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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 42
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XL.
An den Stiefsohn P. A. Issajew.
Genf, den 19. Februar (3. März) 1868

Mache mir keine Vorwürfe und zürne mir nicht, mein mir immer lieber Pascha, weil ich Emilie Fjodorowna Witwe Michail Dostojewskijs. hundert Rubel und dir nur fünfzig Rubel schicke. Du bist aber, mein Lieber, allein, und sie ist nicht allein. Du schreibst ja selbst, daß sie so viel braucht. Sie muß auch noch ihren Fedja unterstützen; er arbeitet, und ich wünsche ihm Glück. Ich liebe ihn sehr. Ich würde gern alles hergeben, habe aber selbst nichts. Ich muß dir sagen, eine wie große Freude es mir ist, daß du den Posten angenommen und zu arbeiten begonnen hast. Ich achte dich dafür sehr, Pascha. Dies war edel von dir; der Posten ist allerdings nicht hervorragend, du bist aber noch jung und kannst warten. Wisse aber, daß du immer auf mich rechnen kannst. Solange ich lebe, werde ich dich als meinen geliebten Sohn betrachten. Ich habe deiner Mutter noch am Vorabend ihres Sterbetages geschworen, dich nie zu verlassen. Als du noch ein kleines Kind warst, habe ich dich meinen Sohn genannt. Wie könnte ich dich auch verlassen und vergessen? Als ich mich wieder verheiratete, machtest du Andeutungen, daß deine Rolle jetzt eine andere sein würde; ich habe dir darauf nie geantwortet, weil deine Meinung mich tief verletzte; jetzt muß ich es dir aber gestehen. Wisse nun, daß du immer mein Sohn, mein ältester Sohn bleiben wirst; aus mir spricht nicht die Pflicht, sondern mein Herz. Wenn ich dich oft angeschrien habe und böse gegen dich war, so ist nur mein schlechter Charakter schuld daran; ich liebe dich so, wie ich nur selten einen Menschen geliebt habe. Wenn ich einmal nach Petersburg zurückkehre, werde ich alles versuchen, um dir einen besseren Posten zu verschaffen; ich werde dich auch mit Geld unterstützen, solange ich lebe und solange ich selbst etwas besitze. Deine Mitteilung, daß du dich nicht wohl fühlst, hat mich sehr erschreckt. Schreibe mir sofort nach Erhalt dieses Briefes wenigstens einige Zeilen. Schicke den Brief unfrankiert: du sollst keine unnötigen Ausgaben haben. Meine Adresse ist noch immer dieselbe. Ich setze alle meine Hoffnungen auf den neuen Roman. Wenn er mir gut gerät, werde ich die zweite Auflage verkaufen, meine Schulden bezahlen und nach Rußland zurückkehren. Ich werde noch außerdem von der Redaktion einen Vorschuß bekommen können. Ich fürchte aber, daß der Roman mißlingt. Die Idee gefällt mir sehr gut, doch die Ausführung?! Der Roman heißt »Der Idiot«, der erste Teil ist bereits im »Russischen Boten« abgedruckt. Hast du ihn vielleicht gelesen? Die Hauptsache ist jetzt, daß er gut wird; dann ist alles gerettet.

Ich arbeite Tag und Nacht; unser Leben ist eintönig. Genf ist eine entsetzlich langweilige Stadt. Den ganzen Winter habe ich gefroren, jetzt haben wir aber richtiges Frühlingswetter. Plus zehn Grad Reaumur. Mein Gesundheitszustand ist weder gut noch schlecht. Ich leide ständig große Not. Wir leben von einigen Groschen und haben alles versetzt. Anna Grigorjewna muß jeden Augenblick niederkommen. Ich glaube, es wird heute Nacht geschehen. Ich bin in großer Unruhe und muß dabei unausgesetzt schreiben. Urteile selbst, ob ich dir alle deine Briefe pünktlich beantworten kann. Berichte mir ausführlich, wie du lebst. Gib acht auf deine Gesundheit.

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