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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 75
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXXIII.
An Fräulein N. N., Petersburg, den 11. April 1880

Sehr geehrtes gnädiges Fräulein! Verzeihen Sie, daß ich Ihren schönen freundschaftlichen Brief so lange nicht beantwortet habe; halten Sie es nicht für eine Nachlässigkeit meinerseits. Ich wollte Ihnen etwas sehr Aufrichtiges und Herzliches sagen, mein Leben verläuft aber, bei Gott, in solcher Unordnung und Hast, daß ich mir nur in seltenen Augenblicken selbst gehöre. Sogar jetzt, da ich endlich einen Augenblick Zeit habe, um Ihnen zu schreiben, werde ich wohl kaum einen winzigen Bruchteil dessen, was mein Herz erfüllt und was ich Ihnen sagen möchte, mitteilen können. Ihre Meinung von mir ist mir außerordentlich wertvoll: Ihre Frau Mutter hat mir die Stelle in Ihrem Brief an sie, die von mir handelt, gezeigt und Ihre Worte haben mich sehr tief gerührt und sogar in Erstaunen versetzt: ich weiß, daß ich als Schriftsteller viele Fehler habe, denn ich bin auch selbst mit mir immer unzufrieden. Denken Sie sich nur, in manchen schweren Augenblicken, wo ich mir selbst Rechenschaft über mich zu geben versuche, komme ich zur qualvollen Erkenntnis, daß ich in meinen Werken auch nicht den zwanzigsten Teil dessen, was ich habe sagen wollen und vielleicht auch hätte sagen können, gesagt habe. Mich rettet nur meine ständige Hoffnung, daß Gott mir dereinst so viel Begeisterung und Kraft bescheren wird, daß ich alles, was mein Herz und meine Phantasie erfüllt, vollständiger zum Ausdruck bringen kann. Neulich fand hier die öffentliche Doktordisputation des jungen Philosophen Wladimir Ssolowjow (er ist ein Sohn des bekannten Historikers) statt; ich bekam folgenden tiefsinnigen Satz von ihm zu hören: »Ich bin fest davon überzeugt, daß die Menschheit viel mehr weiß, als sie bisher in ihrer Wissenschaft und ihrer Kunst ausgesprochen hat.« Ebenso steht es mit mir: ich fühle, daß in mir viel mehr enthalten ist, als ich bisher in meinen Schriften ausgesprochen habe. Und wenn ich jede falsche Scham beiseite lasse, muß ich bekennen, daß auch in dem, was ich bisher geschrieben habe, manches enthalten ist, was wirklich aus der Tiefe meines Herzens kam. Ich schwöre Ihnen: ich habe sehr viel Anerkennung, vielleicht sogar mehr, als ich verdiene, gefunden, doch hat die Kritik, die literarische Zeitungskritik, die mich zwar manchmal (höchst selten) lobt, von mir immer so leicht und oberflächlich gesprochen, daß ich annehmen muß, daß sie alles, was unter großen Wehen von meinem Herzen geboren und mir unmittelbar aus der Seele geflossen ist, einfach übersehen hat. Daraus können Sie schließen, welch einen angenehmen Eindruck auf mich die feinen und tiefen Gedanken über mein Werk, die ich in Ihrem Briefe an Ihre Frau Mutter gelesen habe, machen mußten.

Ich schreibe aber nur über mich selbst, was übrigens in einem Brief an meinen klugen und mir sympathischen Kritiker, den ich in Ihnen sehe, doch ganz selbstverständlich ist. Sie schreiben mir von den seelischen Stimmungen, die Sie jetzt durchmachen. Ich weiß, daß Sie Künstlerin sind und sich mit Malerei befassen. Gestatten Sie, daß ich Ihnen einen Rat erteile, der mir wirklich aus dem Herzen kommt: bleiben Sie bei Ihrer Kunst und geben Sie sich ihr noch mehr hin als bisher. Ich weiß, ich hörte (nehmen Sie es mir nicht übel), daß Sie nicht glücklich sind. Wenn Sie in Einsamkeit leben und Ihre seelischen Wunden durch Erinnerungen immer neu aufreißen, kann Ihr Leben gar zu düster werden. Es gibt dagegen nur ein Heilmittel, nur eine Zuflucht: es ist die Kunst, die schöpferische Tätigkeit. Unternehmen Sie es nur nicht, mir Ihre Beichte zu schreiben; das wird Ihnen sicher viel zu schwer fallen. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen Ratschläge erteile; ich möchte Sie aber gern sehen und Ihnen mündlich wenige Worte sagen. Nach dem Brief, den Sie mir geschrieben haben, muß ich Sie selbstverständlich als einen mir teuren Menschen, als ein meiner Seele verwandtes Geschöpf, als meine Herzensschwester betrachten; wie könnte ich nicht mit Ihnen fühlen?

Was schreiben Sie mir eigentlich von Ihrem inneren Zwiespalt? Dieser Zug ist ja allen Menschen eigen ... allen Menschen, die nicht ganz gewöhnlich sind. Er ist auch der menschlichen Natur im allgemeinen eigen, tritt aber lange nicht bei jedem Menschen mit solcher Kraft wie bei Ihnen zutage. Eben aus diesem Grunde muß ich Sie als eine mir verwandte Seele betrachten, denn Ihr innerer Zwiespalt entspricht ganz genau dem meinigen. Er verursacht große Qualen und zugleich ein großes Wonnegefühl. Dieser Zwiespalt bedeutet nichts anderes, als daß Sie ein verstärktes Selbstbewußtsein, ein Bedürfnis nach Selbstkritik und ein in Ihrer Natur begründetes Gefühl für die moralische Pflicht gegen sich selbst und die ganze Menschheit haben. Wenn Ihr Verstand weniger entwickelt wäre, wenn Sie beschränkter wären, so wären Sie weniger empfindsam und hätten diesen Zwiespalt nicht. Im Gegenteil, an seine Stelle wäre große Selbstüberhebung getreten. Und doch ist dieser Zwiespalt eine große Qual. Mein liebes, aufrichtig verehrtes Fräulein N. N., glauben Sie an Christus und seine Gebote? Wenn Sie an ihn glauben (oder wenigstens den festen Willen dazu haben), so geben Sie sich Ihm vollständig hin; die Qualen Ihres Zwiespaltes werden dadurch gelindert, und Sie werden einen inneren Ausweg finden; das ist aber die Hauptsache.

Verzeihen Sie, daß mein Brief so unordentlich geworden ist. Wenn Sie nur wüßten, wie sehr mir die Fähigkeit abgeht, Briefe zu schreiben, und welche Last das Briefschreiben für mich bedeutet. Ihnen werde ich aber immer antworten, wenn Sie sich wieder an mich wenden. Da ich schon einmal einen solchen Freund, wie Sie mir einer sind, gewonnen habe, will ich ihn nicht so schnell verlieren! Leben Sie wohl. Ihr Ihnen herzlich ergebener und seelenverwandter Freund

F. Dostojewskij.

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