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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 14
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Albert Brenner

Zürich, 16. März 1856

Ihr Brief vom 11. ds. hat mich sehr geschmerzt und mit Sorgen für Sie erfüllt. Ich will den zweiten Teil desselben zuerst beantworten. – Wenn Sie sich wirklich für eine dämonische Natur halten, so verlange ich nur eins: daß Sie sich in diesem Gedanken niemals, keinen Augenblick, gefallen mögen. Bleiben Sie auf alle Gefahr hin gut, liebreich und wohlwollend, zwingen Sie sich, jedem das Beste zu gönnen, und zeigen Sie dieses im täglichen Gespräch und Umgang, damit sich doch möglicherweise jemand an Sie anschließen kann. Wenn Sie die fürchterlichen Spalten und Klüfte kennten, welche unser Leben unterirdisch durchziehen, Sie würden heut lieber als morgen alle Schätze der Liebe und Hingebung auftun. Denn nur auf diese Weise entwickelt sich etwas, das dem hohen und reinen Gefühl gleicht, welches über jene Abgründe kühn und ergeben hinwegschreitet. Sie wissen noch nicht, was wir Menschen für Bettler sind vor den Pforten des Glückes, wie weniges sich ertrotzen und erzwingen läßt und wie die genialste Begabung vergebens an jene Pforten anprallt, um sie einzurennen. ›Denn ach, die Menschen lieben lernen, es ist das einzig wahre Glück.‹

Es ist ein rechter Jammer, daß Sie die goldenen Studentenjahre in diesen traurigen Stimmungen verdämmern sollen. Nun sitzen Sie und brüten über Ihrem ›konsequenten Indifferentismus‹, bis Ihnen über den Kategorien ›Notwendig und Zufällig‹ das alltägliche, vortreffliche Hausbrot ›Gut und Böse‹ ausgeht. Soll ich es an Ihnen noch einmal erleben, was ich vor sechzehn Jahren an andern erlebte, daß über vermeinten oder wahren weltgeschichtlichen ›geschichts- oder naturphilosophischen‹ Axiomen das Bewußtsein dessen verloren ging, was allein die Existenz des Individuums hüten und beglücken kann? (Vor allem beiläufig eins: Diese geistigen Operationen ätzen und beizen die Poesie total weg; sie haben uns Lenau gekostet, der sich durch den hochpoetischen Schimmer der Notwendigkeitsphilosophie blenden ließ, bis es aus war.) Geben Sie, wenn es nun doch sein müßte, wenigstens acht auf sich selbst; der geistige Hochmut, der sich bei dieser Beschäftigung entwickelt, ist von so penetrantem, für uns Weltkinder unerträglichem Geruch wie irgendein religiöser Hochmut.

Es ist die zwölfte Stunde; wenn Sie Poet bleiben wollen, so müssen Sie erstens die Menschen, zweitens die einzelne Erscheinung in Natur, Leben und Geschichte ganz persönlich lieben können. Sollte es sich etwa gar um Hegelsche Philosophie handeln, so sage ich Ihnen: es ist ein Ladenhüter, lassen Sie ihn liegen, wo er liegt. – Und nun denken Sie ein wenig an Ihre künftige Bestimmung, sei es als Autor oder als Lehrer: Sie sollen sich darauf einschulen, vielen und verschiedenartigen Menschen die geistigen Dinge lieb zu machen. Ist Ihr jetziges Grübeln irgendein Schritt dazu?

Doch ich rede wohl umsonst; ich kann Ihnen ja keine andere Stimmung in die Seele senken – denn vieles von dem, was Sie für Überzeugung halten, ist doch nur Stimmung, nehmen Sie es nicht für ungut.

Und weiter zu Ihren akademischen Klagen. Ich will meinen letzten Brief nicht wiederholen; ich glaube auch, daß in Ihrem Bilde von dem Studentenleben die einzelnen Züge wahr sind. Aber Sie verraten mir es, daß Sie selber als ein Dissolvens, nicht als ein Jungens wirken. Zu unseren Zeiten war ich weder das eine noch das andere, sondern lebte ein Phantasieleben im Verein wie außerhalb, will mich auch auf keine Weise rühmen. Aber ich habe jetzt ein sehr lebendiges und schmerzliches Gefühl von dem, was ich hätte tun sollen, nicht bloß dort, sondern noch in manchen andern Verhältnissen. Spätere Anknüpfungen in Basel wurden mir sehr schwer gemacht; in den meisten Kreisen sitzt einer oder zwei höhnische, rein negative Menschen, die von der großen, gutartigen und etwas versimpelten Majorität geduldet werden und denen, die gerne Besseres brächten, die Kehle zuschnüren. Werden Sie kein solcher! Es ist sehr leicht: zerstören, und sehr schwer: ersetzen! Es gehört unendlich wenig Geist dazu, um an dem, was die andern treiben und reden, die mangelhaften und lächerlichen Seiten, oder in etwas noblerem Stil: das Bedingte und Befangene hervorzuheben, überhaupt an das Gesellige, an das Sichgehenlassen den schärfsten Maßstab zu legen. – Ich rede hievon, weil ich an eine überwiegend starke positive Seite Ihres Wesens glaube. Wäre ich hievon nicht versichert, so schriebe ich Ihnen nicht. – Denken Sie nur, wie gut Sie es haben! Es zwingt Sie z. B. kein Mensch, den heute früh geborenen französischen Thronerben zu besingen, während ein Dutzend unglücklicher Franzosen schon seit Monaten an den Federn kauen mögen!

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