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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 19
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Bernhard Kugler

Basel, 30. März 1870

Verehrter Herr und Freund! Um das Ende Ihres werten Briefes zuerst zu beantworten, so melde ich, daß ich über diese Osterferien nur einmal auf ein bis zwei Tage von hier abwesend zu sein gedenke, ein kleiner Ausflug, der sich nach dem Wetter richten und nur etwas Sonne und warme Luft zum Zweck haben soll; sonst bin ich stets mit Vergnügen hier zu finden. Das große Thema, über welches Sie mich befragen, ist von mir schon mehr als einmal mit andern jüngern Gelehrten besprochen worden. Raten läßt sich wenig, da ein großer historischer Gegenstand, dessen Darstellung ein Hauptmoment des ganzen Forscherlebens werden soll, systematisch und geheim mit dem Innersten des Autors zusammenhängen muß. Und in einer Sache differieren wir ohnehin: Sie suchen womöglich ein Thema, welches die Gunst der Zeit, den Schwung der Tagesstimmung für sich hätte. So dachte ich in Ihrem Alter auch, aber später nicht mehr, zu meinem Heil. Nach Themen dieser Art sind fürs erste immer eine Anzahl mittelmäßiger und leichtfertiger Leute unterwegs, sie langen früher an als wir, beuten den Augenblick aus und verstellen unserer Ware Luft und Licht; oder wir kommen überhaupt zu spät, wenn Gunst und Tagesstimmung einer andern Sache zugewandt sind. Dagegen kann man unerwartet Beifall finden mit einem Thema, an welches kein Mensch gedacht hat und welches den Leser in eine andere Gegend als die von ihm bereits gekannte oder durch seine Wünsche und Leidenschaften und Einbildungen antezipierte führen wird.

In concreto gesprochen: nach meiner vielleicht hier etwas zudringlich lautenden Ansicht würden Sie sich bei der Wahl des Themas völlig loszumachen haben von allem, was mit der preußischen Monarchie und deren mehr oder weniger providentiellem Lebensgang, mit den Vorbereitungen von 1815 bis 1866, mit konstitutionellem Haarspalten, mit deutschem Konfessionshader und dergleichen zusammenhängt. Ihr Thema, von welchem eine Reihe von Jahren Ihr stilles Studienglück und Ihr innerliches Wachstum bedingt sein kann, müßte wie Noahs Arche durch seine Leichtigkeit über allen Fluten schwebend bleiben können.

Nun wird es vielleicht heißen: das sei eben jene Gelehrtenkontemplation, welche schlechte Bürger erziehe.

Darauf wäre zu antworten: Wohin soll es noch kommen mit der Neigung der jetzigen Geschichte, in Publizistik (oder Material dazu) umzuschlagen?

Sollten denn nicht Geschichte und Philosophie und einige andere schöne Sachen sich im Gegenteil um jeden Preis behaupten als die sehr wenigen trockenen Felsen, zu welchen die Flut der Zeitlichkeit nicht steigen darf, weil sie der Erkenntnis als solcher zur Zuflucht dienen?

Sodann haben gerade diejenigen Leser, welche ernstlich die Fortune eines Buches zu entscheiden imstande sind, an den Zeitfragen schon genug und übergenug und sehnen sich nach etwas Erfrischendem aus äußeren Landen.

Ferner schreibt man und forscht man anders, wenn der Schwung des Augenblicks das Thema nicht trägt. Man weiß, daß man seines Schicksals Schmied ist und nur durch das innere Interesse, welches rege zu machen ist, sich retten kann. Dafür ist man auch bewahrt vor jenem publizistischen Weiterschreiben, corrente calamo, vor jenem beständigen Parieren und Stechen, jenem anspielungsvollen Stil, welcher ein Buch binnen weniger Jahre ganz unverständlich zu machen pflegt.

Bei alledem gebe ich aber eine Rücksicht auf das Publikum bei der Wahl des Gegenstandes zu: ich rate zur Wahl einer welthistorisch bedeutenden Episode, eines Sujets, welches möglichst viele Leute schon durch seinen Namen interessiert. Zweimal bin ich selber damit unverhältnismäßig gut gefahren,

Ich rate ferner zum einfachen Weglassen des bloßen Tatsachenschuttes – nicht aus dem Studium – wohl aber aus der Darstellung. Von äußeren Tatsachen braucht man schlechterdings nur diejenigen zu melden, welche der kenntliche und charakteristische Ausdruck einer Idee, eines Allgemeinen, eines lebendigen Zuges der betreffenden Zeit sind.

Unsere Nervenkraft, unser Augenlicht sind zu gut dazu, um nur zur Erkundung äußerer vergangener Fakta zu dienen, es sei denn, daß wir als Archivar, Landeshistoriographus und dergleichen expreß dafür angestellt seien. Es bleibt noch immer genug des Unvermeidlichen in dieser Gattung, das man mitnehmen muß.

Endlich schreiben Sie einbändig, und erinnern Sie sich der stillen Verzweiflung, womit Sie wie ich auf irgendeine neue, etwa dreibändige Mono- oder Biographie hinzublicken pflegen, deren geistig wichtiger Neugehalt auf vier bis fünf Seiten abzutun gewesen wäre. Die Konzision, zu welcher ich rate, braucht nicht im Ausdruck zu liegen, welcher im Gegenteil bequem und ruhig sein muß; besser erspart man den Raum, indem man den oben berührten Schutt auf das Notwendigste beschränkt.

Als ich gestern Ihren Brief erhielt, sprach ich mit meinem Kollegen Wilhelm Vischer und fragte aus ihm heraus, daß er ein Thema, welches ich ihm früher auf seinen Wunsch vorgeschlagen, gänzlich zugunsten eines andern aufgegeben habe, welches er mir nannte. Ich hatte ihm ›Die Zeit Karls des Kühnen‹ angeraten, welches Sujet also hiermit wieder frei wäre.

Einem andern, der aber auch unterwegs innezuhalten scheint, riet ich einst: ›Die Zeit des Konzils von Konstanz‹, als große bunte Landkarte der damaligen Länder und Geister.

Sie sehen, ich liebe die Themata, die rittlings auf der Grenzscheide zwischen Mittelalter und neuerer Zeit schweben. Das vielgestaltige Leben solcher Zeiten um seiner Vielgestaltigkeit und Lebendigkeit willen zu schildern, ist wahrhaft erfrischend. Lange bevor die Schuttschlepper nur von ihrem Karren aufgestanden sind, um uns Unangenehmes nachzurufen, sind wir schon über alle Berge.

Meine Wenigkeit betreffend, so arbeite ich nur noch für mich, das heißt für mein Amt. In Ihrem Alter dagegen muß man allerdings Bücher schreiben, damit man selber und damit andere den Umfang unserer Kräfte kennen lernen. Ich sammle jetzt hauptsächlich für ein Kollegium, welches ich im besten Falle doch erst über zwei Jahre werde lesen können Griechische Kulturgeschichte, 1872 zum ersten Mal von Burckhardt vorgetragen., und das mich nun präokkupiert, wie nur jemals die Vorbereitung zu einem Buche. Wenn Sie hieherkommen, so will ich Ihnen sagen, was es ist.

Ich habe länger und unvorsichtiger geschrieben, als ich hätte tun sollen. Mir war aber, als spräche ich mit Ihrem lieben Vater.

Tun Sie den Brief beiseite und kommen Sie recht bald nach Basel zu demjenigen, der Sie seit Ihrem zwölften Jahr nicht mehr gesehen hat,

Ihrem getreu ergebenen J. Burckhardt

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