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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 57
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LV.
An Apollon Maikow, Dresden, den 25. März (6. April) 1870

[Die erste Hälfte des Briefes handelt von geschäftlichen Dingen.]

Die Arbeit für den »Russischen Boten« wird mich nicht sonderlich ermüden; der »Sarja« habe ich dagegen eine ordentliche Arbeit versprochen und will sie auch ordentlich machen. Diese letztere Arbeit reift schon seit zwei Jahren in meinem Kopfe heran. Es ist die gleiche Idee, von der ich Ihnen schon einmal geschrieben habe. Dies wird mein letzter Roman sein; er wird den Umfang von »Krieg und Frieden« haben. Wie ich Sie aus unsern früheren Gesprächen kenne, werden Sie die Idee gutheißen. Der Roman wird aus fünf größeren Erzählungen bestehen (jede zu fünfzehn Bogen; in den zwei Jahren ist der Plan vollkommen gereift). Die Erzählungen sind in sich abgeschlossen, so daß man sie auch einzeln verkaufen kann. Die erste Erzählung habe ich für Kaschpirew bestimmt; sie spielt noch in den vierziger Jahren. (Der Titel des ganzen Romans lautet »Die Lebensbeschreibung eines großen Sünders«, doch jeder Teil wird auch noch einen eigenen Titel haben.) Mit der Grundidee, die durch alle Teile gehen wird, habe ich mich mein ganzes Leben lang bewußt und unbewußt gequält; es ist die Frage vom Dasein Gottes. Der Held ist bald Atheist, bald Gläubiger, bald Fanatiker und Sektierer, und dann wieder Atheist. Die zweite Erzählung wird ein Kloster zum Schauplatz haben. Auf diesen zweiten Teil setze ich alle meine Hoffnungen. Vielleicht wird man endlich sagen, daß ich doch nicht lauter Unsinn schreibe. (Ich will es nur Ihnen allein, Apollon Nikolajewitsch, anvertrauen: in der zweiten Erzählung soll als Hauptperson der heilige Tichon der Sadonische auftreten; selbstverständlich unter einem anderen Namen, doch er wird gleichfalls ein Bischof sein, der sich zur Ruhe in ein Kloster zurückgezogen hat.) Ein dreizehnjähriger Knabe, der an einem schweren Verbrechen beteiligt war, ein geistig hochentwickelter, doch durch und durch verdorbener Knabe (ich kenne diesen Typus), der zukünftige Held des ganzen Romans, ist von seinen Eltern in das Kloster zur Erziehung gegeben worden. Der kleine Wolf und Nihilist kommt mit dem heiligen Tichon zusammen. Im gleichen Kloster wird auch Tschaadajew Pjotr Jakowlewitsch Tschaadajew (1796-1856), Philosoph, Verfasser der »Philosophischen Briefe«, nach deren Veröffentlichung er von Nikolaus I. für wahnsinnig erklärt wurde. (ebenfalls unter einem anderen Namen) sitzen. Warum sollte Tschaadajew nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Denken Sie sich nur, daß Tschaadajew nach jenem ersten Artikel, für welchen er wöchentlich von Ärzten auf seinen Geisteszustand untersucht wurde, sich nicht enthalten konnte, einen zweiten Artikel, sagen wir französisch, irgendwo im Auslande zu veröffentlichen; es wäre ja durchaus möglich; für diesen Aufsatz verbannte man ihn eben für ein Jahr ins Kloster. Tschaadajew kann aber im Kloster Besuch bekommen, z. B. von Bjelinskij, Granowskij, sogar Puschkin und anderen. (Die Rede soll übrigens gar nicht vom wirklichen Tschaadajew sein; ich will nur diesen Typus verwerten.) Im Kloster gibt es auch einen Paul den Preußischen, einen Golubow und einen Mönch Parfenij. (Dieses Milieu kenne ich ausgezeichnet; das russische Kloster ist mir seit meiner Kindheit vertraut.) Die Hauptpersonen sind aber Tichon und der Knabe. Am Gottes willen, erzählen Sie niemand vom Inhalt des zweiten Teiles. Ich pflege sonst nie vom Inhalt meiner zukünftigen Werke zu sprechen; nur Ihnen beichte ich es; mögen die andern meinen Plan für wertlos halten, mir ist er äußerst wertvoll. Sprechen Sie mit niemand über Tichon. Strachow habe ich vom Klostermilieu geschrieben, doch die Gestalt des Tichon mit keinem Worte erwähnt. Vielleicht wird es mir gelingen, eine majestätische, positive, heilige Gestalt zu schaffen. Sie soll ganz anders sein als Kostanschoglo In Gogols »Toten Seelen«. und als der Deutsche in Gontscharows »Oblomow«. Ich werde wahrscheinlich nichts schaffen, sondern nur den echten Tichon darstellen, den ich längst mit Wonne in mein Herz geschlossen habe. Doch auch eine solche wahrheitsgetreue Darstellung werde ich, falls sie mir gelingt, als große Tat betrachten. Sprechen Sie mit niemand darüber. Doch um diesen zweiten Teil des Romans, der im Kloster spielt, zu schreiben, muß ich unbedingt in Rußland sein. Ach, wenn es mir nur gelingen wollte! Der erste Teil handelt von der Kindheit meines Helden. Selbstverständlich treten nicht lauter Kinder auf; es ist ein richtiger Roman. Diesen ersten Teil kann ich glücklicherweise auch im Auslande schreiben; ich biete ihn der »Sarja« an. Werden sie ihn nicht zurückweisen? Die tausend Rubel sind übrigens kein allzu großes Honorar ...

Über den Nihilismus lohnt es sich gar nicht zu sprechen. Warten Sie nur, bis diese obere Schicht, die sich von Rußland losgelöst hat, vollständig verwest ist. Wissen Sie was, mir scheint, daß viele von diesen jugendlichen Schurken, von diesen verwesenden Jünglingen sich früher oder später bekehren und in echte, bodenständige Russen verwandeln werden. Die übrigen sollen aber verfaulen. Schließlich werden ja auch sie wie gelähmt verstummen. Was sie doch für Schurken sind! ...

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