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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 40
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XXXVIII.
An die Schwester Wjera und den Schwager Alexander Pawlowitsch Iwanow, Genf, den 1. (13.) Januar 1868

Meine lieben und teuren Alexander Pawlowitsch und Wjera Michailowna! Vor allem umarme ich euch, gratuliere euch zum Neuen Jahr und wünsche euch selbstverständlich aufrichtig alles Beste! Gestern überraschte mich Anna Grigorjewna mit einer viertel Flasche Champagner, die sie Punkt halb elf Uhr abends, als es in Moskau zwölf Uhr schlug, auf unseren Teetisch stellte; wir stießen an und tranken auf das Wohl aller unserer Lieben. Wer ist mir (und auch Anna Grigorjewna, ihre nächsten Verwandten ausgenommen) lieber, als ihr und eure Kinder? Außer euch nur noch Fedja mit Familie und Pascha Fedja – Dostojewskijs Neffe, Sohn seines Bruders Michail; Pascha – Dostojewskijs Stiefsohn.: das sind alle, die mir teuer sind und an denen ich hänge.

Eure beiden Briefe, den letzten sowie den vom November habe ich erhalten; verzeiht, daß ich bisher nicht geantwortet habe. Ich habe euch noch immer ebenso lieb und denke an euch nicht weniger als früher. Ich war aber immer in einer so gespannten und unbefriedigten Stimmung, daß ich die Antwort auf eine bessere Stunde hinausschob; doch in der letzten Zeit hatte ich (buchstäblich) keine einzige freie Stunde. Die ganze Zeit habe ich gearbeitet, geschrieben und das Geschriebene vernichtet; erst Ende Dezember konnte ich dem »Russischen Boten« den ersten Teil meines Romans »Der Idiot«. abliefern. Sie wollten ihn im Januarheft bringen, aber ich fürchte, daß das Manuskript zu spät gekommen ist.

Von dieser Arbeit hängt jetzt für mich aber fast alles ab: meine Existenz, das tägliche Brot und meine ganze Zukunft. Ich habe mir vom »Russischen Boten« ungeheuer viel vorschießen lassen, beinahe viertausendfünfhundert Rubel; dann habe ich in Petersburg noch Wechselschulden von mindestens dreitausend Rubel; und dabei muß ich doch auch irgendwie existieren, dazu noch in einer solchen Zeit! Daher setze ich alle meine Hoffnungen auf den Roman; ich muß noch vier Monate unausgesetzt, ohne vom Arbeitstisch aufzustehen, schreiben. Ich bin mit der Arbeit so sehr im Rückstand, weil ich fast alles, was ich bisher geschrieben, verworfen habe. Der Roman wird mir nach Schätzung des »Russischen Boten« etwa sechstausend Rubel Honorar einbringen. Nun habe ich viertausendfünfhundert Rubel auf Vorschuß genommen; folglich werde ich immerhin noch eintausendfünfhundert Rubel zu bekommen haben. Wenn er wirklich gut gerät, werde ich im September die zweite Auflage (wie ich es immer zu tun pflege) für etwa dreitausend Rubel verkaufen. Ich werde also leben können, im September etwa eintausendfünfhundert Rubel Schulden bezahlen und nach Rußland zurückkehren. Doch dies alles hängt jetzt von meiner Arbeit ab. Meine ganze Zukunft und meine ganze Gegenwart hängen von ihr ab; und wenn mein Roman einigermaßen gut wird, werde ich im September beim »Russischen Boten« weiteren Kredit finden. Jetzt will ich euch unser bisheriges Leben und unsere Lage beschreiben.

In dieser Beziehung ist alles eintönig; solange wir in Genf sind, gleicht jeder Tag dem vorhergehenden und dem folgenden. Ich schreibe, und Anna Grigorjewna arbeitet an der Aussteuer für den Gast, den wir erwarten, oder stenographiert, wenn ich ihre Hilfe brauche. Sie erträgt ihren Zustand ausgezeichnet (in der allerletzten Zeit hat sie allerdings Beschwerden); unser Leben gefällt ihr sehr gut, und sie sehnt sich höchstens nur nach ihrer Mama.

Unsere Weltabgeschiedenheit ist mir persönlich von großer Wichtigkeit; anders hätte ich gar nicht arbeiten können. Allerdings ist es in Genf auch sonst, trotz der Aussicht auf den Montblanc, den Genfer See und die aus ihm entspringende Rhone, recht langweilig. Ich wußte das auch schon früher; die Umstände gestalteten sich aber so, daß wir in unserer Lage keinen anderen Winteraufenthalt finden konnten, als eben dieses Genf, wohin wir im September zufällig geraten sind. In Paris z. B. ist der Winter viel kälter, das Holz ist zehnmal teurer, wie überhaupt alles. Wir wollten eigentlich nach Italien, d. h. natürlich nach Mailand (nicht weiter südlich), wo das Klima im Winter unvergleichlich milder ist; auch ist die Stadt mit ihrem Dom, Theater und den Galerien viel anziehender. Erstens war aber gerade um jene Zeit ganz Europa und besonders Italien von einem Kriege bedroht; für eine Frau in andern Umständen wäre aber der Aufenthalt mitten im Kriege wenig angenehm. Zweitens ist es doch unbedingt erwünscht, sich mit den Ärzten und den Hebammen verständigen zu können; wir verstehen aber nicht italienisch. Deutschland hinwieder lag uns nicht auf dem Wege, auch hatten wir wenig Lust, wieder hinzugehen. Genf aber ist eine gelehrte Stadt mit Bibliotheken, vielen Ärzten usw., die alle französisch sprechen. Wir hatten allerdings nicht gewußt, daß es hier so langweilig ist und daß es die periodischen Winde (Bisen) gibt, die aus den Bergen kommen und die Kälte des ewigen Eises bringen. In unserer früheren Wohnung hatten wir viel zu leiden; die Häuser sind hier entsetzlich gebaut; statt Öfen hat man nur Kamine, und es gibt keine Doppelfenster. So einen Kamin muß man den ganzen Tag mit Holz heizen (Holz ist hier noch immer sehr teuer, obwohl die Schweiz das einzige Land in Westeuropa ist, wo es überhaupt noch Holz gibt) – und das ist dasselbe, als ob man den Hof heizen wollte. In meinem Zimmer waren oft nur sechs Grad und selbst fünf Grad über Null; in den andern kam es vor, daß nachts das Wasser in den Krügen einfror. Seit etwa vier Wochen haben wir aber eine neue Wohnung. Zwei Zimmer sind sehr schön, und eines davon ist so warm, daß man darin gut wohnen und arbeiten kann. Bei uns in Genf fiel die Temperatur nie unter acht Grad; in Florenz waren es Plus zehn Grad und in Montpellier in Frankreich, am Mittelländischen Meer, südlicher als Genf, Plus fünfzehn Grad.

Nach Petersburg habe ich schon seit längerer Zeit nicht geschrieben; man schreibt mir auch von dort fast nie. Mich bedrückt am schwersten der Gedanke, daß Fedja und Pascha Geld brauchen, welches ich ihnen sobald als möglich schicken muß. Ich kann aber vom »Russischen Boten« unmöglich eine größere Summe bekommen, ehe ich den zweiten Teil des Romans abliefere, was frühestens in drei Wochen geschehen kann; denn ich habe schon zu viel auf Vorschuß genommen und nur etwa tausend Rubel abgearbeitet; dies quält mich so sehr, daß ich oft auch des Nachts keine Ruhe finde. Fedja kann ohne fremde Hilfe nicht auskommen, und Pascha muß sein Geld pünktlich bekommen. Ich lebe von jenen hundert Rubeln, die mir der »Russische Bote« monatlich schickt. Bald werde ich auch selbst viel mehr brauchen. Ende Februar (nach hiesigem Stil) wird Anna Grigorjewna Mutter werden, und zu diesem Zeitpunkt muß ich unbedingt Geld haben, auf jeden Fall sogar mehr, als man im voraus berechnen kann.

Wie geht es euch? Eure Briefe sind für mich wahre Feste, und ich würde gern nach Moskau kommen, nur um euch zu sehen. Doch meine Zukunft hängt wiederum von meiner Arbeit ab. Ich bitte euch, mir möglichst genau von euch und den Kindern zu schreiben. Ich habe mich übrigens sehr geärgert, als ich aus deinem Briefe, Wjerotschka, (vom November) erfuhr, daß ihr für eure Kinder eine Französin nehmen wollt. Warum? Wozu? Wegen der Aussprache? Von einer Französin und selbst von einem französischen Lehrer kann man (wie ich aus eigener Erfahrung weiß) unmöglich die französische Sprache mit allen Finessen erlernen. Man erlernt sie nur dann, wenn man es sich selbst ernsthaft vornimmt; um aber auch die Aussprache vollkommen zu erlernen, muß man einen außergewöhnlich starken Willen haben. Ich halte die Aussprache für überflüssig. Glaube mir, meine liebe Wjerotschka: wenn deine Kinder einmal erwachsen sind, wird man in unsern Salons nicht mehr französisch sprechen. Es wirkt auch heute schon manchmal lächerlich. Etwas anderes ist es, wenn man eine Sprache verstehen und lesen kann. Gut ist allerdings, wenn es bei Reisen notwendig ist, die fremde Sprache sprechen zu können; aber auch dann genügt es, wenn man die Sprache nur versteht und lesen kann. Worüber soll die Französin mit den Kindern sprechen? Doch nur albernes, dummes Zeug; affektiert und gewaltsam wird sie ihnen ihre gemeinen, verderbten, lächerlichen und blöden Anstandsregeln und ihre verdrehten Begriffe über Religion und Gesellschaft beibringen. Jetzt ist es noch eine Freude, deine Kinder anzusehen. Bei euch im Hause geht es allerdings sehr ausgelassen und laut zu; auf allem liegt aber der Stempel eines guten und friedlichen Familienlebens. Die Französin wird ein neues und schlechtes französisches Element hereinbringen. Von den Kosten spreche ich schon gar nicht.

Übrigens noch eine Bemerkung: wenn man heute die richtige französische Aussprache erlernen will, muß man sich die gutturale Pariser Aussprache aneignen, die sehr häßlich ist und ekelhaft klingt. Diese Aussprache ist neu und in Paris seit höchstens fünfundzwanzig Jahren Mode. Unsere Lehrer und Lehrerinnen wagen es noch nicht, diese Aussprache bei uns einzuführen. Deine Kinder werden daher diese richtige Aussprache nicht erlernen.

Ich habe zu viel von der Gouvernante geschrieben. Jetzt ruhe ich zwei Tage aus und gehe dann wieder an die Arbeit. Mein Gesundheitszustand hat sich seit dem Herbst merkwürdigerweise bedeutend gebessert. Es kommt vor, daß ich sieben Wochen lang keinen einzigen Anfall habe. Und doch bin ich mit anstrengender Kopfarbeit beschäftigt. Ich kann nicht begreifen, worauf es beruht, bin aber sehr froh darüber.

Auf Wiedersehen, meine Lieben und Teuren. Ich küsse und umarme euch, wünsche euch aufrichtig als Bruder und Freund alles Beste und bitte euch, auch uns nicht zu vergessen. Meine Adresse ist noch immer Genf. Vielleicht gehen wir Ende April über den Mont Cenis nach Italien, nach Mailand und zum Comer See. Das wird ein wahres Paradies sein! Alles hängt aber von meiner Arbeit ab. Wünscht mir Erfolg.

Euer
Fjodor Dostojewskij.

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