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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 76
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXXIV.
An Frau Stakenschneider.
Staraja-Russa, den 17. Juli 1880

Hochverehrte Jelena Andrejewna! Ich muß Ihre ganze Menschenliebe und Nachsicht anrufen, wenn ich Sie mir zu verzeihen bitte, daß ich Ihren schönen und freundlichen Brief vom 19. Juni so spät beantworte. Ich bitte Sie aber, die Tatsachen zu berücksichtigen; Sie werden dann vielleicht die Kraft finden, auch gegen mich nachsichtig zu sein. Am 11. Juni bin ich aus Moskau nach Staraja-Russa zurückgekehrt, war entsetzlich müde, machte mich aber gleich an die Karamasows und schrieb auf einen Zug ganze drei Bogen. Nachdem ich das Manuskript abgeschickt hatte, machte ich mich an die Lektüre aller Zeitungsartikel, die von meiner Moskauer Rede handeln (bisher war ich so beschäftigt, daß ich keine Zeit dazu hatte) und beschloß, eine Entgegnung an Gradowskij zu schreiben; es sollte weniger eine Antwort an Gradowskij, als die Verkündung unserer profession de foi für ganz Rußland werden: denn der bedeutsame und schöne Wendepunkt im Leben unserer Gesellschaft, der sich in Moskau bei der Puschkinfeier offenbart hat, wurde von den Leuten tendenziös entstellt und böswillig in den Hintergrund gedrängt. In unserer Presse, besonders in der Petersburger, erschrak man vor dieser neuen Erscheinung, die ganz beispiellos dasteht: die Gesellschaft hatte deutlich zu erkennen gegeben, daß sie von dieser ewigen Verspottung und Bespeiung Rußlands genug hat, daß sie folglich nach etwas anderem strebt. Diese Tatsache mußte eben verdreht, verschwiegen, verspottet und entstellt werden: »Es hat nichts dergleichen gegeben, es war nur eine allgemeine selige Stimmung nach den opulenten Moskauer Festessen. Die Herren haben einfach zu viel gegessen.« Ich hatte noch in Moskau beschlossen, meine Rede in den »Moskauer Nachrichten« zu veröffentlichen und gleich darauf in Petersburg ein Heft des »Tagebuchs eines Schriftstellers« erscheinen zu lassen; in diesem Heft, welches wohl das einzige in diesem Jahrgang sein wird, wollte ich meine Rede abdrucken, und zwar mit einer gewissen Einleitung, welche mir unmittelbar nach meiner Rede noch auf dem Podium eingefallen ist, in dem Augenblick, als zugleich mit Aksakow und den andern auch Turgenjew und Annenkow über mich herfielen, um mich abzuküssen, mir die Hände drückten und in einem fort wiederholten, daß ich ein wahrhaft geniales Werk geschrieben habe. Mein Gott, ob sie auch heute noch dieser Meinung sind? Ich stelle mir lebhaft vor, wie sie jetzt über meine Rede urteilen, wo sie sich von ihrer ersten Begeisterung erholt haben, und dies ist eben das Thema meiner Einleitung. Als die Rede mit der Einleitung bereits an die Druckerei in Petersburg abgeschickt war und ich schon die Korrektur in Händen hatte, entschloß ich mich plötzlich, noch ein neues Kapitel für das »Tagebuch« zu schreiben, meine profession de foi in Form eines Briefes an Gradowskij; es sind ganze zwei Druckbogen geworden, ich habe meine ganze Seele in diesen Aufsatz hineingelegt und das Manuskript erst heute an die Druckerei abgeschickt. Gestern war Fedjas Geburtstag, wir hatten Besuch, ich saß aber abseits und schrieb den Aufsatz fertig. Aus diesem Grunde dürfen Sie mir nicht übelnehmen, daß ich Ihren Brief erst heute beantworte. Ich hänge mit großer Liebe an Ihnen, das wissen Sie selbst! Meine Moskauer Eindrücke kann ich in einem Brief gar nicht wiedergeben, ebensowenig wie meine jetzige Stimmung. Ich stecke tief in der Arbeit, es ist wahre Zuchthausarbeit. Ich will im September unbedingt den vierten und letzten Teil der Brüder Karamasow fertig schreiben, und wenn ich im Herbste nach Petersburg zurückkehre, werde ich einige Zeit verhältnismäßig frei sein; in dieser freien Zeit will ich mich für das »Tagebuch« vorbereiten, welches ich im kommenden Jahr 1881 wahrscheinlich wieder herausgeben werde.

Bildnis Dostojewskijs, Moskau 1880

Sind Sie in der Sommerfrische? Auf welchem Wege gelangen die Nachrichten aus Moskau zu Ihnen? Ich weiß nicht, was Ihnen Gajewskij erzählt hat, aber die Sache mit Katkow hat sich doch ganz anders abgespielt. Die »Gesellschaft der Liebhaber Russischer Literatur«, welche die Feier arrangierte, hat Katkow schwer beleidigt, indem sie von ihm die Einladungskarte, die er ursprünglich erhalten hatte, zurückforderte; Katkow hat seine Rede bei dem von der Stadtverwaltung veranstalteten Festessen, und zwar auf Aufforderung der Stadtverwaltung, gehalten. Turgenjew hatte gar keinen Grund, von Katkow Beleidigungen zu erwarten; vielmehr war Katkow berechtigt, irgendwelche Gemeinheiten zu befürchten. Für Turgenjew war (von Kowalewskij und den Universitätsleuten) eine so kolossale Partei vorbereitet, daß er wirklich nichts zu befürchten hatte. Turgenjew hat Katkow zuerst beleidigt. Als nach Katkows Rede auf ihn solche Leute wie Iwan Aksakow zugingen, um mit ihm anzustoßen (selbst die Gegner stießen mit ihm an), streckte Katkow seine Hand mit dem Glase auch Turgenjew entgegen, um mit ihm anzustoßen; Turgenjew zog aber seine Hand zurück und stieß nicht mit ihm an. So hat es mir Turgenjew selbst erzählt.

Sie bitten mich, daß ich Ihnen meine Rede schicke. Ich habe aber keine einzige Abschrift, und das einzige Exemplar befindet sich in der Druckerei, wo eben das »Tagebuch« gesetzt wird. Das »Tagebuch« wird ungefähr am 5. August erscheinen; schenken Sie diesem Heft einige Aufmerksamkeit und zeigen Sie es auch meinem lieben Mitarbeiter Andrej Andrejewitsch. Ich möchte gern auch seine Meinung hören.

Ihr ergebener
Dostojewskij.

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