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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 69
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXVII.
An Wsewolod Ssolowjow, Bad Ems, Juli 1876

Wsewolod Ssergejewitsch Ssolowjow, Verfasser populärer historischer Romane, Bruder des Philosophen Wladimir Ssolowjow.

Ich habe vor meiner Abreise mehrere, selbst rein persönliche, sogar dringende Angelegenheiten nicht geordnet. Doch hier im langweiligen Bade hat mich Ihr Brief buchstäblich erquickt und ist mir zu Herzen gegangen; es war mir schon recht trübe zumute: ich weiß selbst nicht, wieso es kommt, doch jedesmal, wenn ich nach Ems komme, überfällt mich ein quälendes, ganz grundloses, mit Hypochondrie vermengtes Unlustgefühl. Ob es meine Einsamkeit unter der Menge von achttausend Kurgästen, oder das hiesige Klima macht, kann ich nicht entscheiden; doch ich bin hier immer in so schlechter Stimmung, wie kaum jemand anderer. Sie schreiben, daß Sie mich sprechen müssen; und wie gern möchte ich Sie sehen!

Das Juniheft des »Tagebuches« hat Ihnen also gefallen. Ich freue mich darüber und habe dazu besonderen Grund. Ich habe mir noch nie erlaubt, meine gewissen Ueberzeugungen in meinen Schriften bis zu den äußersten Konsequenzen zu führen, mein allerletztes Wort zu sagen. Ein sehr gescheiter Briefschreiber aus der Provinz machte mir sogar einmal den Vorwurf, daß ich in meinem »Tagebuch« so viele wichtige Fragen berührt und doch keine einzige endgültig erörtert hätte; er ermutigte mich und riet mir, tapferer vorzugehen. Da entschloß ich mich, einmal das letzte Wort von meinen Überzeugungen auszusprechen – von der Rolle und der Bestimmung Rußlands unter den Völkern –, und ich äußerte die Meinung, daß meine Erwartungen nicht nur in der nächsten Zukunft in Erfüllung gehen werden, sondern schon jetzt teilweise zur Wirklichkeit werden.

Und nun geschah wirklich das, was ich erwartet hatte: selbst die mir freundlich gesinnten Zeitungen und Zeitschriften erhoben ein Geschrei, daß in meinem Artikel alles durchaus paradox sei; die übrigen Zeitschriften dagegen schenkten ihm nicht die geringste Beachtung, während ich die allerwichtigste Frage berührt zu haben glaube. Das kommt also heraus, wenn man einen Gedanken zu Ende führen will! Sie dürfen ein beliebiges Paradoxon aufstellen, und wenn Sie es nicht bis an die äußersten Konsequenzen führen, so wird es allen durchaus fein, geistreich und comme il faut erscheinen; wenn Sie aber auch das letzte Wort aussprechen und ganz offen (und nicht andeutungsweise) erklären: »Dieser ist der Messias!«, so wird Ihnen niemand glauben; denn Sie waren so naiv, Ihren Gedanken bis an die äußersten Konsequenzen zu führen. Wenn mancher berühmte Witzling, wie z. B. Voltaire, sich entschlossen hätte, einmal statt aller Andeutungen, Anspielungen und Verschweigungen mit seinem wirklichen Glaubensbekenntnis herauszurücken und sein tiefstes Wesen zu zeigen, so würde er ganz bestimmt auch nicht ein Zehntel seines Erfolgs erleben. Man würde ihn nur auslachen. Denn der Mensch vermeidet es instinktiv, sein letztes Wort zu sagen; er hat eine Abneigung gegen »gesagte Gedanken«: »Gesagt, wird der Gedanke Lug Aus einem Gedicht Tjutschews.

Nun können Sie selbst urteilen, wie wertvoll mir Ihre freundlichen Worte über meinen Juniaufsatz sind! Sie haben also meine Worte verstanden und sie ganz so aufgefaßt, wie ich sie mir selbst dachte. Ich danke Ihnen dafür; denn ich war schon selbst etwas enttäuscht und machte mir wegen meiner Übereilung Vorwürfe. Wenn sich im Publikum noch einige Leute finden, die mich ebenso verstehen wie Sie, habe ich meinen Zweck erreicht und bin zufrieden; dann waren also meine Worte nicht vergebens ... Die andern erklärten aber gleich mit Freudengeschrei: »Es ist ja so furchtbar paradox!« Und das sagen gerade jene Leute, die noch nie einen eigenen Gedanken im Kopfe gehabt haben ...

Ich bleibe hier bis zum 7. August (Altstil). Ich trinke hier Brunnen, würde mich aber nie entschließen, mich hier so zu quälen, wenn ich nicht die Überzeugung hätte, daß die Brunnenkur mir tatsächlich hilft. Es ist gar nicht der Mühe wert, Ems zu schildern! Ich habe dem Publikum versprochen, im August ein Doppelheft des »Tagebuches« erscheinen zu lassen; vorläufig habe ich aber noch keine Zeile geschrieben; vor lauter Langeweile bin ich so apathisch geworden, daß ich die mir bevorstehende Arbeit mit Widerwillen, wie ein nahes Unglück betrachte. Ich fühle schon jetzt, daß das Heft sehr schlecht ausfallen wird. Schreiben Sie mir jedenfalls noch hierher, mein Teuerster ...

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