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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 70
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXVIII.
An Fräulein Gerassimowa, Petersburg, den 7. März 1877

Sehr geehrtes Fräulein Gerassimowa! Ihr Brief quälte mich entsetzlich, weil ich ihn so lange nicht beantworten konnte. Was werden Sie wohl von mir denken? In Ihrer gedrückten Stimmung werden Sie mein Schweigen vielleicht als eine Beleidigung auffassen.

Sie müssen wissen, daß ich von Arbeit beinahe erdrückt bin. Außer der Arbeit für das periodisch erscheinende »Tagebuch« muß ich noch eine Menge Briefe erledigen. Ich bekomme täglich mehrere Briefe von der Art wie der Ihrige und kann sie unmöglich mit wenigen Zeilen abfertigen. Außerdem habe ich neulich drei epileptische Anfälle erlitten, und zwar von solcher Kraft und in so rascher Aufeinanderfolge, wie es mir seit Jahren nicht vorgekommen ist. Nach jedem Anfall war ich körperlich und geistig so zerschlagen, daß ich zwei und drei Tage darauf weder arbeiten oder schreiben noch lesen konnte. Jetzt, da Sie es wissen, werden Sie mir mein langes Schweigen verzeihen.

Arbeitszimmer Dostojewskijs in Petersburg

Ihren Brief habe ich keineswegs für kindisch oder dumm gehalten, wie Sie annehmen. Denn diese Stimmung ist jetzt allgemein, und es gibt viele solche leidende junge Mädchen. Ich will Ihnen aber nicht viel über dieses Thema schreiben, werde Ihnen nur meine Grundgedanken über die Frage im allgemeinen und speziell über Sie darlegen. Wenn ich Ihnen rate, sich zu beruhigen, im Elternhause zu bleiben und irgendeinen intelligenten Beruf (Ihrem Bildungsgange entsprechend) zu ergreifen, so werden Sie auf mich sowieso nicht hören. Warum haben Sie es übrigens so eilig, was fürchten Sie zu versäumen? Sie wollen sich möglichst bald nützlich betätigen. Und doch könnten Sie mit Ihrem Eifer (vorausgesetzt, daß er echt ist), wenn Sie sich nicht überstürzen, sondern weiter für Ihre Bildung sorgen, sich zu einer Tätigkeit vorbereiten, die hundertmal nützlicher ist, als die obskure und unbedeutende Rolle einer Krankenpflegerin, Hebamme oder Ärztin. Sie wollen unbedingt in die hiesige medizinische Frauenhochschule eintreten. Ich möchte Ihnen davon entschieden abraten. Sie erlangen dort keinerlei Bildung, sondern das Gegenteil. Und was haben Sie davon, wenn Sie einmal wirklich Hebamme oder Ärztin werden? Einen solchen Beruf – wenn Sie sich von ihm schon wirklich so viel erwarten – können Sie auch später einmal ergreifen; wäre es aber nicht besser, wenn Sie jetzt andere Ziele verfolgten und für Ihre allgemeine Bildung sorgten? Schauen Sie sich nur alle unsere Spezialisten (selbst die Universitätsprofessoren) an: woran kranken sie alle, und wodurch schädigen sie (anstatt Nutzen zu bringen!) ihren eigenen Beruf? Doch nur dadurch, daß die Mehrzahl unserer Spezialisten entsetzlich ungebildete Menschen sind. Im Auslande ist es ganz anders; dort gibt es einen Humboldt oder einen Claude-Bernard, Menschen mit universellem Denken, großer Bildung und Kenntnissen auch außerhalb ihres Faches. Bei uns sind aber sogar hochbegabte Leute unglaublich ungebildet; so z. B. Ssjetschenow Berühmter russischer Physiologe., der im Grunde genommen ungebildet ist und außerhalb seiner engeren Spezialität nichts weiß; von seinen wissenschaftlichen Gegnern (den Philosophen) hat er keine Ahnung; daher sind seine wissenschaftlichen Ergebnisse eher schädlich als nützlich. Und die Mehrzahl unserer Studenten und Studentinnen hat überhaupt keine Bildung. Wie können sie da der Menschheit nützlich sein! Sie studieren, nur um möglichst bald gut besoldete Posten zu bekommen ...

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