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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 68
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXVI.
An Frau Ch. D. Altschewskaja, Petersburg, den 9. April 1876

Sie schreiben mir, daß ich mein Talent im »Tagebuch« vergeude und zu Bagatellen mißbrauche. Dasselbe habe ich auch hier zu hören bekommen. Nun will ich Ihnen u. a. folgendes sagen: Ich bin zum zwingenden Schluß gekommen, daß ein Künstler verpflichtet ist, außer der Dichtung auch noch die von ihm darzustellende Wirklichkeit (wie die historische, so auch die laufende) bis ins kleinste Detail zu kennen. Wir haben nur einen Dichter, der in dieser Beziehung wirklich hervorragend ist: es ist Graf Leo Tolstoi. Victor Hugo, den ich als Romandichter außerordentlich hoch schätze (denken Sie sich nur: der verstorbene Tjutschew Siehe Anmerkung Seite 78. wurde mir einmal wegen dieser Ansicht über Hugo ordentlich böse und sagte, daß mein »Raskolnikow« viel bedeutender sei, als Hugos »Misérables«), ist zwar bei der Schilderung von Details oft zu weitschweifig, gibt uns aber so wunderbare Beobachtungen, die die Welt ohne ihn wohl nie kennen gelernt hätte. Da ich mich nun mit der Absicht trage, einen sehr großen Roman zu schreiben, muß ich mich ganz speziell dem Studium der Wirklichkeit widmen; ich meine nicht der Wirklichkeit in eigentlichem Sinne, die ich ohnehin genügend kenne, sondern gewisse Einzelheiten der Gegenwart. In dieser Gegenwart interessiert mich ganz besonders die junge Generation und zugleich die moderne russische Familie, die, wie es mir vorkommt, heute ganz anders ist, als sie noch vor zwanzig Jahren war. Auch manches andere interessiert mich in der Gegenwart.

Ich könnte ja mit meinen dreiundfünfzig Jahren bei einiger Nachlässigkeit leicht hinter der heranwachsenden Generation zurückbleiben. Ich traf neulich zufällig Gontscharow und fragte ihn, ob ihm an den Erscheinungen der Gegenwart alles begreiflich sei; er antwortete mir vollkommen aufrichtig, daß er vieles nicht mehr begreifen könne. (NB. Dies soll unter uns bleiben.) Ich weiß allerdings, daß Gontscharow mit seinem hervorragenden Verstand nicht nur alles begreift, sondern auch imstande ist, die Lehrer von heute zu belehren; doch in dem bestimmten Sinne, in dem ich die Frage stellte (was er auch sofort begriff), will er die Erscheinungen gar nicht begreifen. »Mir sind meine Ideale und alles, was ich im Leben lieb gewonnen habe, viel zu teuer,« bemerkte er noch, »und ich will die wenigen Jahre, die ich noch zu leben habe, dabei bleiben; es würde mir zu schwer fallen, diese Leute (er zeigte auf die an uns vorbeiflutende Menge) zu studieren, denn ich müßte darauf die mir so wertvolle Zeit verwenden ...« Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen werden, verehrte Christina Danilowna: ich habe das Verlangen, noch etwas zu schreiben und zwar mit großer Sachkenntnis; aus diesem Grunde werde ich noch einige Zeit studieren und meine Eindrücke im »Tagebuch eines Schriftstellers« verzeichnen, damit nichts verloren geht. Selbstverständlich ist das alles nur ein Ideal, nach dem ich strebe! Sie werden mir wohl gar nicht glauben, wenn ich sage, daß ich für das »Tagebuch« noch immer nicht die richtige Form gefunden habe und gar nicht weiß, ob es mir überhaupt je gelingen wird, sie zu finden; das »Tagebuch« kann sich ja leicht noch zwei Jahre hinziehen und dabei immer ein durchaus mißlungenes Werk bleiben. Stellen Sie sich z. B. folgendes vor: wenn ich mich an die Arbeit setze, habe ich immer zehn bis fünfzehn Themen vorrätig; doch die Themen, die mir besonders interessant erscheinen, spare ich immer für ein anderes Mal auf; wenn ich sie sofort verwende, nehmen sie mir zu viel Raum weg, nehmen meinen ganzen Eifer (wie z. B. im Falle Kroneberg) »Tagebuch eines Schriftstellers«, Februar 1876. Aufsehenerregender Prozeß gegen einen gewissen Kroneberg, der sein siebenjähriges Töchterchen fortgesetzt unmenschlich mißhandelt hatte. für sich in Anspruch, die Nummer wird schlecht usw. Daher schreibe ich über Dinge, die mir viel weniger liegen. Andererseits war die Absicht, ein richtiges Tagebuch zu schaffen, wirklich naiv. Ein richtiges Tagebuch ist beinahe unmöglich; es kann nur ein eigens für das Publikum zurechtgestutztes Werk werden. Ich stoße jeden Augenblick auf Tatsachen, gewinne Eindrücke, die mich oft hinreißen – es gibt aber Dinge, über die man unmöglich schreiben kann ...

Vorgestern früh kommen zu mir ganz unerwartet zwei junge Mädchen, beide etwa zwanzigjährig. Sie kommen und sagen: »Wir wollten Sie schon längst kennen lernen. Alle lachten uns aus und meinten, Sie würden uns nicht empfangen; und wenn Sie uns auch empfingen, so würden Sie mit uns nicht sprechen wollen. Wir wollten aber doch den Versuch machen, und so kommen wir her. Wir heißen so und so.« Sie wurden zuerst von meiner Frau empfangen, später kam auch ich heraus. Sie erzählten, daß sie Studentinnen der Medizinischen Akademie seien, daß es an dieser Akademie bereits an die fünfhundert studierende Frauen gäbe, und daß sie in die Akademie eingetreten seien, »um die höhere Bildung zu erlangen und sich später nützlich zu betätigen.« Junge Mädchen von dieser neuen Sorte hatte ich bisher nie gesehen (von den früheren Nihilistinnen kenne ich eine Menge und habe sie gut studiert). Glauben Sie mir, ich habe die Zeit selten so angenehm verbracht, wie in Gesellschaft dieser beiden Mädchen, die zwei Stunden bei mir blieben. Diese wunderbare Natürlichkeit, Frische des Empfindens, Lauterkeit von Herz und Gemüt, dieser aufrichtige Ernst, diese ehrliche Lustigkeit! Durch sie lernte ich später noch viele solcher Mädchen kennen, und muß gestehen, daß der Eindruck stark und angenehm war. Doch wie soll ich das alles beschreiben? Bei all meiner Aufrichtigkeit und der Freude, mit der ich diese Jugend betrachte, kann ich es unmöglich tun. Der Eindruck war ja auch beinahe rein persönlicher Natur. Was für Eindrücke soll ich also in meinem Tagebuch schildern?

Oder noch ein Beispiel: Gestern erfahre ich folgende Geschichte: ein junger Mann, Student einer höheren Lehranstalt, die ich nicht nennen will (ich habe ihn ganz zufällig kennen gelernt), ist bei Bekannten zu Besuch, kommt zufällig ins Zimmer des Hauslehrers und sieht auf dem Tische ein verbotenes Buch liegen; er meldet es sofort dem Hausherrn und dieser jagt den Hauslehrer sofort hinaus. Als man diesem jungen Mann in einer anderen Familie sagte, daß er eine Gemeinheit begangen habe, konnte er es gar nicht begreifen. Hier haben Sie die Kehrseite der Medaille. Wie soll ich aber auch darüber schreiben? Die Sache ist ja einerseits rein persönlicher Natur; und doch ist der Denkprozeß und die Gesinnung dieses jungen Mannes, der die Gemeinheit seiner Handlungsweise gar nicht einsehen kann, und von dem ich manches Interessante zu sagen hätte, durchaus charakteristisch und nicht mehr persönlich.

Ich habe aber schon zuviel darüber geschrieben. Außerdem fällt es mir entsetzlich schwer, Briefe zu schreiben; ich habe gar kein Talent dazu. Verzeihen Sie mir auch die schlechte Handschrift; ich habe Kopfschmerzen, es ist die Grippe; heute schmerzen mir den ganzen Tag die Augen, und ich schreibe dies, fast ohne meine Buchstaben zu sehen.

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