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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 74
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXXII.
An eine Gruppe Moskauer Studenten.
Petersburg, den 18. April 1878

Am 3. April 1878 wurden in Moskau Studenten, die zugunsten ihrer in Kiew verhafteten Kollegen demonstrierten, auf der Straße von den Metzgern (der Fleischmarkt liegt in Moskau in der Nähe der Universität) verprügelt. Eine Gruppe Studenten wandte sich mit brieflichem Protest an Dostojewskij.

Meine sehr geehrten Herren Studenten! Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen so lange nicht geantwortet habe; ich war wirklich krank, und noch andere Umstände haben meine Antwort verzögert. Ich wollte Ihnen ursprünglich öffentlich in den Zeitungen antworten; es stellte sich aber heraus, daß dies aus Gründen, für die ich nichts kann, unmöglich ist; jedenfalls kann ich in der Presse Ihre Fragen nicht mit der nötigen Ausführlichkeit behandeln. Zweitens, wenn ich Ihnen nur brieflich antworte, was kann ich da überhaupt sagen? Ihre Fragen berühren die ganze innere Lage Rußlands; soll ich also ein ganzes Buch schreiben, nicht wahr? Meine ganze profession de foi?

Ich habe mich endlich entschlossen, Ihnen diesen kurzen Brief zu schreiben, wobei ich riskiere, daß Sie mich absolut mißverstehen; und dies wäre mir höchst unangenehm.

Sie schreiben mir: »Am allerwichtigsten ist uns die Beantwortung der Frage, inwiefern wir selbst an der Sache schuld sind und was für Schlüsse die Gesellschaft und auch wir selbst aus den Ereignissen ziehen sollen?«

Des weiteren weisen Sie sehr fein und richtig auf das Wesentlichste im Verhältnisse der heutigen russischen Presse zur studierenden Jugend hin.

In unserer Presse herrscht (Ihnen gegenüber) »ein Ton von Zuvorkommenheit und Nachsicht«. Das ist wirklich wahr: Der Ton ist wirklich zuvorkommend, für alle Fälle nach einer bestimmten Schablone festgelegt und im höchsten Grade abgeschmackt und veraltet.

Weiter schreiben Sie: »Offenbar haben wir nichts mehr von diesen Leuten zu erwarten, die auch von uns nichts mehr erwarten und sich von uns wegwenden, indem sie ihr vernichtendes Urteil über die Wilden aussprechen.«

Auch das ist wahr: sie wenden sich wirklich von Ihnen weg und kümmern sich überhaupt gar nicht um Sie (jedenfalls die überwiegende Mehrzahl). Doch es gibt auch Menschen, und sogar recht viele, wie in der Presse, so auch in der Gesellschaft, die entsetzlich unter dem Gedanken leiden, daß die Jugend mit dem Volke (das in erster Linie) und auch mit der Gesellschaft gebrochen hat. Denn es ist wirklich so. Die Jugend lebt in abstrakten Gedanken, befolgt ausländische Lehren, will nichts von Rußland wissen, will vielmehr die eigene Heimat belehren. Schließlich steht es heute außer jedem Zweifel, daß unsere Jugend einer von außen auf sie einwirkenden leitenden politischen Partei in die Hände gefallen ist, die sich um die Interessen der Jugend in keiner Weise bekümmert und sie nur als Material und Lämmerherde für ihre eigenen Ziele braucht. Widersprechen Sie mir nicht, meine Herren, denn es ist so.

Sie fragen mich, meine Herren: »Inwiefern tragen wir Studenten selbst Schuld an den Ereignissen?« Hier ist meine Antwort: Ich glaube, daß Sie an der Sache nicht die geringste Schuld tragen. Denn Sie sind ja nur Kinder der gleichen Gesellschaft, von der Sie sich jetzt abwenden und die »eitle Lüge« ist. Wenn sich aber unser Student von der Gesellschaft lossagt, geht er nicht ins Volk, sondern in ein nebelhaftes »Ausland«, flüchtet ins Europäertum, ins abstrakte Reich des phantastischen »Allmenschen« und zerreißt auf diese Weise alle Bande, die ihn noch mit dem Volke verbinden; er verachtet das Volk und verkennt es wie ein echter Sohn der Gesellschaft, mit der er gleichfalls gebrochen hat. Und doch liegt im Volke unsere ganze Rettung (doch dies ist ein langes Thema) ... Aber auch diese Entzweiung mit dem Volke darf der Jugend nicht allzu streng angerechnet werden. Wo hat sie überhaupt Gelegenheit, bevor sie noch ins wirkliche Leben tritt, sich irgendwelche Gedanken über das Volk zu machen?

Das Schlimmste an der Sache ist aber, daß das Volk bereits bemerkt hat, daß die intelligente russische Jugend mit ihm gebrochen hat; und noch schlimmer ist, daß es die jungen Leute, auf die es sein Augenmerk gerichtet hat, mit »Studenten« bezeichnet. Das Volk ist auf sie schon längst, schon im Anfang der sechziger Jahre, aufmerksam geworden; alle diese Leute, die »ins Volk gingen«, haben im Volke nur Abscheu erweckt. Das Volk nennt sie »Junker«; ich weiß ganz bestimmt, daß man sie so nennt. Eigentlich ist auch das Volk im Unrecht, denn es hat in unserem russischen Leben noch nie eine Periode gegeben, wo die Jugend (gleichsam in der Vorahnung, daß Rußland bei einem gewissen entscheidenden Punkt angelangt ist und über einem Abgrund schwebt) in ihrer überwiegenden Majorität so aufrichtig war, so nach Wahrheit lechzte, so opferfreudig ihr Leben für die Wahrheit und für jedes Wort der Wahrheit hingeben wollte, wie jetzt. In ihr liegt wahrlich die große Hoffnung Rußlands! Ich empfinde es schon lange und habe schon längst begonnen, in diesem Sinne zu schreiben. Und was kommt dabei plötzlich heraus? Die Jugend sucht die Wahrheit, nach der sie so sehr lechzt, Gott weiß wo, an den absonderlichsten Quellen (auch hierin gleicht sie der durch und durch verfaulten europäisch-russischen Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat), und nicht im Volke, nicht auf der eigenen Scholle. Die Folge davon ist, daß im entscheidenden Augenblick weder die Gesellschaft noch die Jugend das Volk kennen. Statt das Leben des Volkes zu leben, begeben sich die jungen Leute, die nichts vom Volke verstehen, und alle seine Grundlagen, wie zum Beispiel seine Religion, aufs tiefste verachten, ins Volk, nicht um es kennen zu lernen, sondern um es von oben herab und mit einer gewissen Verachtung zu belehren; ein durchaus aristokratischer Sport! »Junker« nennt sie das Volk und hat recht. Es ist ja wirklich seltsam: überall auf der Welt waren die Demokraten immer auf der Seite des Volkes; nur bei uns haben sich die intelligenten Demokraten mit den Aristokraten gegen das Volk verbündet: sie gehen ins Volk, »um ihm Gutes zu tun«, und verachten dabei alle seine Sitten und Ideale. Eine solche Verachtung kann aber unmöglich zur Liebe führen!

Im vorigen Winter bei Ihrer Demonstration vor der Kasan-Kathedrale drang die Menge in die Kirche ein, rauchte Zigaretten, entweihte den Tempel und verübte einen Skandal. »Hören Sie einmal,« hätte ich zu diesen Studenten gesagt (manchen habe ich es auch tatsächlich gesagt), »Sie glauben nicht an Gott, und das ist Ihre Sache; warum beleidigen Sie aber das Volk, indem Sie seinen Tempel entweihen?« Das Volk nannte Sie wieder »Junker« und, was noch viel schlimmer ist, »Studenten«, obwohl auch zahlreiche obskure Juden und Armenier dabei waren (die Demonstration war, wie es nun erwiesen ist, politisch und von auswärts vorbereitet). Ebenso bezeichnete das Volk nach dem Prozeß der Sassulitsch Wera Sassulitsch, bekannte Terroristin, kam wegen eines politischen Attentats vors Gericht, wurde aber von den Geschworenen freigesprochen. alle Revolverhelden mit »Studenten«. Dies ist schlimm, obwohl auch tatsächlich Studenten darunter waren. Schlimm ist auch, daß das Volk bereits sein Augenmerk auf sie gerichtet hat und sie gehässig und feindselig behandelt. Auch Sie, meine Herren, bezeichnen zugleich mit der intelligenten Presse das Volk von Moskau als »Metzger«. Was soll das heißen? Warum sind Metzger kein Volk? Sie sind eben das eigentliche Volk, auch der große Minin Minin, Volksheld im Interregnum von 1610-13. war ein Metzger. Nun ist man über die Art und Weise empört, in der das Volk seine Empfindungen zum Ausdruck gebracht hat. Merken Sie sich aber: wenn das Volk beleidigt ist, äußert es seine Gefühle immer auf diese Weise. Das Volk ist roh, denn es besteht aus Bauern. Das Ganze war eigentlich nur die Lösung eines Mißverständnisses, das schon seit uralten Zeiten (man hatte es früher einfach übersehen) zwischen dem Volk und der Gesellschaft, d. h. der Jugend, die am hitzigsten ist und am schnellsten ihre Beschlüsse faßt, besteht. Die Sache spielte sich wirklich sehr häßlich ab und gar nicht so, wie sie sich eigentlich hätte abspielen müssen, denn mit Fäusten kann man nie etwas beweisen. So war es aber immer und überall bei jedem Volk. Das englische Volk bearbeitet bei den Meetings seine Gegner oft mit Fäusten, und das französische Volk hat während der Revolution vor der Guillotine, während sie ihre Arbeit verrichtete, gejauchzt und getanzt. Selbstverständlich ist das alles häßlich. Es bleibt aber die Tatsache, daß das Volk (das ganze Volk und nicht nur die Metzger; es ist ein schlechter Trost, wenn Sie die Leute mit ähnlichen Worten bezeichnen) sich gegen die Jugend empört hat und sein Augenmerk auf die Studenten gerichtet hat; andererseits muß aber auch die betrübende Tatsache festgestellt werden (und sie ist sehr bedeutungsvoll), daß die Presse, die Gesellschaft und die Jugend sich verschworen haben, das eigentliche Volk zu verkennen und zu sagen: Das ist kein Volk, sondern Pöbel.

Meine Herren, wenn Sie in meinen Worten etwas finden, was Ihren Ansichten widerspricht, so wird es wohl das beste sein, wenn Sie mir dafür nicht zürnen. Denn es gibt ohnehin Kummer genug. In unserer durchfaulten Gesellschaft herrscht nichts als eitle Lüge. Sie kann sich aus eigener Kraft nicht mehr halten. Nur das Volk allein ist stark und fest, doch zwischen der Gesellschaft und dem Volke herrschen seit zwei Jahren entsetzliche Widersprüche. Als unsere Sentimentalisten das Volk von der Leibeigenschaft befreiten, glaubten sie voller Rührung, daß es sich sofort ihre europäische Lüge oder Zivilisation, wie sie sie nennen, aneignen würde. Das Volk hat sich aber als sehr selbständig erwiesen, und nun beginnt es, die Verlogenheit der oberen Schichte unserer Gesellschaft zu erkennen. Die Ereignisse der beiden letzten Jahre haben es nur gekräftigt und ihm vieles aufgeklärt. Das Volk unterscheidet aber außer seinen Feinden auch seine Freunde. Auch manche traurige und qualvolle Tatsachen sind zu verzeichnen: die aufrichtig gesinnte, von ehrlichen Absichten beseelte Jugend ging auf ihrer Suche nach der Wahrheit zum Volk, um dessen Leiden zu lindern. Und was kam dabei heraus? Das Volk jagt sie von sich fort und will ihre ehrlichen Bemühungen nicht anerkennen. Denn diese Jugend hält das Volk für etwas anderes als es ist, sie haßt und verachtet seine Ideale und bringt ihm Arzneien, die es für unsinnig und verrückt halten muß.

Bei uns in Petersburg ist jetzt wirklich der Teufel los. In der Jugend herrscht die Macht des Revolvers und die Überzeugung, daß die Regierung vor ihr Angst hat. Das Volk verachtet sie nach wie vor und rechnet überhaupt nicht mit ihm; sie merkt sogar nicht, daß das Volk vor ihr gar keine Angst hat und nie den Kopf verlieren wird. Und wenn wieder Zusammenstöße kommen? Wir leben in einer qualvollen Zeit, meine Herren!

Meine Herren, ich schrieb Ihnen alles, was ich konnte. Jedenfalls habe ich, wenn auch nicht genügend ausführlich, Ihre Frage beantwortet: Nach meiner Ansicht haben die Studenten keine Schuld, sogar im Gegenteil: Unsere Jugend war noch nie so ehrlich und aufrichtig wie jetzt (diese Tatsache ist nicht unbedeutend, sondern groß und historisch). Leider trägt aber unsere Jugend die ganze Lüge der beiden Jahrhunderte unserer Geschichte mit sich herum. Sie hat folglich gar nicht die Kraft, den Verhältnissen auf den Grund zu kommen, und man darf sie in keiner Weise beschuldigen, um so mehr, als sie bei der Sache Partei (und dazu noch die beleidigte Partei) ist. Selig sind aber diejenigen, die auch unter diesen Umständen den rechten Weg finden. Der Bruch mit der Umgebung soll viel entscheidender sein als der Bruch zwischen der Gesellschaft von heute und der von morgen, von dem die Sozialisten predigen. Denn wenn man ins Volk gehen und mit dem Volke bleiben will, muß man vor allen Dingen lernen, das Volk nicht zu verachten; dies kann aber unsere oberste Schicht fast unmöglich lernen. Zweitens muß man auch anfangen, an Gott zu glauben, was unseren russischen Europäern unmöglich ist (obwohl die eigentlichen Europäer in Europa an Gott glauben).

Ich begrüße Sie, meine Herren, und drücke Ihnen, wenn Sie es gestatten, die Hand. Wenn Sie mir eine große Freude machen wollen, so halten Sie mich um Gottes willen nicht für einen Prediger, der Sie belehren will. Sie haben mich aufgefordert, Ihnen die Wahrheit nach Glauben und Gewissen zu sagen; und ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, wie ich sie mir denke und wie ich es kann. Denn kein Mensch kann mehr, als ihm seine Kräfte und Fähigkeiten erlauben.

Ihr ergebener
Fjodor Dostojewskij.

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