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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 64
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LXII.
An Apollon Maikow, Dresden, den 30. Dezember 1870

Ja, ich will unbedingt zurückkehren und werde ganz gewiß im Frühjahr in Petersburg sein. Hier bin ich ständig in einer so fürchterlichen Stimmung, daß ich fast gar nicht schreiben kann. Das Schreiben fällt mir furchtbar schwer. Ich verfolge die russischen und die hiesigen Ereignisse mit fieberhaftem Interesse; in diesen vier Jahren habe ich viel erlebt. Es war ein starkes, wenn auch einsames Leben. Was mir Gott in der Zukunft auch schicken mag, ich werde alles demütig hinnehmen. Auch meine Familie lastet mir schwer auf dem Gewissen. Schließlich will ich auch Menschen sehen.

Strachow schrieb mir, daß in unserer Gesellschaft alles noch furchtbar kindisch und unreif sei. Wenn Sie wüßten, wie sehr man das von hier aus merkt! Und wenn Sie wüßten, welche tiefgehende, an Haß grenzende Abneigung gegen ganz Westeuropa ich in diesen vier Jahren gefaßt habe! Mein Gott, was wir doch für furchtbare Vorurteile in bezug auf das Ausland haben! Ist denn der Russe, der wirklich glaubt, daß die Preußen durch ihre Schule gesiegt haben (und fast alle glauben daran), kein einfältiges Kind? Diese Ansicht ist sogar sündhaft: eine nette Schule, wo man die Kinder quält und schindet wie Attilas Horde und vielleicht noch ärger!

Sie schreiben, daß in Frankreich gegen die rohe Gewalt sich der Geist der Nation erhebt. Ich habe von Anfang an daran nicht gezweifelt; wenn die Franzosen sich nur nicht beeilen, Frieden zu schließen und noch an die drei Monate ausharren, werden die Deutschen mit Schimpf und Schande vertrieben werden. Ich müßte Ihnen viel schreiben, wenn ich eine Reihe meiner persönlichen Beobachtungen mitteilen wollte; wie man z. B. von hier Soldaten nach Frankreich schickt, wie man sie anwirbt, equipiert, verpflegt und transportiert. Das ist außerordentlich interessant.

Irgendein bettelarmes Frauenzimmer, das vom Vermieten zweier möblierter Zimmer lebt (die Möbel sind alle gemietet; eigene Möbel besitzt sie für höchstens zwei Groschen), ist verpflichtet, da sie »mit eigenen Möbeln« wohnt, zehn Soldaten Quartier und Verpflegung zu geben. Die Einquartierung dauert einen Tag, zwei, drei Tage, höchstens eine Woche. Doch die Sache kostet sie zwanzig bis dreißig Taler.

Ich habe selbst einige Briefe deutscher Soldaten aus Frankreich an ihre Eltern (kleine Geschäftsleute) gelesen. Mein Gott, was sie darin für Dinge berichten! Wie sie krank sind und wie hungrig! Ich müßte viel zu lange erzählen. Hier übrigens noch eine Beobachtung: anfangs hörte man auf den Straßen das Straßenpublikum recht oft die Wacht am Rhein singen; jetzt hört man sie gar nicht mehr. Am größten ist die Aufregung und der Stolz unter den Professoren, Doktoren und Studenten; das Volk macht sich aber nicht viel aus der Sache. Es ist sogar sehr ruhig. Doch die Professoren sind außerordentlich stolz. Ich treffe sie jeden Abend in der Lesebibliothek. Ein sehr einflußreicher Gelehrter mit silberweißem Haar schrie vorgestern sehr laut: »Paris muß bombardiert werden!« Das sind also die Resultate ihrer Wissenschaft. Wenn nicht der Wissenschaft, so der Dummheit. Sie sind vielleicht sehr gelehrt, jedenfalls aber entsetzlich beschränkt! Noch eine Beobachtung: alle Leute können hier lesen und schreiben, dagegen sind sie alle furchtbar ungebildet, dumm, stumpfsinnig und haben keinerlei höhere Interessen. Doch genug davon. Auf Wiedersehen. Ich umarme Sie und danke Ihnen im voraus. Um Gottes willen, vergessen Sie mich nicht und schreiben Sie mir.

Ihr Dostojewskij.

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