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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 56
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LIV.
Dresden, den 24. März (5. April) 1870.
An Nikolai Nikolajewitsch Strachow

Ich beeile mich, hochverehrter Nikolai Nikolajewitsch, Ihren Brief zu beantworten und schreibe zunächst über mich selbst. Ich will Ihnen endgültig und aufrichtig sagen, daß ich, nach genauer Berechnung, unmöglich versprechen kann, den Roman noch im Herbst abzuliefern. Dies erscheint mir absolut unmöglich; ich möchte auch die Redaktion ersuchen, mich nicht zu drängen, denn ich will meine Arbeit ebenso sorgfältig und sauber ausführen, wie es jene Herren (d. h. die Großen) tun. Ich garantiere nur dafür, daß der Roman im Januar des kommenden Jahres fertig wird. Diese Arbeit geht mir über alles. Die Idee ist mir wertvoller als alle meine anderen Ideen, und ich will sie gut ausführen ... Ich setze auch auf die Arbeit, die ich jetzt für den »Russischen Boten« schreibe »Dämonen«., große Hoffnungen; ich meine nicht die künstlerische, sondern die tendenziöse Seite; ich will gewisse Gedanken äußern, wenn dabei auch alles Künstlerische zugrunde geht. Die Gedanken, die sich in meinem Kopf und meinem Herzen angesammelt haben, drängen mich dazu, wenn es auch nur ein Pamphlet wird, jedenfalls werde ich darin alles, was ich auf dem Herzen habe, aussprechen. Ich hoffe auf Erfolg. Wer macht sich übrigens an eine Arbeit, ohne auf einen Erfolg zu hoffen? Die Arbeit für den »Russischen Boten« werde ich bald beenden, und dann werde ich mich mit Genuß an den Roman machen.

Mit der Idee zu diesem Roman trage ich mich seit drei Jahren; bisher habe ich mich nicht entschließen können, die Arbeit im Auslande in Angriff zu nehmen; ich wollte sie erst in Rußland beginnen. Doch in diesen drei Jahren ist in mir der ganze Plan gereift, und ich glaube, daß ich mit dem ersten Teil (den ich für die »Sarja« bestimme) auch hier beginnen kann, denn die Handlung desselben liegt mehrere Jahre zurück. Daß ich von einem »ersten Teil« spreche, braucht Sie nicht zu beunruhigen. Die Idee erfordert einen großen Umfang, mindestens so groß wie beim Tolstoischen Roman. Es wird eigentlich ein Zyklus von fünf einzelnen Romanen werden; die Romane werden so unabhängig voneinander sein, daß einzelne von ihnen (mit Ausnahme der beiden mittleren) sehr gut in verschiedenen Zeitschriften wie vollständig in sich abgeschlossene Werke werden erscheinen können. Der Gesamttitel lautet übrigens: »Lebensbeschreibung eines großen Sünders« Ebenso wie der »Atheismus« ein nicht zur Ausführung gelangtes Urbild der »Brüder Karamasow«., und jeder einzelne Roman wird noch einen eigenen Titel haben. Jede Abteilung (d. h. jeder einzelne Roman) wird einen Umfang von höchstens fünfzehn Bogen haben. Um den zweiten Roman zu schreiben, muß ich unbedingt in Rußland sein; die Handlung dieses Teiles spielt in einem russischen Kloster; obwohl ich die russischen Klöster gut kenne, muß ich doch nach Rußland kommen. Ich hätte mit Ihnen gern ausführlicher darüber gesprochen; was kann man aber in einem Briefe sagen? Ich wiederhole noch, daß es mir unmöglich ist, den Roman für dieses Jahr zu versprechen; drängen Sie mich nicht und Sie werden eine gewissenhafte, vielleicht auch gute Arbeit bekommen (jedenfalls habe ich mir diese Idee zum Ziel meiner literarischen Zukunft gesetzt, denn ich darf gar nicht hoffen, länger als noch sechs oder sieben Jahre zu leben und zu schaffen).

Das Märzheft der »Sarja« habe ich mit großem Genuß gelesen. Ich warte mit Ungeduld auf die Fortsetzung Ihres Artikels, um alles darin zu verstehen. Es scheint mir, daß Sie die Absicht haben, Herzen als einen Westler darzustellen und überhaupt vom Westen im Gegensatz zu Rußland zu sprechen; habe ich recht? Sie haben den Ausgangspunkt sehr geschickt gewählt: Herzen ist ein Pessimist; halten Sie aber wirklich seine Zweifel (»Wer hat schuld?«, »Krupow« usw.) für unlösbar? Mir scheint, daß Sie diese Frage umgehen wollen, um Ihrem Grundgedanken mehr Geltung zu verschaffen. Jedenfalls erwarte ich mit großer Ungeduld die Fortsetzung des Artikels; das Thema ist gar zu aufregend und aktuell. Was wird nun geschehen, wenn Sie wirklich den Beweis erbringen, daß Herzen früher als viele andere darauf hingewiesen hat, daß der Westen in Verwesung begriffen ist? Was werden dazu die Westler aus der Zeit Granowskijs sagen? Ich weiß übrigens nicht, ob Sie das wirklich sagen wollen; es ist nur so ein Vorgefühl bei mir. Finden Sie übrigens nicht (obwohl es das Thema Ihres Artikels gar nicht berührt), daß es noch einen anderen Standpunkt für die Beurteilung des Wesens und der Tätigkeit Herzens gibt: nämlich, daß er immer und überall in erster Linie Dichter war? Der Dichter behauptet sich in ihm immer und überall, in seiner ganzen Tätigkeit. Der Agitator ist ein Dichter, der Politiker ist ein Dichter, der Sozialist ist ein Dichter, der Philosoph ist im höchsten Grade ein Dichter! Diese Eigentümlichkeit seiner Natur kann, wie mir scheint, vieles in seiner Tätigkeit erklären; sogar seinen Leichtsinn und seine Vorliebe für Wortspiele selbst bei Behandlung der wichtigsten moral-philosophischen Fragen (was, nebenbei bemerkt, an ihm ziemlich abstoßend ist).

[Weiter ist die Rede von polemischen Aufsätzen Strachows, die D. viel zu mild findet: »die Nihilisten und die Westler verdienen die Knute«.]

Sie behaupten u. a., daß Tolstoi unsern größten Dichtern ebenbürtig sei; mit dieser Stelle in Ihrem Briefe kann ich mich unmöglich einverstanden erklären.

So etwas darf man doch nicht sagen! Puschkin und Lomonossow waren Genies. Ein Dichter, der mit dem »Mohren Peter des Großen« und »Bjelkin« vor die Öffentlichkeit tritt, kommt mit einem genialen neuen Wort, das vor ihm noch von niemand und nirgend ausgesprochen wurde. Wenn aber einer mit »Krieg und Frieden« kommt, so kommt er eben nach jenem neuen Wort, welches Puschkin schon ausgesprochen hat; dies gilt in jedem Fall, wie weit Tolstoi auch in der Weiterentwicklung des von einem andern Genie schon vor ihm ausgesprochenen Wortes gehen mag. Ich halte es für sehr wesentlich. In diesen wenigen Zeilen kann ich es übrigens gar nicht ausdrücken ...

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