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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 41
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XXXIX.
An die Nichte Sofia Alexandrowna Iwanowa-Chmyrowa Genf, den 1. (13.) Januar 1868

Meine liebe, teure Freundin Ssonetschka, trotz Ihrer Bitte habe ich Ihnen noch immer nicht geantwortet und gebe Ihnen hiermit mein Ehrenwort, von nun an regelmäßig jeden Monat zu schreiben. In meinem Briefe an Alexander Pawlowitsch habe ich, so gut ich konnte, die Ursache meines Schweigens erklärt. Ich war die ganze Zeit über in einer so schlechten Stimmung und fortwährender Spannung, daß ich das Bedürfnis hatte, mich in mich selbst einzuschließen und meinen Harm in der Einsamkeit zu tragen. In jenen Tagen wäre es mir schwer gefallen, Ihnen zu schreiben; wovon hätte ich Ihnen auch schreiben können? Von meiner schlechten Stimmung? (Sie wäre sicher auch in meinem Brief zum Ausdruck gekommen.) Dieser Stoff ist aber unpassend. Meine Lage war recht schwierig. Von meiner Arbeit hängt mein ganzes Schicksal ab. Ich habe vom »Russischen Boten« nicht nur viertausendfünfhundert Rubel Vorschuß genommen, sondern auch der Redaktion ehrenwörtlich versprochen und dieses Versprechen in jedem Briefe wiederholt, daß der Roman tatsächlich geschrieben werden wird. Doch unmittelbar vor Absendung des fertigen Manuskripts an die Redaktion mußte ich es zum größten Teile vernichten, denn der Roman gefiel mir nicht mehr (wenn aber einem seine Arbeit mißfällt, kann sie unmöglich gut sein). Ich habe den größten Teil des Geschriebenen vernichtet. Von diesem Roman und von der Bezahlung meiner Schuld hing aber mein ganzes Leben und meine Zukunft ab. Vor drei Wochen (am 18. Dezember neuen Stils) nahm ich einen andern Roman in Angriff und arbeite nun Tag und Nacht. Die Idee des Romans ist die alte und von mir immer bevorzugte; sie ist aber so schwierig, daß ich bisher noch nie den Mut hatte, sie auszuführen; wenn ich sie jetzt doch in Arbeit nehme, so geschieht es nur, weil meine Lage verzweifelt ist. Die Grundidee ist die Darstellung eines wahrhaft vollkommenen und schönen Menschen. Und dies ist schwieriger als irgend etwas in der Welt, besonders aber heutzutage. Alle Dichter, nicht nur die unsrigen, sondern auch die ausländischen, die die Darstellung des Positiv-Schönen versucht haben, waren der Aufgabe nicht gewachsen, denn sie ist unendlich schwer. Das Schöne ist das Ideal; das Ideal steht aber bei uns wie im zivilisierten Europa noch lange nicht fest. Es gibt in der Welt nur eine einzige positiv-schöne Gestalt: Christus; diese unendlich schöne Gestalt ist selbstverständlich ein unendliches Wunder (das ganze Evangelium Johannis ist von diesem Gedanken erfüllt: Johannes sieht das Wunder in der Fleischwerdung, in der Erscheinung des Schönen). Ich bin in meinen Erklärungen zu weit gegangen. Ich will nur noch erwähnen, daß von allen schönen Gestalten in den christlichen Literaturen mir die des Don Quixote am vollkommensten erscheint. Don Quixote ist aber nur darum schön, weil er zugleich lächerlich ist. Auch die Pickwickier von Dickens (sie sind zwar sehr viel schwächer als der Don Quixote, doch immerhin ein gewaltiges Werk) sind lächerlich, und dies verleiht ihnen eben den großen Wert. Der Leser spürt Mitleid und Sympathie mit dem verspotteten und sich seines Wertes nicht bewußten Schönen. Das Geheimnis des Humors besteht eben in der Kunst, im Leser Sympathie zu wecken. Jean-Valjean Held von Hugos » Misérables«. ist gleichfalls ein bemerkenswerter Versuch, doch er erweckt Sympathie nur durch sein entsetzliches Schicksal und die Ungerechtigkeit der Gesellschaft ihm gegenüber. Ich habe noch nichts Ähnliches, nichts Positives gesunden, und darum fürchte ich, daß es ein positiver Mißerfolg werden wird. Einzelne Details werden vielleicht nicht schlecht ausfallen. Ich fürchte aber, daß der Roman langweilig werden wird. Er soll sehr umfangreich werden. Den ersten Teil habe ich in dreiundzwanzig Tagen geschrieben und neulich abgeschickt. Dieser erste Teil wird durchaus wirkungslos bleiben. Er ist selbstverständlich nur ein Vorspiel. Es ist gut, daß er das ganze Werk in keiner Weise kompromittiert, er klärt aber auch nichts auf und stellt keine Probleme. Mein einziger Wunsch ist, im Leser wenigstens einiges Interesse zu erwecken, damit er auch den zweiten Teil liest. Den zweiten Teil beginne ich heute und werde ihn in vier Wochen abschließen (ich habe ja immer so schnell gearbeitet). Ich glaube, daß er stärker und bedeutender sein wird als der erste. Wünschen Sie mir doch, liebe Freundin, einigen Erfolg! Der Roman heißt »Der Idiot« und ist Ihnen, d. h. Sofia Alexandrowna Iwanowa, gewidmet. Meine liebe Freundin, ich wünsche mir, daß das Buch so ausfällt, daß es dieser Widmung würdig ist. Jedenfalls bin ich nicht berufen, selbst über meine Arbeit zu urteilen, am allerwenigsten aber in der erregten Stimmung, in der ich mich jetzt befinde.

Mein Gesundheitszustand ist durchaus befriedigend, und ich vertrage auch die anstrengendste Arbeit gut; allerdings kommt jetzt für mich in Anbetracht des Zustandes von Anna Grigorjewna eine schwere Zeit. Ich werde noch vier Monate arbeiten und hoffe dann nach Italien ziehen zu können. Die Einsamkeit ist mir jetzt notwendig. Fedja und Pascha tun mir aufrichtig leid. An Fedja schreibe ich mit der gleichen Post. Das Leben im Auslande ist übrigens sehr schwer, und ich sehne mich entsetzlich nach Rußland zurück. Anna Grigorjewna und ich leben hier ganz einsam. Mein Leben vergeht so: ich stehe spät auf, heize den Kamin (es ist fürchterlich kalt), wir trinken Kaffee und dann gehe ich an die Arbeit. Um vier Uhr gehe ich in ein Restaurant, wo ich für zwei Franken (mit Wein) zu Mittag esse. Anna Grigorjewna zieht es vor, zu Hause zu essen. Nach dem Essen gehe ich in ein Café, trinke Kaffee und lese die »Moskauer Nachrichten« und den »Solos« von A bis Z. Um mir Bewegung zu machen, gehe ich eine halbe Stunde in den Straßen der Stadt spazieren und begebe mich dann wieder nach Hause und an meine Arbeit. Ich heize wieder den Kamin, wir trinken Tee und ich arbeite weiter. Anna Grigorjewna behauptet, sie sei ungeheuer glücklich.

Genf ist eine langweilige, düstere, protestantische, dumme Stadt mit einem entsetzlichen Klima, doch zum arbeiten sehr geeignet.

Vor September werde ich vielleicht gar nicht nach Rußland zurückkehren können; leider, meine liebe Freundin! Sobald ich zurückgekehrt bin, werde ich zu Ihnen eilen, um Sie zu umarmen. Ich trage mich mit dem Plan, nach meiner Rückkehr eine neue Zeitschrift zu gründen. Alles hängt aber selbstverständlich vom Erfolg meines jetzigen Romans ab. Denken Sie sich nur: ich arbeite so angestrengt, und doch weiß ich noch nicht, ob das Manuskript rechtzeitig für die Januarnummer eintreffen wird. Das wäre mir sehr unangenehm!

Ich umarme und küsse Sie. Ihr Ihnen immer freundschaftlich gesinnter

Fjodor Dostojewskij.

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