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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 8
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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VI.
An den Bruder Michail, den 24. März 1845

Du brennst wohl schon lange vor Ungeduld, liebster Bruder. Die Ungewißheit meiner Lage hinderte mich am Schreiben. Ich kann mich keiner Beschäftigung hingeben, wenn ich nichts als Ungewißheit vor Augen habe. Es ist mir noch immer nicht gelungen, meine Angelegenheiten irgendwie zu ordnen; ich will dir aber trotz dieser Ungewißheit schreiben; denn ich habe dir schon so lange nicht geschrieben.

Ich habe von den Moskauern fünfhundert Rubel bekommen. Ich hatte aber so viel alte und neue Schulden, daß das Geld mir für den Druck nicht langte. Das wäre ja noch nicht so schlimm. Ich könnte ja das Geld der Druckerei schuldig bleiben, oder die Schulden zu Hause nur zum Teil bezahlen; der Roman war aber noch nicht fertig. Ich hatte ihn ja noch im November fertig geschrieben, im Dezember beschloß ich aber, ihn gänzlich umzuarbeiten; ich habe ihn umgearbeitet und ins Reine geschrieben; doch im Februar begann ich wieder zu feilen, zu polieren, einzelne Stellen zu streichen und andere neu einzufügen. Gegen Mitte März war ich damit fertig und mit meiner Arbeit zufrieden. Nun kam etwas Neues dazwischen: die Zensur braucht einen ganzen Monat zum Lesen. Schneller geht es nicht. Die Zensurbeamten sind angeblich mit Arbeit überladen. Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte und habe mir das Manuskript zurückgeben lassen. Denn außer den vier Wochen für die Zensur mußte ich noch weitere drei Wochen für den Druck rechnen. Das Buch könnte also frühestens im Mai erscheinen. Das wäre zu spät! Da begann man, mich von allen Seiten zu bestürmen, ich möchte den Roman an die »Vaterländischen Annalen« schicken. Das wäre Unsinn. Ich müßte es sicher bereuen. Erstens würden sie das Manuskript gar nicht lesen, und wenn sie es auch lesen würden, so doch nicht vor einem halben Jahre. Sie haben auch ohnehin genug Manuskripte liegen. Und wenn sie das Werk auch drucken, so bekomme ich dafür keinen Heller. Denn bei dieser Zeitschrift herrscht eine wahre Oligarchie. Was brauche ich den Ruhm, wenn ich des täglichen Brotes wegen schreibe? Ich habe einen verzweifelten Entschluß gefaßt: noch weiter warten und unter Umständen neue Schulden machen; gegen den 1. September, wenn alle nach Petersburg umgezogen sind und wie die Spürhunde nach Neuem suchen, will ich versuchen, für die letzten Kopeken, die möglicherweise gar nicht reichen werden, den Roman drucken zu lassen. Wenn ich das Werk in eine Zeitschrift gebe, so komme ich unter das Joch nicht nur des ersten Maître d'hôtel, sondern auch aller Küchenmägde und Küchenjungen, die überall, wo die Kultur gemacht wird, nisten. Es gibt dort mehr als einen Diktator: es sind ihrer zwanzig. Wenn ich aber das Werk auf eigene Kosten drucke, so kann ich mir mit meiner eigenen Kraft den Weg bahnen; und wenn das Werk gut ist, so wird es nicht verloren gehen; es wird mich sogar vor den Schulden und Nahrungssorgen retten.

Und nun von den Nahrungssorgen! Du weißt ja, Bruder, daß ich in dieser Beziehung auf meine eigenen Kräfte angewiesen bin. Ich habe mir aber geschworen, wie schlecht es mir auch gehen möge, mich zusammenzunehmen und unter keinen Umständen auf Bestellung zu schreiben. Bestellte Arbeit wird mich erdrücken und verderben. Ich will, daß jedes meiner Werke unzweifelhaft gut sei. Sieh dir nur Puschkin und Gogol an. Beide haben sehr wenig geschrieben, sich aber Denkmäler verdient. Gogol bekommt schon jetzt für den Druckbogen tausend Rubel, Puschkin hat aber, wie du wohl weißt, für jede Verszeile einen Dukaten bekommen. Beide, besonders aber Gogol, haben ihren Ruhm mit Jahren bitterer Not erkauft. Die alte Schule geht zugrunde; die neue Schule schreibt aber nicht: sie schmiert. Das ganze Talent wird für einen breiten Schwung verschwendet, in dem man nur eine unfertige ungeheuerliche Idee und kolossale Muskelkraft entdecken kann; es steckt aber fast gar keine ernsthafte Arbeit darin. Béranger sagte von den modernen französischen Feuilletonisten, ihre Arbeit sei wie eine Flasche Chambertin in einem Eimer Wasser. Bei uns ahmt man sie nach. Raffael arbeitete an jedem Bild viele Jahre und feilte an jedem Detail lange herum; so schuf er Wunderwerke. Unter seinem Pinsel entstanden Götter! Heute malt Vernet in einem Monat ein Bild fertig, das einen eigens dazu erbauten riesengroßen Saal erfordert; die Perspektive ist großartig, der Schwung kolossal; ernsten Wert hat aber das Bild für keinen Heller. Sie alle sind nichts als Dekorationsmaler.

Mit meinem Roman bin ich wirklich zufrieden. Es ist ein ernstes und gut ausgebautes Werk. Es hat aber auch entsetzliche Mängel. Der Druck wird mich für alles belohnen. Jetzt, solange ich keine neuen Ideen habe, möchte ich gern irgend etwas schreiben, um mich beim Publikum einzuführen, oder auch nur des Geldes wegen; ich habe aber wirklich keine Lust, etwas Wertloses zu schreiben; zu Ernstem brauche ich aber viel Zeit.

Es naht die Zeit, die ich mit euch, meine lieben Freunde, verleben wollte. Ich werde aber keine Mittel, d. h. kein Geld haben. Ich habe beschlossen, in der alten Wohnung zu bleiben. Hier habe ich wenigstens einen Vertrag mit dem Vermieter und brauche mich sechs Monate lang um nichts zu bekümmern. Die Sache ist eben die, daß mein Roman alles decken soll. Wenn mir dies nicht gelingt, werde ich mich aufhängen.

Ich möchte mir bis zum August wenigstens dreihundert Rubel sparen. Ich kann das Buch auch für dreihundert Rubel drucken. Die Rubel laufen aber wie die Krebse nach allen Richtungen auseinander. Ich hatte gegen vierhundert Rubel Schulden (die neuen Ausgaben und Kosten der Kleidung inbegriffen); nun bin ich für mindestens zwei Jahre anständig gekleidet. Ich werde übrigens unbedingt zu euch kommen. Schreibe mir möglichst gleich, was du dir über meine Wohnung denkst. Es ist ein entscheidender Schritt. Was soll ich aber tun?

Du schreibst, es graue dir vor der Zukunft ohne Geld. Schiller wird aber alles decken, außerdem kann ja auch mein Roman etwas einbringen. Schreibe mir bald. Mit der nächsten Post werde ich dir alle meine Entschlüsse mitteilen.

Dein Bruder Dostojewskij.

Küsse von mir die Kinder und grüße Emilie Fjodorowna Frau des Michail Dostojewskij.. Ich denke oft an euch. Es interessiert dich vielleicht, was ich treibe, wenn ich nicht schreibe: ich lese. Ich lese sehr viel, und die Lektüre hat auf mich eine seltsame Wirkung. Wenn ich irgend etwas, was ich schon vor Jahren einmal gelesen habe, wieder lese, so spüre ich in mir neue Kräfte; ich dringe in das Buch tief ein, begreife alles und schöpfe daraus auch Schaffenskraft für mich.

Vom Dramenschreiben will ich nichts wissen. Dazu brauche ich jahrelange Ruhe und Mühe. Es ist ja heute so leicht, Dramen zu schreiben. Das Drama neigt jetzt zum Melodrama. Shakespeare verschwindet im Nebel und erscheint im Dunste des elenden modernen Dramas wie ein Gott, wie ein Brockengespenst. Im Sommer werde ich vielleicht doch noch versuchen, etwas zu schreiben. Wollen wir noch zwei oder drei Jahre abwarten! Bruder, in literarischer Beziehung bin ich nicht mehr derselbe, der ich vor zwei Jahren war. Damals war alles Kinderei und Unsinn. Die zwei Jahre ernsten Studiums haben mir vieles genommen und vieles eingebracht.

Im »Invalid« las ich soeben im Feuilleton von den deutschen Dichtern, die an Hunger, Kälte oder in Irrenhäusern gestorben sind. Es sind im ganzen an die zwanzig; und was für Namen sind darunter! Mir ist auch jetzt noch unheimlich zumute. Man sollte wirklich ein Scharlatan sein ...

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