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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 45
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XLIII.
An Apollon Maikow, Mailand, den 7. Okt. (26. Nov.) 1868

Vor allen Dingen muß ich feststellen, daß ich nie etwas gegen Sie gehabt habe, ich sage es ehrlich und aufrichtig; im Gegenteil: ich war der Ansicht, daß Sie mir aus irgendeinem Grunde zürnten. Erstens hatten Sie aufgehört, mir zu schreiben; ein jeder Ihrer Briefe ist mir aber hier ein großes Ereignis; ein Hauch aus Rußland, ein wahres Fest. Wie haben Sie aber glauben können, daß ich mich wegen irgendeines Satzes verletzt fühlte? Nein, mein Herz ist anders. Und dann noch folgendes: ich habe Sie vor zweiundzwanzig Jahren (es war bei Bjelinskij, wissen Sie es noch?) kennen gelernt. Seit jener Zeit hat mich das Leben gehörig hin und her geworfen und mir zuweilen erstaunliche Überraschungen bereitet; und schließlich und endlich habe ich augenblicklich nur Sie: Sie sind der einzige Mensch, auf dessen Herz und Gemüt ich mich verlasse, den ich liebe, und dessen Gedanken und Überzeugungen auch die meinigen sind. Wie sollte ich Sie daher nicht lieb haben, beinahe ebenso wie ich meinen verstorbenen Bruder geliebt habe? Ihre Briefe haben mich immer erfreut und ermutigt, denn ich war in trauriger Verfassung. Vor allen Dingen bin ich durch meine Arbeit furchtbar geschwächt und heruntergekommen. Seit fast einem Jahre schreibe ich jeden Monat dreieinhalb Druckbogen. Das ist sehr schwer. Auch fehlt mir hier das russische Leben mit seinen Eindrücken, die mir für meine Arbeit stets notwendig waren. Schließlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans loben, die Ausführung war bisher nicht hervorragend. Am meisten quält mich der Gedanke, daß, wenn ich den Roman in einem Jahre fertig geschrieben hätte und dann noch zwei oder drei Monate zum Umschreiben und Ausbessern zur Verfügung hätte, er ganz anders geworden wäre; ich garantiere dafür. Jetzt, da ich schon einen Überblick über das Ganze habe, sehe ich es vollkommen ein.

Ihrem Leben war ich vollkommen entfremdet, obwohl mein ganzes Herz bei Ihnen ist; Ihre Briefe sind mir daher ein himmlisches Manna. Die Nachricht von der neuen Zeitschrift Die Rede ist von »Sarja« (»Morgenrot«). hat mich sehr gefreut.

Was kann sich Nikolai Nikolajewitsch Strachow. jetzt noch mehr wünschen? Die Hauptsache ist, daß er unumschränkter Herr über die Zeitschrift bleibt. Es wäre sehr erwünscht, daß die Zeitschrift von russischem Geist, wie wir beide ihn verstehen, geleitet wird, wenn sie auch nicht rein slawophil wird. Ich glaube, mein Freund, daß wir es gar nicht nötig haben, gar zu eifrig den Slawen nachzulaufen. Sie müssen selbst zu uns kommen. Nach dem altslawischen Kongreß zu Moskau haben einzelne Slawen hochmütig über die Russen gespottet, weil sie sich angemaßt hätten, die andern zu führen, und ihnen imponieren wollten, während sie selbst so wenig nationales Bewußtsein hätten usw. Glauben Sie mir: viele Slawen, z. B. die in Prag, beurteilen uns von einem ausgesprochen westlerischen, vom französischen oder deutschen Standpunkte aus; sie wundern sich vielleicht auch, daß unsere Slawophilen sich so wenig um die allgemein gültigen Formen westeuropäischer Zivilisation kümmern. Wir haben also gar keinen Grund, ihnen nachzulaufen und den Hof zu machen. Etwas anderes ist es, wenn wir die Leute bloß studieren; wir können sie auch im Notfalle unterstützen; wir brauchen sie aber nicht mit unseren brüderlichen Gefühlen zu verfolgen, obgleich wir sie auch unbedingt als Brüder betrachten und behandeln müssen. Ich hoffe auch, daß Strachow der Zeitschrift einen bestimmten politischen Charakter verleihen wird, von der Selbsterkenntnis gar nicht zu reden. Die Selbsterkenntnis ist unser wunder Punkt, sie fehlt uns vor allen Dingen. Auf jeden Fall wird Strachow seine Sache glänzend machen, und ich erwarte den großen Genuß, den mir seine Artikel verschaffen werden, die ich seit dem Eingehen der »Epoche« nicht mehr gelesen habe ...

Das Buch, von dem Sie mir schrieben, hatte ich kurz vorher gelesen Die Rede ist vom Roman » Les secrets du palais des Tsars«, der am Hofe Nikolaus I. spielt. In diesem Roman treten auch Dostojewskij und seine Frau auf. D. stirbt, und seine Frau geht ins Kloster., und ich muß gestehen, daß es mich entsetzlich aufgebracht hat. Ich kann mir nichts Unverschämteres denken. Selbstverständlich soll man auf solche Sachen spucken, das wollte ich auch im ersten Augenblick tun. Mich bedrückt aber der Gedanke, daß, wenn ich dagegen nicht protestiere, ich damit das gemeine Machwerk sozusagen rechtfertige. Wo soll man aber protestieren? Im » Nord«? Ich kann aber nicht gut französisch schreiben, auch möchte ich möglichst taktvoll vorgehen. Ich habe die Absicht, nach Florenz zu gehen und mir im russischen Konsulat Rat zu holen. Natürlich ist dies nicht der einzige Grund, warum ich nach Florenz gehen will ...

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