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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 53
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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LI.
An Apollon Maikow, Dresden, den 16. (28.) Oktober 1869

[Der Brief handelt zum größten Teil von einem geschäftlichen Mißverständnis mit der Redaktion der »Sarja«.]

Was soll ich nun anfangen? Wann werde ich jetzt zu meinem Geld kommen? Warum wartet er [Kaschpirew, der Herausgeber der Zeitschrift] auf mein Telegramm und bittet mich, ihm den Wechsel zurückzuschicken (»dann werde ich Ihnen das Geld postwendend schicken,« schreibt er mir), statt mir jetzt gleich die zweite Rate von fünfundsiebzig Rubeln zu schicken, die schon vor zehn Tagen fällig war? Glaubt er denn, daß mein Brief, in dem ich meine Notlage schilderte, nur eine Stilübung war? Wie kann ich arbeiten, wenn ich hungrig bin und sogar meine Hose versetzen mußte, um mir die zwei Taler für das Telegramm zu verschaffen? Hole der Teufel mich und meinen Hunger! Aber sie, meine Frau, die jetzt ihr Kind stillt, mußte selbst ins Leihhaus gehen und ihren letzten warmen wollenen Rock versetzen! Hier schneit es aber seit zwei Tagen (ich lüge nicht, schauen Sie nur in den Zeitungen nach!). Wie leicht kann sie sich erkälten! Kann er denn nicht begreifen, daß ich mich schäme, ihm dies alles zu erklären! Das ist aber noch lange nicht alles; es gibt noch andere Dinge, deren ich mich schäme: wir haben bis jetzt weder die Hebamme noch den Mietzins bezahlt; und alle diese Widerwärtigkeiten muß sie schon im ersten Monat nach der Niederkunft über sich ergehen lassen! Begreift er denn nicht, daß er nicht nur mich, sondern auch meine Frau beleidigt, indem er meinen Brief so wenig ernst nimmt: denn ich schrieb ihm von der großen Not meiner Frau. Ja, er hat mich schwer beleidigt!

Er wird vielleicht darauf sagen: »Hole ihn und seine Notlage der Teufel! Er muß bitten und nicht fordern, denn ich bin nicht verpflichtet, ihm sein Honorar im voraus zu zahlen.« Kann er denn nicht begreifen, daß er mich mit seiner zustimmenden Antwort auf meinen ersten Brief gebunden hat! Warum habe ich mich denn mit der Bitte um zweihundert Rubel an ihn und nicht an Katkow gewandt? Doch nur, weil ich glaubte, daß ich das Geld von ihm schneller bekommen würde als von Katkow (den ich nicht bemühen wollte); hätte ich aber damals an Katkow geschrieben, so wäre das Geld schon längst, mindestens seit acht Tagen in meinen Händen! Ich habe mich aber an Katkow nicht gewandt. Warum? Weil er mich mit seinem Wort gebunden hat. Folglich hat er auch nicht das Recht zu sagen, daß er sich aus meiner Notlage nichts mache, und daß es eine Anmaßung von mir sei, wenn ich ihn zur Eile dränge.

Er wird aber selbstverständlich sagen, daß ihn meine Notlage nichts angeht, und daß es eine Anmaßung von mir ist, wenn ich ihn zur Eile dränge. Er wird selbstverständlich sagen, daß er alles, was von ihm abhing, getan hat, daß er den Wechsel postwendend abgeschickt hat, daß ihn keine Schuld trifft, daß ein Mißverständnis vorliegt usw. Und bei Gott, er glaubt auch wirklich, daß er recht hat! Kann er denn nicht begreifen, daß es unerhört ist, meinen verzweifelten Brief, in dem ich ihm mitteilte, daß ich schon so lange wegen seiner Nachlässigkeit ohne Geld sitze, erst am zwölften Tag zu beantworten. Ja, am zwölften Tag, ich lüge nicht: ich habe noch die Briefumschläge mit den Poststempeln. Es geht doch nicht, daß er mein Telegramm, das er selbst veranlaßt hat, erst am sechsten Tag beantwortet, während ein gewöhnlicher Brief nur vier Tage unterwegs wäre! Diese Nachlässigkeit ist unverzeihlich und beleidigend! Es ist eine persönliche Beleidigung! Ich hatte ihm doch von meiner Frau und von ihrer Niederkunft geschrieben! Er hat mich zuvor gebunden und dadurch bewirkt, daß ich es für überflüssig hielt, mich noch an Katkow zu wenden; das ist doch eine schwere Beleidigung!

Er bittet mich, ihm telegraphisch zu erklären, was mein erstes Telegramm bedeutete, und fügt hinzu: »Telegraphieren Sie auf meine Kosten!« Weiß er denn nicht, daß ein unfrankiertes Telegramm nirgends angenommen wird und daß ich folglich zwei Taler haben muß, um das Telegramm abzuschicken. Kann er sich denn nach allen meinen Briefen gar nicht vorstellen, daß ich diese zwei Taler vielleicht gar nicht habe? Das ist doch die Nachlässigkeit eines Menschen, der von der Lage seines Nächsten nichts wissen will. Und dabei verlangen sie von mir künstlerische Abgeklärtheit, eine Poesie ohne Spannung und Trübung und weisen mich auf Turgenjew und Gontscharow hin! Wenn sie nur wüßten, in welcher Lage ich arbeiten muß ...

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