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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 9
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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VII.
An den Bruder Michail, den 4. Mai 1845

Liebster Bruder! Verzeihe, daß ich dir wieder so lange nicht geschrieben habe. Ich habe noch immer verdammt viel zu tun. Mein Roman, den ich unmöglich loswerden kann, macht mir unendlich viel zu schaffen; wenn ich es vorher gewußt hätte, so hätte ich ihn wohl gar nicht angefangen. Ich habe mich entschlossen, ihn wieder umzuarbeiten; er hat dadurch, bei Gott, sehr viel gewonnen. Jetzt bin ich auch damit fertig, und diese Neubearbeitung ist wirklich die allerletzte. Ich habe mir das Wort gegeben, ihn nicht wieder anzurühren. Es ist schon einmal das Schicksal aller Erstlingswerke, daß man sie unzähligemal abändert. Ich weiß nicht, ob Chateaubriands »Atala« sein Erstlingswerk war, ich weiß aber, daß er dieses Werk siebzehnmal umgearbeitet hat. Puschkin verfuhr so auch mit ganz kurzen Gedichten. Gogol pflegte seine wundervollen Werke zwei Jahre lang zu feilen; und wenn du die »Empfindsame Reise«, ein winziges Buch, von Sterne gelesen hast, so wirst du dich wohl erinnern können, was Walter Scott in seiner Notiz über Sterne, mit Berufung aus Sternes Diener La Fleur sagt. La Fleur behauptet, sein Herr hätte etwa hundert Buch Papier mit der Schilderung seiner Reise durch Frankreich vollgeschrieben. Nun fragt es sich, was aus dieser Menge Papier geworden ist. Das Ganze ergab ein Büchlein, zu dem ein sparsamer Schreiber, wie z. B. Pljuschkin Gestalt aus Gogols »Toten Seelen«; personifizierter Geiz., ein halbes Buch Papier verwendet hätte. Ich begreife gar nicht, wieso dieser selbe Walter Scott in wenigen Wochen so vollendete Werke wie »Mannering« fertigstellen konnte. Vielleicht nur, weil er um jene Zeit vierzig Jahre alt war.

Ich weiß gar nicht, Bruder, was aus mir werden soll! Du urteilst falsch, wenn du behauptest, daß mich meine Lage gar nicht bedrückt. Sie peinigt mich entsetzlich, und ich kann oft nächtelang vor den quälenden Gedanken nicht einschlafen. Verständige Leute sagen mir, daß ich zugrunde gehe, wenn ich den Roman als Buch herausgebe. Sie sagen zwar, das Buch werde sehr gut sein, ich sei aber kein Kaufmann ... Die Buchhändler seien Wucherer; sie würden mich selbstverständlich ausbeuten, und ich würde totsicher hereinfallen.

Aus diesem Grunde habe ich doch den Entschluß gefaßt, den Roman in einer Zeitschrift, z. B. in den »Vaterländischen Annalen« unterzubringen. Die »Vaterländischen Annalen« haben eine Auflage von zweitausendfünfhundert Exemplaren, folglich werden sie von mindestens hunderttausend Leuten gelesen. Wenn ich den Roman in dieser Zeitschrift erscheinen lasse, so ist meine literarische Zukunft und mein ganzes Leben gesichert. Ich kann dabei leicht mein Glück machen. Ich bekomme dann ständigen Zutritt in die »Vaterländischen Annalen«, und habe immer Geld; wenn mein Roman im August- oder im Septemberheft erscheint, kann ich ihn im Oktober noch als Buch auf eigene Rechnung herausgeben, und zwar mit der sicheren Aussicht, daß alle, die überhaupt Romane kaufen, ihn sich anschaffen werden. Außerdem werden mich auch die Anzeigen nichts kosten. Ja, so stehen die Sachen!

Ehe ich den Roman untergebracht habe, kann ich nicht nach Reval kommen; ich will nicht die Zeit umsonst vergeuden. Ich darf keine Mühe scheuen. Ich habe noch eine Reihe neuer Ideen, die mir einen literarischen Namen verschaffen werden, sobald mein erster Roman untergebracht ist. Dies sind alle meine Aussichten für die Zukunft.

Was aber das Geld betrifft, so habe ich leider keines. Der Teufel weiß, wo es hingekommen ist. Dafür habe ich wenig Schulden ...

Wenn ich den Roman einmal untergebracht habe, wird es mir auch ein leichtes sein, deine Schillerübersetzung unterzubringen, so wahr ich lebe! Der »Ewige Jude« ist nicht übel. Sue scheint mir übrigens recht beschränkt zu sein.

Ich spreche nicht gern davon, lieber Bruder, doch deine Lage und das Schicksal deines Schiller quälen mich so sehr, daß ich oft meine eigene Lage vergesse. Und ich habe es wirklich nicht leicht.

Wenn ich den Roman nicht unterbringe, so gehe ich vielleicht in die Newa. Was soll ich denn tun? Ich habe mir schon alles überlegt! Ich werde den Tod meiner fixen Idee nicht überleben können!

Schreibe mir bald, denn ich langweile mich.

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