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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 79
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXXVII.
An den Arzt A. F. Blagonrawow.
Petersburg, den 19. Dezember 1880

Doktor Blagonrawow hatte D. seine Ansicht (vom Standpunkte eines Arztes) über die meisterhafte Schilderung der Halluzination Iwan Karamasows im letzten Teile des Romans mitgeteilt.

Sehr geehrter Herr Alexander Fjodorowitsch! Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Sie urteilen sehr richtig, wenn Sie meinen, daß ich den Grund aller Übel im Unglauben sehe und behaupte, daß derjenige, der den Nationalismus verneint, auch den Glauben verneint. Das trifft ganz besonders auf Rußland zu, denn bei uns ist der nationale Gedanke auf dem Christentum begründet. »Christliches Bauernvolk«, »Rechtgläubiges Rußland« sind unsere Grundbegriffe. Ein Russe, der den Nationalismus verneint (und solcher gibt es viele), ist entweder Atheist oder in religiösen Fragen indifferent. Auch umgekehrt: ein Atheist oder Indifferenter kann unmöglich das russische Volk und den russischen Nationalismus begreifen. Unsere wichtigste Tagesfrage lautet: auf welche Weise kann man diesen Grundsatz auch unserer gebildeten Gesellschaft beibringen? Wenn Sie nur ein Wort in diesem Sinne sprechen, wird man Sie entweder auffressen oder für einen Verräter erklären. Und wen sollen Sie eigentlich verraten haben? Doch nur eine Partei, die in der Luft schwebt und für die man sogar keinen Namen finden kann, denn die Leute wissen selbst nicht, wie sie sich nennen sollen. Oder haben Sie das Volk verraten? Nein, ich will schon lieber mit dem Volke bleiben, denn nur vom Volke ist überhaupt noch etwas zu erwarten, und nicht von der gebildeten Gesellschaft, die das Volk verneint und die nicht einmal gebildet ist.

Nun kommt aber eine neue Generation, die mit dem Volke eins sein will. Das erste Anzeichen einer wahren Gemeinschaft mit dem Volke ist die Ehrfurcht und Liebe zu allem, was das Volk in seiner großen Masse liebt und ehrt, d. h. zu seinem Gott und seinem Glauben.

Diese neue russische Intelligenz beginnt, so scheint es mir, gerade jetzt ihr Haupt zu erheben. Gerade jetzt ist ihre Mitarbeit am allgemeinen Werk notwendig, und sie beginnt es auch selbst einzusehen.

Weil ich den Glauben an Gott und das Volk predige, will man mich hier vom Antlitz der Erde verschwinden lassen. Für jenes Kapitel in den Karamasows (von der Halluzination), mit dem Sie als Arzt so zufrieden sind, hat man bereits versucht, mich zu einem Reaktionär und Fanatiker zu stempeln, der bereits beim Glauben an den Teufel angelangt ist. Die Leute bilden sich in ihrer Einfalt ein, daß das Publikum wie aus einem Munde ausrufen wird: »Wie? Dostojewskij hat schon angefangen, über den Teufel zu schreiben? Ach, diese Abgeschmacktheit, ach, diese Borniertheit!« Ich glaube aber, daß es ihnen nicht gelingen wird. Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir als Arzt die Naturtreue in der Schilderung der psychischen Krankheit meines Romanhelden bestätigen. Die Ansicht eines Sachverständigen ist mir sehr wertvoll; Sie werden wohl zugeben, daß Iwan Karamasow unter den gegebenen Umständen keine andere Halluzination hatte haben können. Zu diesem Kapitel will ich im nächsten Heft des »Tagebuchs« selbst einige kritische Erklärungen geben.

Mit dem Ausdrucke meiner aufrichtigen Verehrung bin ich Ihr Ihnen ganz ergebener

Fjodor Dostojewskij.

Dostojewskij auf dem Totenbette, am 29. Januar 1881

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