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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 1
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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Autobiographische Aufzeichnungen

Der Schreiber dieser Zeilen, Jacob Christoph Burckhardt, wurde zu Basel am 25. Mai 1818 geboren als das vierte Kind des damaligen Obersthelfers, späteren Antistes Jacob Burckhardt und seiner Gattin Margaretha Susanna geb. Schorendorf. Das Familienleben, in dem er aufwuchs, war ein überaus glückliches; noch in sehr früher Jugend aber traf ihn mit dem Tode der lieben Mutter, den 17. März des Jahres 1830, in welchem Jahre das Haus auch durch Krankheit heimgesucht war, das erste Leid im Leben.

So machte sich bei ihm schon frühe der Eindruck von der großen Hinfälligkeit und Unsicherheit alles Irdischen geltend und bestimmte seine Auffassung der Dinge bei all seiner sonst zur Heiterkeit angelegten Gemütsart, wahrscheinlich einem Erbe seiner seligen Mutter.

Auch wurde Schreiber dieses frühe inne, daß es ihm bei manchen Anlässen nicht schlimmer und oft besser ging als andern, welche in ähnlicher Lage waren.

Den Schulen von Basel ist er schon Dank schuldig dafür, daß er sich nicht überarbeiten mußte und keinen Haß gegen das Lernen faßte, sodann ganz besonders für diejenige Grundlage in den alten Sprachen, welche ihm in allen Zeiten seines Lebens die Vertrautheit mit dem Altertum möglich gemacht hat. Ein besonderes Andenken widmet er mit zahlreichen andern Schülern vieler Generationen der Methode und der Persönlichkeit des verehrten Herrn Rektors Dr. Rudolf Burckhardt.

Nach Absolvierung des Pädagogiums folgte 1836/37 ein dreivierteljähriger Aufenthalt in Neuenburg, wo ihm der Eingang in die französische Gedankenwelt eröffnet und eine zweite geistige Heimat bereitet wurde.

Auf den Wunsch des seligen Vaters begann er hierauf an der hiesigen Universität das Studium der Theologie und widmete demselben die vier Semester vom Frühjahr 1837 bis 1839, worauf ihm der Übergang zur Geschichtswissenschaft vom seligen Vater ohne Widerstand gestattet wurde. Er hat später seine Beschäftigung mit der Theologie, unter Lehrern wie de Wette und Hagenbach, niemals bereut oder für verlorene Zeit erachtet, sondern für eine der wünschenswertesten Vorbereitungen gehalten, welche dem Geschichtsforscher zuteil werden können. Nachdem das letzte Semester in Basel bereits dem neuen Studium angehört hatte, bezog er im Herbst 1839 die Universität Berlin, welcher er bis zum Frühling 1843 angehörte, mit Ausnahme des in Bonn zugebrachten Sommersemesters 1841.

Nicht sehr systematisch, sondern im wechselnden Angriff von verschiedenen Seiten her suchte er sich seiner nunmehrigen Fachwissenschaft zu bemächtigen. Er hatte das Glück, für Rankes Seminar zwei umfangreichere Arbeiten zu liefern und die Zufriedenheit des großen Lehrers als Lohn zu empfangen.

Außer der Geschichte aber hatte ihn auch die Betrachtung der Kunst von jeher mächtig angezogen, und neben den reichen geistigen Anregungen jeder Art, welche Berlin ihm gewährte, waren die dortigen Museen von Anfang an für ihn eine Quelle des Lernens und des ersehnten Genusses. Es wurde ihm die Lehre und der nahe Umgang Franz Kuglers zuteil, welchem er im wesentlichen seine geistige Richtung zu verdanken haben sollte. Eine edle Persönlichkeit öffnete ihm Horizonte weit über die Kunstgeschichte hinaus.

Nach einem längeren Aufenthalt in Paris (1843) habilitierte er sich 1844 an unserer Universität als Dozent der Geschichte und erhielt 1845 den Titel eines außerordentlichen Professors. Vom Frühling 1846 an folgte wieder eine zweijährige Abwesenheit zum Zwecke von Studien und literarischen Arbeiten in Berlin und Italien. Der Geschichte und den Denkmälern dieses Landes hat er auch weiterhin nach bestem Vermögen seine Kräfte geweiht und dies nie zu bereuen gehabt. Im Frühling 1848 trat er sein hiesiges Amt wieder an, jetzt zugleich als Lehrer der Geschichte an der realistischen Abteilung des Pädagogiums, und glaubte nun zum ersten Mal in gesicherter Lage seiner Wissenschaft leben zu können. Allein bei der Umwandlung dieser Anstalt zur Gewerbeschule 1853 büßte er diese Stelle ein und sah sich nun wesentlich auf literarische Tätigkeit angewiesen, anfangs wieder in Italien, dann hier, wo er seine Vorlesungen wieder aufnahm. Eine entscheidende Wendung trat für ihn ein durch die Berufung als Professor der Kunstgeschichte am Eidgenössischen Polytechnikum, welches Amt er im Herbst 1855 antrat.

Der Aufenthalt in Zürich, an einer neu beginnenden Anstalt, gewährte ihm Anregungen und Erfahrungen aller Art; auch war ihm jetzt ruhige Arbeit nach bestimmten Zielen gegönnt. Im Frühling 1858 folgte er dem Rufe an die hiesige Universität, welcher er seither als ordentlicher Professor der Geschichte angehörte. Der selige Vater hat noch die vollständige Rehabilitation des Sohnes erleben dürfen.

Die Jahrzehnte, welche er in diesem Amte verlebte, sind die glücklichsten seines Lebens geworden. Eine feste Gesundheit erlaubte ihm, sich ungestört seinen Aufgaben zu widmen, ohne eine einzige Stunde aussetzen zu müssen bis zu einem Unfall im Mai 1891. Auch in andern Beziehungen verfloß sein Dasein jetzt fast ungetrübt. Nachdem in den ersten Jahren die Ausarbeitung unternommener Schriftwerke beendigt war, lebte er ausschließlich seinem Lehramt, in welchem die beharrliche Mühe durch ein wahres Gefühl des Glückes aufgewogen wurde. Die Aufgabe seines akademischen Lehrstuhls glaubte er, den Bedürfnissen einer kleinern Universität gemäß, weniger in der Mitteilung spezieller Gelehrsamkeit erkennen zu sollen als in der allgemeinen Anregung zu geschichtlicher Betrachtung der Welt. Eine zweite Tätigkeit, der Unterricht am Pädagogium (zuerst an den zwei obern, dann nur noch an der obersten Klasse), welcher ihm ebenfalls zu einer beständigen Freude gereichte, wurde – ungerne – teilweise und endlich völlig aufgegeben, um dafür an der Universität neben der Geschichte noch ein möglichst vollständiges Pensum der Kunstgeschichte zu übernehmen, so daß in den Jahren 1882 bis 1886 die akademische Verpflichtung wöchentlich zehn Stunden betrug. Endlich ist Schreiber dieses auch häufig vor dem Publikum unserer Stadt aufgetreten, anfangs mit eigenen Zyklen von Vorträgen, später in der Reihe der allgemeinen Unternehmungen dieser Art, welche teils in der Aula, teils im Bernoullianum stattfinden.

Möge die wohlwollende Erinnerung der ehemaligen Studierenden der Universität Basel, die seine Zuhörer waren, der Schüler des Pädagogiums und der Zuhörerschaft der Wintervorträge ihm über das Grab hinaus gesichert bleiben; er hat dies Amt in seinem ganzen Umfang stets hochgehalten und daneben auf literarische Erfolge von Herzen gerne verzichtet. Ein bescheidener Wohlstand hat ihn in der spätern Zeit davor bewahrt, um der Honorare willen schreiben zu müssen und in der Knechtschaft buchhändlerischer Geschäfte zu leben.

Mahnungen der herannahenden Altersbeschwerden bewogen ihn zu Ende 1885, bei der hohen Behörde um Entlassung von seinem Amt als Lehrer der Geschichte einzukommen; auf seinen Wunsch blieb ihm noch seit Herbst 1886 der Lehrstuhl der Kunstgeschichte. Asthmatische Beschwerden nötigten ihn endlich, im April 1893 um gänzlichen Abschied einzukommen.

 

Am 8. August 1897 starb Jacob Burckhardt im achtzigsten Lebensjahr in seiner Vaterstadt Basel.

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