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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 86
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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Dostojewskij im Urteile einiger Zeitgenossen

I. K. P. Pobjedonoszew an I. S. Aksakow Pobjedonoszew, der berühmte Oberprokurator des Heiligen Synods, hatte einen großen Einfluß auf die konservative Richtung in der russischen Politik der Jahre 1881-1904. Sein Briefwechsel mit dem Epigonen des Slawophilentums Iwan Aksakow ist für den Standpunkt der beiden sehr bezeichnend: sie sahen in Dostojewskij ihren Genossen im Kampfe gegen die Reformen und den revolutionären Geist der achtziger Jahre., den 30. Januar 1881

Mein lieber Freund Iwan Ssergejewitsch! Als du mir schriebst, daß es dir so schwer ums Herz sei, wußtest du noch nichts vom Ableben Dostojewskijs. Ich stehe aber an seiner Bahre, und es ist mir doppelt so schwer. Ich habe diesen Menschen gut gekannt. Ich hatte für ihn die Samstagabende reserviert, und er kam oft zu mir, um mit mir unter vier Augen zu sprechen. Auch für seinen »Sossima In den »Brüdern Karamasow«.« habe ich ihm viele Angaben gemacht; wir haben oft und intim miteinander gesprochen. Die Zeit, da er den »Graschdanin« leitete, hat uns einander nahe gebracht. Er tat mir in seiner verzweifelten Lage leid, und ich arbeitete einen ganzen Sommer mit ihm zusammen; bei dieser Gelegenheit wurden wir Freunde. In diesen Zeiten war er für unsere Sache der gegebene Mann. Nun kann ihn niemand ersetzen, denn er stand ganz für sich allein da ...

 

II. I. S. Aksakow an K. P. Pobjedonoszew.
Moskau, im Februar 1881

Der Tod Dostojewskijs ist eine wahre Strafe Gottes. Man fühlt erst jetzt, welche Bedeutung er als Lehrer der Jugend gehabt hat. Selbst die, die ihn persönlich nicht kannten, müssen es einsehen. Die erhabensten sittlichen Ideale, die mancher Jüngling unbewußt in seiner Seele trug, fanden in ihm eine Stütze. Denn »erniedrigt und beleidigt« ist eigentlich nur das religiöse und moralische Gefühl der russischen Intelligenz ...

 

III. Turgenjew über Dostojewskij

Brief an Slutschewskij vom 26. Dezember 1861: »Meinen Basarow, oder richtiger meine Absichten haben nur zwei Menschen verstanden: Dostojewskij und Botkin.«

Brief an Dostojewskij vom 26. Dezember 1861: »Ich lese mit großem Genuß Ihre ›Aufzeichnungen aus dem Totenhause‹. Die Schilderung des Bades ist eines Dante würdig; in vielen Gestalten (z. B. in Petrow) sind viele richtige psychologische Feinheiten. Ich freue mich aufrichtig über den Erfolg Ihrer Zeitschrift und wiederhole, daß ich ihr immer gern helfen werde.«

Brief an Polonskij vom 24. April 1871: »Man hat mir erzählt, daß Dostojewskij mich in seinem Romane Als Karmasinow in den »Dämonen«. verewigt hat; mich rührt es wenig, soll er nur sein Vergnügen haben ...« Turgenjew erzählt weiter von seinem Zusammenstoß mit Dostojewskij in Baden-Baden Siehe den Brief Dostojewskijs an Maikow vom 16. August 1867. und wiederholt, daß er Dostojewskij für verrückt halte.

Brief an Frau Miljutina vom 3. Dezember 1872: »Meine liebe Maria Aggejewna, ich danke Ihnen von Herzen für die freundschaftlichen Gefühle, von denen Ihr letzter Brief diktiert ist. Über Dostojewskijs Handlung war ich nicht im geringsten erstaunt; er begann mich zu hassen, als wir noch beide jung waren und unsere literarische Tätigkeit begannen, obwohl ich diesen Haß durch nichts hervorgerufen habe. Doch grundlose Leidenschaften sind, wie es heißt, die stärksten und anhaltendsten. Dostojewskij hat sich etwas Schlimmeres als eine Parodie erlaubt: er hat mich in der Maske Karmasinows als einen geheimen Parteigänger Netschajews dargestellt. Es ist merkwürdig, daß er für diese Parodie die einzige Novelle gewählt hat, die ich in der einst von ihm herausgegebenen Zeitschrift veröffentlicht habe, eine Erzählung, für die er mich in seinen Briefen mit Dank und Lob überschüttet hat. Ich habe seine Briefe noch. Es wäre ja recht amüsant, sie jetzt zu veröffentlichen. Er weiß aber, daß ich es nie tun werde. Es tut mir leid, daß er sein zweifellos großes Talent zur Befriedigung so häßlicher Gefühle verwendet; offenbar schätzt er sein Talent selbst nicht hoch ein, wenn er es zu einem Pamphlet erniedrigt.«

Brief an Ssaltykow vom 25. November 1875: »Das Thema des Romans von Goncourt ist recht gewagt: wie er selbst sagt, ist das Buch die Frucht einer genauen wissenschaftlichen Erforschung des Lebens von Prostituierten. Jedenfalls ist es doch etwas ganz anderes als Dostojewskijs ›Jüngling‹. Im letzten Heft der ›Vaterländischen Annalen‹ habe ich in dies Chaos hineingeschaut: mein Gott, was ist es für ein versauertes Zeug mit Spitalgestank; ein unnützes und unverständliches Gestammel und psychologisches Herumstochern! ...«

Brief an Ssaltykow vom 24. September 1882: »Ich las auch den Aufsatz Michailowskijs über Dostojewskij. Er hat den Grundzug von Dostojewskijs Schaffen richtig erraten. Auch in der französischen Literatur gab es eine ähnliche Erscheinung, nämlich den berühmten Marquis de Sade. Dieser schildert in seinem Werke › Tourments et Supplices‹ die Wollust, die in der Zufügung raffinierter Qualen liegt. Auch Dostojewskij verbreitet sich in einem seiner Romane über die gleichen Wonnen ... Und wenn man bedenkt, daß alle russischen Bischöfe für diesen Marquis de Sade Seelenmessen gelesen und sogar Predigten über seine große Liebe zu allen Menschen gehalten haben! Wahrlich, wir leben in einer merkwürdigen Zeit.«

 

IV. Leo Tolstoi über Dostojewskij
Aus den Briefen Tolstois an N. Strachow.

Den 26. September 1880: »Neulich war ich krank und las Dostojewskijs ›Aufzeichnungen aus dem Totenhause‹. Ich habe vieles gelesen und vieles vergessen, doch kenne ich in der ganzen neueren Literatur, Puschkin mitinbegriffen, kein besseres Buch. Nicht der Ton, sondern der Standpunkt ist darin so merkwürdig: es ist ein so aufrichtiger, natürlicher und christlicher Standpunkt. Ein gutes, belehrendes Buch. Ich habe gestern, als ich es las, solchen Genuß gehabt wie seit langem nicht: Wenn Sie Dostojewskij sehen, sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe.«

Anfang 1881: »Ich wollte, ich hätte die Fähigkeit, alles zu sagen, was ich über Dostojewskij denke! Als Sie Ihre Gedanken niederschrieben, haben Sie zum Teil auch die meinigen ausgesprochen. Ich habe diesen Menschen niemals gesehen, habe auch keinerlei direkte Beziehungen zu ihm gehabt; doch als er starb, begriff ich plötzlich, daß er mir der teuerste, liebste und notwendigste Mensch gewesen war. Es ist mir auch nie in den Sinn gekommen, mich mit ihm zu vergleichen. Alles, was er geschaffen hat (ich meine nur das Gute und Echte), war so, daß, je mehr er davon schuf, ich immer mehr Freude daran hatte. Kunst und Geist können in mir Neid erwecken; doch ein Werk des Herzens – nur Freude. Ich habe ihn immer für meinen Freund gehalten und aufs Bestimmteste damit gerechnet, ihn einmal zu sehen. Und plötzlich lese ich, daß er tot ist. Mir ist, als ob ich eine Stütze verloren hätte. Anfangs war ich ganz bestürzt, und als ich später begriff, wie teuer er mir gewesen, begann ich zu weinen; ich weine auch jetzt noch. Erst einige Tage vor seinem Tode las ich mit Rührung und Freude seine »Erniedrigten und Beleidigten«.

Die Frau und die Kinder Dostojewskijs an seinem Grabe in Petersburg

 

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