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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 48
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XLVI.
An die Nichte Sofia Alexandrowna Iwanowa-Chmyrowa.
Florenz, den 6. Februar (25. Januar) 1869

Meine liebe, gute und werte Freundin Ssonetschka, ich habe Ihren letzten Brief (ohne Datum) nicht sofort beantwortet und bin daher beinahe an Gewissensbissen gestorben, denn ich liebe Sie sehr. Es war aber nicht meine Schuld, und in Zukunft soll es anders sein. Die Pünktlichkeit in unserem Briefwechsel hängt jetzt nur von Ihnen allein ab; ich werde von nun an jeden Ihrer Briefe noch am gleichen Tage beantworten; da aber jeder Brief aus Rußland für mich jetzt ein Ereignis bedeutet und mich tief bewegt (Ihre Briefe bewegen mich immer in der angenehmsten Weise), so schreiben Sie mir, wenn Sie mich lieben, möglichst oft. Ich habe Ihnen so lange nicht geantwortet, weil ich alle meine Geschäfte und selbst die Beantwortung der wichtigsten Briefe bis nach Abschluß des Romans hinausgeschoben hatte. Nun ist er endlich fertig. Die letzten Kapitel schrieb ich Tag und Nacht in der größten Unruhe und unter großen Seelenqualen. Vor einem Monat schrieb ich an die Redaktion des »Russischen Boten«, sie möchte doch das Erscheinen des Dezemberheftes etwas hinausschieben und mir so die Möglichkeit geben, den Schluß noch in diesem Jahre erscheinen zu lassen. Ich habe geschworen, daß ich die letzte Zeile bis zum 15. Januar (nach unserem Stil) abliefern werde. Doch was geschah? Ich hatte zwei Anfälle und mußte infolgedessen den von mir bestimmten Termin um zehn Tage überschreiten. Die Redaktion hat wohl erst heute, am 25. Januar, die beiden letzten Kapitel erhalten. Sie können sich wohl vorstellen, wie sehr mich der Gedanke beunruhigte, daß sie die Geduld verlieren würden und, da sie am 15. Januar den Schluß noch nicht hatten, das Heft ohne den Roman erscheinen lassen könnten! Das wäre für mich schrecklich. In jedem Fall muß die Redaktion wütend sein; ich war in großer Not und mußte an Katkow um Geld schreiben.

Das Klima in Florenz ist für meinen Zustand vielleicht noch weniger geeignet als das in Mailand und in Vevey; die epileptischen Anfälle wiederholen sich öfter. Zwei Anfälle mit einem Zwischenraum von sechs Tagen haben eben diese Verspätung von zehn Tagen verschuldet. Außerdem regnet es in Florenz zu oft; bei heiterem Wetter ist hier dagegen ein wahres Paradies. Man kann sich keinen schöneren Eindruck vorstellen als den von diesem Himmel, dieser Luft und diesem Licht. Zwei Wochen lang war es etwas kühl; da die hiesigen Wohnungen gemein eingerichtet sind, froren wir diese zwei Wochen wie die Mäuse im Keller. Nun habe ich die Arbeit hinter mir und bin frei; diese Arbeit, die ein Jahr währte, hat mich so sehr mitgenommen, daß ich noch nicht einmal meine Gedanken sammeln konnte. Die Zukunft ist für mich ein Rätsel; ich weiß noch immer nicht, wozu ich mich entschließen werde. Irgendeinen Entschluß muß ich doch fassen. In drei Monaten sind es genau zwei Jahre, daß wir im Ausland sind. Nach meiner Ansicht ist das schlimmer als eine Deportation nach Sibirien. Ich meine es durchaus ernst, ohne zu übertreiben. Ich kann die Russen im Ausland nicht begreifen. Wenn es hier auch wirklich einen wunderbaren Himmel und, wie z. B. in Florenz, buchstäblich unerhörte und unglaubliche Wunder der Kunst gibt, so fehlen hier manche Vorzüge, die ich auch in Sibirien, als ich das Zuchthaus verließ, wahrnahm; ich meine in erster Linie die Heimat und die Russen, ohne die ich nicht leben kann. Vielleicht werden Sie es selbst einmal erleben, dann werden Sie mir glauben, daß ich durchaus nicht übertreibe. Und doch ist mir meine nächste Zukunft noch unbekannt. Mein ursprünglicher positiver Plan ist augenblicklich in die Brüche gegangen. (Ich sprach eben von einem positiven Plan, doch ist selbstverständlich ein jeder meiner Pläne, wie bei jedem Menschen, der kein Kapital besitzt und nur von seiner Arbeit lebt, mit Risiko verbunden und von vielen Nebenumständen abhängig.) Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, mit der zweiten Auflage des Romans meine Finanzen zu verbessern und dann nach Rußland zurückzukehren; ich bin aber mit dem Roman unzufrieden, denn ich habe auch nicht ein Zehntel von dem, was ich sagen wollte, gesagt. Ich verwerfe ihn aber trotzdem nicht und liebe den mißratenen Plan noch heute.

Jedenfalls ist das Buch vom Standpunkte des Publikums aus nicht effektvoll genug; die zweite Auflage wird mir daher, wenn sie auch zustande kommt, so wenig einbringen, daß ich mit der Einnahme gar nichts werde anfangen können. Während ich mich im Auslande aufhalte, weiß ich übrigens nichts von der Aufnahme, die der Roman in Rußland gefunden hat. Gleich im Anfang schickte man mir einige Zeitungsausschnitte mit begeisterten Lobsprüchen. In der letzten Zeit sind aber alle Äußerungen verstummt. Das Schlimmste ist, daß mir die Ansicht der Herausgeber des »Russischen Boten« über den Roman vollständig unbekannt ist. So oft ich sie um Geld bat, schickten sie es mir umgehend, woraus ich einigermaßen günstige Schlüsse zog. Ich kann mich aber auch geirrt haben. Jetzt schreiben mir Maikow und Strachow aus Petersburg, daß dort eine neue Zeitschrift »Sarja« mit Strachow als Herausgeber begründet worden sei; sie schickten mir das erste Heft und baten mich um meine Mitarbeiterschaft. Ich habe sie ihnen versprochen, doch bin ich noch immer an den »Russischen Boten« durch meine ständige Mitarbeit (es ist besser, immer bei der gleichen Zeitschrift zu bleiben) und durch den Umstand, daß mir Katkow noch vor meiner Abreise ins Ausland einen Vorschuß von dreitausend Rubel gegeben hat, gebunden. Ich schulde den Herausgebern auch jetzt noch sehr viel, denn ich habe (mit den ersten dreitausend) nach und nach etwa siebentausend Rubel genommen; schon aus diesem einen Grunde darf ich jetzt nur am »Russischen Boten« mitarbeiten.

Von der Antwort des »Russischen Boten« auf meine Bitte, mir noch mehr Geld zu schicken, hängt jetzt alles ab. Aber auch bei einer günstigen Antwort wird meine Lage höchst unbestimmt bleiben. Ich muß unbedingt nach Rußland zurückkehren; hier büße ich jede Fähigkeit, etwas zu schreiben, ein, denn ich habe hier das mir notwendige Material, d. h. die russische Wirklichkeit (aus der ich meine Ideen schöpfe) und die Russen nicht zur Verfügung. Jeden Augenblick muß ich etwas nachschlagen oder erfragen und weiß nicht wo. Ich trage mich jetzt mit dem Plan zu einem riesengroßen Roman herum, der in jedem Fall, auch falls er mir mißlingen sollte, sehr effektvoll, und zwar schon wegen seines Themas, ausfallen muß. Das Thema ist – der Atheismus (es ist keine Anschuldigung gegen die heute um sich greifenden Überzeugungen, sondern etwas anderes; eine echte Dichtung). Dies muß den Leser auch gegen seinen Willen gefangen nehmen. Ich muß unbedingt große Vorstudien machen. Zwei oder drei handelnde Personen habe ich mir schon wunderbar entworfen; u. a. einen katholischen Enthusiasten und Priester (in der Art des St. François Fanier). Hier kann ich ihn aber unmöglich schreiben. Dieses Werk werde ich sicher auch in der zweiten Auflage verkaufen können und dabei viel verdienen; doch wann? erst in zwei Jahren. (Erzählen Sie aber niemand von diesem Plan.) Inzwischen werde ich irgend etwas anderes schreiben müssen, des täglichen Brotes wegen. Dies alles ist recht traurig. In meinem Zustand muß unbedingt eine Änderung eintreten. Woher soll aber diese Änderung kommen?

Sie haben recht, meine Freundin, wenn Sie sagen, daß ich mir in Rußland viel leichter und schneller Geld verschaffen könnte. Ich trage mich jetzt z. B. mit den Plänen zu zwei Werken herum: der eine Plan erfordert viel Arbeit und schließt die gleichzeitige Beschäftigung mit einem Roman vollkommen aus, kann mir dagegen viel Geld einbringen (woran ich gar nicht zweifle). Die andere Arbeit ist rein kompilativ und beinahe mechanisch; es handelt sich um ein jährlich erscheinendes großes und allgemein nützliches Buch von etwa sechzig Druckbogen bei kleinem Satz, das in großen Mengen gekauft werden wird und alljährlich im Januar erscheinen soll; diese Idee will ich noch nicht verraten, denn sie ist zu sicher und zu wertvoll; der Gewinn steht außer jedem Zweifel; meine Arbeit wird lediglich die eines Redakteurs sein Plan zu dem »Tagebuch eines Schriftstellers«.. Allerdings gehören einige Ideen und große Sachkenntnis dazu. Diese Arbeit würde mich aber nicht hindern, mich gleichzeitig mit einem Roman zu befassen. Ich brauche dafür auch Mitarbeiter und werde in erster Linie an Sie denken (ich brauche auch Übersetzer), und zwar mit der Bedingung, daß der Gewinn im Verhältnis zu der geleisteten Arbeit geteilt werden soll; Sie werden zehnmal soviel verdienen als Sie jetzt für Ihre Arbeit bekommen. Ich kann ohne Übertreibung sagen, daß ich in meinem Leben schon manche gute literarische Idee gehabt habe. Ich habe meine Ideen verschiedenen Verlegern, auch Krajewskij und meinem verstorbenen Bruder vorgeschlagen; alles, was davon verwirklicht wurde, hat sich als höchst lukrativ erwiesen. So baue ich auch auf meine neuesten Ideen. Die Hauptsache ist aber der nächste große Roman. Wenn ich ihn nicht schreibe, wird er mich zu Tode peinigen. Hier kann ich ihn aber nicht schreiben. Ich kann aber auch nicht nach Rußland zurückkehren, ehe ich mindestens viertausend Rubel von meinen Schulden bezahlt habe und außerdem noch dreitausend Rubel (um das erste Jahr leben zu können) besitze (im ganzen also siebentausend).

Doch genug von mir und von diesen langweiligen Sachen! So oder so, alles muß doch unbedingt irgendwie zum Abschluß kommen, sonst sterbe ich daran ...

Ihr Ihnen herzlich ergebener

Fjodor Dostojewskij.

P.S. Meine Adresse ist Florenz postlagernd. Ich höre, daß unglaublich viele Briefe verloren gehen.

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