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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 6
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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IV.
An den Bruder Michail, Petersburg, den 1. Januar 1840

Ich danke dir von Herzen, mein guter Bruder, für deinen lieben Brief. Ich bin doch ein ganz anderer Mensch als du; du kannst dir gar nicht vorstellen, wie angenehm mir das Herz bebt, wenn man mir einen Brief von dir bringt; ich habe mir eine neue Art von Genuß erfunden: ich spanne mich auf die Folter. Ich nehme deinen Brief in die Hand, wende ihn einige Minuten lang hin und her, betaste ihn, ob er umfangreich ist, und nachdem ich mich am versiegelten Briefumschlag satt gesehen, stecke ich ihn in die Tasche. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welch einen angenehmen Zustand von Herz und Seele ich mir damit verschaffe. Ich warte oft eine Viertelstunde; schließlich falle ich gierig über das Paket her, entsiegele es und verschlinge deine Zeilen, deine lieben Zeilen. Zahllose Gefühle werden in meinem Herzen wach, während ich deinen Brief lese! So viele zärtliche und unangenehme, süße und bittere Empfindungen drängen sich in meiner Seele; ja, lieber Bruder, es sind auch bittere und unangenehme darunter; du kannst dir gar nicht vorstellen, wie bitter es mir ist, wenn man mich nicht begreift, wenn man das, was ich sagen wollte, mißversteht und in ein schiefes Licht stellt. Nachdem ich deinen letzten Brief gelesen, war ich ganz enragé, weil ich dich nicht in meiner Nähe hatte: ich sah meine besten Herzensträume und meine heiligsten Grundsätze, die ich aus schweren Erfahrungen gewonnen habe, gänzlich verdreht, verstümmelt und verzerrt. Du schreibst mir ja selbst: »Schreibe mir doch, widersprich mir, streite mit mir!«; du erwartest davon irgendeinen Nutzen. Lieber Bruder, es bringt auch nicht den geringsten Gewinn! Das einzige, was du damit erreichst, ist, daß du dir mit deinem Egoismus (der Egoismus ist übrigens uns allen eigen) eine solche Meinung von mir, meinen Ansichten, Ideen und Eigenschaften bildest, wie sie dir gerade paßt. Das ist doch höchst beleidigend! Nein! Polemik in freundschaftlichen Briefen ist ein süßes Gift. Wie wird es nun sein, wenn wir uns einmal wiedersehen? Ich glaube, dies wird den Stoff zu ewigen Streitigkeiten liefern. Doch genug davon.

Nun von deinen Versen: höre einmal, lieber Bruder! Ich glaube: im Menschenleben gibt es unendlich viel Leid und unendlich viel Freude. Im Leben des Dichters gibt es Dornen und Rosen. Die Lyrik ist der ständige Begleiter des Dichters, denn er ist ein sprachbegabtes Geschöpf. Deine lyrischen Gedichte sind reizend: »Der Spaziergang«, »Der Morgen«, »Die Vision der Mutter«, »Die Rose«, »Die Rosse des Phoebus« und viele andere sind wunderschön. Alle diese Gedichte sind ein lebender Bericht von dir, mein Lieber! Und dieser Bericht geht mir so nahe. Ich konnte dich damals so gut verstehen, denn jene Monate haben sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Wieviele seltsame und wunderbare Dinge habe ich damals erlebt! Es ist eine lange Geschichte, und ich werde sie niemand erzählen.

Geburtshaus Dostojewskijs (Marienkrankenhaus in Moskau)

Bei meiner letzten Begegnung mit Schidlowskij bin ich mit ihm in Jekaterinhof spazierengegangen. Wie wunderbar haben wir doch diesen Abend verbracht! Wir gedachten des vergangenen Winters, als wir so viel von Homer, Shakespeare, Schiller und Hoffmann gesprochen haben; besonders von Hoffmann. Wir sprachen auch von uns selbst, von der Zukunft und von dir, mein Lieber. Nun ist er längst fort, und ich habe keine Nachrichten von ihm. Ob er überhaupt noch am Leben ist? Mit seiner Gesundheit stand es sehr schlecht; schreibe ihm doch!

Im vergangenen Winter war ich ununterbrochen in einer seltsam gehobenen Stimmung. Der Verkehr mit Schidlowskij hat mir viele Stunden eines besseren Lebens verschafft; doch dies war nicht die einzige Ursache meiner begeisterten Stimmung. Du hast mir vielleicht übel genommen und nimmst es mir noch jetzt übel, daß ich dir damals nicht geschrieben habe. Dumme Dienstangelegenheiten waren schuld daran. Ich muß dir gestehen, mein Lieber, daß ich dich immer geliebt habe; ich liebte dich um deiner Gedichte, der Poesie deines Lebens und deiner Leiden willen; das war alles; es war aber keine Bruderliebe, keine Freundesliebe. Ich hatte damals an meiner Seite einen Freund, einen Menschen, den ich so liebte. Du schriebst mir, Bruder, ich hätte Schiller nicht gelesen. Du irrst. Ich habe ihn auswendig gelernt, habe in seiner Sprache gesprochen und in seinen Bildern geträumt; ich glaube, es war wohl ein besonders gütiges Geschick, das mir die Bekanntschaft mit diesem großen Dichter gerade in jenem Zeitpunkt meines Lebens verschaffte; nie hätte ich Schiller besser kennen lernen können als gerade in jenen Tagen. Während ich mit ihm Schiller las, sah ich in ihm den edlen und feurigen Don Carlos, den Marquis Posa und Mortimer. Diese Freundschaft hat mir viel genützt und viel Leid verschafft. Doch ich will davon ewig schweigen; der Name Schiller ist mir ein liebes vertrautes Zauberwort, das in mir zahllose Erinnerungen und Träume erweckt. Diese Erinnerungen sind bitter, und aus diesem Grunde vermied ich es immer, mit dir über Schiller und über die Eindrücke, die ich ihm verdanke, zu sprechen! Schon wenn ich den Namen Schiller höre, tut mir das Herz weh.

Ich wollte noch verschiedenes gegen deine Vorwürfe einwenden, und dir zeigen, daß du mich mißverstanden hast. Auch von anderen Dingen wollte ich mit dir sprechen; doch während ich diesen Brief schreibe, überkommen mich so viele süße Erinnerungen und Träume, daß ich von nichts anderem sprechen kann. Nur einen Vorwurf will ich zurückweisen: nämlich, daß ich die großen Dichter, die ich angeblich gar nicht kenne, nach ihrer Güte sortiert hätte. Ich habe nie solche Parallelen gezogen wie zwischen Puschkin und Schiller. Ich weiß gar nicht, wie du zu dieser Behauptung kommst; zitiere mir bitte die betreffende Stelle aus meinem Brief; an eine solche Sortierung habe ich nie gedacht; es ist ja möglich, daß ich irgendwie zufällig die Namen Puschkin und Schiller nebeneinander erwähnt habe, doch ich glaube, daß zwischen diesen Worten ein Komma steht. Sie haben beide nicht die geringste Ähnlichkeit miteinander. Bei Puschkin und Byron kann man ja noch von einer Ähnlichkeit sprechen. Was aber Homer und Victor Hugo betrifft, so glaube ich, daß du mich absichtlich mißverstanden hast. Ich meinte es so: Homer (ein sagenhafter Mensch, der uns vielleicht wie Christus von Gott gesandt war) kann nur neben Christus und keineswegs neben Hugo gestellt werden. Versuche doch, Bruder, in seine »Ilias« einzudringen, lies sie aufmerksam (gestehe doch, daß du sie nie gelesen hast). Homer hat ja mit seiner »Ilias« der Welt der Antike die gleiche Organisation des geistigen und irdischen Lebens gegeben, wie sie die moderne Welt Christus zu verdanken hat. Verstehst du mich nun? Victor Hugo ist ein Lyriker, lauter wie ein Engel, und seine Poesie ist durch und durch keusch und christlich; niemand ist ihm in dieser Beziehung gleich; weder Schiller (wenn Schiller auch ein durchaus christlicher Dichter ist), noch Shakespeare, noch Byron, noch Puschkin. Ich habe seine Sonette französisch gelesen. Homer allein hat den gleichen unerschütterlichen Glauben an seinen Dichterberuf und an den Gott der Poesie, dem er dient; nur in dieser Beziehung gleicht seine Poesie der von Victor Hugo; doch nicht in der ihm von der Natur eingegebenen und von ihm ausgedrückten Idee; ich habe ja gar nicht die Idee gemeint. Mir scheint sogar Derschawin als Lyriker höher zu stehen als diese beiden. Lebe wohl, mein Lieber!

Dein Freund und Bruder F. Dostojewskij.

Ich muß dir noch eine Rüge erteilen: wenn du von der Form in der Dichtung sprichst, scheinst du mir ganz verrückt; in allem Ernst: ich habe schon längst bemerkt, daß du in dieser Beziehung nicht ganz normal bist. Neulich hast du auch über Puschkin eine ähnliche Bemerkung fallen lassen. Ich bin absichtlich darauf nicht eingegangen. Von deinen Formen will ich im nächsten Brief ausführlicher sprechen. Jetzt fehlt mir Raum und Zeit. Sage mir aber bitte, wie konntest du, als du von den Formen sprachst, die Behauptung aufstellen, weder Racine noch Corneille könnten uns gefallen, denn ihre Form sei schlecht. Du Unglücksmensch! Und dabei sagst du noch mit solcher Überlegenheit: »Glaubst du denn, daß die beiden keine echten Dichter waren?« Ob Racine kein Dichter war? Ob Racine, der feurige, leidenschaftliche, in seine Ideale verliebte Racine kein Dichter war? Das wagst du zu fragen? Hast du seine » Andromaque« gelesen? He? Hast du die » Iphigénie« gelesen? Wirst du vielleicht behaupten, daß sie nicht herrlich ist? Ist denn Racines Achilles dem des Homer nicht ebenbürtig? Racine hat ja allerdings Homer bestohlen, doch wie! Wie wundervoll sind seine Frauengestalten! Begreife es doch! Du sagst: »Racine war kein Genie; konnte er denn überhaupt (?) ein Drama schaffen? Er konnte nur Corneille nachahmen.« Und » Phèdre«? Bruder! Wenn du mir nicht beistimmen wirst, daß dies die höchste und reinste Poesie ist, so weiß ich gar nicht, was ich von dir noch halten soll. Es steckt ja die Kraft eines Shakespeare darin, wenn das Bildwerk auch aus Gips und nicht aus Marmor ist.

Nun von Corneille. Höre einmal, Bruder! Ich weiß gar nicht, wie ich mit dir sprechen soll; vielleicht muß ich vorher wie Iwan Nikiforowitsch Held einer Novelle von Gogol. eine tüchtige Portion Erbsen fressen. Ich kann es nicht glauben, Bruder, daß du ihn überhaupt gelesen hast; daher redest du auch solchen Unsinn. Weißt du denn überhaupt, daß Corneille mit seinen riesenhaften Gestalten und seinem romantischen Geist beinahe an Shakespeare heranreicht? Du Armer! Weißt du denn, daß Corneille erst fünfzig Jahre nach dem talentlosen elenden Jodel, dem Autor der ekelhaften »Kleopatra«, und nach dem an unseren Tredjakowskij gemahnenden Ronsard ausgetreten ist; und daß er beinahe ein Zeitgenosse des gefühllosen Dichterlings Malherbe war? Wie kannst du von ihm Formen verlangen? Es ist noch gut, daß er die Form von Seneca entlehnt hat. Hast du seinen » Cinna« gelesen? Was sind vor der göttlichen Gestalt des Octavius – Karl Moor, Fiesco, Tell und Don Carlos! Dieses Werk würde selbst Shakespeare zur Ehre gereichen. Du Armer! Wenn du es noch nicht gelesen hast, so lies doch wenigstens den Dialog zwischen August und Cinna, wo er ihm den Verrat vergibt (doch wie!). Du wirst sehen, daß nur gekränkte Engel so sprechen können. Besonders die Stelle, wo August sagt: » Soyons amis, Cinna«. Hast du seinen » Horace« gelesen? Höchstens noch bei Homer kannst du solche Gestalten finden! Der alte Horace ist ein Diomedes. Der junge Horace ist ein Ajax, Sohn des Telamon, doch mit dem Geiste eines Achilles; Curias ist Patrocles und Achilles in einer Person, er ist der Inbegriff der Liebessehnsucht und der Pflicht. Wie erhaben ist doch dies alles! Hast du » Le Cid« gelesen? Lies ihn, du Unglücksmensch, und falle in den Staub vor Corneille. Du hast ihn gelästert. Lies ihn unbedingt. Was ist überhaupt noch Romantik, wenn ihre höchsten Ideen nicht schon im Cid entwickelt sind? Wie wunderbar sind die Gestalten des Don Rodrigo, seines Sohnes und dessen Geliebten! Und erst der Schluß!

Nimm mir bitte meine verletzenden Äußerungen nicht übel, grolle mir nicht wie Iwan Iwanowitsch Pererepenko bei Gogol.

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