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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 59
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LVII.
An Nikolai Nikolajewitsch Strachow.
Dresden, den 11. (23.) Juni 1870

[In der ersten Hälfte des Briefes beschwert sich D. über Kaschpirew, der auf seinen Vorschlag bezüglich der »Lebensbeschreibung eines großen Sünders« nicht eingegangen ist.]

Mir fiel hier zufällig der »Europäische Bote« für das laufende Jahr in die Hände, und ich sah alle erschienenen Hefte durch. Ich geriet in Erstaunen. Wieso konnte diese unerhört mittelmäßige Zeitschrift (die sich höchstens noch mit der »Nordischen Biene« Bulgarins messen könnte) bei uns einen solchen Erfolg haben (sechstausend Exemplare in zweiter Auflage)! Das kommt, wenn man es allen recht zu machen versteht. Wie geschickt sie alles auf den Ton der Menge abstimmen! Eine abgeschmackte Schablone des Liberalismus! Solche Sachen haben bei uns Erfolg. Die Zeitschrift wird übrigens sehr geschickt geleitet. Sie erscheint pünktlich am ersten jeden Monats und hat viele Mitarbeiter. Ich las u. a. »Die Hinrichtung Tropmanns« von Turgenjew. Sie können ja ganz anderer Meinung sein, Nikolai Nikolajewitsch, mich aber hat dieses hochtrabende und kleinliche Pathos tief empört. Warum erklärt er in einem fort, daß er kein Recht gehabt habe, der Hinrichtung beizuwohnen? Ja gewiß, wenn ihm das Ganze nur Theater war; der Erdenmensch hat aber nicht das Recht, sich von Dingen abzuwenden, die auf Erden geschehen, und sie zu ignorieren; es gibt höhere moralische Gründe dafür. Homo sum et nihil humani ... usw. Besonders komisch wirkt es da, wenn er sich im letzten Augenblick doch wegwendet und die eigentliche Hinrichtung gar nicht sieht. »Seht nur, meine Herrschaften, welch eine feine Erziehung ich genossen habe! Ich konnte diesen Anblick gar nicht ertragen!« Im übrigen verrät er sich selbst. Aus dem Artikel gewinnt man vor allen Dingen den Eindruck, daß er furchtbar um sich selbst und um seine Ruhe besorgt ist, selbst angesichts des abgehauenen Kopfes. Übrigens spucke ich drauf. Ich habe die Leute ordentlich satt. Ich halte Turgenjew für den verbrauchtesten von allen verbrauchten russischen Schriftstellern, was Sie auch, Nikolai Nikolajewitsch, für Turgenjew schreiben mögen; nehmen Sie es mir, bitte, nicht übel ...

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