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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 50
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XLVIII.
An die Nichte Sofia Alexandrowna Iwanowa-Chmyrowa.
Florenz, den 8. (20.) März 1869

Sie haben, wie ich Sie gebeten, alle meine Briefe pünktlich und umgehend beantwortet, meine liebe und werte Freundin Ssonetschka. Ich habe aber mein Wort gebrochen und Sie länger als vierzehn Tage auf meine Antwort warten lassen. Diesmal kann ich mich nicht einmal mit Arbeitsüberhäufung entschuldigen, denn alle meine Arbeiten sind längst fertig und abgeliefert. Ich kann mein Schweigen nur mit der gedrückten Stimmung, in der ich mich befand, erklären.

Der »Russische Bote« hat meine Bitte um Geld erst nach sieben Wochen beantwortet (ich habe also die ganze Fastenzeit warten müssen); das Geld habe ich erst heute erhalten, obwohl ich den Leuten meine verzweifelte Lage schon vor zwei Monaten geschildert habe. Die Redaktion schreibt mir unter großen Entschuldigungen, daß sie mir das Geld nicht früher hätte schicken können, da sich wie immer am Jahresanfang furchtbar viel unaufschiebbare Arbeiten und Abrechnungen angehäuft hätten. Um die Neujahrszeit kann man bei den Leuten tatsächlich nie etwas ausrichten; so war es auch früher, und ich kann mich noch erinnern, daß man mich in den Jahren 1866 und 1867 gleichfalls monatelang auf eine Antwort hatte warten lassen. Wir hatten es daher gar nicht leicht, unsere Lage war sogar sehr schwierig. Wenn wir nicht von einem Bekannten zweihundert Franken geliehen und weitere hundert Franken aus verschiedenen Quellen bekommen hätten, so wären wir hier in der fremden Stadt wohl vor Hunger gestorben. Am schwersten bedrückte uns aber die ständige Spannung und Ungewißheit. Unter diesen Umständen konnte ich unmöglich irgend jemand schreiben, sogar Ihnen nicht, meine teure Freundin. Natürlich will mich die Redaktion, wie ich aus ihrem Briefe schließe, gerne als Mitarbeiter behalten; sonst hätten sie mir ja keine weiteren Vorschüsse gewährt. Ich kann mich auch über Katkow nicht beklagen und bin ihm sogar für die vielen Vorschüsse dankbar. Die Zeitschriften sind heute verarmt und geben im allgemeinen keine Vorschüsse; mir gaben sie aber gleich im vorhinein, noch bevor ich den Roman zu schreiben anfing, viertausend Rubel. Aus diesem Grunde darf ich ihnen weder zürnen, noch untreu werden; ich muß mich vielmehr bestreben, ihnen nützlich zu sein. Sie schreiben mir, daß behauptet wird, die Zeitschrift habe nicht mehr den früheren Erfolg. Ist es denn möglich? Ich kann es gar nicht glauben; natürlich nicht darum, weil ich Mitarbeiter bin, sondern weil die Zeitschrift nach meiner Ansicht die beste in Rußland ist und ihre Richtung konsequent beibehält. Allerdings ist sie etwas trocken; auch ist der literarische Teil nicht immer auf der Höhe (doch nicht schlimmer als in den anderen Zeitschriften; alle besten Werke der modernen Literatur sind in ihr erschienen: »Krieg und Frieden«, »Väter und Söhne« usw., von den früheren Jahrgängen gar nicht zu reden; das Publikum weiß es noch genau); kritische Aufsätze sind selten (dafür aber oft sehr treffend, besonders wenn es sich nicht um die sogenannte schöne Literatur handelt); dafür erscheinen aber jährlich, wie jeder Abonnent weiß, drei oder vier hervorragend tüchtige, treffende, charaktervolle und heutzutage durchaus notwendige Aufsätze, wie man solche in keiner anderen Zeitschrift findet. Auch dies ist dem Publikum bekannt. Daher glaube ich, daß die Zeitschrift, wenn sie auch trocken und auf ein ganz bestimmtes Publikum berechnet ist, unmöglich zurückgehen kann.

Im Jahre 1867 hat mir Katkow in Gegenwart Ljubimows und des Redaktionssekretärs gesagt, daß sie um fünfhundert Abonnenten mehr als im Vorjahre hätten, was ausschließlich dem Erfolg meines »Raskolnikow« zuzuschreiben sei. Ich glaube kaum, daß der »Idiot« der Zeitschrift neue Abonnenten verschafft hat; daher freut es mich doppelt, daß sie trotz des offensichtlichen Mißerfolgs des Romans noch immer an mir hängen. Die Herausgeber bitten mich um Entschuldigung, daß der Schluß im Dezemberheft nicht hat erscheinen können, und wollen ihn an die Abonnenten als Separatdruck verschicken. Dies ist mir ganz besonders peinlich. Haben Sie wenigstens den Schluß erhalten? Schreiben Sie mir bitte darüber. Ich bekomme hier übrigens den »Russischen Boten«; vielleicht wird man mir den Separatdruck noch mit dem Februarheft schicken.

Aus Petersburg schrieb man mir ganz offen, der »Idiot« habe zwar viele Mängel und werde allgemein abfällig beurteilt, doch werde er von allen, die überhaupt Bücher lesen, mit großem Interesse verfolgt. Das ist ja alles, was ich erreichen wollte. Was die Mängel betrifft, so sehe ich sie selbst vollkommen ein; ich ärgere mich selbst so sehr über meine Fehler, daß ich gern eine Kritik über das Buch geschrieben hätte. Strachow will mir seinen Aufsatz über den »Idiot« schicken; ich weiß, daß er nicht zu meinen Anhängern zählt. – Ich sehe übrigens, daß ich Ihnen heute nur über mich selbst schreibe; da ich aber schon einmal im Zuge bin, will ich nun dabei bleiben und bitte Sie, mir geduldig zuzuhören. Von allen diesen literarischen Dingen hängt jetzt meine ganze Zukunft und meine Rückkehr nach Rußland ab. Mein sehnlichster Wunsch ist, euch alle zu umarmen und immer bei euch zu bleiben; vielleicht wird es auch wirklich einmal so kommen! Ich will gar nicht betonen, liebe Freundin (und Sie werden mich sicher begreifen), daß meine ganze literarische Tätigkeit für mich nur einen bestimmten idealen Wert hat, nur ein Ziel, nur eine Hoffnung verkörpert (und daß ich nicht nach Ruhm und Geld, sondern einzig und allein nach der Synthese meiner künstlerischen und poetischen Ideen strebe, d. h. daß ich das, was mich erfüllt, noch vor meinem Tode in irgendeinem Werke möglichst restlos aussprechen will).

Augenblicklich trage ich mich mit dem Plan zu einem Roman. Er wird »Der Atheismus« heißen; ich glaube, daß es mir gelingen wird, alles, was ich will, auszudrücken. Denken Sie sich aber, liebe Freundin: hier kann ich unmöglich schreiben. Ich müßte unbedingt in Rußland sein, alles sehen und hören und unmittelbar am russischen Leben teilnehmen; auch würde die Arbeit mindestens zwei Jahre in Anspruch nehmen. Hier kann ich es nicht und muß daher inzwischen etwas anderes schreiben.

Aus diesem Grunde wird mir das Leben im Auslande von Tag zu Tag unerträglicher. Sie müssen wissen, daß ich unbedingt sechstausend oder mindestens fünftausend Rubel haben muß, um nach Rußland zurückkehren zu können. Ich rechnete ursprünglich auf den Erfolg des »Idioten«. Wenn der Erfolg ebensogroß wie beim »Raskolnikow« wäre, so hätte ich diese fünftausend Rubel. Nun muß ich alle meine Hoffnungen auf die Zukunft setzen. Gott weiß, wann ich zurückkehren kann. Ich muß aber unbedingt zurückkehren.

Sie schreiben mir von Turgenjew und den Deutschen. Turgenjew hat aber im Auslande sein ganzes Talent eingebüßt, wie auch schon der »Golos« konstatiert hat. Mir droht wirklich keine Gefahr, dem Einfluß des Deutschtums zu erliegen, denn ich liebe die Deutschen nicht. Ich muß aber unbedingt in Rußland leben, denn hier werde ich die letzten Reste meines Talents und meiner Kräfte verlieren. Ich fühle es mit meinem ganzen Wesen. Daher muß ich Ihnen noch mehr von den literarischen Dingen, von denen meine Gegenwart, meine Zukunft und meine Rückkehr nach Rußland abhängen, erzählen. Ich fahre fort.

Die »Sarja« schickte mir durch Strachow einen zweiten Brief mit einer offiziellen Aufforderung, an der Zeitschrift mitzuwirken. Diese Einladung geht von Strachow, dem Redakteur Kaschpirew und noch einigen Mitarbeitern, die ich nicht kenne, aus (Gradowskij ist nicht darunter); auch Danilewskij (den ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen habe) ist dabei; es ist nicht der Romandichter Danilewskij, sondern ein anderer sehr bedeutender Mensch dieses Namens. Wie ich sehe, hat sich um diese Zeitschrift eine Reihe neuer Mitarbeiter von hervorragender Bedeutung und einer echt russischen und nationalen Gesinnung geschart. Die erste Nummer hat auf mich mit ihrer so offen und deutlich ausgesprochenen Richtung einen starken Eindruck gemacht, besonders aber die beiden großen Aufsätze von Strachow und Danilewskij. Den Aufsatz von Strachow müssen Sie unbedingt lesen. Sie haben sicher noch keinen kritischen Aufsatz gelesen, der mit diesem zu vergleichen wäre. Danilewskijs Aufsatz »Europa und Rußland« wird sehr lang werden und sich durch mehrere Hefte hinziehen. Dieser Danilewskij ist eine ganz ungewöhnliche Erscheinung. Früher einmal war er Sozialist und Fourierist; schon vor zwanzig Jahren, als er in unsere Affäre verwickelt war, erschien er mir als ganz hervorragend; aus der Verbannung kehrte er als echter Russe und Nationalist zurück. Dieser Aufsatz (den ich Ihnen ganz besonders empfehle) ist sein Erstlingswerk. Die Zeitschrift scheint mir überhaupt eine große Zukunft zu haben; wenn sich nur alle die Mitarbeiter auf die Dauer miteinander vertragen! Auch scheint mir Strachow, der eigentliche Redakteur, zu einer laufenden Arbeit wenig befähigt. Vielleicht irre ich mich auch. Ich beantwortete die Einladung zur Mitarbeiterschaft wie folgt: ich sei gerne bereit, an der Zeitschrift mitzuarbeiten; da mich aber meine Lage zwingt, das Honorar immer vorschußweise zu beziehen, was mir auch Katkow immer gewährt hat, so bitte ich sie schon jetzt um einen Vorschuß von tausend Rubel. (Es ist nicht zu viel; wovon sollte ich auch während der Arbeit leben? Ich kann doch unmöglich Katkow um Geld bitten, während ich für eine andere Zeitschrift schreibe.) Diesen Brief habe ich vor einigen Tagen abgeschickt und warte nun auf Antwort. Ich weiß nur das eine: wenn sie Geld haben, werden sie es mir sofort schicken; ich rechne aber auch mit der Möglichkeit, daß sie kein Geld haben, denn ich weiß aus Erfahrung, mit welchen Schwierigkeiten eine neue Zeitschrift in ihrem ersten Jahrgange zu kämpfen hat. Wenn sie mir auch die tausend Rubel schicken, so bedeutet das für mich keinen besonderen Vorteil. Von Katkow hätte ich ja ebenfalls Geld bekommen können und sogar viel mehr. Der einzige Vorteil wäre, daß ich auf einmal über eine größere Geldsumme (die ich dringend brauche) verfügen könnte; ich würde dann vierhundert Rubel für Pascha und Emilie Fjodorowna zurücklegen und außerdem eine mir besonders unangenehme Schuld in Petersburg bezahlen; es ist eine Ehrenschuld ohne Schuldschein. Nur wegen dieser Schuld habe ich den Vorschuß verlangt. Es erscheint mir auch vorteilhaft, vor dem Publikum auch noch in einer andern Zeitschrift mit Erfolg aufzutreten; dann wird man mich ja auch im »Russischen Boten« höher einschätzen. Ich fürchte nur, daß die Leute vom »Russischen Boten« sich verletzt fühlen werden, obgleich ich ihnen eine ausschließliche Mitarbeiterschaft nie versprochen habe und folglich auch berechtigt bin, an anderen Zeitschriften mitzuarbeiten. Unangenehm ist mir aber, daß ich dem »Russischen Boten« noch immer etwa zweitausend Rubel schulde, denn ich habe von ihnen nach und nach an die siebentausend Rubel vorschußweise bezogen. Eben aus diesem Grunde können sie es mir übel nehmen. Ich habe ihnen aber schon vor drei Monaten geschrieben, daß der Roman, den ich ihnen versprochen, nicht in diesem, sondern erst im nächsten Jahrgange (1870) erscheinen soll. Für die »Sarja« will ich eine Novelle schreiben, die etwa vier Monate in Anspruch nehmen wird und auf die ich jene Stunden, die ich mir zu Spaziergängen und Erholung nach den vierzehn Monaten Arbeit reserviert habe, verwenden will. Ich fürchte aber, daß die Sache herumgesprochen wird, was mir beim »Russischen Boten« schaden kann ...

Ganz der Ihrige
Fjodor Dostojewskij.

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