Jac. Burckhardt, stud. phil.,
Unter den Linden No. 72, im zweiten Hof

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