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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 71
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXIX.
An Herrn A. P. N., den 19. Mai 1877

Sehr geehrter Alexander Pawlowitsch, entschuldigen Sie gütigst, daß ich Ihnen so lange nicht geantwortet habe. Ich kann erst heute für einige Zeit aus Petersburg abreisen; bisher hatte ich furchtbar viel zu tun, auch machte mir meine Krankheit viel zu schaffen. Was soll ich Ihnen aber schreiben? Sie sind ja ein kluger Mensch und werden selbst begreifen, daß die Fragen, die Sie an mich richten, abstrakt und nebelhaft sind; außerdem weiß ich ja gar nichts von Ihrer Person. Auch ich habe mit sechzehn Jahren an den gleichen Zweifeln gelitten wie Sie; ich war aber irgendwie davon überzeugt, daß es mir früher oder später gelingen würde, eine mir entsprechende Laufbahn einzuschlagen, und daher machte ich mir keine allzugroßen Sorgen. Es war mir ziemlich gleichgültig, welche Stellung ich dereinst in der Literatur einnehmen würde: in meiner Seele war ein eigenes Feuer, an das ich glaubte, und ich bekümmerte mich gar nicht, was dabei herauskommen sollte; das sind meine Erfahrungen, nach denen Sie mich fragen.

Kann ich denn Ihr Herz kennen? Wenn Sie meine Meinung hören wollen, so rate ich Ihnen, ohne Schwanken an Ihren innern Drang zu glauben; vielleicht wird Sie das Schicksal auf die literarische Laufbahn leiten. Ihre Ansprüche sind ja recht bescheiden, denn Sie wollen nur ein Arbeiter zweiten Ranges werden. Dem will ich noch hinzufügen: mein Drang hinderte mich seinerzeit nicht im geringsten an einer praktischen Auffassung des Lebens; ich war ja immer Dichter und kein Ingenieur, und doch war ich während meines ganzen Studiums an der Ingenieurschule, von der ersten bis zur letzten Klasse, einer der besten Schüler; nachher war ich einige Zeit in Stellung, obwohl ich wußte, daß ich früher oder später diese Tätigkeit aufgeben würde; ich sah aber in dieser Tätigkeit nichts, was meiner künftigen Tätigkeit widersprechen könnte; ich war vielmehr fest davon überzeugt, daß die Zukunft mir gehört, und daß ich allein über sie verfüge.

Wenn also eine amtliche Anstellung Sie an der Ausübung Ihres literarischen Berufes nicht hindert, warum sollten Sie dann vorläufig keinen Posten annehmen?

Ich schreibe dies alles selbstverständlich aufs Geratewohl, denn ich kenne Sie zu wenig; ich will Ihnen aber gerne gefällig sein und Ihren Brief möglichst aufrichtig beantworten.

Was alles übrige betrifft, so ist es zum Teil Übertreibung.

Gestatten Sie, daß ich Ihre Hand drücke.

Ihr Fjodor Dostojewskij.

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