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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 52
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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L.
An die Nichte Sofia Alexandrowna Iwanowa-Chmyrowa.
Dresden, den 29. August (10. Sept.) 1869

Endlich komme ich zum Schreiben, meine liebe und einzige Freundin Ssonetschka. Was haben Sie sich nur bei meinem langen Schweigen gedacht? ... Ich will Ihnen kurz alles Wissenswerte über mich berichten; ich schreibe Ihnen nur, um unsere abgebrochenen Beziehungen wieder anzuknüpfen. Ich will noch bemerken, daß ich ununterbrochen an Sie und die Ihrigen gedacht habe. Anja und ich sprechen von Ihnen immer, so oft wir an die russische Heimat denken, d. h. einigemal am Tage.

Ich bin in Florenz nur aus dem Grunde stecken geblieben, weil ich kein Geld hatte, um fortreisen zu können. Die Redaktion des »Russischen Boten« hat meine dringende Bitte um Geld länger als drei Monate unbeantwortet gelassen (ich habe – doch dies unter uns! – Grund zur Annahme, daß sie kein Geld in der Kasse hatten und mir nur aus diesem Grunde so lange nicht antworteten). Endlich schickten sie mir (vor fünf Wochen) siebenhundert Rubel nach Florenz. Wollen Sie nun, liebe Freundin, Ihre ganze Phantasie aufbieten und sich auszumalen versuchen, was wir in Florenz während des ganzen Juni, Juli und der ersten Hälfte des August durchzumachen hatten! In meinem ganzen Leben habe ich noch nie dergleichen durchmachen müssen! Es steht auch in den Reiseführern, daß Florenz wegen seiner Lage im Winter die kälteste Stadt Italiens ist (gemeint ist das eigentliche Italien, d. h. die ganze Halbinsel); im Sommer ist es aber die heißeste Stadt auf der ganzen Halbinsel und sogar im ganzen Mittelmeergebiet; nur einige Gegenden von Sizilien und Algier können sich mit Florenz an Hitze messen. Es war also höllisch heiß, und wir trugen es wie echte Russen, die bekanntlich alles ertragen können. Ich bemerke noch, daß in den letzten eineinhalb Monaten unseres dortigen Aufenthaltes unsere Geldmittel sehr knapp waren. Wir hatten zwar in keiner Beziehung Entbehrungen zu leiden und ließen uns wirklich nichts abgehen, aber unsere Wohnung war herzlich schlecht. Die frühere Winterwohnung mußten wir aus einem unvorhergesehenen Grunde aufgeben; in Erwartung der Geldsendung zogen wir zu einer befreundeten Familie und mieteten uns provisorisch eine winzige Wohnung. Da aber das Geld ausblieb, mußten wir in diesem Loch (wo wir zwei gemeine Taranteln gefangen haben) drei Monate ausharren. Unsere Fenster gingen auf einen Marktplatz mit Arkaden und herrlichen Granitsäulen hinaus; auf dem Marktplatze befand sich ein städtischer Brunnen in Gestalt eines riesengroßen bronzenen Ebers, aus dessen Rachen das Wasser floß (es ist ein klassisches Kunstwerk von ungewöhnlicher Schönheit). Stellen Sie sich nun vor, daß alle diese Arkaden und Steinmassen, von denen der ganze Platz umgeben ist, die Sonnenglut aufspeichern und so glühend heiß werden, wie ein Ofen im Dampfbade; und in dieser Luft mußten wir leben. Unter der wahren Hitze, d. h. der wirklich höllischen Hitze hatten wir im ganzen sechs Wochen zu leiden (früher konnte man es noch einigermaßen aushalten); es waren beinahe ständig vierunddreißig Grad und fünfunddreißig Grad Reaumur im Schatten. Stellen Sie sich nun vor, daß die Luft trotz dieser Hitze und Trockenheit (es hatte kein einzigesmal geregnet) ungewöhnlich leicht war; das Grün in den Gärten (deren es in Florenz erstaunlich wenig gibt; man sieht fast nichts als Steine) – das Grün wurde weder welk noch gelb und schien von Tag zu Tag leuchtender und frischer; die Blumen und die Zitronen hatten anscheinend nur auf diese Hitze gewartet; was aber mich, der ich in Florenz durch widrige Umstände gefangen gehalten wurde, am meisten wunderte, war, daß die herumirrenden Ausländer (die fast alle sehr reich sind) zum größten Teil in Florenz blieben; es kamen sogar immer neue an. Sonst strömen die Touristen von ganz Europa mit dem Beginn der heißen Zeit in den deutschen Badeorten zusammen. Als ich in den Straßen elegante Engländerinnen und sogar Französinnen sah, konnte ich nicht begreifen, warum diese Leute, die Geld zur Abreise hatten, freiwillig in dieser Hölle blieben. Am meisten tat mir die arme Anja leid. Die Arme war damals im siebten oder achten Monat und hatte von der Hitze besonders schwer zu leiden. Außerdem bleibt die Bevölkerung von Florenz die ganze Nacht auf den Beinen, und es wird schrecklich viel gesungen. Wir hatten natürlich unsere Fenster nachts offen; um fünf Uhr früh begannen aber die Leute auf dem Markte zu lärmen, und die Esel zu schreien, so daß wir kein Auge zudrücken konnten.

Die Strecke von Florenz nach Prag (über Venedig und dann zu Schiff über Triest; einen anderen Weg gibt es nicht) beträgt mehr als eintausend Werst; ich war daher sehr um Anja besorgt; doch der berühmte Arzt Sapetti in Florenz untersuchte sie und sagte, daß sie die Reise ohne jede Gefahr unternehmen dürfe. Er hatte auch recht, und die Reise verlief gut. Unterwegs hielten wir uns zwei Tage in Venedig auf; als Anja den Markusplatz und die Paläste sah, schrie sie vor Entzücken beinahe auf. Im Markusdom (es ist ein merkwürdiges, unvergleichliches Bauwerk!) verlor sie ihren geschnitzten Fächer, den ich ihr in der Schweiz gekauft hatte und der ihr besonders wert war; sie besitzt aber so wenig Schmucksachen. Mein Gott, wie weinte sie da! Auch Wien gefiel uns sehr gut; Wien ist entschieden schöner als Paris. In Prag suchten wir drei Tage lang eine Wohnung, fanden aber keine. Man kann dort nämlich nur eine unmöblierte Wohnung, wie in Moskau oder Petersburg bekommen; dann muß man sich eigene Möbel anschaffen, ein Dienstmädchen nehmen, einen eigenen Haushalt führen usw. Anders geht es nicht. Unsere Mittel erlaubten es uns nicht, und daher verließen wir Prag.

Nun sind wir seit drei Monaten in Dresden; bei Anja kann das Ereignis jeden Augenblick eintreten. Wir wohnen vorläufig nicht schlecht; ich habe mich aber gründlich blamiert; wie sich jetzt herausstellt, war die heiße und trockene Luft in Florenz meiner Gesundheit, besonders aber meinen Nerven außerordentlich zuträglich (auch Anja konnte sich nicht beklagen, sogar im Gegenteil). Gerade in den heißesten Tagen ging die Fallsucht bedeutend zurück, und meine Anfälle waren in Florenz viel leichter als irgendwo. Hier bin ich aber immer krank (vielleicht rührt es noch von der Reise her). Ich weiß nicht, ob es Erkältung ist, oder ob die Fieberanfälle von den Nerven kommen. In diesen drei Wochen hatte ich bereits zwei Anfälle; beide waren sehr bösartig. Das Wetter ist übrigens wunderschön. Ich schreibe alles dem Umstande zu, daß ich so plötzlich aus dem italienischen Klima ins deutsche gekommen bin. Ich habe auch augenblicklich Fieber und glaube, daß ich in diesem Klima fieberhaft, d. h. unzusammenhängend schreiben werde.

Nun habe ich Ihnen vollständigen Bericht über mich erstattet. Selbstverständlich ist es nur der hundertste Teil; außer der Krankheit bedrückt mich noch vieles, was ich gar nicht wiedergeben kann. Hier ein Beispiel: ich muß unbedingt den Anfang meines Romans dem »Russischen Boten« für das Januarheft abliefern (ich muß allerdings zugeben, daß sie mich in keiner Weise zur Eile antreiben; sie benehmen sich mir gegenüber merkwürdig vornehm und verweigern mir nie Vorschüsse, obwohl ich ihnen schon ohnehin sehr viel schulde; mich quälen aber Gewissensbisse, und ich fühle mich gleichsam gefesselt). Außerdem habe ich von der »Sarja« im Frühjahr dreihundert Rubel Vorschuß genommen, und zwar mit dem Versprechen, noch in diesem Jahre eine Novelle von mindestens drei Bogen zu schicken. Ich habe aber vorläufig weder die eine noch die andere Arbeit begonnen; in Florenz habe ich wegen der Hitze nicht arbeiten können. Als ich die Verpflichtungen einging, rechnete ich darauf, daß ich noch im Frühjahr aus Florenz nach Deutschland ziehen und mich dort gleich an die Arbeit machen würde. Was kann ich aber dafür, daß man mich drei Monate auf Geld warten ließ und mir so jede Arbeitsmöglichkeit nahm? Anja wird mir in etwa zehn Tagen ein Kind, wahrscheinlich einen Knaben schenken, und dies wird meine Arbeit wieder verzögern. Sie wird wohl drei Wochen das Bett hüten müssen und mir daher weder stenographieren noch abschreiben können. Von meiner Gesundheit will ich schon gar nicht reden. Und erst die Arbeit selbst! Soll ich mich denn, um die Bestellung rechtzeitig auszuführen, überstürzen und auf diese Weise die Arbeit verderben?! Ich bin jetzt von einer Idee vollständig gefangen genommen; ich darf aber noch nicht zur Ausführung schreiten, denn ich bin noch nicht genügend vorbereitet: ich muß mir noch vieles überlegen und Material sammeln. Ich muß mich also zusammennehmen und vorläufig einige neue Novellen schreiben. Das ist mir entsetzlich. Was mir noch bevorsteht und wie ich meine Angelegenheiten ordnen werde, ist mir ein Rätsel! ...

Auf Wiedersehen, meine liebe Freundin. Schreiben Sie mir recht viel über sich selbst. Überhaupt möglichst viel Tatsachen.

Ich umarme Sie. Ihr Ihnen immer ergebener

Fjodor Dostojewskij.

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