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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 60
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LVIII.
An die Nichte Sofia Alexandrowna Iwanowa-Chmyrowa.
Dresden, den 2. (14.) Juli 1870

Meine liebe Ssonetschka, ich wollte eigentlich Ihren letzten Brief sofort beantworten, habe aber meine Antwort wieder hinausgeschleppt. Meine Arbeit und verschiedene Sorgen waren daran schuld. Auch haben Sie, wie alle Freunde in Moskau, die schlechte Gewohnheit, in Ihren Briefen keine Adresse anzugeben.

Aus Ihrem Brief schließe ich, daß Sie umgezogen sind. Wohin soll ich dann meine Briefe adressieren? Sie müssen ja auch noch mit dem Fall rechnen, daß ich einen Ihrer Briefe, in dem Sie Ihre letzte Adresse angegeben haben, verlegt oder verloren haben kann. Nun habe ich drei Tage lang gesucht und alle Briefsachen der letzten drei Jahre durchsehen müssen. Ich weiß aber zufällig noch Ihre alte Adresse, an die ich diesen Brief auch adressiere. Ob er Sie erreichen wird? Solche Zweifel nehmen mir den Mut. Ich flehe Sie an, Ihre Briefe, wenigstens die an mich gerichteten, nicht nach Damenmanier zu schreiben, d. h. Datum und Adresse nicht zu vergessen; bei Gott, so wird es besser sein!

Ihr Brief hat auf mich einen sehr schweren Eindruck gemacht, teure Freundin. Ist es denn wirklich wahr, daß, wenn Sie aufs Land gehen, man Ihnen schon im Herbst keine Übersehungsarbeit mehr geben wird? Warum quälen Sie sich? Sie brauchen Glück und Gesundheit. Sie arbeiten vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Sie müssen heiraten. Meine liebe Ssonetschka, zürnen Sie um Christi willen nicht über meine Worte. Glück wird uns nur einmal im Leben beschieden; was nachher kommt, ist lauter Leid. Man muß sich also darauf vorbereiten, indem man seine Lage möglichst normal gestaltet. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen in diesem Ton schreibe, nachdem ich Sie drei Jahre nicht gesehen habe. Dies soll auch keinen Ratschlag bedeuten; es ist nur mein sehnlichster Wunsch. Ich muß Sie lieben; ich kann nicht anders!

Was meine Rückkehr nach Rußland betrifft, so ist sie selbstverständlich nur in der Phantasie möglich, die zwar auch in Erfüllung gehen kann; doch immerhin ist es nur eine Phantasie. Wir wollen sehen. Was alle Ihre übrigen Ratschläge betrifft (bezüglich des Verkaufs des Romans, der Rückkehr ohne Geld, angesichts der Möglichkeit, von den Gläubigern eingesperrt zu werden usw.), so will ich Ihnen sagen, daß aus Ihrem Briefe Ihre Unerfahrenheit und die Unkenntnis des Sachverhalts spricht. Ich befasse mich seit fünfundzwanzig Jahren mit Literatur, habe aber noch nie erlebt, daß ein Autor den Buchhändlern selbst eine zweite Auflage anbietet. (Noch weniger durch Vermittlung Fremder, denen ja alles gleich ist.) Wenn man die Ware selbst anbietet, bekommt man nur ein Zehntel des Wertes. Wenn aber der Verleger, d. h. der Käufer selbst zu einem kommt, bekommt man zehnmal so viel. Der »Idiot« ist zu spät gekommen; er hätte noch im vorigen Jahre erscheinen sollen. Was die Gläubiger betrifft, so werden sie mich todsicher einsperren lassen, denn darin liegt ihr ganzer Vorteil. Glauben Sie mir, die Leute wissen ganz genau, wieviel ich vom »Russischen Boten« oder von der »Sarja« für den Roman bekommen kann. Sie werden mich einsperren lassen in der Hoffnung, daß die eine oder die andere Zeitschrift oder sonst irgend jemand mich auslösen wird. Das ist todsicher. Nein, wenn ich zurückkehren will, muß ich es ganz anders machen.

Schwer fällt es mir, mitansehen zu müssen, wie sich Anna Grigorjewna vor Sehnsucht und Heimweh verzehrt. Das bekümmert mich mehr als alles andere. Das Kind ist gesund, doch noch immer nicht entwöhnt. Die Rückkehr ist jetzt überhaupt meine fixe Idee. Wenn ich hier noch länger leben bleibe, werde ich wohl nichts mehr verdienen können; niemand wird mich drucken wollen. In Rußland könnte ich im schlimmsten Falle Lehrbücher oder kompilatorische Werke herausgeben. Es lohnt sich, übrigens, gar nicht, darüber viel Worte zu verlieren. Ich werde schließlich ja zurückkehren, wenn auch nur, um ins Gefängnis gesperrt zu werden. Ich möchte nur noch die Arbeit für den »Russischen Boten« »Die Dämonen«., die ich jetzt mache, zu Ende führen, damit mich die Leute in Ruhe lassen. Und doch stehen die Sachen so, daß ich vor Weihnachten unter keinen Umständen fertig werden kann. Den ersten großen Teil der Arbeit werde ich übrigens der Redaktion in eineinhalb Monaten abliefern und etwas Geld verlangen. Den zweiten Teil werde ich im Anfang des Winters schicken, und den dritten – im Februar. Der Druck wird im kommenden Januar beginnen müssen. Ich fürchte, daß sie meinen Roman einfach zurückweisen werden. Ich werde den Leuten gleich im vorhinein erklären, daß ich am Roman nichts ändern oder streichen will. Die Idee des Romans schien mir anfangs recht verführerisch, doch jetzt tut es mir leid, daß ich ihn überhaupt begonnen habe. Er interessiert mich zwar noch immer, doch ich würde vorziehen, etwas anderes zu schreiben.

So oft ich Ihnen schreibe, fühle ich, welch ein langer Zeitraum uns voneinander trennt. Und dann noch etwas: ich habe den sehnlichsten Wunsch, vor meiner Rückkehr nach Rußland noch eine Reise nach dem Orient, d. h. nach Konstantinopel, Athen, Archipel, Syrien, Jerusalem und Athos zu machen. Diese Reise dürfte mindestens fünfzehnhundert Rubel kosten. Die Kosten würden übrigens gar nichts ausmachen; ich würde über die Reise nach Jerusalem ein Buch schreiben, das mir alle Kosten decken könnte; ich weiß aus Erfahrung, daß solche Bücher heutzutage sehr beliebt sind. Ich habe aber augenblicklich weder Zeit noch Mittel; gestern las ich in einem Extrablatt, daß es jeden Augenblick zu einem Krieg zwischen Frankreich und Preußen kommen kann. Es ist überall so viel Zündstoff aufgespeichert, daß der Krieg, ganz gleich, wo er beginnt, sofort gewaltige Dimensionen annehmen muß. Gebe Gott, daß Rußland sich in keine der europäischen Angelegenheiten einmengt, denn wir haben auch zu Hause genug zu schaffen.

Ich liebe Sie und die Ihrigen über alle Maßen, und ich hoffe, daß Sie es mir glauben werden. Lieben Sie auch mich ein wenig. Ich will nicht auf deutscher Erde sterben; ich will noch vor meinem Tod in die Heimat zurückkehren und in der Heimat sterben.

Meine Frau und Ljuba lassen Sie küssen. Es ist hier bei uns sehr heiß, und ich hatte gestern nach einer langen Pause wieder einen Anfall. Heute ist mein Kopf ganz wirr, ich bin wie verrückt.

Auf Wiedersehen, meine liebe Freundin, vergessen Sie mich nicht.

Ich umarme und küsse Sie.
Ihr F. Dostojewskij.

P. S. Wenn ich auf diesen Brief keine Antwort bekomme, werde ich annehmen, daß er Sie nicht erreicht hat.

Meine Adresse ist: Allemagne, Saxe, Dresden, A Mr. Theodore Dostojewskij, poste restante.

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