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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 72
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXX.
An N. L. Osmidow, Petersburg, Februar 1878

Mein lieber und guter Nikolai Lukitsch! Erstens bitte ich Sie, mir zu verzeihen, daß ich Ihnen infolge meiner Krankheit und verschiedener Scherereien so lange nicht geantwortet habe. Zweitens, was kann ich Ihnen auf Ihre verhängnisvolle Frage, die zu den ewigen Fragen der Menschheit gehört, antworten? Kann man denn solche Fragen in den wenigen Zeilen eines Briefes behandeln? Wenn ich mit Ihnen einige Stunden sprechen könnte, wäre es ganz anders; und selbst dann würde ich wohl nichts erreichen. Einen Ungläubigen kann man am allerwenigsten durch Worte und Betrachtungen bekehren. Wäre es nicht besser, wenn Sie möglichst aufmerksam alle Briefe des Apostels Paulus lesen würden? Dort ist viel vom Glauben die Rede, und man kann die Frage gar nicht besser behandeln. Ich empfehle Ihnen auch, die ganze Bibel in russischer Übersetzung zu lesen. Einen merkwürdigen Eindruck macht dieses Buch, wenn man es ganz durchliest. Sie gewinnen dabei z. B. die Überzeugung, daß es in der Menschheit kein anderes Buch von dieser Bedeutung gibt und geben kann. Ganz abgesehen davon, ob Sie glauben oder nicht.

Ich kann Ihnen keinerlei Andeutungen machen. Ich will nur das eine sagen: ein jeder Organismus existiert auf Erden nur, um zu leben, und nicht, um sich selbst zu vernichten. Die Wissenschaft hat dies festgestellt und recht genaue Gesetze zur Begründung dieses Axioms festgelegt. Die Menschheit als Ganzes ist selbstverständlich auch so ein Organismus. Auch dieser Organismus hat natürlich seine eigenen Existenzbedingungen und Gesetze. Die menschliche Vernunft ergründet diese Gesetze. Stellen Sie sich nun vor, daß es weder einen Gott noch eine persönliche Unsterblichkeit gibt (persönliche Unsterblichkeit und Gott ist dasselbe, die gleiche Idee). Sagen Sie mir dann: warum soll ich ordentlich leben und Gutes tun, wenn ich auf Erden restlos sterben werde? Wenn es keine Unsterblichkeit gibt, brauche ich nur meine Frist abzuleben, und nachher kann von mir aus alles in Flammen untergehen. Und wenn dem wirklich so ist (und wenn ich geschickt genug bin und mich nicht auf Grund der bestehenden Gesetze erwischen lasse), warum soll ich dann nicht jemanden abschlachten, berauben, bestehlen, oder wenigstens auf Kosten der andern leben? Ich werde ja sterben, und alles wird sterben und vergehen! Auf diese Weise gelangt man zum Schluß, daß nur der menschliche Organismus sich dem allgemeinen Gesetz nicht unterwirft, daß er nur dazu lebt, um sich zu zerstören, und nicht, um sich zu erhalten. Denn was ist das für eine Gesellschaft, deren Mitglieder einander befehden? Es kann nur entsetzlicher Unsinn dabei herauskommen. Denken Sie sich noch mein »Ich« hinzu, welches dies alles erfaßt hat. Wenn mein Ich die ganze Erde und ihr Grundgesetz erfaßt hat, so steht es über allen Dingen, steht abseits von allen Dingen, richtet sie und ergründet sie. In diesem Falle ist mein Ich nicht nur vom irdischen Axiom, von den irdischen Gesetzen unabhängig, sondern hat auch ein eigenes Gesetz, welches über dem irdischen steht. Wo ist aber dieses Gesetz? Jedenfalls nicht auf der Erde, wo alles seinen Abschluß findet und spurlos ohne Auferstehung vergeht. Ist das denn kein Hinweis aus die persönliche Unsterblichkeit? Wenn es die Unsterblichkeit nicht gäbe, würden Sie sich dann, Nikolai Lukitsch, überhaupt noch Sorgen darüber machen, forschen und Briefe schreiben? Folglich können Sie mit Ihrem »Ich« nicht fertig werden; Ihr »Ich« will sich den irdischen Verhältnissen nicht unterordnen und sucht etwas, was außerhalb der Erde liegt und dem es gleichfalls angehört. Übrigens, was ich auch darüber schreibe, ich erreiche doch nichts. Ich drücke herzlich Ihre Hand und verabschiede mich von Ihnen. Bleiben Sie doch bei Ihrer Unruhe, suchen Sie weiter, vielleicht werden Sie finden.

Ihr Diener und aufrichtiger Freund
F. Dostojewskij.

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