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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 49
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XLVII.
An Nikolai Nikolajewitsch Strachow.
Florenz, den 26. Februar (10. März) 1869

Haben Sie übrigens folgende Eigentümlichkeit unserer russischen Kritik bemerkt? Jeder hervorragende Kritiker (wie Bjelinskij, Grigorjew) hat sich bei seinem ersten Auftreten vor dem Publikum auf irgendeinen hervorragenden Dichter gestützt, seine ganze Tätigkeit der Erklärung dieses Dichters gewidmet und sein Leben lang alle seine Gedanken nicht anders als in Form von Kommentaren zu den Werken dieses Dichters geäußert. Die Kritiker machten es durchaus naiv, und es erschien beinahe selbstverständlich. Ich will damit sagen, daß unsere Kritiker ihre eigenen Ideen nur dann äußern können, wenn sie Arm in Arm mit irgendeinem Dichter, der sie hinreißt, vor die Öffentlichkeit treten. So hat sich Bjelinskij gar nicht durch die Revision unserer ganzen Literatur und sogar nicht durch seine Aufsätze über Puschkin hervorgetan, sondern dadurch, daß er sich immer auf Gogol stützte, den er schon in seiner Jugend verehrt hatte. Grigorjew hat sich durch seine Erklärungen zu Ostrowskij und durch sein Eintreten für diesen Dichter hervorgetan. Und Sie haben, so lange ich Sie kenne, eine grenzenlose und unmittelbare Sympathie für Leo Tolstoi. Als ich Ihren Aufsatz in der »Sarja« las, hatte ich allerdings den Eindruck, daß er durchaus notwendig ist, und daß Sie unbedingt mit Leo Tolstoi und der Analyse seines letzten Werkes »Krieg und Frieden«. beginnen mußten, um Ihre eigenen Gedanken auszusprechen. Im »Golos« behauptete ein Feuilletonist, daß Sie den historischen Fatalismus Tolstois teilen. Diese blöde Bezeichnung tut nichts zur Sache; erklären Sie mir aber, wieso die Leute nur auf solche wunderlichen Gedanken und Ausdrücke kommen? Was heißt historischer Fatalismus? Warum diese ewige Routine und warum verdunkeln und vertiefen die einfältigen Menschen, die nur das, was direkt vor ihrer Nase liegt, sehen, ihre eigenen Gedanken so sehr, daß man sie gar nicht mehr verstehen kann? Der Feuilletonist hat ja offenbar etwas sagen wollen; daß er Ihren Aufsatz gelesen hat, steht außer jedem Zweifel. Was Sie in jenem Passus, in dem von der Schlacht bei Borodino die Rede ist, sagen, drückt das tiefste Wesen der Tolstoischen Ideen und Ihrer Gedanken über Tolstoi aus. Ich glaube, Sie hätten sich gar nicht deutlicher ausdrücken können. Der nationale russische Gedanke tritt an dieser Stelle beinahe nackt hervor. Dies haben eben die Leute nicht begriffen und als Fatalismus gedeutet. Was die übrigen Einzelheiten des Aufsatzes betrifft, so muß ich erst die Fortsetzung abwarten (die ich noch immer nicht erhalten habe). Jedenfalls sind Ihre Gedanken klar, logisch und sicher empfunden und mit höchster Eleganz ausgedrückt. Mit gewissen Details kann ich mich aber nicht einverstanden erklären. Mündlich ließen sich diese Fragen natürlich ganz anders besprechen als in diesem Brief. In jedem Fall halte ich Sie für den einzigen Vertreter unserer Kritik, dem die Zukunft gehört.

Ich danke Ihnen, mein guter und verehrter Nikolai Nikolajewitsch, für das große Interesse, das Sie mir entgegenbringen. Meine Gesundheit ist nach wie vor zufriedenstellend, und die Anfälle sind sogar weniger heftig als in Petersburg. In der letzten Zeit, d. h. vor etwa sechs Wochen, war ich noch mit dem Schluß meines »Idioten« stark beschäftigt. Schreiben Sie mir doch, wie Sie mir versprochen haben, Ihre Ansicht über das Buch; ich erwarte sie mit größter Spannung. Ich habe meine eigene Ansicht über die Kunst: das, was die meisten für beinahe phantastisch und ungewöhnlich halten, erscheint mir manchmal als das tiefste Wesen der Wirklichkeit. Die trockene Betrachtung alltäglicher Ereignisse halte ich noch lange nicht für Realismus, sogar ganz im Gegenteil. In jeder beliebigen Zeitungsnummer stoßen Sie auf Berichte über durchaus wirkliche Tatsachen, die einem aber durchaus außergewöhnlich erscheinen. Unsere Dichter halten sie für phantastisch und befassen sich gar nicht mit ihnen; und doch sind sie die Wirklichkeit, denn sie sind Tatsachen. Wer hat noch überhaupt Lust, sie zu bemerken, zu erklären und zu beschreiben? Sie passieren jeden Tag und jeden Augenblick, folglich sind sie nicht ungewöhnlich ...

Den Russen wird oft ungerechterweise vorgeworfen, daß sie alles beginnen, große Pläne schmieden, aber auch den unbedeutendsten Plan nicht ausführen können. Diese Ansicht ist uralt und dabei hohl und falsch. Es ist eine Verleumdung des russischen Nationalcharakters; sie wurde schon zu Bjelinskijs Zeiten ausgesprochen. Wie kleinlich und niedrig ist diese Ansicht und diese Art, in die Wirklichkeit einzudringen! Immer das alte Lied! Auf diese Weise werden wir unsere ganze Wirklichkeit verpassen! Wer soll denn die Tatsachen aufzeichnen und sich in sie vertiefen? Von der Novelle Turgenjews will ich schon gar nicht sprechen; der Teufel weiß, was es ist! Ist denn mein phantastischer »Idiot« nicht die alltäglichste Wirklichkeit? Gerade heutzutage muß es in unseren Gesellschaftsschichten, die von der Scholle losgelöst sind, in den Schichten, die in der Tat phantastisch zu werden anfangen, solche Charaktere geben. Ich will davon gar nicht reden! In meinem Roman ist vieles in der Eile geschrieben, vieles in die Länge gezogen und mißlungen, dagegen ist auch vieles gut geraten. Ich verteidige nicht den Roman, sondern nur die Idee. Teilen Sie mir doch bitte Ihre Ansicht mit und zwar möglichst offen. Je mehr Sie schimpfen werden, um so höher werde ich Ihre Aufrichtigkeit schätzen ...

[Weiter ist von der Zeitschrift »Sarja« und den in ihr veröffentlichten Aufsätzen die Rede.]

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