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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 84
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid99d5bb77
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Aus den Erinnerungen des Barons Alexander Wrangel.
1854-1865

Baron Alexander Jegorowitsch Wrangel wohnte als junger Student am 22. Dezember 1849 der Zeremonie auf dem Semjonowschen Platze bei. Kam 1854 als Bezirksstaatsanwalt nach Sibirien.

Als ich vor meiner Übersiedelung nach Sibirien noch in Petersburg wohnte, war ich mit Fjodor Dostojewskij nicht bekannt, wohl aber mit seinem Lieblingsbruder Michail. Diesen besuchte ich vor meiner Abreise; als ich ihm sagte, daß ich nach Sibirien ginge, bat er mich, für seinen Bruder einen Brief, etwas Wäsche, einige Bücher sowie fünfzig Rubel mitzunehmen. Auch Apollon Maikow gab mir einen Brief für Fjodor Dostojewskij mit.

Als ich Ende November nach Omsk kam, fand ich Fjodor Dostojewskij dort nicht mehr vor: er hatte seine Zuchthausstrafe soeben abgebüßt und war als gemeiner Soldat nach Semipalatinsk verschickt worden.

Bald mußte ich mich in dienstlichen Angelegenheiten in Semipalatinsk auf längere Zeit niederlassen.

Das Schicksal brachte mich also genau fünf Jahre nach der Exekution auf dem Semjonowschen Platze, der ich zufällig beigewohnt hatte und die für Dostojewskij so verhängnisvoll gewesen war, wieder mit ihm zusammen, und zwar für mehrere Jahre.

Auf der Reise nach Semipalatinsk kam ich wieder nach Omsk.

Hier lernte ich Frau Iwanowa kennen, welche Dostojewskij in der Zeit seines Aufenthaltes im Zuchthause viel Gutes getan hatte. Sie war die Tochter des Dekabristen Annenkow und dessen Gattin Praskowja Iwanowna, einer geborenen Französin, die, wie viele andere Frauen von Dekabristen, ihrem Manne in die Verbannung gefolgt war. Der Gatte war Gendarmerieoffizier. Frau Iwanowa war eine wunderbar gütige, hochgebildete Frau, Beschützerin aller Unglücklichen, besonders aber der politischen Sträflinge. Sie und ihre Mutter lernten Dostojewskij noch in Tobolsk kennen, wohin man ihn im Anfange des Jahres 1850 aus Petersburg gebracht hatte. Tobolsk war damals die Zentralstelle für alle aus dem europäischen Rußland deportierten Verbrecher. Von Tobolsk aus wurden sie nach den anderen sibirischen Städten verschickt. Frau Iwanowa versah Dostojewskij in Tobolsk mit Wäsche, Büchern und Geld. Auch in Omsk sorgte sie für ihn und erleichterte in vielen Beziehungen seinen Aufenthalt im Zuchthause. Als ich 1856 nach Petersburg zurückkehrte, beauftragte mich Dostojewskij, sie aufzusuchen und mich bei ihr für alles Gute, das sie ihm erwiesen, zu bedanken.

Ich muß sagen, daß die politischen Verbrecher um jene Zeit von der Obrigkeit und von der gebildeten Gesellschaft in den meisten Fällen viel humaner und gutmütiger behandelt wurden als in den späteren Jahren. Unter der Regierung Nikolaus I. war ganz Sibirien von politischen Verbrechern, Russen wie Polen überschwemmt; es waren lauter gebildete, liberale, durchaus ernste und überzeugte Leute. Fjodor Dostojewskij wurde aber eine ganz besondere Sympathie zuteil. Er bestätigte mir selbst, daß ihm weder im Zuchthaus noch später während seines Soldatendienstes, weder von den Vorgesetzten noch von den andern Zuchthäuslern oder Soldaten je ein Haar gekrümmt wurde; alle anders lautenden Berichte beruhen auf Erfindung. Es wurde ja so oft behauptet, daß die Fallsucht Dostojewskijs von körperlichen Züchtigungen herrühre, und viele scheinen an dieses Märchen zu glauben.

Im November 1854 kam ich also nach Semipalatinsk. Am Morgen nach meiner Ankunft begab ich mich zum Militärgouverneur Spiridonow. Er schickte sofort seinen Adjutanten, mir eine Wohnung zu suchen; schon nach einigen Stunden hatte ich mich in meinem neuen Heim eingerichtet. Beim Gouverneur erkundigte ich mich, wie und wo ich Dostojewskij aufsuchen könnte, und ließ ihm sagen, er möchte abends zu mir zum Tee kommen. Dostojewskij wohnte damals in einer eigenen Wohnung (und nicht mehr in der Kaserne).

Er wußte anfangs nicht, wer ich war und warum ich ihn kommen ließ; daher war er zunächst sehr zurückhaltend. Er trug einen grauen Soldatenmantel mit rotem Stehkragen und roten Achselklappen; sein bleiches, mit Sommersprossen besätes Gesicht hatte einen mürrischen Ausdruck. Das blonde Haar war kurzgeschoren. Er musterte mich aufmerksam mit seinen klugen blaugrauen Augen, als wollte er erraten, was ich für ein Mensch sei. Wie er mir später gestand, war er, als ihm mein Bote sagte, der Herr Bezirksstaatsanwalt lasse ihn zu sich bitten, beinahe erschrocken. Als ich ihn aber um Entschuldigung bat, weil ich ihn nicht zuerst aufgesucht hatte, ihm die Briefe, Pakete und Grüße aus Petersburg übergab und einen herzlichen Ton anschlug, wurde er gleich heiter und zutraulich. Später erzählte er mir, daß er schon an diesem ersten Abend in mir instinktiv den zukünftigen intimen Freund erraten hätte.

Als er die von mir mitgebrachten Briefe las, traten ihm die Tränen in die Augen; mich überkam aber wieder jenes unheimliche Gefühl von Verzweiflung und Verlassenheit, das ich während meiner langen Reise so oft empfunden hatte. Während ich mit Dostojewskij sprach, brachte man mir einen ganzen Haufen von Briefen aus Petersburg von meinen Verwandten und Freunden. Ich durchflog die Briefe und begann plötzlich zu schluchzen; ich war damals ungewöhnlich sensibel und hing noch sehr an meiner Familie. Meine Losgerissenheit von allen, die mir teuer waren, erschien mir unerträglich, und mir wurde ganz bange vor meiner Zukunft. So standen wir einander gegenüber, beide vom Schicksal verlassen und einsam ... Mir war so schwer zumute, daß ich den hohen Rang eines Bezirksstaatsanwaltes vergaß und Fjodor Michailowitsch, der mich mit traurigen Augen ansah, um den Hals fiel. Er tröstete mich, drückte mir herzlich wie einem alten Bekannten die Hand, und wir gaben uns das Wort, so oft als möglich zusammenzukommen.

Dostojewskij war bekanntlich im Frühjahr 1854 aus dem Zuchthause entlassen und als Gemeiner nach Semipalatinsk geschafft worden. In der ersten Zeit wohnte er mit den übrigen Soldaten in der Kaserne; bald bekam er aber auf Verwendung des Generals Iwanow die Erlaubnis, in einem Privathause in der Nähe der Kaserne, unter Haftung seines Kompagniechefs Stepanow, wohnen zu dürfen. Außerdem stand er unter Aufsicht seines Feldwebels, der ihn gegen eine geringe Vergütung in Ruhe ließ.

Die erste Zeit war für ihn die schwierigste; die absolute Einsamkeit schien ihm unerträglich. Doch nach und nach lernte er einige Offiziere und Beamte kennen; zu einem intimeren Verkehr kam es aber nicht. Selbstverständlich erschien ihm dieser neue Zustand nach dem Zuchthause wie ein Paradies. Einige intelligentere Damen von Semipalatinsk brachten ihm warme Sympathie entgegen; ganz besonders Frau Maria Dmitrijewna Issajewa und die Gattin seines Kompagniechefs Stepanow. Der letztere, ein fürchterlicher Trunkenbold, war wegen Trunksucht aus Petersburg nach Sibirien versetzt worden. Seine Frau machte Verse, die Dostojewskij lesen und korrigieren mußte. Frau Issajewa wurde bekanntlich nach dem Tode ihres Mannes die Gattin Dostojewskijs.

Zu meiner Zeit war Semipalatinsk ein Mittelding zwischen Stadt und Dorf. Alle Häuser waren aus Holz erbaut. Die Bevölkerung zählte fünf- bis sechstausend Köpfe, die Garnison und die asiatischen Kaufleute mitinbegriffen. Am linken Ufer des Flusses wohnten etwa dreitausend Kirgisen.

Es gab eine orthodoxe Kirche, sieben Moscheen, einen großen Kaufhof, wo die Karawanen einkehrten, eine Kaserne, ein Spital und ein Verwaltungsgebäude. An Lehranstalten war nur eine Kreisschule da. Im einzigen Kaufladen der Stadt konnte man alles, von gewöhnlichen Nägeln bis zu Pariser Parfümerien bekommen; einen Buchladen gab es nicht, denn es gab niemand, der Bücher gekauft hätte. Höchstens zehn bis fünfzehn Einwohner der Stadt waren auf Zeitungen abonniert; das war auch kein Wunder, denn um jene Zeit interessierten sich die Leute in Sibirien nur für Karten, Klatsch, Trinkgelage und Geschäfte. Selbst für den Krimkrieg hatte man kein Interesse und betrachtete ihn als eine fremde, nicht-sibirische Angelegenheit.

Ich war auf drei Zeitungen abonniert: »Petersburger Akademische Nachrichten«, »Augsburger Allgemeine Zeitung« und »Indépendance Belge«; Dostojewskij las mit großem Vergnügen die russische und die französische Zeitung; für die »Augsburger« hatte er kein besonderes Interesse, denn er verstand damals nicht viel deutsch und liebte diese Sprache überhaupt nicht.

Zwischen der tatarischen und der kosakischen Vorstadt lag die eigentliche russische Stadt; dieser Stadtteil hieß ›Festung‹, obwohl die Festung längst geschleift worden war; nur noch ein großes steinernes Tor war übriggeblieben. In diesem Stadtteil wohnte das ganze Militär; hier lag das Linienbataillon, die berittene Artillerie, hier befanden sich alle Behörden, die Hauptwache und das mir unterstellte Gefängnis. Weder Baum noch Strauch war zu sehen; nichts als Sand und Dornengebüsch. Dostojewskij bewohnte in diesem Stadtteil eine ärmliche Hütte.

Das Leben war damals sehr billig: ein Pfund Fleisch kostete eine halbe Kopeke, vierzig Pfund Buchweizengrütze – dreißig Kopeken. Dostojewskij pflegte seine Tagesration an Kohlsuppe, Grütze und Schwarzbrot aus der Kaserne nach Hause mitzunehmen; was ihm davon übrig blieb, schenkte er seiner armen Wirtin.

Er aß oft bei mir und anderen Bekannten zu Mittag. Seine Hütte befand sich in der ödesten Gegend der Stadt. Sie war aus rohen Holzbalken gezimmert, baufällig, schief, ohne Fundament und ohne ein einziges Fenster auf die Straße.

Dostojewskij bewohnte ein recht großes, doch sehr niedriges, halbfinsteres Zimmer. Die mit Lehm bestrichenen Wände waren einst weiß gewesen; an zwei Seiten standen breite Bänke. An den Wänden hingen von Fliegen beschmutzte Bilderbogen. Links von der Eingangstüre befand sich ein breiter Ofen. Hinter dem Ofen stand ein Bett, ein kleines Tischchen und eine Bretterkiste, die als Kommode diente. Diese ganze Ecke war durch einen Kattunvorhang vom übrigen Raume getrennt. Vor den Fenstern standen Geraniumstöcke und hingen Vorhänge, die früher rot gewesen waren. Wände und Decke waren von Rauch geschwärzt, und im Zimmer war es so finster, daß man abends bei einem Talglichte (Stearinlichter waren damals ein großer Luxus, und Petroleumlampen kannte man überhaupt noch nicht) kaum lesen konnte. Ich kann gar nicht verstehen, wie es Dostojewskij fertig brachte, bei dieser Beleuchtung nächtelang zu schreiben. Die Behausung hatte noch eine große Annehmlichkeit: auf dem Tische, den Wänden und dem Bette liefen ständig ganze Herden von Schaben umher, und im Sommer wimmelte es von Flöhen.

Mit jedem neuen Tag gestalteten sich unsere Beziehungen herzlicher. Dostojewskij besuchte mich mehrere Male am Tage, so oft es ihm sein militärischer und mir mein Beamtendienst erlaubte; er aß oft bei mir zu Mittag und verbrachte mit besonderer Vorliebe die Abendstunden bei mir, wobei er ungeheure Mengen Tee trank und Zigaretten rauchte.

Mein Verkehr mit Dostojewskij zog bald die Aufmerksamkeit der entsprechenden Kreise auf sich. Ich merkte, daß mir meine Post mit einer Verspätung von einigen Tagen zugestellt wurde. Meine Feinde, und ich hatte ihrer unter den bestechlichen Beamten nicht wenige, erkundigten sich bei mir oft ironisch nach Dostojewskij und drückten ihr Erstaunen darüber aus, daß ich mit einem Soldaten verkehrte. Selbst der Gouverneur warnte mich und sprach die Befürchtung aus, der Revolutionär Dostojewskij könnte bei meiner Jugend und Unerfahrenheit einen verderblichen Einfluß auf mich haben.

Der Militärgouverneur Spiridonow war ein außergewöhnlich gutmütiger, humaner und einfacher Mensch und zeichnete sich durch seltene Gastfreundlichkeit aus. Bei seinem hohen Range war er selbstverständlich die wichtigste Person der Stadt. Ich aß jeden zweiten Tag bei ihm zu Mittag und genoß sein vollstes Vertrauen. Ich wollte ihm Gelegenheit geben, Dostojewskij näher kennen zu lernen und bat ihn um Erlaubnis, den Verbannten zu ihm ins Haus bringen zu dürfen. Er überlegte sich das eine Weile und sagte: »Nun, bringe ihn einmal mit, doch sage ihm, daß er ganz ohne Umstände in seiner Soldatenuniform kommen soll.«

Spiridonow gewann Dostojewskij sehr bald lieb; er half ihm, wie und wo er nur konnte. Nachdem der Militärgouverneur mit dem Beispiel vorangegangen war, gewährte die bessere Gesellschaft von Semipalatinsk Dostojewskij Zutritt in ihre Häuser.

In der Stadt gab es keinerlei Vergnügungen. In den zwei Jahren meines dortigen Aufenthaltes war kein einziger Musiker in die Stadt gekommen; das einzige Klavier wurde mehr als Rarität betrachtet. Einmal veranstalteten die Regimentsschreiber in der Reitschule eine Liebhabervorstellung. Dostojewskij war ihnen dabei mit seinem Rat behilflich und überredete mich, der Vorstellung beizuwohnen. Die ganze Stadt versammelte sich in der Reitschule. Besonders stark war das zarte Geschlecht vertreten. Diese Vorstellung endete mit einem großen Skandal. In der Pause zwischen zwei Akten traten einige Regimentsschreiber als Solisten auf und trugen zur Ergötzung des Publikums so unanständige Couplets vor, daß die Damen die Flucht ergriffen, während die Offiziere mit dem Bataillonskommandeur Bjelikow an der Spitze vor Vergnügen brüllten.

Ich kann mich an keinen einzigen Tanzabend, an kein einziges Picknick oder an einen gemeinsamen Ausflug erinnern. Ein jeder lebte für sich. Die Männer tranken, aßen, spielten Karten, verübten Skandale und besuchten die reichen Tataren der Umgebung; die Frauen befaßten sich hauptsächlich mit Klatsch.

In Semipalatinsk gab es noch einige politische Sträflinge – Polen und aus Russisch-Polen stammende ehemalige ungarische Offiziere. Als sich Görgej im Jahre 1848 mit seiner Armee den Russen ergeben hatte, behandelte Kaiser Nikolaus I. die kriegsgefangenen Offiziere wie seine ehemaligen Untertanen und verschickte sie nach Sibirien. Die Polen lebten für sich und verkehrten nur untereinander. Die Reichen sorgten für die Unbemittelten, und überhaupt herrschte unter ihnen große Solidarität. Fjodor Michailowitsch liebte diese Polen nicht und ging ihnen meistens aus dem Wege; wir lernten nur einen von ihnen, den Ingenieur Hirschfeld kennen, der uns manchmal besuchte und eine gewisse Abwechslung in unser eintöniges Leben brachte.

Ich schloß mich Dostojewskij immer enger an; mein Haus war Tag und Nacht für ihn offen. Wenn ich vom Dienste kam, fand ich oft Dostojewskij bei mir zu Hause, der vor mir vom Exerzierplatz oder aus der Regimentskanzlei gekommen war. Er ging mit aufgeknöpftem Mantel und einer Pfeife im Munde in meinem Zimmer auf und ab und führte Selbstgespräche: in seinem Kopfe gab es immer neue Gedanken. Ich kann mich noch gut an einen solchen Abend erinnern; er trug sich damals mit den Plänen zu »Onkelchens Traum« und »Das Gut Stepantschikowo«.

Er war in ansteckend heiterer Stimmung, lachte, erzählte mir von den Erlebnissen des Onkelchens, sang Opernarien; als mein Diener Adam eine bernsteingelbe Sterlettensuppe ins Zimmer brachte, erklärte er, daß er Hunger habe und bestürmte Adam, er möchte schneller das übrige Essen auftragen. Für diesen Adam hatte er große Sympathie; er nahm ihn immer in Schutz und schenkte ihm Geld, was meinem Leporello, einem entsetzlichen Trunkenbold, die Möglichkeit gab, ein übriges zu trinken.

Fjodor Michailowitsch las mit besonderer Vorliebe Gogol und Victor Hugo. Wenn er guter Laune war, deklamierte er gern Gedichte, und mit besonderer Vorliebe die von Puschkin; sein Lieblingsgedicht war »Das Mahl Kleopatras« aus den »Ägyptischen Nächten«. Er deklamierte es mit strahlenden Augen und begeisterter Stimme.

Ich muß bemerken, daß ich mich zu jener Zeit für Literatur wenig interessierte; ich hatte mich ganz der trockenen Wissenschaft ergeben, worüber Dostojewskij oft empört war. Mehr als einmal sagte er zu mir: »Werfen Sie doch Ihre Professorenbücher weg!« Er suchte mir oft zu beweisen, daß Sibirien gar keine Zukunft habe, weil alle sibirischen Ströme in das Nördliche Eismeer mündeten. Von den Eroberungen Murawjows an der Küste des Stillen Ozeans wußte damals noch niemand, und von der großen Sibirischen Eisenbahn wagte man nicht einmal zu träumen; einen solchen Plan würde man damals für das Delirium eines Wahnsinnigen gehalten haben. Ich selbst mußte lachen, als mir Bakunin, den ich im Jahre 1858 im Amurgebiet kennen lernte, diesen Plan entwickelte.

An Dostojewskij hing ich schon damals mit großer Liebe. Wie hoch ich ihn schätzte, geht aus meinen Briefen an meine Verwandten hervor; diese Briefe habe ich heute zur Hand. Am 2. April 1856 schrieb ich aus Semipalatinsk: »Das Schicksal hat mich mit einem seltenen Menschen von hervorragendem Geist und Gemüt zusammengebracht; es ist der begabte junge Schriftsteller Dostojewskij. Ich habe ihm vieles zu verdanken; aus seinen Worten, Ratschlägen und Ideen werde ich mein Leben lang Kräfte schöpfen. Ich arbeite täglich mit ihm; augenblicklich wollen wir die Philosophie Hegels und die ›Psyche‹ von Carus übersetzen. Er ist tief religiös, kränklich, doch mit einem eisernen Willen begabt. Suchen Sie doch, mein guter Papa, zu erfahren, ob kein Amnestieerlaß in Aussicht ist.«

In einem an meine Schwester gerichteten Briefe lese ich: »Ich bitte dich, den Vater zu bewegen, durch Alexander Weimarn zu erfahren, ob man nicht anläßlich der Krönungsfeierlichkeiten einige politische Verbrecher begnadigen wird und ob man sich nicht bei Dubelt oder dem Fürsten Orlow Dubelt – Chef der Staatspolizei; Orlow – Chef der Gendarmerie. für Dostojewskij verwenden kann. Muß denn dieser hervorragende Mensch hier als gemeiner Soldat zugrunde gehen? Das wäre ja schrecklich. Er tut mir entsetzlich leid; ich liebe ihn wie einen Bruder und achte ihn wie einen Vater.«

Die Nachsicht Dostojewskijs gegen jedermann war ganz außergewöhnlich. Er fand Rechtfertigung selbst für die schlechtesten menschlichen Eigenschaften und schob alles auf die verkehrte Erziehung, auf den Einfluß der Umgebung und auf das angeborene Temperament.

»Ach, mein lieber Alexander Jegorowitsch, Gott hat ja die Menschen einmal so geschaffen!« pflegte er zu sagen. Er hatte Sympathie für alle vom Schicksal Vernachlässigten, für alle Unglücklichen, Kranken und Armen. Alle, die ihn näher kannten, wissen von seiner außergewöhnlichen Herzensgüte. Wie rührend sorgte er z. B. für die Familie seines Bruders Michail, für den kleinen Pascha Issajew und viele andere!

Wir sprachen auch manchmal über Politik. Von seinem Prozesse vermied er zu sprechen, und ich brachte auch nie das Gespräch auf dieses Thema. Ich hörte von ihm nur, daß er Petraschewskij nie geliebt und seine Pläne nie gutgeheißen habe; er sei stets der Meinung gewesen, in Rußland dürfe man vorläufig an einen politischen Umsturz gar nicht denken, und der Gedanke an eine russische Verfassung nach dem Muster der westeuropäischen Staaten sei bei der Unbildung der Volksmassen einfach lächerlich.

Er gedachte oft seiner Genossen Durow, Pleschtschejew und Grigorjew. Er stand aber mit keinem von ihnen in Briefwechsel; durch meine Hände gingen nur seine Briefe an den Bruder Michail, einmal an Apollon Maikow, an seine Tante Kumanina und an den jungen Jakuschkin.

Nun muß ich noch erwähnen, was mir von seinen epileptischen Anfällen bekannt ist. Ich habe, Gott sei Dank, nie seine Anfälle miterlebt. Ich weiß aber, daß sie recht oft kamen; seine Wirtin schickte gewöhnlich sofort nach mir. Nach den Anfällen fühlte er sich immer zwei oder drei Tage wie zerschlagen, und sein Kopf wollte nicht arbeiten. Die ersten Anfälle hatte er, wie er behauptete, noch in Petersburg gehabt; im Zuchthause hatte sich die Krankheit weiter entwickelt. In Semipalatinsk bekam er sie alle drei Monate. Er erzählte mir, er fühle das Nahen eines jeden Anfalles voraus und empfinde vorher immer ein unbeschreibliches Wollustgefühl. Nach jedem Anfall bot er einen unheimlich jämmerlichen Anblick.

Fjodor Michailowitsch hatte mehr gesellschaftlichen Verkehr als ich; besonders oft besuchte er die Familie Issajew. Er verbrachte in diesem Hause ganze Abende und erteilte u. a. dem einzigen Sohn der Issajews, Pascha, einem aufgeweckten Knaben von acht oder neun Jahren, Unterricht. Maria Dmitrijewna Issajewa war, wenn ich nicht irre, die Tochter eines Gymnasialdirektors aus Astrachan und mit einem Gymnasiallehrer verheiratet. Wie dieser nach Sibirien geraten war, kann ich nicht sagen. Issajew litt an Lungenschwindsucht und war nebenbei ein großer Trunkenbold. Sonst war er ein stiller, bescheidener Mensch. Maria Dmitrijewna war eine etwa dreißigjährige recht hübsche Blondine von mittlerem Wuchs, sehr hager, leidenschaftlich und exaltiert. Schon damals sah man eine unheilverkündende Röte auf ihrem blassen Gesichte; einige Jahre später starb sie an der Schwindsucht. Sie war belesen, nicht ungebildet, wißbegierig, herzensgut und ungewöhnlich lebhaft und empfindsam. An Fjodor Michailowitsch nahm sie warmen Anteil. Ich glaube nicht, daß sie ihn hochschätzte; sie hatte eher einfach Mitleid mit ihm. Es ist auch möglich, daß sie an ihm hing, aber verliebt war sie jedenfalls nicht in ihn. Sie wußte, daß er die Fallsucht hatte und bittere Not litt; sie sagte oft, er sei »ein Mensch ohne Zukunft«. Fjodor Michailowitsch faßte aber ihr Mitleid und Mitgefühl als Liebe auf und verliebte sich in sie mit dem ganzen Feuer seiner Jugend. Er verbrachte bei den Issajews ganze Tage und suchte auch mich zu bewegen, hinzugehen; die Familie war mir aber nicht sympathisch.

Anfang März kam der Flügeladjutant Achmatow nach Omsk (er hatte die Strecke von Petersburg in nur zehn Tagen zurückgelegt) mit der Nachricht vom Ableben Kaiser Nikolaus I. Die Nachricht kam zu uns nach Semipalatinsk am 12. März.

Die Kunde von der Herzensgüte und Milde des neuen Kaisers war schon früher nach Sibirien gedrungen. Ich ging mit Dostojewskij in die Kirche zur Seelenmesse. Die Stimmung war zwar ernst, doch sah man keine einzige Träne; nur einige alte Offiziere und Soldaten seufzten. Dostojewskij begann auf eine Veränderung in seinem Schicksal, auf einen Amnestieerlaß zu hoffen. Am meisten interessierte uns alle die Frage, ob der Krimkrieg noch fortdauern würde.

Im Sommer zog ich mit Dostojewskij in die Sommerfrische, nach dem sogenannten »Kasakowschen Garten«. Das Gut lag am hohen Ufer des Irtysch. Wir erbauten dicht am Ufer zwischen Gebüsch, Weidengestrüpp und Schilf eine Badehütte und fingen schon im Mai zu baden an. Wir beschäftigten uns viel mit dem Blumengarten. Ich sehe noch heute Dostojewskij vor mir, wie er die jungen Pflanzen begoß; er hatte seinen Soldatenmantel ausgezogen und stand in einer rosa Kattunweste zwischen den Blumenbeeten. An seinem Halse hing eine lange Kette aus kleinen blauen Glasperlen, wohl ein Geschenk von zarter Hand. An dieser Kette trug er eine große zwiebelförmige silberne Uhr. Er war von der Gartenarbeit ganz hingerissen und fand an ihr wohl großes Vergnügen.

Der Sommer war außerordentlich heiß. Bei der Gartenarbeit halfen uns manchmal die beiden Töchter der Stadtwirtin Dostojewskijs. Nach einigen Stunden Arbeit gingen wir baden und tranken dann oben Tee. Wir lasen Zeitungen, rauchten, sprachen über unsere Petersburger Freunde und schimpften auf Westeuropa. Der Krimkrieg dauerte ja noch fort, und wir waren beide in gedrückter Stimmung.

Ich war passionierter Reiter; einmal gelang es mir, Dostojewskij zu bewegen, einen Ritt zu versuchen und ich stellte ihm das sanfteste meiner Pferde zur Verfügung; er saß wohl zum erstenmal im Leben auf einem Pferde. Wie komisch und plump er sich dabei auch ausnahm, fand er doch bald Geschmack am Reiten, und wir machten von nun an weite Spazierritte durch die Steppe.

Die Liebe Dostojewskijs zu Frau Issajewa erkaltete indessen nicht. Bei jeder Gelegenheit suchte er sie auf und kehrte von ihr stets in wahrer Ekstase heim. Er wunderte sich, daß ich sein Entzücken nicht teilte.

Einmal kam er ganz verzweifelt nach Hause und erzählte mir, daß Issajew nach Kusnezk, einer Stadt, die fünfhundert Werst von Semipalatinsk entfernt war, versetzt werden sollte. »Und sie ist damit einverstanden, scheint nichts dagegen zu haben ... Ist das nicht empörend?« sagte er erbittert.

Issajew wurde bald darauf wirklich nach Kusnezk versetzt. Die Verzweiflung Dostojewskijs war grenzenlos; er kam beinahe von Sinnen; den bevorstehenden Abschied von Maria Dmitrijewna faßte er wie den Abschied vom Leben auf. Es stellte sich heraus, daß die Issajews stark verschuldet waren; als sie zur Tilgung der Schulden ihr ganzes Eigentum verkauft hatten, blieb ihnen nichts für die Reise übrig. Ich half ihnen aus, und schließlich traten sie die Reise an.

Die Abschiedsszene werde ich nie vergessen. Dostojewskij weinte laut wie ein kleines Kind. Nach vielen Jahren, in seinem Briefe an mich vom 31. März 1865, spricht er noch von diesem Abschied.

Dostojewskij und ich beschlossen, die Issajews noch eine Strecke weit zu begleiten. Ich nahm Dostojewskij zu mir in den Wagen, die Issajews saßen in einem offenen Postwagen. Vor der Abreise kehrten alle bei mir ein, um ein Glas Wein zu leeren. Um Dostojewskij die Möglichkeit zu geben, vor dem Abschied zum letztenmal ungestört mit Maria Dmitrijewna zu sprechen, machte ich ihren Gatten ordentlich betrunken. Unterwegs gab ich ihm noch etwas Champagner zu trinken und bekam ihn so ganz in meine Gewalt; ich nahm ihn zu mir in den Wagen, wo er sofort einschlief. Fjodor Michailowitsch setzte sich zu Maria Dmitrijewna hinüber. Es war eine wundervolle mondhelle Mainacht; die Luft war von einem süßen Duft erfüllt. So fuhren wir eine weite Strecke. Schließlich mußten wir uns trennen. Die beiden umarmten sich zum letztenmal und wischten sich die Tränen aus den Augen, während ich den betrunkenen und verschlafenen Issajew in den anderen Wagen hinüberschleppte; er schlief sofort wieder ein und wußte wohl gar nicht, was mit ihm geschah. Der kleine Pascha schlief gleichfalls. Der Postwagen setzte sich in Bewegung, eine Staubwolke erhob sich, schon war nichts mehr zu sehen und das Glöckchen verhallte in der Ferne; Dostojewskij aber stand starr und stumm, und Tränen flossen ihm die Wangen hinab. Ich trat zu ihm heran, nahm ihn bei der Hand, er erwachte aus seiner Erstarrung und stieg, ohne ein Wort zu sagen, in den Wagen. Wir kehrten erst beim Morgengrauen heim. Dostojewskij legte sich nicht schlafen, sondern ging noch lange in seinem Zimmer auf und ab und sprach mit sich selbst. Nach der schlaflosen Nacht begab er sich ins Lager zum Exerzieren. Nach Hause zurückgekehrt, lag er den ganzen Tag, nahm nichts zu sich und rauchte eine Pfeife nach der anderen.

Die Zeit tat das ihrige, und die krankhafte Verzweiflung Dostojewskijs nahm ein Ende. Mit Kusnezk stand er in eifrigem Briefwechsel, der ihm jedoch nicht immer Freude machte. Fjodor Michailowitsch hatte trübe Vorahnungen. Frau Issajewa klagte in ihren Briefen über bittere Not, über ihre Krankheit und das unheilbare Leiden ihres Mannes, über die freudlose Zukunft, die sie erwartete; das alles bedrückte Dostojewskij sehr schwer. Er kam noch mehr herunter, wurde mürrisch, reizbar und sah wie ein Schatten von einem Menschen aus. Er arbeitete sogar nicht mehr an den »Aufzeichnungen aus dem Totenhause«, die er mit solchem Eifer begonnen hatte. Nur wenn wir an warmen Abenden im Grase lagen und zum sternenbesäten Himmel emporblickten, fühlte er sich verhältnismäßig wohl. Solche Augenblicke wirkten auf ihn beruhigend. Über Religion sprachen wir selten. Er war im Grunde genommen religiös, ging aber nur selten in die Kirche; die Popen, und besonders die sibirischen, konnte er gar nicht leiden. Von Christus sprach er mit fühlbarem Entzücken. Seine Manier zu sprechen, war recht eigentümlich. Im allgemeinen sprach er nicht laut, oft sogar im Flüsterton; doch wenn er in Begeisterung geriet, wurde seine Stimme immer lauter und klangvoller; und wenn er besonders aufgeregt war, überstürzte er sich und fesselte die Aufmerksamkeit des Zuhörers durch die Leidenschaftlichkeit seiner Rede. Was für wunderbare Stunden habe ich mit ihm erlebt! Wieviel verdanke ich dem Verkehr mit diesem so reich begabten Menschen! In der ganzen Zeit unseres Zusammenlebens gab es zwischen uns kein einziges Mißverständnis und unser freundschaftliches Verhältnis wurde durch keinen Schatten getrübt. Er war zehn Jahre älter und hatte viel mehr Erfahrung als ich. So oft ich in meiner jugendlichen Unerfahrenheit, von der abstoßenden Umgebung entsetzt, zu verzweifeln begann, sprach mir Dostojewskij Mut zu und erhielt meine Energie durch Ratschläge und warme Teilnahme aufrecht. Ich ehre sein Andenken ganz besonders wegen der humanen Gefühle, die er mir eingeflößt hat. Nach alledem wird der Leser begreifen, daß ich nicht teilnahmsloser Zeuge des traurigen Zustandes bleiben konnte, in den er infolge seines unglücklichen Verhältnisses zu Frau Issajewa geraten war.

Ich beschloß, ihn auf jede Weise zu zerstreuen. Bei jeder Gelegenheit schleppte ich ihn mit mir. Ich machte ihn mit den Ingenieuren der nahen Blei- und Silberwerke bekannt. Doch es fiel mir sehr schwer, ihn von seinen traurigen Gedanken abzulenken. Er war plötzlich abergläubisch geworden, erzählte mir oft von Somnambulen, besuchte Wahrsagerinnen; und da ich mit meinen zweiundzwanzig Jahren auch meinen eigenen Roman hatte, führte er mich zu einer Alten, die aus Bohnen wahrsagte.

Um diese Zeit schrieb man mir aus Petersburg, der neue Kaiser sei gnädig und außerordentlich gütig, man spüre einen neuen Geist und erwarte große Reformen. Diese Nachricht wirkte auf Dostojewskij sehr ermutigend; er wurde heiterer und schlug die Zerstreuungen, die ich ihm bot, immer seltener aus.

Eines Tages kam aus Omsk die Nachricht, daß infolge der politischen Spannung an der Südgrenze und der Gärung unter den Kirgisen der Omsker Generalgouverneur nach Semipalatinsk kommen werde, um die Truppen zu revidieren; es hieß, daß er bei dieser Gelegenheit auch die übrigen Ressorts revidieren werde.

Auch Dostojewskij mußte sich für jeden Fall auf den möglichen Feldzug vorbereiten; er mußte sich Stiefel, eine wasserdichte Jacke; Wäsche und andere durchaus notwendige Kleidungsstücke anschaffen; sich mit einem Worte vom Kopf bis zu den Füßen neu equipieren; er besaß aber nichts als die Kleider, die er am Leibe trug. Wieder brauchte er Geld, wieder zerbrach er sich den Kopf, wie er sich welches verschaffen könnte. Die verdammten Geldsorgen ließen ihn nie in Ruhe. Vom Bruder Michail und von der Tante hatte er erst vor kurzem eine kleine Summe erhalten; also konnte er von ihnen unmöglich wieder Geld verlangen. Unter diesen Sorgen litt er entsetzlich; aus Kusnezk kamen aber täglich immer beunruhigendere Nachrichten. Frau Issajewa verzehrte sich an der Seite ihres kranken und immer betrunkenen Mannes vor Sehnsucht und klagte in allen ihren Briefen über Einsamkeit und Mangel an Menschen, mit denen sie sprechen könnte. In den späteren Briefen tauchte immer öfter der Name eines ihrer neuen Bekannten, eines sympathischen jungen Lehrers und Kollegen ihres Mannes auf. In jedem neuen Briefe sprach sie von ihm immer begeisterter und entzückter; sie rühmte seine Güte, seine Anhänglichkeit und seine hervorragenden Herzenseigenschaften. Dostojewskij quälte sich vor Eifersucht; seine düstere Stimmung hatte auch eine schädliche Rückwirkung auf seinen Gesundheitszustand.

Er tat mir entsetzlich leid, und ich beschloß, eine Zusammenkunft mit Maria Dmitrijewna in Smijew, aus der halben Strecke zwischen Semipalatinsk und Kusnezk zu arrangieren. Ich hoffte, daß eine Aussprache den unglücklichen Beziehungen Dostojewskijs ein Ende machen würde. Nun hatte ich eine schwere Aufgabe vor mir: wie soll ich ihn aus Semipalatinsk nach Smijew bringen, ohne daß jemand etwas davon erfährt? Die Obrigkeit würde ihm eine so weite Reise unmöglich erlauben. Der Gouverneur und der Bataillonskommandeur hatten ihm die Bitte um Urlaub schon zweimal abgeschlagen. Nun hieß es einfach riskieren. Ich schrieb sofort nach Kusnezk und forderte Maria Dmitrijewna auf, an einem bestimmten Tage nach Smijew zu kommen. Gleichzeitig verbreitete ich in der Stadt das Gerücht, daß Dostojewskij nach einigen schweren epileptischen Anfällen so geschwächt sei, daß er das Bett hüten müsse. Ich meldete auch seinem Bataillonskommandeur, daß er krank sei und vom Militärarzt Lamotte behandelt werde. Dieser Lamotte war aber unser guter Freund und in unser Vorhaben eingeweiht. Er war Pole, ehemaliger Student der Wilnaer Universität und war für ein politisches Vergehen nach Sibirien versetzt worden. Meine Dienerschaft bekam den Befehl, jedem zu sagen, daß Dostojewskij krank in meinem Hause liege. Man schloß die Fensterläden, damit das Licht den Kranken nicht störe. Niemand sollte hereingelassen werden. Zu unserm Glück waren alle Vorgesetzten mit dem Militärgouverneur an der Spitze gerade abwesend.

Alles war uns günstig. Um zehn Uhr abends reisten wir ab. Wir sausten wie der Sturm dahin; der arme Dostojewskij glaubte trotzdem, daß wir uns in Schneckentempo fortbewegten und beschwor den Kutscher, noch schneller zu fahren. Wir fuhren die ganze Nacht durch und erreichten am Morgen Smijew. Wie furchtbar war nun Dostojewskij enttäuscht, als man uns mitteilte, daß Maria Dmitrijewna nicht kommen werde. Es war ein Brief von ihr gekommen, in dem sie mitteilte, daß der Zustand ihres Mannes sich verschlechtert habe und daß sie auch kein Geld für diese Reise habe. Die Verzweiflung Dostojewskijs kann ich gar nicht wiedergeben; ich zerbrach mir den Kopf, wie ich ihn einigermaßen beruhigen könnte.

Am gleichen Tage reisten wir zurück und machten die dreihundert Werst in achtundzwanzig Stunden. Nach Hause zurückgekehrt, kleideten wir uns um und machten sofort einen Besuch bei Bekannten. So hat niemand von unserem Streich erfahren.

Unser Leben zog sich wieder eintönig dahin; Dostojewskij war meistens schlechter Laune und arbeitete zeitweise sehr viel; ich suchte ihn, so gut ich konnte, zu zerstreuen. In unserm Leben gab es gar keine Abwechslung: wir gingen täglich am Ufer des Irtysch spazieren, arbeiteten im Garten, badeten, tranken Tee und rauchten auf dem Balkon. Zuweilen saß ich mit einer Angel am Wasser, während Dostojewskij neben mir im Grase lag und irgend etwas vorlas; alle Bücher, die ich hatte, wurden auf diese Weise zu unzähligen Malen durchgelesen. Unter anderm las er mir »zur Belehrung« Aksakows »Vom Angeln« und »Memoiren eines Jägers« vor. In der Stadt gab es keine Bibliothek. Die vielen Bücher über Zoologie und Naturwissenschaften, die ich aus Petersburg mitgebracht hatte, wußte ich beinahe auswendig. Dostojewskij zog die schöne Literatur vor, und wir stürzten uns mit Leidenschaft auf jedes neue Buch. Die Eintönigkeit unseres Lebens wurde aber durch die Stunden belohnt, in denen über Dostojewskij die schöpferische Begeisterung kam. In diesen Stunden war er in einer so gehobenen Stimmung, daß auch ich von ihm angesteckt wurde. Selbst das Leben in Semipalatinsk erschien uns in solchen Augenblicken gar nicht so schlecht; leider verging diese Stimmung jedesmal ebenso plötzlich wie sie gekommen war. Jede unerfreuliche Nachricht aus Kusnezk machte diesem Zustand mit einem Schlage ein Ende; Dostojewskij klappte sofort zusammen und wurde wieder krank und welk.

Wie ich schon einmal erwähnt habe, arbeitete Dostojewskij in dieser Zeit an seinen »Aufzeichnungen aus dem Totenhause«. Mir wurde das große Glück zuteil, Dostojewskij in seiner Inspiration zu sehen, und die ersten Entwürfe zu diesem unvergleichlichen Werk aus seinem Munde zu hören; noch heute nach vielen Jahren gedenke ich dieser Augenblicke mit einem erhebenden Gefühl. Ich mußte immer staunen, daß in der Seele Dostojewskijs trotz der harten Schicksalsschläge, trotz des Zuchthauses, der Verbannung, der schrecklichen Krankheit und der ewigen Geldnot die herrlichsten menschlichen Gefühle glühten. Nicht minder war ich über seine ungewöhnliche Arglosigkeit und Sanftmut, die ihn auch in den schwersten Stunden nicht verließen, erstaunt.

[Baron Wrangel erzählt weiter von der Ankunft des Generalgouverneurs Hasford in Semipalatinsk und von dessen hochmütigem und grobem Auftreten.]

Ich war mit den anderen Beamten beim Gouverneur zu Mittag geladen. Seine Frau kannte ich noch von Petersburg. Sie empfing mich sehr freundlich und bot mir Platz an ihrer Seite an.

Bei der Tafel schlug der Gouverneur einen ganz anderen Ton an und gab sich wie ein gewöhnlicher Sterblicher. Er schien guter Laune, erkundigte sich bei mir nach meinen Verwandten und ließ unter anderm die Bemerkung fallen, daß er von meinen Beziehungen zu Dostojewskij wohl unterrichtet sei. Ich beschloß, seine gute Laune auszunützen und ihn für Dostojewskij zu gewinnen. Dostojewskij hatte kurz vorher ein Gedicht auf den Tod des Kaisers Nikolaus I. geschrieben; wir wollten das Gedicht durch General Hasford der Kaiserin-Witwe schicken. Das Gedicht fing, wenn ich nicht irre, folgendermaßen an:

Wie Abendröte lischt am Himmel,
So schied dein herrlicher Gemahl! ...

Auf meine in höchst ehrerbietiger Form vorgetragene Bitte antwortete Hasford mit einem energischen Nein und sagte: »Für einen gewesenen Feind der Regierung werde ich mich niemals verwenden. Wenn man aber in Petersburg von selbst auf ihn kommt, werde ich keine Hindernisse in den Weg legen.«

Das Gedicht erreichte aber trotzdem die Kaiserin, und zwar auf folgende Weise. Ich schrieb einigemal meinem Vater und meinen einflußreichen Verwandten und bat sie, eine Möglichkeit ausfindig zu machen, das Gedicht an die Kaiserin gelangen zu lassen. Meine Bemühungen wurden schließlich von Erfolg gekrönt: Prinz Peter Georgijewitsch von Oldenburg übernahm es, das Gedicht an die Adresse zu übergeben. Der Prinz war passionierter Musiker und schlechter Komponist; um jene Zeit verkehrte er viel mit dem bekannten Pianisten Adolf Henselt, welcher seine Kompositionen zu korrigieren hatte. Dieser Henselt war aber seit langen Jahren Musiklehrer in unserer Familie. Meine Verwandten wandten sich nun an ihn, und er erfüllte gern unsere Bitte. Das Gedicht erreichte auch wirklich die Kaiserin; dies wurde mir später von einem hohen Beamten bestätigt. Dostojewskij schrieb noch ein anderes Gedicht: »Auf die Thronbesteigung Alexanders II.« Dieses Gedicht habe ich später persönlich dem General Eduard Iwanowitsch Totleben in Petersburg übergeben.

Dostojewskij war damals von seiner Krankheit schrecklich geschwächt; oft fürchtete er für seinen Verstand. Er sah sein Lebensziel in seiner literarischen Tätigkeit. Solange er aber in der Verbannung war, durfte er seine Werke nicht veröffentlichen; in seiner Verzweiflung bat er mich, seine Arbeiten unter meinem Namen erscheinen zu lassen. Ich ging auf diesen für mich so schmeichelhaften Vorschlag selbstverständlich nicht ein. Die Literatur war außerdem seine einzige Erwerbsquelle. Er sehnte sich um jene Zeit nach einem persönlichen Leben, er wollte sich verheiraten und hoffte in der Ehe »ein grenzenloses Glück« zu finden. Seit vielen Jahren litt er die bitterste Not; wer weiß: hätte Dostojewskij nicht jenen Schritt unternommen, den ihm seine strengen Kritiker so sehr übel genommen haben, so wäre vielleicht einer der größten russischen Schriftsteller, der Stolz Rußlands, in der Wildnis Sibiriens zugrunde gegangen.

Der geplante Feldzug kam nicht zustande. Der Generalgouverneur reiste ab, und unsere Semipalatinsker Gesellschaft versank wieder in ihren Schlaf. Nach den angestrengten Exerzierübungen vor dem Generalgouverneur durften die Soldaten etwas ausruhen, und so hatte auch Fjodor Michailowitsch mehr freie Zeit. Wir ließen uns wieder in unserm »Kasakowschen Garten« nieder und wieder verging ein Tag wie der andere. Aus Kusnezk kamen die unerfreulichsten Nachrichten; Dostojewskij ging nicht mehr zu den Wahrsagerinnen, langweilte sich, war immer schlechter Laune und hatte keine Lust zum Arbeiten. Er wußte gar nicht, wie er die Zeit totschlagen sollte. Da fiel ihm eine gewisse Marina O., die Tochter eines verschickten Polen, ein. Als er noch bei den Issajews verkehrte, hatte er sich auf Wunsch der Maria Dmitrijewna des Mädchens angenommen und ihr Unterricht erteilt. Nun begab er sich zu ihrem Vater, und dieser erklärte sich schließlich bereit, das Mädchen täglich nach dem Kasakowschen Garten zum Unterricht zu schicken. Marina war schon siebzehn Jahre alt und hatte sich zu einem blühenden, hübschen Geschöpf entwickelt. Sie brachte Leben in unser Haus, benahm sich sehr ungezwungen, lachte und tollte und kokettierte mit ihrem Lehrer.

Ich war um jene Zeit von einer Liebesgeschichte in Anspruch genommen und suchte Ablenkung auf weiten Reisen. Ich war zwei Monate von Semipalatinsk abwesend und legte in dieser Zeit mehr als zweitausend Werst zurück.

Dostojewskij saß indessen allein in der Sommerfrische, fing Grillen, unterrichtete Marina, arbeitete, doch nicht zu fleißig und unterhielt einen lebhaften Briefverkehr mit Maria Dmitrijewna; seine Briefe an sie waren dicke Hefte.

Als ich vor meiner Abreise sah, mit welchem Eifer sich Dostojewskij mit dem Mädchen, das offenbar in seinen Lehrer verliebt war, abgab, begann ich zu hoffen, daß die Beziehungen zu Marina ihn von seiner verderblichen Leidenschaft zu Maria Dmitrijewna ablenken würden. Als ich aber von meiner Reise zurückkehrte, erfuhr ich von einer wahren Tragödie.

Als ich Marina nach meiner Rückkehr wiedersah, war ich über ihr Aussehen entsetzt: sie war finster, abgemagert und heruntergekommen. Auch Dostojewskij sagte mir, daß er diese Veränderung bemerkt habe, daß es ihm aber trotz der größten Mühe nicht gelungen sei, die Ursache dieser Veränderung zu erfahren. Nun begannen wir beide das Mädchen auszufragen, und schließlich beichtete sie uns folgende Geschichte:

Der Sohn des Bürgermeisters von Semipalatinsk, ein achtzehnjähriger Junge, hatte schon früher sein Auge auf das schöne Mädchen geworfen; durch Vermittlung meiner Haushälterin gelang es ihm, das Mädchen zu erobern; der Schurke gab sich eine Zeitlang mit ihr ab und ließ sie schließlich sitzen. Das war aber noch nicht das Traurigste. Der Kutscher des Bürgermeistersohns, ein alter, schmutziger Kirgise, wußte von diesen Beziehungen: er hatte das Mädchen im Auftrage seines Herrn oft abgeholt und zum Stelldichein gefahren. Bei einer solchen Fahrt drohte er ihr, die Sache dem Vater und der Stiefmutter zu hinterbringen, wenn sie ihm nicht zu Willen sein würde. Die eingeschüchterte und charakterlose Marina gab sich ihm hin. Der Kutscher verfolgte sie nun auf Schritt und Tritt und beutete sie, wie er nur konnte, aus; sie haßte und fürchtete ihn und flehte uns an, sie aus den Klauen dieses Schurken zu erretten.

Die Sache schrie zum Himmel. Ich machte von meiner Amtsgewalt Gebrauch und ließ den Kirgisen aus Semipalatinsk ausweisen.

Ein Jahr später mußte Marina gegen ihren Willen einen ihr vom Vater bestimmten alten, ungebildeten Kosakenfähnrich heiraten. Marina haßte ihren Mann und kokettierte nach wie vor mit jedem, der ihr in den Weg kam. Der Alte quälte sie mit seiner Eifersucht.

Später, als Dostojewskij schon verheiratet war, bot diese Marina oft den Grund zu Eifersuchtsszenen und Streitigkeiten zwischen ihm und Maria Dmitrijewna; Marina fuhr fort, mit ihm zu kokettieren, worüber sich Maria Dmitrijewna, die damals schon totkrank war, entsetzlich aufregte.

[Im Frühjahr 1855 verließ Wrangel für immer Semipalatinsk.]

Aus Barnaul nach Semipalatinsk zurückgekehrt, fand ich Dostojewskij noch mehr heruntergekommen, abgemagert und in schrecklich gedrückter Stimmung. In meiner Gesellschaft wurde er etwas heiterer, verlor aber gleich wieder den Mut, als ich ihm mitteilte, daß ich Semipalatinsk für immer verlassen müsse.

Die letzten Tage vor meiner Abreise vergingen sehr schnell. Ende Dezember war ich reisefertig. Dostojewskij war den ganzen Tag bei mir und half mir packen; wir waren beide sehr traurig. Unwillkürlich fragte ich mich, ob ich ihn noch einmal wiedersehen würde.

Nach meiner Abreise schrieb er mir in einer Reihe rührender, freundschaftlicher Briefe, daß er unter der Einsamkeit entsetzlich leide. Im Briefe vom 21. Dezember schreibt er mir: »Ich will mit Ihnen wie früher, wie damals in Semipalatinsk, als Sie mir alles – Freund und Bruder waren, als wir unsere Herzenssorgen miteinander teilten, sprechen ...«

Die Trennung fiel mir sehr schwer. Ich war jung, gesund und von rosigen Hoffnungen erfüllt. Und er, dieser von Gott gezeichnete große Dichter, verlor seinen einzigen Freund und mußte als gemeiner Soldat krank, verlassen und einsam in Sibirien zurückbleiben.

Der Tag meiner Abreise brach an. Als es dämmerte, trug Adam mein Gepäck aus dem Zimmer; Dostojewskij und ich umarmten und küßten uns und gaben uns das Wort, nie einander zu vergessen. Wie bei unserer ersten Zusammenkunft traten uns die Tränen in die Augen. Ich setzte mich in den Wagen, umarmte zum letztenmal meinen armen Freund, die Pferde zogen an, und die Troika sauste dahin. Noch einmal blickte ich zurück: in der Abenddämmerung war die traurige Gestalt Dostojewskijs kaum mehr zu erkennen.

Im Februar kam ich nach Petersburg. Und nun entwickelte sich zwischen uns ein ununterbrochener Briefwechsel. Sein Schicksal war noch nicht ganz geklärt. Ich wußte, daß bei der Krönung ein Amnestieerlaß erscheinen sollte; inwiefern aber die Amnestie den an der Petraschewskij-Affäre Beteiligten zugute kommen sollte, wußte noch niemand. Selbst die höchsten Polizeibeamten konnten mir darüber keine Auskunft geben. Diese Ungewißheit regte Dostojewskij furchtbar auf. Seine Ungeduld wuchs von Stunde zu Stunde. Er wollte nicht einsehen, daß ich, ein kleiner sibirischer Gerichtsbeamter, unmöglich Einfluß aus den Gang der Ereignisse haben konnte, und daß es auch meinen einflußreichen Verwandten unmöglich war, seine Sache irgendwie zu beschleunigen. Ich wollte meine Verwandten nicht zu sehr belästigen, um die ganze Sache nicht zu verderben. Das konnte Dostojewskij in seiner nervösen Aufregung nicht begreifen. Ich tat alles, was ich nur konnte; am meisten verwendete sich aber Graf Totleben für ihn.

Den Grafen Eduard Iwanowitsch Totleben kannte ich noch aus meiner Lyzeumszeit; ich hatte ihn oft im Hause meines Großonkels Manderstjerna, des damaligen Kommandanten der Peter-Pauls-Festung, getroffen. Er hatte zur gleichen Zeit mit Dostojewskij die Ingenieurschule besucht, und sein Bruder Adolf war mit Dostojewskij sogar befreundet gewesen. Gleich nach meiner Ankunft in Petersburg suchte ich Totleben auf, erzählte ihm von der unerträglichen Lage Dostojewskijs und bat ihn um seinen Beistand. Ich besuchte auch seinen Bruder Adolf. Beide zeigten warme Teilnahme für Dostojewskij und versprachen mir, alles für ihn zu tun.

Der Name Totlebens war damals nicht nur in Rußland, sondern auch in ganz Europa in jedermanns Munde Totleben leitete im belagerten Sebastopol sämtliche Ingenieurarbeiten.. Als Mensch war er außerordentlich sympathisch. Die großen Ehren, mit denen er überschüttet wurde, hatten seinen Charakter in keiner Weise verändert. Er war noch derselbe freundliche, gutmütige und humane Mensch, als den ich ihn noch vor dem Kriege kannte. Durch seine Verwendung beim Fürsten Orlow und den anderen Petersburger Machthabern erreichte er sehr viel für Dostojewskij.

Dostojewskij schätzte Totleben sehr hoch und war von seiner Teilnahme sehr gerührt. In seinem Briefe an mich vom 23. März 1856 schreibt er: »Er ist eine durch und durch ritterliche, erhabene und großmütige Natur. Sie können sich gar nicht vorstellen, mit welchem Entzücken ich alles verfolge, was so herrliche Menschen, wie es Sie und die Brüder Totleben sind, für mich tun.«

Den größten Einfluß auf Dostojewskijs Schicksal hatte aber Prinz Peter von Oldenburg. Mich kannte er noch vom Lyzeum her: er war Protektor des Lyzeums und kam fast jeden Tag zu uns. Nun mußte ich mich wieder an Adolf Henselt wenden. Ich übergab dem Prinzen durch seine Vermittlung ein neues Gedicht, das Dostojewskij auf die Krönung geschrieben hatte. Dieses Gedicht erwähnt er in seinem Briefe an mich vom 23. Mai 1856:

»Es wäre, glaube ich, ungeschickt, inoffiziell um die Erlaubnis, meine Werke veröffentlichen zu dürfen, nachzusuchen und nicht zugleich dem Gesuch ein Gedicht beizulegen. Lesen Sie das beifolgende Gedicht, schreiben Sie es um und versuchen Sie, es auf irgendwelche Weise an den Monarchen gelangen zu lassen.«

Ich tat alles, was ich nur konnte. Der Prinz übergab das Gedicht der Kaiserin Maria Alexandrowna; ob es auch dem Kaiser in die Hände kam, weiß ich nicht.

Gleichzeitig teilte mir Dostojewskij mit, daß er mir einen Artikel »Briefe über die Kunst« zuschicken wolle, damit ich ihn der Präsidentin der Akademie, der Großfürstin Maria Nikolajewna übergebe: »Ich will um Genehmigung nachsuchen, ihr diesen Aufsatz zu widmen, und ihn dann ohne Namensunterschrift erscheinen lassen. Mein Aufsatz ist die Frucht zehnjähriger Gedankenarbeit. Ich habe ihn bis ins kleinste Detail noch in Omsk durchgedacht. Es wird viel Originelles und Leidenschaftliches darin stehen, doch für die Ausführung will ich nicht garantieren. Wahrscheinlich werden viele in verschiedenen Punkten nicht mit mir einverstanden sein. Doch ich glaube an meine Ideen, und das genügt mir. Ich will Apollon Maikow bitten, den Aufsatz zuvor zu lesen. Der Aufsatz handelt eigentlich von der Bedeutung des Christentums für die Kunst.«

Diesen Aufsatz habe ich nie erhalten.

Im gleichen Brief schreibt er von einem anderen Aufsatz, den er noch in der Zeit unseres Zusammenlebens begonnen hatte: »Ich habe Ihnen schon von meinem Aufsatz ›Über Rußland‹ erzählt. Es ist ein rein politisches Pamphlet daraus geworden. Ich möchte aber aus diesem Aufsatze auch nicht ein einziges Wort streichen. Man wird mir kaum erlauben, die literarische Tätigkeit mit einem Pamphlet, wie patriotisch sein Inhalt auch sein mag, zu beginnen. Der Aufsatz war aber gut, und ich war mit ihm zufrieden. Er interessierte mich außerordentlich. Ich habe aber die Arbeit aufgegeben. Und wenn ich keine Genehmigung bekomme, ihn zu veröffentlichen, warum soll dann meine ganze Mühe umsonst sein?«

Auch diesen Aufsatz habe ich nie erhalten.

Alle Gedanken Dostojewskijs waren damals nur auf das eine Ziel gerichtet: ob man ihm im Falle der Begnadigung erlauben würde, seine Werke zu veröffentlichen. Nicht nur seine Leidenschaft für literarische Betätigung, sondern auch seine große Not zwangen ihn, sich in einem fort um die Aufmerksamkeit der höchsten Kreise zu bewerben. Dostojewskij brauchte damals viel Geld, besaß aber keinen Heller. Er hatte zahllose Schulden und nur die eine Hoffnung, daß ihm die vielen Erzählungen und Romane, die in seinem Kopfe in ewigem Wechsel entstanden, etwas einbringen würden.

Im Januar 1860 bekam Dostojewskij schließlich die Erlaubnis, sich in Petersburg niederzulassen. Da das Petersburger Klima für den Gesundheitszustand seiner Frau schädlich war, ließ er sie in Moskau zurück und kam allein nach Petersburg.

Er bezog eine Wohnung in der Gorochowaja-Straße. Wir sahen uns sehr oft, doch immer nur flüchtig, denn wir beide waren in den Strudel des Petersburger Lebens geraten. Außerdem war ich in jener Zeit verlobt und verbrachte meine ganze freie Zeit bei meiner Braut, während Dostojewskij Tag und Nacht arbeitete. Dafür waren unsere kurzen Begegnungen voll von liebevollen Erinnerungen an die Vergangenheit.

Bei einer unserer Zusammenkünfte kam die Rede auf den bevorstehenden Adelstag zu Petersburg. Ich hatte die Absicht, eine Rede »über die von Kaiserin Katharina II. dem russischen Adel verliehenen Freiheiten und Rechte« zu halten. Dostojewskij entwarf mir im Nu eine glänzende Rede; bei der Versammlung beherrschte ich mich aber und hielt diese Rede nicht Bei dieser Versammlung wurden einige freiheitliche Reden gehalten, für die die Redner später bestraft wurden..

Einmal wohnte ich einer öffentlichen Vorlesung Dostojewskijs bei. Er las den »Revisor« von Gogol. Ich kannte schon von früher Dostojewskijs meisterhafte Vortragskunst. Der Saal war überfüllt. Dostojewskijs Erscheinen und Vortrag wurden von dröhnendem Beifall begleitet. Ich war aber an diesem Abend von seinem Vortrag nicht befriedigt; ich sah, daß er nicht in der richtigen Stimmung war: seine Stimme klang matt und stellenweise kaum hörbar. Nach der Vorlesung suchte er mich unter dem Publikum auf und bestätigte mir, daß er nicht in der richtigen Stimmung gewesen sei; die Veranstalter des Abends hätten ihn bestürmt, die Vorlesung nicht aufzugeben, er hatte aber nie die Kraft, zu jemand nein zu sagen. Wenn ich nicht irre, war es sein erster Vortrag nach seiner Rückkehr aus der Verbannung.

Als ich im Jahre 1865 von meinem Sommerurlaub nach Kopenhagen zurückkehrte, fand ich einen verzweifelten Brief Dostojewskijs aus Wiesbaden vor. Er schrieb, daß er dort sein ganzes Geld verspielt habe und sich in verzweifelter Lage befinde: er habe keinen Heller mehr, während ihn die Gläubiger von allen Seiten bedrängten. Diese Leidenschaft Dostojewskijs für das Spiel war mir etwas Überraschendes. In Sibirien, wo das Kartenspiel so sehr verbreitet ist, hatte er nie eine Karte angerührt. Wahrscheinlich verlangten seine leidenschaftliche Natur und seine zerrütteten Nerven nach den starken Gemütsbewegungen, die er im Hasardspiele fand. Nun mußte ich meinem alten Freund aus der Klemme helfen; ich schickte ihm Geld, obwohl ich damals selbst nicht viel hatte. Gleichzeitig schrieb ich ihm, er möchte unbedingt zu mir nach Kopenhagen kommen.

Er kam auch wirklich am 1. Oktober nach Kopenhagen und blieb eine Woche bei mir. Er gefiel meiner Frau außerordentlich und gab sich viel mit meinen beiden Kindern ab. Ich fand ihn abgemagert und gealtert. Das Wiedersehen machte uns beiden große Freude; wir frischten selbstverständlich alte Erinnerungen auf, gedachten des »Kasakowschen Gartens«, unserer Liebesaffären usw. Wir sprachen viel von seiner inzwischen verstorbenen ersten Gattin Maria Dmitrijewna und von der schönen Marina, auf die Dostojewskijs Frau so furchtbar eifersüchtig gewesen war.

Bei diesem intimen Gespräch kamen wir unwillkürlich auf sein Familienleben und das seltsame, mir auch heute noch unbegreifliche Verhältnis zwischen den Ehegatten zu sprechen. In einem seiner früheren Briefe schrieb er mir: »Wir waren beide durchaus unglücklich, konnten aber nicht aufhören, einander zu lieben; je unglücklicher wir waren, um so mehr hingen wir aneinander.« Bei der Zusammenkunft in Kopenhagen bestätigte er mir diesen Satz aufs neue. Ich hatte nie geglaubt, daß Dostojewskij in dieser Ehe sein Glück finden würde. Alle Qualen, die ganze schwere Last, die er sich durch diese Verbindung aufgeladen hatte, nahmen ihm für lange Zeit seine Seelenruhe ... In Semipalatinsk hatte ich oft versucht, ihm die krankhafte Liebe zu Maria Dmitrijewna auszureden; er wollte aber auf nichts hören. Maria Dmitrijewna war für ihn von einer strahlenden Gloriole umgeben.

Unter anderem äußerte er seine Ansichten über die Frauen im allgemeinen und gab mir entsprechende Ratschläge. Als die Rede auf unsere sibirischen Bekannten kam, erwähnte ich eine leichtsinnige und hinterlistige Semipalatinsker Dame; Dostojewskij sagte im Anschluß daran folgendes zu mir: »Wir sollen einer von uns geliebten Frau für alle Tage und Stunden des Glücks, die sie uns gegeben, ewig dankbar sein. Wir dürfen von ihr nicht verlangen, daß sie ihr Leben lang nur an uns denkt; das ist häßlicher Egoismus, den man in sich niederringen muß.«

Wie gesagt, sah Dostojewskij bei seinem Besuch in Kopenhagen sehr schlecht aus; noch früher hatte er in seinen Briefen über sein Befinden geklagt: »Außer der Fallsucht martert mich noch ein heftiges Fieber, jede Nacht habe ich Schüttelfrost und Fieber und ich nehme von Tag zu Tag ab.«

Auch ein vollkommen gesunder Mensch hätte das unruhige Leben, das Dostojewskij damals führte, nicht ertragen können! In ewiger Geldnot, nicht nur um seine eigene Familie, sondern auch um die seines Bruders Michail in Sorge, von Gläubigern verfolgt, unter ständiger Angst, ins Gefängnis gesperrt zu werden, hatte er Tag und Nacht keine Ruhe; am Tage rannte er von einer Redaktion zur anderen und nachts schrieb er »auf Bestellung, unter Stockhieben«, wie er sich ausdrückte, seine Werke. Das alles mußte natürlich einen schädlichen Einfluß auf seine Gesundheit wie auch auf seinen Charakter haben.

Er erzählte mir unter anderm von einem seiner Erlebnisse, aus dem man ersehen kann, wie nervös und reizbar er zuweilen war. In Paris war ihm eingefallen, einen Abstecher nach Rom zu machen. Zu diesem Zweck mußte er zuvor seinen Paß beim Päpstlichen Nuntius in Paris visieren lassen. Dostojewskij war zweimal beim Nuntius, fand ihn aber beide Male nicht vor. Als er zum dritten Male kam, empfing ihn ein junger Abbate und sagte ihm, er möchte noch eine Weile warten, da Monsignore augenblicklich frühstücke und erst seinen Kaffee trinken wolle. Dostojewskij sprang wie verrückt auf und schrie: » Dites à votre Monseigneur, que je crache dans son café – qu'il me signe immédiatement mon passeport, ou je me précipiterai chez lui avec scandale!« Der junge Abbate riß vor Erstaunen die Augen auf. Er stürzte ins Arbeitszimmer seines Chefs, kam mit einem anderen Abbate zurück und ersuchte unsern Fjodor Michailowitsch, sich sofort aus dem Staube zu machen, den Paß aber durch den Portier seines Hotels besorgen zu lassen.

»Ja, ich war eben zu hitzig!« schloß Dostojewskij mit einem verlegenen Lächeln seine Erzählung Dostojewskij hat diese Episode später in seiner Erzählung »Der Spieler« verwertet.. Seine Reizbarkeit hielt aber offenbar noch lange an; denn in einem seiner späteren Briefe schreibt er: »Ich bin entsetzlich nervös und reizbar geworden, mein Charakter wird von Tag zu Tag schlechter, ich weiß gar nicht, womit das enden soll.«

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