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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 5
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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III.
An den Bruder Michail, Petersburg, den 31. Oktober 1838

Wie lange habe ich dir nicht geschrieben, lieber Bruder. Das böse Examen! Es hinderte mich, dir und Papa zu schreiben und I. N. Schidlowskij Nikolai Schidlowskij, Beamter im Finanzministerium, schrieb hochtrabende Gedichte abstrakt-idealistischen Inhalts. Kam später infolge Trunksucht ganz herunter. aufzusuchen. Und was kam dabei heraus? Ich bin doch nicht versetzt worden. O Grauen! Noch ein Jahr, ein ganzes Jahr in diesem Jammer zu leben! Ich hätte nicht so sehr gewütet, wenn ich nicht wüßte, daß ich einer Gemeinheit, einer puren Gemeinheit unterlegen bin! Der Mißerfolg hätte mich nicht so sehr betrübt, wenn nicht die Tränen des armen Vaters in meiner Seele brennten. Ich habe bisher nicht gewußt, was beleidigter Ehrgeiz bedeutet. Wenn sich dieses Gefühl meiner bemächtigt hätte, müßte ich wohl erröten ... Doch weißt du: nun habe ich wirklich Lust, die ganze Welt auf einmal zu zermalmen ... Ich habe so viel Zeit vor dem Examen verloren, bin dabei krank und elend geworden, habe das Examen im wahren und vollen Sinne des Wortes bestanden und bin doch sitzengeblieben ... So wollte es der Lehrer für Algebra, dem ich einmal im Laufe des Lehrjahres einige Grobheiten gesagt habe, und der jetzt so gemein war, es mir zu vergelten, indem er mir damit den Grund meiner Nichtversetzung erklärte ... Bei zehn ganzen Punkten hatte ich im Mittel neuneinhalb und bin trotzdem sitzengeblieben ... Zum Kuckuck! Wenn ich leiden muß, so werde ich eben leiden ... Ich will für diese Erörterungen kein Papier verschwenden, denn ich habe auch so selten Gelegenheit, mit dir zu sprechen.

Mein Freund! Du philosophierst wie ein Dichter. Ebenso wie die Seele nicht gleichmäßig im Zustande der Begeisterung bleiben kann, so ist auch deine Philosophie nicht richtig und nicht gleichmäßig. Um mehr zu wissen, muß man weniger fühlen und umgekehrt; dein Urteil ist voreilig, es ist ein Delirium des Herzens. Was willst du mit dem Wort wissen sagen? Natur, Seele, Liebe und Gott erkennt man mit dem Herzen und nicht mit der Vernunft. Wären wir Geister, so wohnten wir in der Sphäre jener Idee, über der unsere Seele schwebt, wenn sie sie erraten will. Wir sind aber erdgeborene Menschen und müssen die Idee erraten, können sie aber nicht von allen Seiten zugleich erfassen. Der Leiter des Gedankens durch die vergängliche Hülle ins Innere der Seele heißt Vernunft. Die Vernunft ist eine materielle Fähigkeit; doch die Seele oder der Geist leben von den Gedanken, die ihnen das Herz zuflüstert. Der Gedanke wird in der Seele geboren. Die Vernunft ist ein Werkzeug, eine Maschine, die vom seelischen Feuer angetrieben wird. Wenn die Vernunft des Menschen (das ist wieder ein Kapitel für sich) in das Gebiet des Wissens eindringt, so wirkt sie unabhängig vom Gefühl und folglich auch vom Herzen. Wenn aber das Ziel der Erkenntnis die Liebe oder die Natur ist, so beginnt hier das ureigenste Gebiet des Herzens. Ich will nicht mit dir streiten, will aber bemerken, daß ich deine Ansichten über Poesie und Philosophie nicht teile. Die Philosophie darf nicht als eine gewöhnliche mathematische Gleichung, in der die Natur die Unbekannte ist, betrachtet werden! Merke dir, daß der Dichter im Augenblicke der Begeisterung Gott erfaßt, folglich die Aufgabe eines Philosophen erfüllt. Folglich ist die poetische Begeisterung nichts anderes als philosophische Begeisterung. Folglich ist die Philosophie nichts anderes als Poesie, als eine höhere Stufe von Poesie! Es ist sonderbar, daß du im Sinne der heutigen Philosophie urteilst. Wieviel sinnlose philosophische Systeme sind letztens in den gescheitesten und feurigsten Köpfen geboren! Um aus diesem bunten Haufen ein richtiges Resultat zu gewinnen, muß man alles einer mathematischen Formel unterordnen. Das sind eben die Gesetze der heutigen Philosophie. Ich habe mich aber verplaudert. Wenn ich auch deine schlappe Philosophie für unmöglich halte, halte ich es doch für möglich, daß meine Einwendungen nicht minder schlapp sind; ich will dich also damit nicht weiter plagen.

Bruder, es ist so traurig, ohne Hoffnung zu leben! Wenn ich vorwärts schaue, so graut es mir vor der Zukunft. Ich schwebe in einer kalten arktischen Atmosphäre, in die kein einziger Sonnenstrahl dringt. Ich habe seit langer Zeit keinen einzigen Ausbruch von Begeisterung erlebt ... Dafür befinde ich mich im gleichen Zustand wie der Gefangene von Chillon nach dem Tode seiner Brüder. Der Paradiesvogel der Poesie wird mich wohl nie wieder besuchen, wird nie wieder meine erfrorene Seele erwärmen. Du sagst, ich sei verschlossen; alle meine früheren Träume haben mich aber schon längst verlassen, und von jenen herrlichen Arabesken, die ich einst geschaffen, ist die ganze Vergoldung abgefallen. Alle Gedanken, die früher mit ihrem Strahl meine Seele und mein Herz entzündeten, haben nun ihr Feuer und ihre Wärme eingebüßt, oder mein Herz ist erstarrt, oder ... Es graut mir, diesen Satz fortzusetzen. Ich will nicht gestehen, daß alles Vergangene nur ein Traum, ein goldener bunter Traum gewesen ist.

Bruder, ich habe dein Gedicht gelesen. Es hat einige Tränen aus meiner Seele herausgepreßt und sie für eine Zeitlang im Banne der Erinnerungen eingelullt. Du sagst, daß du eine Idee für ein Drama hast. Ich freue mich darüber. Schreibe doch dein Drama. Wenn du nicht diese letzten Krumen vom paradiesischen Mahle hättest, was bliebe dir dann noch vom Leben übrig? Es tut mir leid, daß ich in der vorigen Woche Iwan Nikolajewitsch [Schidlowskij] nicht aufsuchen konnte; ich war krank. Hör einmal. Mir scheint, daß die Begeisterung des Dichters auch vom Ruhm begünstigt wird. Byron war ein Egoist; sein Streben nach Ruhm war kleinlich. Doch der bloße Gedanke, daß deiner Begeisterung dereinst irgendeine schöne, erhabene Menschenseele aus dem Staube zur Himmelshöhe folgen wird; der Gedanke, daß jene Zeilen, über denen du geweint hast, von deiner Begeisterung wie von einem himmlischen Sakrament geheiligt sind und daß über den gleichen Zeilen auch die späteren Geschlechter weinen werden, dieser Gedanke ist – davon bin ich überzeugt – manchem Dichter sicher auch in Augenblicken höchster schöpferischer Begeisterung gekommen. Das Geschrei des Pöbels ist aber hohl und nichtig. Mir fallen gerade die Verse Puschkins ein, in denen er den Pöbel und den Dichter beschreibt:

So laß das blöde Volk, dein Werk verlästernd, schrein,
Und den Altar, darauf dein Feuer loht, bespein,
Und kindischen Übermuts den Dreifuß dir erschüttern ...

Wundervoll, nicht wahr? Lebe wohl.

Dein Freund und Bruder F. Dostojewskij.

Ja! Teile mir bitte mit, worin die Hauptidee des Werkes von Chateaubriand »Génie du Christianisme« besteht. Ich las neulich im »Ssyn Otetschestwa« einen Aufsatz des Kritikers Nisard über Victor Hugo. Wie wenig halten doch von ihm die Franzosen! Wie niedrig schätzt Nisard seine Dramen und Romane ein! Sie sind ungerecht gegen ihn, und Nisard (wenn er auch sonst gescheit ist) redet Unsinn. Teile mir auch noch den Hauptgedanken deines Dramas mit: ich bin überzeugt, daß er herrlich ist.

Der arme Vater tut mir leid! Er hat einen so merkwürdigen Charakter. Wieviel Kummer hat er schon erlebt. Es ist so bitter, daß ich ihn mit nichts trösten kann! Weißt du übrigens: Papa steht der Welt ganz fremd gegenüber. Er hat schon fünfzig Jahre in der Welt gelebt und hat dabei die gleiche Meinung von den Menschen bewahrt, die er vor dreißig Jahren hatte. Diese selige Unwissenheit! Doch die Welt hat ihn enttäuscht, und ich glaube, daß es unser aller Schicksal ist. Lebe wohl.

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