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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 67
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXV.
An Nikolai Nikolajewitsch Strachow.
Dresden, den 18. (30.) Mai 1871

Sehr geehrter Nikolai Nikolajewitsch, nun haben Sie Ihren Brief wirklich mit Bjelinskij angefangen, wie ich es geahnt habe. Denken Sie aber doch an Paris und an die Kommune. Werden Sie vielleicht, wie die andern Leute, behaupten, daß das Ganze nur wegen Mangel an Menschen und infolge widriger Umstände mißlungen ist? Diese Bewegung hat aber im Laufe des ganzen neunzehnten Jahrhunderts entweder nach der Errichtung eines Paradieses auf Erden gestrebt (z. B. die Phalanstère), oder aber, wenn es zum Handeln kam (wie im Jahre 1848, 1849 und jetzt), eine schändliche Ohnmacht, etwas Positives zu sagen, bewiesen. Im Grunde genommen ist das Ganze nur eine Wiederholung des Rousseauschen Wahnes, die ganze Welt mittels Vernunft und Erfahrung (Positivismus) umzuschaffen. Wir haben ja genügend viel erlebt, um sagen zu dürfen, daß ihre Ohnmacht keine zufällige Erscheinung ist. Warum köpfen sie? Doch nur darum, weil es leichter als alles Andere ist. Etwas Gescheites zu sagen, ist ja viel schwieriger. Streben ist noch kein Erreichen. Sie wünschen der Menschheit Glück, wiederholen aber bei der Definition des Wortes »Glück« nur die Weisheit Rousseaus, d. h. eine von der Erfahrung noch gar nicht gerechtfertigte Phantasie. Der Brand von Paris ist etwas ganz Ungeheuerliches: »Wenn es uns nicht gelingt, mag die ganze Welt zugrunde gehen!«, denn die Kommune ist wichtiger als das Wohl der Welt und Frankreichs. Doch sie (und viele andere) sehen in dieser Raserei keine Ungeheuerlichkeit, sondern nur Schönheit. In der neuen Menschheit ist also die ästhetische Idee vollkommen getrübt. Eine moralische (aus den Lehren des Positivismus entnommene) Begründung der Gesellschaft ist nicht nur nicht imstande, irgendwelche Resultate zu zeitigen, sondern kann sich sogar unmöglich selbst bestimmen und verirrt sich in ihren Bestrebungen und Idealen. Haben wir denn nicht genügend Tatsachen zur Verfügung, um beweisen zu können, daß eine Gesellschaft nicht so aufgebaut wird, daß ganz andere Wege zum allgemeinen Wohl führen und daß dieses Wohl auf ganz anderen Dingen beruht, als man bisher angenommen hat? Worauf beruht es denn? Man schreibt so viele Bücher und übersieht dabei die Hauptsache. In Westeuropa haben die Völker den Heiland verloren (der Katholizismus hat es verschuldet), und aus diesem Grunde geht Westeuropa zugrunde. Die Ideale sind jetzt anders; es ist ja so klar! Und der Verfall der päpstlichen Macht neben dem Verfall der ganzen römisch-germanischen Welt (Frankreich usw.) – welch ein Zusammentreffen!

Dies alles erfordert lange Reden; ich wollte Ihnen aber eigentlich nur folgendes sagen: wenn Bjelinskij, Granowskij und das ganze übrige Gesindel dies erlebt hätten, so hätten sie gesagt: »Nein, wir haben nicht danach gestrebt! Nein, das ist eine Verirrung: warten wir noch ab, das Licht wird erstrahlen, der Fortschritt wird siegen, die Menschheit wird sich auf neuen gesünderen Grundlagen aufbauen und glücklich werden!« Sie würden nie zugeben, daß dieser Weg höchstens zur Kommune oder zu Felix Pia führen kann. Die Leute waren so stumpf, daß sie auch jetzt, nach den Ereignissen, ihren Fehler nicht eingesehen und ihre phantastischen Träume weiter fortgesponnen hätten. Ich verurteile in Bjelinskij weniger die Persönlichkeit als die ekelhafteste, stumpfsinnigste und schändlichste Erscheinung des russischen Lebens. Man kann sie höchstens noch damit entschuldigen, daß sie unvermeidlich war. Ich versichere Sie, daß Bjelinskij heute zu bewegen wäre, folgenden Standpunkt einzunehmen: »Die Kommune hat nichts erreicht, weil sie vor allen Dingen französisch, d. h. noch vom nationalen Gedanken durchseucht war. Daher muß man ein anderes Volk ausfindig machen, welches nicht die geringste Spur vom nationalen Gefühl hat und imstande ist, gleich mir, seine Mutter (Rußland) zu ohrfeigen.« Er würde vor Wut schäumend seine elenden Aufsätze weiter schreiben und fortfahren, Rußland zu beschimpfen, Rußlands große Erscheinungen (wie z. B. Puschkin) zu verleugnen, um auf diese Weise Rußland endgültig in eine vakante Nation, die an die Spitze der allgemein menschlichen Sache treten könnte, zu verwandeln. Den Jesuitismus und die Verlogenheit unserer leitenden Persönlichkeiten würde er für ein großes Glück halten. Und dann noch eins: Sie haben ihn nie gekannt, ich habe aber persönlich mit ihm verkehrt und ihn jetzt vollständig erfaßt. Dieser Mensch beschimpfte in einem Gespräch mit mir den Heiland, und doch hätte er es nie unternehmen können, sich selbst und alle Leute, die die Welt bewegen, mit Christus zu vergleichen. Er konnte unmöglich einsehen, wie kleinlich, gehässig, ungeduldig, gemein und vor allen Dingen ehrgeizig sie alle sind. Er hat sich nie die Frage vorgelegt: Was könnten wir denn an seine Stelle setzen? Doch nicht uns selbst, die wir so schlecht sind? Nein, er hat sich nie irgendwelche Gedanken über seine Schlechtigkeit gemacht; er war mit sich im höchsten Grade zufrieden, und darin äußert sich eben sein persönlicher, niederträchtiger, schändlicher Stumpfsinn.

Sie behaupten, daß er begabt gewesen sei. Er war es aber in keiner Weise. Mein Gott, welchen Unsinn schrieb doch Grigorjew über ihn! Ich kann mich noch auf mein jugendliches Erstaunen besinnen, mit dem ich einige seiner rein ästhetischen Arbeiten (wie z. B. über die »Toten Seelen«) las; er hat die Gestalten Gogols mit unglaublicher Oberflächlichkeit und Mißachtung behandelt, und sich nur darüber wahnsinnig gefreut, daß Gogol jemand angeklagt hatte. In den vier Jahren meines hiesigen Aufenthaltes habe ich alle seine kritischen Aufsätze wieder gelesen. Er beschimpfte Puschkin, als dieser seinen falschen Ton aufgab und mit solchen Werken wie die »Erzählungen Bjelkins« und der »Mohr Peter des Großen« vor die Öffentlichkeit trat. Er erklärte die »Erzählungen Bjelkins« für durchaus unbedeutend. In Gogols »Equipage« sah er kein künstlerisches Ganzes, sondern nur eine humoristische Novelle. Er lehnte den Schluß von »Eugen Onjegin« vollständig ab. Er war der erste, der von Puschkin als dem »Kammerjunker« sprach. Er sagte, daß aus Turgenjew niemals ein Künstler werden würde; und das sagte er, nachdem er die ganz hervorragende Erzählung Turgenjews »Die drei Bildnisse« gelesen hatte. Ich könnte Ihnen auf Grund unzähliger Beispiele beweisen, daß er keine Spur von kritischem Gefühl und jener »zitternden Empfänglichkeit«, von der Grigorjew faselte (weil er selbst ein Dichter war), besaß.

Bildnis Dostojewskijs, Petersburg 1879

Wir betrachten Bjelinskij und viele andere Erscheinungen unseres Lebens noch immer durch den Dunst außergewöhnlicher Vorurteile.

Habe ich Ihnen denn noch nichts wegen Ihres Aufsatzes über Turgenjew geschrieben? Ich las ihn, wie alle Ihre Aufsätze, mit Hochgenuß, doch zugleich mit einem gewissen Ärger. Wenn Sie schon einmal zugeben, daß Turgenjew seinen Halt verloren hat und gar nicht weiß, was er zu gewissen Erscheinungen des russischen Lebens sagen soll (die er auf jeden Fall verspottet), so hätten Sie auch zugeben müssen, daß sein künstlerisches Talent in seinen letzten Werken nachgelassen hat; es hat ja auch so kommen müssen. Als Künstler ist er ziemlich gesunken. Der »Golos« meint, es käme daher, weil er sich immer im Auslande aufhalte; doch die eigentliche Ursache liegt tiefer. Sie sind dagegen der Ansicht, daß seine letzten Werke auf der gleichen Höhe stehen wie die früheren. Stimmt das denn wirklich? Vielleicht irre ich mich auch (nicht in meinem Urteil über Turgenjew, sondern in meiner Auffassung Ihres Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur ungeschickt ausgedrückt ... Wissen Sie, das Ganze ist ja nur »Gutsbesitzerliteratur«. Diese Literatur hat schon alles gesagt, was sie zu sagen hatte (besonders gut bei Leo Tolstoi). Sie hat schon ihr letztes Wort gesprochen und ist erledigt. Eine neue Literatur, die sie ersetzen könnte, ist noch nicht gekommen; wir haben auch noch zu wenig Zeit dafür. Die Reschetnikows Reschetnikow, tendenziöser Romanschriftsteller der sechziger Jahre, einer der hervorragendsten Vertreter der freiheitlichen »Narodniki«-Richtung, die die Vertiefung ins »Volk« predigte. haben nichts gesagt. Immerhin sprechen die Werke eines Reschetnikow von der Notwendigkeit einer neuen künstlerischen Literatur, die die der Gutsbesitzer ablösen soll; wenn sie es auch in ziemlich abstoßender Form aussprechen.

[Weiter ist die Rede von der Rückkehr nach Petersburg und von der Zeitschrift »Sarja«.]

[Dostojewskij kehrte am 8. Juli 1871 tatsächlich nach Petersburg zurück.]

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