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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 85
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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Aus den Erinnerungen von Sophie Kowalewskaja 1866

Sophie Kowalewskaja, die berühmte Mathematikerin, erzählt von den Beziehungen Dostojewskijs zu ihrer älteren Schwester Anna Korwin-Krukowskaja, die ihm hinter dem Rücken ihrer Eltern ihren ersten literarischen Versuch zugeschickt hatte. Später lernte sie ihn, nicht ohne Widerspruch seitens der Eltern, persönlich kennen. Sophie Kowalewskaja, die um jene Zeit noch fast ein Kind war, verliebte sich in Dostojewskij. Diese Episode fällt in das Jahr 1866.

Anjuta war von ihrem ersten literarischen Erfolg so berauscht, daß sie sich sofort an eine zweite Erzählung machte. Der Held dieser Erzählung war ein junger Mann, der fern von seiner Familie in einem Kloster von seinem Onkel, einem Mönch, erzogen wurde. Dostojewskij fand diese Erzählung besser und reifer als die erste. Der Held der Erzählung, mit Namen Michail, hatte einige Ähnlichkeit mit dem Aljoscha aus den »Karamasows«. Als ich diesen Roman einige Jahre später las, fiel mir diese Ähnlichkeit sofort auf; ich sagte es Dostojewskij, mit dem ich damals recht oft zusammenkam.

»Mir scheint, Sie haben recht!« sagte Dostojewskij, indem er sich mit der Hand vor die Stirne schlug. »Ich gebe Ihnen aber mein Ehrenwort, daß ich an diesen Michail gar nicht dachte, als ich meinen Aljoscha schuf. – Vielleicht schwebte er mir aber unbewußt vor ...« fügte er nach einer Pause hinzu.

Als diese zweite Erzählung im Druck erscheinen sollte, kam die Katastrophe: ein Brief Dostojewskijs fiel unserm Vater in die Hände, und es gab einen großen Krach.

Kaum waren wir vom Lande nach Petersburg zurückgekehrt, als Anjuta an Dostojewskij schrieb, er möchte uns besuchen. Er kam auch wirklich am festgesetzten Tage. Ich kann mich noch erinnern, mit welcher fieberhaften Ungeduld wir auf sein Kommen warteten, wie wir schon eine Stunde vor seinem Erscheinen bei jedem Glockenzeichen an der Haustüre auffuhren. Dieser erste Besuch Dostojewskijs war aber völlig mißlungen.

Unser Vater hatte ein großes Vorurteil gegen alle Literaten. Er erlaubte zwar meiner Schwester, Dostojewskij kennen zu lernen, doch nicht ohne geheime Angst. Als wir in die Stadt zurückkehrten (er blieb noch auf dem Lande), sagte er beim Abschiede zu unserer Mutter:

»Bedenke doch, Lisa, wie groß die Verantwortung ist, die du auf dich nimmst. Dostojewskij gehört nicht unseren Kreisen an. Was wissen wir überhaupt von ihm? Nur daß er Journalist und gewesener Zuchthäusler ist. Eine nette Empfehlung! Man muß sehr vorsichtig mit ihm sein.«

Der Vater schärfte der Mutter noch besonders ein, daß sie Anjuta mit Dostojewskij keinen Augenblick allein lassen solle. Ich bat um Erlaubnis, dieser Begegnung beiwohnen zu dürfen. Unsere beiden alten deutschen Tanten kamen jeden Augenblick unter irgendeinem Vorwand ins Zimmer und beobachteten den Gast wie ein seltenes Tier; schließlich setzten sie sich beide aufs Sofa und blieben sitzen, bis Dostojewskij ging.

Anjuta war empört, daß ihre erste Begegnung mit Dostojewskij, auf die sie so große Hoffnungen gesetzt hatte, unter so törichten Umständen stattfand; sie machte ein böses Gesicht und schwieg. Auch Dostojewskij fühlte sich in Gesellschaft der alten Damen sehr ungemütlich. Man sah, wie sehr er sich ärgerte. An diesem Tage schien er krank und alt, wie immer, wenn er schlechter Laune war. Er zupfte nervös an seinem blonden Bärtchen, biß sich in den Schnurrbart und verzog krampfhaft das Gesicht.

Mama gab sich die größte Mühe, ein interessantes Gespräch in Fluß zu bringen. Mit dem freundlichsten konventionellen Lächeln auf den Lippen, doch offenbar in größter Verlegenheit, suchte sie ihm viel Angenehmes und Schmeichelhaftes zu sagen und geistreiche Fragen an ihn zu richten.

Dostojewskij antwortete einsilbig und unhöflich. Schließlich war Mama au bout de ses ressources und verstummte. Dostojewskij saß eine halbe Stunde bei uns; dann nahm er seinen Hut, verbeugte sich eilig und ungeschickt vor uns allen, reichte aber niemand die Hand und ging.

Als er fort war, lief Anjuta in ihr Zimmer, warf sich aufs Bett und begann zu schluchzen. »Immer müssen sie mir alles verderben!« wiederholte sie in einem fort.

Doch einige Tage später erschien Dostojewskij wieder; sein Besuch kam diesmal sehr gelegen, denn Mama und die Tanten waren ausgegangen, und nur meine Schwester und ich waren zu Hause. Er taute sofort auf. Er nahm Anjuta bei der Hand, setzte sich mit ihr auf den Diwan, und sofort entspann sich zwischen ihnen ein Gespräch wie zwischen zwei alten Freunden. Das Gespräch schleppte sich nicht wie bei seinem ersten Besuch mühselig von einem uninteressanten Thema zum anderen. Anjuta und Dostojewskij beeilten sich, einander möglichst viel zu sagen, überstürzten sich, scherzten und lachten.

Ich saß im gleichen Zimmer, nahm aber an ihrem Gespräch nicht teil; ich starrte unverwandt auf Dostojewskij und fing gierig jedes Wort aus seinem Munde auf. Diesmal erschien er mir ganz anders als bei seinem ersten Besuche – jung, einfach, klug und anziehend. »Ist er denn wirklich schon dreiundvierzig Jahre alt?« dachte ich. »Ist er denn wirklich dreiundeinhalbmal so alt als ich und doppelt so alt als Anjuta! Er soll ein großer Dichter sein, und doch kann man mit ihm wie mit einem guten Kameraden sprechen!« Und auf einmal erschien er mir so lieb und vertraut.

Drei Stunden verflogen im Nu. Plötzlich läutete es im Vorzimmer: Mama war aus der Stadt zurückgekehrt. Sie wußte nicht, daß Dostojewskij bei uns saß, und kam ins Zimmer im Hut und mit ihren Einkäufen beladen.

Als sie Dostojewskij in unserer Gesellschaft erblickte, war sie erstaunt und sogar erschrocken. »Was würde mein Mann dazu sagen!« war wohl ihr erster Gedanke. Wir fielen ihr um den Hals, und als sie uns in so guter Laune sah, taute sie ebenfalls auf und lud Dostojewskij ein, zum Mittagessen bei uns zu bleiben.

Von diesem Tage an verkehrte er in unserem Hause wie ein guter Bekannter. Da unser Aufenthalt in Petersburg auf eine nicht allzulange Zeit bemessen war, kam er häufig zu uns, drei- und viermal in der Woche.

Besonders angenehm war es, wenn er an solchen Abenden kam, wo wir sonst niemand zu Besuch hatten. An solchen Abenden war er ungemein lebhaft und interessant. Fjodor Michailowitsch liebte es nicht, an allgemeinen Gesprächen teilzunehmen; er sprach nur in Monologform und nur, wenn ihm alle Anwesenden sympathisch waren und mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörten. Wenn diese Bedingung erfüllt war, sprach er so schön, plastisch und überzeugend, wie kein anderer.

Manchmal erzählte er uns den Inhalt der von ihm geplanten Romane, manchmal Episoden und Szenen aus seinem eigenen Leben. Ich kann mich noch gut erinnern, wie er z. B. die Minuten schilderte, da er, zur Todesstrafe verurteilt, mit verbundenen Augen vor der Kompagnie Soldaten stand und auf das Kommando »Feuer« wartete, und statt dieses Kommandos Trommelwirbel erscholl, und die Kunde von der Begnadigung eintraf.

Dostojewskij war im Gespräche oft sehr realistisch und vergaß wohl ganz, daß ihm junge Mädchen zuhörten. Unsere Mutter geriet darob zuweilen in Entsetzen. So erzählte er uns einmal eine Szene aus einem von ihm in seiner Jugend geplanten Romane. Der Held ist ein Gutsbesitzer in mittleren Jahren, von guter und feiner Bildung; er war oft im Auslande, liest kluge Bücher und kauft sich Bilder und Stiche. In seiner Jugend hat er es recht toll getrieben, ist aber mit den Jahren gesetzter geworden; nun hat er Frau und Kinder und genießt allgemeine Hochachtung. Eines Morgens erwacht er sehr früh; die Sonne blickt ins Schlafzimmer hinein; alles um ihn herum ist so sauber, nett und gemütlich. Sein ganzes Wesen ist von Wohlbehagen durchdrungen. Als echter Sybarit beeilt er sich gar nicht, zu erwachen, um diesen angenehmen Zustand eines beinahe vegetabilischen Wohlgefühles nicht zu zerstören. Auf der Grenze zwischen Schlaf und Wachen durchkostet er im Geiste eine Reihe angenehmer Eindrücke von seiner letzten Auslandsreise. Er denkt an den wunderbaren Reflex auf den nackten Schultern der heiligen Cäcilie in irgendeiner Galerie. Auch einige schöne Stellen aus dem Werke »Von der Schönheit und Harmonie des Weltalls« kommen ihm in den Sinn. Doch mitten in diesen angenehmen Träumen und Erlebnissen spürt er plötzlich ein eigentümliches Unbehagen, etwas wie einen innerlichen Schmerz oder eine geheime Unruhe. Ähnliches empfindet ein Mensch, der eine alte Schußwunde hat, in der das Geschoß noch steckt: noch eben fühlte er sich recht behaglich, und plötzlich beginnt die alte Wunde zu schmerzen. Nun beginnt unser Gutsbesitzer nachzudenken, was das wohl zu bedeuten habe? Nichts tut ihm weh, er weiß von keinem Kummer, und doch ist ihm ganz elend zumute. Er glaubt sich auf irgend etwas besinnen zu müssen; er strengt sein Gedächtnis an ... Und plötzlich fällt es ihm wirklich ein, und er empfindet es so lebhaft, so greifbar und mit solchem Ekel in seinem ganzen Wesen, als ob es erst gestern und nicht vor zwanzig Jahren gewesen wäre. Und doch hat es ihn während dieser zwanzig Jahre kein einziges Mal beunruhigt.

Es fällt ihm ein, wie er einmal nach einer durchzechten Nacht, von betrunkenen Freunden aufgehetzt, ein zehnjähriges Mädchen vergewaltigt hat.

Als Dostojewskij diese Worte sprach, schlug meine Mutter die Hände über dem Kopf zusammen und rief mit entsetzter Stimme: »Fjodor Michailowitsch! Haben Sie doch Erbarmen! Die Kinder hören ja zu!«

Ich verstand damals gar nicht, was Dostojewskij sagte, doch aus dem Entsetzen der Mutter schloß ich, daß es etwas Fürchterliches sein müsse.

Mama und Dostojewskij wurden übrigens später gute Freunde. Mama gewann ihn sehr lieb, obwohl sie vieles von ihm auszustehen hatte.

Vor unserer Abreise beschloß Mama, einen Abschiedsabend zu veranstalten und alle unsere Bekannten einzuladen. Selbstverständlich lud sie auch Dostojewskij ein. Anfangs weigerte er sich, zu kommen, doch leider gelang es Mama, ihn schließlich zu überreden.

Der Abend war ungewöhnlich langweilig. Die Gäste hatten nicht das geringste Interesse füreinander. Doch als wohlerzogene Menschen, für die solche langweilige Abende einen notwendigen Bestandteil ihres Lebens ausmachen, ertrugen sie die Langeweile stoisch.

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie sich der arme Dostojewskij in dieser Gesellschaft fühlte! Durch sein Wesen und seine Erscheinung stach er furchtbar von den anderen ab. Seine Selbstaufopferung war so weit gegangen, daß er einen Frack angelegt hatte; über diesen Frack, der sehr schlecht saß und in dem er sich unbehaglich fühlte, ärgerte er sich den ganzen Abend. Gleich als er in den Salon trat, begann er schon sich zu ärgern. Wie alle Nervösen war er in Gesellschaft von Unbekannten sehr verlegen. Und diesem Ärger wollte er offenbar bei der ersten besten Gelegenheit Luft machen.

Meine Mutter beeilte sich, ihn den Gästen vorzustellen; statt einer Begrüßung murmelte er jedem etwas Unverständliches vor und kehrte ihm dann sofort den Rücken. Das ärgste aber war, daß er gleich im vorhinein Anjuta für sich in Beschlag nahm. Er zog sich mit ihr in eine Salonecke zurück, mit der unverkennbaren Absicht, sie während des ganzen Abends nicht wieder loszulassen. Das widersprach natürlich allen Anstandsgesetzen; auch benahm er sich ihr gegenüber durchaus nicht salonmäßig: er hielt sie bei der Hand und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Anjuta wurde sehr verlegen, und Mama ärgerte sich zu Tode. Anfangs versuchte sie, ihm in delikater Form zu verstehen zu geben, wie unpassend sein Benehmen sei. Sie kam wie zufällig an den beiden vorbei und rief meine Schwester zu sich heran, um sie mit irgendeinem Auftrag ins andere Zimmer zu schicken. Anjuta wollte aufstehen, doch Dostojewskij hielt sie sehr kaltblütig zurück und sagte: »Nein, warten Sie, Anna Wassiljewna, ich bin noch nicht fertig.«

Hier riß aber meiner Mutter die Geduld.

»Entschuldigen Sie, Fjodor Michailowitsch, sie muß sich als die älteste Tochter des Hauses auch um die andern Gäste kümmern,« sagte sie indigniert, indem sie meine Schwester mit sich fortführte.

Dostojewskij war wütend; er blieb schweigend in seinem Winkel sitzen und warf nach allen Seiten haßerfüllte Blicke.

Unter den Gästen war einer, der ihm vom ersten Augenblick an außerordentlich mißfiel. Es war ein entfernter Verwandter von uns, ein junger Deutscher, Offizier in einem der Garderegimenter.

Die schöne, große, selbstzufriedene Erscheinung des Offiziers erregte seinen Haß. Der junge Mann saß in malerischer Pose in einem bequemen Sessel und stellte seine schlanken, mit enganliegenden Hosen bekleideten Beine zur Schau. Er beugte sich leicht zu meiner Schwester hinüber und erzählte ihr offenbar etwas Amüsantes. Anjuta, die sich nach dem Auftritt zwischen Dostojewskij und der Mutter noch nicht recht erholt hatte, lauschte ihm mit einem etwas stereotypen Lächeln, mit dem »Lächeln eines milden Engels«, wie es unsere englische Gouvernante spöttisch nannte.

Als Dostojewskij das Paar erblickte, entstand in seinem Kopfe sofort ein wahrer Roman: Anjuta haßt und verachtet den Deutschen, diesen selbstzufriedenen Gecken, doch die Eltern wollen sie mit ihm verkuppeln. Der ganze Abend ist selbstverständlich nur zu diesem Zweck arrangiert!

Dostojewskij glaubte sofort an diese Hypothese und geriet in Wut.

In jener Wintersaison sprach man viel über das von einem englischen Geistlichen verfaßte Buch: »Parallele zwischen Protestantismus und Orthodoxie«. In unserer russisch-deutschen Gesellschaft interessierte man sich sehr für das Buch, und die Unterhaltung wurde sofort lebhafter, als man dieses Thema berührte. Mama, die selbst Protestantin war, bemerkte, daß der Protestantismus gegenüber der Orthodoxie schon den einen Vorzug habe, daß die Protestanten mit der Bibel besser vertraut seien.

»Ist denn die Bibel für die Salondamen geschrieben?« fuhr plötzlich Dostojewskij auf, der bis dahin hartnäckig geschwiegen hatte. »In der Bibel heißt es unter anderem: ›Und Gott schuf sie, einen Mann und ein Weib.‹ Und dann heißt es wieder: ›Darum wird ein Weib seinen Vater und Mutter verlassen und an seinem Manne hangen.‹ So faßte Christus die Ehe auf! Was können dazu unsere Mütter sagen, die nur daran denken, wie sie ihre Töchter am vorteilhaftesten los werden?«

Dostojewskij sprach diese Worte mit einem ungewöhnlichen Pathos. Der Effekt war kolossal. Alle unsere wohlerzogenen Deutschen verstummten und rissen die Augen auf. Erst nach einigen Augenblicken begriffen sie, wie unpassend die Worte Dostojewskijs gewesen waren, und begannen alle zugleich zu sprechen, um den unangenehmen Eindruck zu verwischen.

Dostojewskij warf allen noch einen haßerfüllten Blick zu, verkroch sich dann wieder in seinen Winkel und sprach bis zum Schluß des Abends kein Wort mehr.

Als er am nächsten Tage wieder zu uns kam, versuchte Mama, ihm durch einen kühlen Empfang zu verstehen zu geben, daß sie sich verletzt fühle. Bei ihrer großen Gutmütigkeit war sie aber nicht imstande, einem Menschen lange zu zürnen, und so wurden sie bald wieder gute Freunde.

Dagegen hatten sich die Beziehungen zwischen Dostojewskij und Anjuta seit jenem Abend vollständig verändert. Er hörte mit einem Male auf, ihr zu imponieren; es wandelte sie vielmehr oft die Lust an, ihm zu widersprechen und ihn zu necken. Er seinerseits zeigte im Verkehr mit ihr eine große Nervosität und Intoleranz; er verlangte von ihr jedesmal Rechenschaft darüber, wie sie den Tag verbracht hatte, an dem er nicht bei uns gewesen war, und zeigte dabei eine große Gehässigkeit allen Leuten gegenüber, die ihr irgendwie gefielen. Er besuchte uns aber nicht weniger oft, vielleicht sogar öfter als früher und blieb jedesmal länger sitzen, obwohl er sich fast die ganze Zeit mit meiner Schwester zankte.

Beim Beginn dieser Bekanntschaft schlug Anjuta manche Einladung und manche Vergnügung aus, wenn sich für den betreffenden Tag Dostojewskij angemeldet hatte. Auch das wurde ganz anders. Wenn er an einem Abend zu uns kam, an dem wir andern Besuch hatten, fuhr Anjuta ruhig fort, die anderen Gäste zu unterhalten. Und wenn sie für einen solchen Abend anderswo eingeladen war, schrieb sie ihm ab.

Am nächsten Tage ist Dostojewskij stets schlechter Laune. Anjuta tut so, als ob sie es nicht merke, und nimmt irgendeine Handarbeit vor.

Dostojewskij gerät in noch größere Wut; er setzt sich in eine Ecke und schweigt. Meine Schwester schweigt gleichfalls.

»Hören Sie doch auf zu nähen!« sagt schließlich Dostojewskij und nimmt ihr die Handarbeit weg.

Meine Schwester kreuzt die Arme auf der Brust und sagt kein Wort.

»Wo waren Sie gestern abend?« fragt Dostojewskij böse. – »Auf einem Ball,« entgegnet meine Schwester gleichgültig. – »Haben Sie auch getanzt?« – »Natürlich.« – »Mit Ihrem Cousin?« – »Mit ihm und auch mit anderen.« – »Und das macht Ihnen Spaß?« fährt Dostojewskij in seinem Verhör fort. Anjuta zuckt die Achseln. »In Ermangelung eines Bessern macht es mir Spaß,« antwortet sie und beginnt wieder zu nähen.

Dostojewskij blickt sie einige Minuten schweigend an.

»Sie sind ein hohles, dummes Geschöpf!« erklärt er plötzlich.

Ihre Gespräche wurden meistens in einem solchen Tone geführt. Am erbittertsten stritten sie, wenn die Rede auf den Nihilismus kam. Die Debatten über dieses Thema dauerten oft bis spät in die Nacht hinein; ein jeder von ihnen äußerte dabei viel extremere Ansichten, als er wirklich hatte.

»Die ganze Jugend von heute ist dumm und ungebildet!« pflegte Dostojewskij zu sagen. »Ein paar Bauernstiefel sind ihr mehr wert als der ganze Puschkin!«

»Puschkin ist in der Tat veraltet,« entgegnete meine Schwester ruhig. Sie wußte, daß ihn nichts so sehr aus der Fassung bringen konnte, wie eine unehrerbietige Äußerung über Puschkin.

Dostojewskij sprang manchmal wütend auf, griff nach seinem Hut und ging mit der feierlichen Erklärung, daß er mit einer Nihilistin nichts mehr zu tun haben wolle, und daß er nie mehr über unsere Schwelle treten werde. Am nächsten Abend kam er aber wieder, als ob nichts vorgefallen wäre.

Je gespannter das Verhältnis zwischen Dostojewskij und meiner Schwester wurde, um so mehr befreundete ich mich mit ihm. Mit jedem neuen Tag war ich mehr von ihm entzückt und seinem Einfluß untertan. Er merkte natürlich, wie ich ihn vergötterte, und das war ihm offenbar angenehm. Er sagte immer zu meiner Schwester, sie solle sich an mir ein Beispiel nehmen.

Wenn Dostojewskij irgendeinen tiefsinnigen Gedanken oder ein geniales Paradoxon äußerte, fiel es meiner Schwester manchmal ein, sich so zu stellen, als ob sie ihn nicht begreife; ich war ganz begeistert, während sie, um ihn zu necken, irgend etwas Abgeschmacktes zur Antwort gab.

»Sie sind eine schlechte, unbedeutende Natur!« schrie Dostojewskij in solchen Fällen auf. »Wie anders ist doch Ihre Schwester! Sie ist noch ein Kind, versteht mich aber ganz wunderbar! Sie ist eben eine feine, empfindsame Seele!«

Ich wurde vor Vergnügen über und über rot; ich hätte mich wohl gerne in Stücke schneiden lassen, um ihm zu beweisen, wie gut ich ihn verstand. In der Tiefe meiner Seele war ich über diese Veränderung im Verhältnis Dostojewskijs zu meiner Schwester wohl zufrieden; doch ich schämte mich dieses Gefühles. Ich warf mir Verrat an meiner Schwester vor und bemühte mich, meine geheime Sünde durch Freundlichkeit gegen sie gutzumachen. Doch trotz aller Gewissensbisse freute ich mich jedesmal, wenn zwischen Dostojewskij und Anjuta ein neuer Streit entstand. Er nannte mich seine Freundin, und ich glaubte in meiner Einfalt, daß ich ihm wirklich näherstünde als meine Schwester und ihn besser als sie begreife. Selbst mein Äußeres rühmte er zuungunsten Anjutas.

[Schließlich machte Dostojewskij der älteren Schwester einen Heiratsantrag, der jedoch nicht angenommen wurde.]

Dostojewskij kam noch einmal zu uns, um Abschied zu nehmen. Er blieb nur kurze Zeit bei uns, benahm sich aber Anjuta gegenüber einfach und freundschaftlich; sie versprachen, einander zu schreiben. Er verabschiedete sich von mir sehr zärtlich. Er küßte mich sogar, ahnte wohl aber gar nicht, was für Gefühle er in mir geweckt hatte.

Nach etwa sechs Monaten schrieb Dostojewskij meiner Schwester, er habe ein wunderbares Mädchen kennen und lieben gelernt, das ihm gern die Hand zur Ehe reichen wolle. Dieses Mädchen, Anna Grigorjewna Snitkina, wurde später seine zweite Gattin. »Mein Ehrenwort: hätte es mir jemand noch vor einem halben Jahre vorausgesagt, so hätte ich es nicht geglaubt!« bemerkt Dostojewskij naiv am Schlusse dieses Briefes.

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