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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 61
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LIX.
An die Nichte Sofia Alexandrowna Iwanowa-Chmyrowa.
Dresden, den 17. (29.) August 1870

Meine teure Freundin Ssonetschka, verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht sofort nach Erhalt Ihres Briefes vom 3. August geschrieben habe (Ihren kurzen Brief vom 28. Juli habe ich ebenfalls erhalten). Ich habe manchmal so viele Sorgen und Unannehmlichkeiten, daß ich gar nicht die Kraft habe, etwas anzufangen, am allerwenigsten aber einen Brief. Nur meine Werke muß ich in jeder Gemütsverfassung schreiben, und ich tue es auch; zuweilen halte ich aber auch das nicht aus, und dann lasse ich alles liegen. Mein Leben ist nicht leicht. Diesmal will ich Ihnen einiges über meine Lage schreiben; ich liebe allerdings das Briefschreiben nicht, denn es fällt mir schwer, nach so vielen Jahren der Trennung über Dinge zu schreiben, die mir wichtig sind, und zwar so zu schreiben, daß Sie mich verstehen. Lebendige Briefe kann man nur solchen Leuten schreiben, zu denen man keinerlei herzliche Beziehungen hat.

Das Wichtigste ist, daß ich jetzt nach Rußland zurückkehren muß. Dieser Gedanke ist ja einfach, ich kann Ihnen aber gar nicht mit allen Einzelheiten alle die Qualen und Nachteile schildern, die ich hier im Auslande zu erdulden habe; die moralischen Qualen (die Sehnsucht nach der Heimat, die Notwendigkeit, mitten im russischen Leben zu stehen, das ich als Schriftsteller unbedingt brauche usw.) will ich gar nicht erwähnen. Wie unerträglich sind schon allein die Sorgen um meine Familie! Ich sehe ja, wie sehr sich Anja nach der Heimat sehnt, und wie entsetzlich sie sich hier langweilt. In der Heimat könnte ich ja auch viel mehr Geld verdienen; hier sind wir aber gänzlich verarmt. Für den Lebensunterhalt reicht es noch gerade aus; ein Kindermädchen können wir uns aber nicht halten. Ein Kindermädchen verlangt hier ein eigenes Zimmer, Wäsche und hohen Lohn, drei Mahlzeiten täglich und eine bestimmte Menge Bier (selbstverständlich nur von Ausländern). Anja stillt das Kind und kann nicht einmal nachts ausruhen. Sie hat keinerlei Zerstreuungen, und überhaupt keinen Augenblick freie Zeit. Auch ihr Gesundheitszustand läßt zu wünschen übrig. Warum erzähle ich Ihnen übrigens das alles? Es gibt Hunderte solcher kleinen Sorgen, die in ihrer Gesamtheit eine schreckliche Last darstellen. Wie gerne würde ich z. B. in diesem Herbst mit Frau und Kind nach Petersburg reisen (wie ich es mir im Frühjahr ausgemalt hatte); um von hier fortzukommen und nach Rußland zu reisen, müßte ich aber nicht weniger als zweitausend Rubel haben; dabei rechne ich die Schulden nicht mit; soviel brauche ich für die Reise allein. Ich sehe ja, wie Sie die Achseln zucken und fragen: »Warum so viel? Wozu diese Übertreibung?« Lassen Sie doch um Himmels willen, teure Freundin, Ihre Art, über die Angelegenheiten anderer Leute zu urteilen, ohne alle Einzelheiten zu kennen. Ja, zweitausend Rubel sind durchaus notwendig, um die Reise zu machen und uns in Petersburg einzurichten. Glauben Sie es mir. Wo soll ich dieses Geld hernehmen? Nun müssen wir jetzt auch noch das Kind entwöhnen und es impfen lassen. Denken Sie sich nur, wieviel neue Sorgen das für Anja bedeutet, die schon ohnehin heruntergekommen und entkräftet ist. Ich muß es mit ansehen und verliere beinahe den Verstand. Und wenn ich in drei Monaten das Geld für die Reise bekomme, so wird der Winter anbrechen; man kann aber nicht ein kleines Kind bei Frost Tausende Werst weit schleppen. Folglich müßten wir bis zum Frühjahr warten. Werden wir aber im Frühjahr Geld haben? Sie müssen wissen, daß wir hier mit unseren Einkünften kaum auskommen und die Hälfte schuldig bleiben müssen.

Bildnis Dostojewskijs, 1879

Doch genug davon. Ich will nun von anderen Dingen sprechen, obwohl sie alle mit der Hauptsache verknüpft sind.

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen von meinen Schwierigkeiten mit dem »Russischen Boten« geschrieben habe; ich habe nämlich am Ende des vorigen Jahres meine Erzählung in der »Sarja« erscheinen lassen, während ich dem »Russischen Boten« noch einen Vorschuß abzuarbeiten hatte; ich hatte den Leuten die Arbeit noch vor einem Jahre versprochen. Habe ich Ihnen geschrieben, wieso das geschehen ist? Daß meine Novelle sich unversehens in die Länge zog, und ich plötzlich merkte, daß mir keine Zeit mehr blieb, um zum Jahresbeginn auch etwas für den »Russischen Boten« zu schreiben? Die Leute antworteten mir nichts darauf, stellten aber ihre Geldsendungen ein. Anfangs dieses Jahres schrieb ich Katkow, daß ich den Roman ab Juni kapitelweise abliefern werde, so daß sie ihn am Ende des Jahres drucken können. Ich arbeitete also mit äußerster Anspannung aller Kräfte: ich wußte, daß, wenn ich meine literarischen Beziehungen zum »Russischen Boten« abbreche, ich hier im Auslande nichts zum Leben haben werde (denn es ist sehr schwer, von hier aus mit einer anderen Zeitschrift in Verbindung zu treten). Außerdem quälte mich entsetzlich der Gedanke, daß man mich in der Redaktion für einen Schurken hält, während man mich bisher außerordentlich gut behandelt hat. Der Roman, an dem ich arbeitete, war sehr groß, sehr originell, doch seine Idee war für mich etwas ungewohnt. Ich brauchte viel Selbstvertrauen, um mit der Idee fertig zu werden. Ich bin mit ihr schließlich nicht fertig geworden, und die Arbeit ist mißlungen. Die Arbeit ging langsam vorwärts, ich fühlte, daß im ganzen irgendein großer Fehler lag, konnte ihn aber nicht finden. Im Juli, gleich nach meinem letzten Brief an Sie, bekam ich eine ganze Reihe epileptischer Anfälle (die sich jede Woche wiederholten). Ich bin dabei so sehr heruntergekommen, daß ich einen ganzen Monat lang ans Arbeiten gar nicht denken durfte; die Arbeit hätte mir auch gefährlich werden können. Und als ich vor zwei Wochen die Arbeit wieder aufgenommen habe, sah ich plötzlich ganz klar, warum der Roman so schlecht geraten war, und worin der Fehler lag; wie von plötzlicher Inspiration ergriffen, sah ich plötzlich einen ganz neuen Plan für den Roman vor mir. Ich mußte alles radikal ändern; ohne viel zu überlegen, strich ich alles, was ich bis dahin geschrieben hatte (es waren im ganzen an die fünfzehn Bogen) und begann wieder von der ersten Seite. Die Arbeit eines ganzen Jahres war vernichtet. Wenn Sie nur wüßten, Ssonetschka, wie schwer es ist, Schriftsteller zu sein, d. h. das Los eines Schriftstellers zu tragen! Wissen Sie, ich weiß bestimmt, daß, wenn ich für diesen Roman zwei oder drei Jahre zur Verfügung hätte – wie es sich Turgenjew, Gontscharow und Tolstoi erlauben können –, so hätte ich ein Werk zustande gebracht, von dem man auch nach hundert Jahren noch sprechen würde! Ich prahle nicht; fragen Sie doch Ihr Gewissen und Ihre Erinnerungen an mich, ob ich je geprahlt habe. Die Idee ist so gut und so vielbedeutend, daß ich selbst vor ihr den Hut ziehe. Was wird aber dabei herauskommen? Ich weiß es ja im voraus: ich werde den Roman in acht oder neun Monaten fertig schreiben und alles verderben. Ein solches Werk erfordert mindestens zwei oder drei Jahre. (Es wird auch recht umfangreich werden: an die fünfunddreißig Bogen.) Einzelne Details und Charaktere werden vielleicht nicht übel geraten; doch nur im Entwurf. Manches wird nur halbfertig und manches zu sehr in die Länge gezogen sein. Unendliche Schönheiten kann ich in den Roman unmöglich hineinlegen, denn die Inspiration hängt in vielen Beziehungen von der zur Verfügung stehenden Zeit ab. Und doch mache ich mich an die Arbeit! Es ist entsetzlich, es ist wie ein bewußter Selbstmord! Das ist aber noch nicht das Wichtigste; die Hauptsache ist, daß alle meine Berechnungen zusammengestürzt sind. Anfangs des Jahres hoffte ich fest darauf, daß es mir gelingen würde, einen beträchtlichen Teil des Romans dem »Russischen Boten« zum 1. August zu schicken und auf diese Weise meine Lage zu verbessern. Was soll ich nun anfangen? Ich kann frühestens am l. September einen kleinen Teil abliefern (ich wollte auf einmal viel schicken, um irgendeinen Grund zu haben, die Leute um Vorschuß zu bitten); nun schäme ich mich, Geld zu verlangen: der erste Teil (es werden im ganzen fünf Teile sein) wird nur sieben Bogen umfassen, wie kann ich da um Vorschuß bitten? Da alle meine Berechnungen sich als falsch erwiesen haben, weiß ich im Augenblick gar nicht, wovon ich leben soll. Und in dieser Stimmung soll ich noch arbeiten!

[Weiter ist die Rede von den etwas gespannten Beziehungen Dostojewskijs zum »Russischen Boten«.]

Das alles regt mich sehr auf und nimmt mir die Ruhe, die ich für die Arbeit brauche; es gibt aber noch andere Dinge, die ich gar nicht erwähne. Mit dem Beginn des Krieges ist jeder Kredit fast gänzlich eingestellt, so daß das Leben viel schwieriger ist. Ich werde es aber schon irgendwie ertragen können. Am wichtigsten ist doch die Gesundheit; mein Zustand hat sich aber erheblich verschlechtert. Ihren Ansichten über den Krieg kann ich unmöglich zustimmen. Ohne Krieg erstarrt der Mensch vollständig in Reichtum und Komfort und verliert die Fähigkeit, edel zu denken und zu fühlen; er verroht und verfällt in Barbarei. Ich spreche nicht von einzelnen Menschen, sondern von ganzen Völkern. Ohne Leid begreift man kein Glück. Das Ideal wird durch das Leid geläutert wie das Gold durch das Feuer. Das Himmelreich muß sich der Mensch erkämpfen. Frankreich ist in der letzten Zeit verroht und verflacht. Ein vorübergehender Schmerz hat nichts zu bedeuten; Frankreich wird ihn ertragen und zu einem neuen Leben, zu neuen Ideen erwachen. Bisher herrschte aber in Frankreich einerseits die alte Phrase und andererseits Feigheit und Genußsucht.

Napoleons Dynastie wird in der Zukunft unmöglich sein. Das neue Leben und die Umgestaltung des Landes sind so wichtig, daß selbst die schwersten Prüfungen dagegen nichts zu bedeuten haben. Erkennen Sie denn darin nicht Gottes Hand?!

Auch unsere seit siebzig Jahren währende, d. h. russische, europäische und deutsche Politik müssen ganz von selbst anders werden. Die Deutschen werden uns endlich ihr richtiges Antlitz zeigen. Es werden überhaupt überall in Europa große Veränderungen vor sich gehen.

Wie viel neues Leben wird überall durch diesen mächtigen Stoß hervorgerufen werden! Aus Mangel an großen Ideen ist selbst die Wissenschaft im trockenen Materialismus verflacht; was hat dagegen ein vorübergehender Schmerz zu bedeuten?

Sie schreiben: »Die Menschen töten und verwunden und pflegen hinterdrein die Verwundeten.« Denken Sie doch an die erhabensten Worte, die je gesprochen worden sind: »Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer.« In diesem Augenblick oder in diesen Tagen wird sich, glaube ich, vieles entscheiden. Wer hat wen betrogen? Wer hat einen strategischen Fehler gemacht? Die Deutschen oder Franzosen? Ich glaube, die Deutschen.

Vor zehn Tagen war ich noch dieser Ansicht. Jetzt scheint mir aber, daß die Deutschen eine Zeitlang die Oberhand behalten werden: die Franzosen haben einen Abgrund vor sich, in den sie für eine Zeitlang stürzen müssen – es sind die dynastischen Interessen, denen das Vaterland zum Opfer gebracht wird. Ich könnte Ihnen manches von den deutschen Sitten, die ich hier beobachte und die für den gegebenen politischen Moment sehr wesentlich sind, mitteilen, habe aber keine Zeit.

Ich grüße alle. Bringen Sie mich allen in Erinnerung. Ich umarme Sie von Herzen; vergessen Sie nicht, daß Ihnen niemand so freundschaftlich gesinnt ist wie ich. Ich bin glücklich, es Ihnen schreiben zu können. Schreiben Sie mir, vergessen Sie mich nicht; ich setze mich wieder an meine Zwangsarbeit.

Mit Herz und Seele Ihr F. Dostojewskij.

Wenn ich an die Petersburger Verwandten denke, tut mir das Herz weh. Ich kann ihnen vor Anfang des nächsten Jahres nichts schicken, sie sind aber in großer Not. Das bedrückt mein Gewissen schwer; ich hatte ihnen versprochen, sie zu unterstützen; Pascha tut mir besonders leid.

P.S. Sie kennen meine Beziehungen zu den Gläubigern nicht; daher glauben Sie, daß es sich für sie nicht lohnt, mich einsperren zu lassen. Im Gegenteil: sie werden mich ganz gewiß verhaften lassen, denn es ist für sie in manchen Beziehungen von großem Vorteil. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon geschrieben habe, daß ich Aussicht habe, gleich nach meiner Ankunft in Petersburg mir etwa fünftausend Rubel für etwa drei Jahre zu verschaffen. Das würde mich vor dem Gefängnis retten. Diese Hoffnung ist nicht ganz grundlos. Ich muß aber die Sache persönlich machen; wenn ich es von hier aus mache, kann ich alles verderben. Der Plan hat mit meinen literarischen Arbeiten nichts zu tun. Doch wenn mein jetziger Roman gut gerät, werden die Aussichten auf diese fünftausend Rubel noch günstiger sein. Das alles unter uns.

Auf Wiedersehen, meine liebe Freundin.
Ihr Dostojewskij.

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