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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 77
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXXV.
An N. L. Osmidow, Staraja-Russa, den 18. August 1880

Sehr verehrter Nikolai Lukitsch! Ich habe Ihren Brief sehr aufmerksam gelesen; was soll ich Ihnen aber darauf antworten? Sie bemerken ja selbst sehr richtig, daß man in einem Briefe eigentlich gar nichts sagen kann. Auch ich bin der Ansicht, daß man außer ganz allgemeinen Sätzen in einem Briefe nichts vollständig ausdrücken kann. Auch hat es gar keinen Zweck, wenn Sie persönlich zu mir kommen, um von mir Rat zu holen; denn ich halte mich in dergleichen Dingen nicht für kompetent. Sie schreiben, daß Sie Ihrer Tochter bisher nichts rein Literarisches zu lesen gegeben haben, um ihre Phantasie nicht übermäßig zu entwickeln. Dies scheint mir eben nicht ganz richtig: denn die Phantasie ist eine dem Menschen angeborene Fähigkeit; sie überwiegt bei einem Kinde alle anderen Fähigkeiten und muß unbedingt genährt werden. Wenn man der Phantasie eines Kindes keine Nahrung gibt, kann sie leicht absterben, oder auch im Gegenteil – sich aus eigener Kraft übermäßig entwickeln, was ebenfalls schädlich ist. Denn durch eine solche unnatürliche Entwicklung werden die geistigen Kräfte des Kindes allzufrüh erschöpft. Denn Eindrücke des Schönen sind gerade in der Kindheit durchaus notwendig.

Mit zehn Jahren sah ich zu Moskau eine Aufführung der »Räuber« mit Motschalow in einer der Hauptrollen, und ich kann nur sagen, daß der starke Eindruck, den diese Aufführung auf mich gemacht hatte, auf meine ganze weitere geistige Entwicklung überaus befruchtend gewirkt hat. Mit zwölf Jahren habe ich während der Sommerferien den ganzen Walter Scott durchgelesen; diese Lektüre hat zwar meine Phantasie und Empfindlichkeit außerordentlich angeregt, sie aber auf gute und nicht auf schlechte Bahnen gelenkt; ich habe aus dieser Lektüre viele schöne und erhabene Eindrücke geschöpft, die meiner Seele eine große Widerstandskraft gegen andere verführerische, leidenschaftliche und verderbliche Eindrücke verliehen haben. Auch Ihnen rate ich, Ihrer Tochter schon jetzt die Werke Walter Scotts zu geben, um so mehr, als er bei uns Russen augenblicklich in Vergessenheit geraten ist, und Ihre Tochter in ihren späteren Jahren weder die Möglichkeit noch das Bedürfnis haben wird, diesen großen Dichter kennen zu lernen; beeilen Sie sich also, Ihrer Tochter, während sie noch im Elternhause ist, die Bekanntschaft mit ihm zu verschaffen. Auch hat Walter Scott einen hohen erzieherischen Wert. Von Dickens soll sie alle Werke ohne Ausnahme lesen. Machen Sie sie auch mit der Literatur vergangener Jahrhunderte (Don Quixote und Gil Blas) bekannt. Am besten ist es, wenn sie mit Versen beginnt. Von Puschkin soll sie alles lesen, Verse wie Prosa. Ebenfalls Gogol. Wenn Sie wollen, auch Turgenjew und Gontscharow; was meine Werke betrifft, so glaube ich nicht, daß alles für Ihre Tochter paßt. Es wäre gut, wenn sie die Weltgeschichte von Schlosser und die russische Geschichte von Ssolowjow liest. Auch Karamsin soll sie lesen. Kostomarow soll sie vorläufig nicht lesen. Die Geschichte der Eroberung von Peru und Mexiko von Prescott ist durchaus notwendig. Überhaupt haben Geschichtswerke einen ungeheuren erzieherischen Wert. Leo Tolstoi soll sie ganz durchlesen; auch Shakespeare, Schiller und Goethe; diese Dichter gibt es in sehr guten russischen Übersetzungen. Das wird vorläufig genügen. Mit der Zeit, nach Jahren, werden Sie wohl selbst sehen, daß man noch manches andere hinzufügen kann. Die Zeitungsliteratur soll wenigstens in der ersten Zeit nach Möglichkeit ausgeschlossen sein. Ich weiß nicht, ob meine Ratschläge Ihnen zusagen werden. Ich schrieb Ihnen nach bester Überlegung und eigener Erfahrung. Es wird mich sehr freuen, wenn ich Ihnen damit wirklich nütze. Ihren persönlichen Besuch halte ich vorläufig für vollkommen überflüssig, um so mehr, als ich augenblicklich stark beschäftigt bin. Ich muß aber noch einmal sagen: ich bin in dergleichen Fragen durchaus nicht kompetent. Das von Ihnen gewünschte Heft des »Tagebuchs« ist an Sie abgegangen. Es kostet mit Porto fünfunddreißig Kopeken; den Rest von fünfundsechzig Kopeken haben Sie also bei mir gut.

Ihr Ihnen aufrichtig ergebener
F. Dostojewskij.

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