Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 38
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
Schließen

Navigation:

XXXVI.
An Apollon Maikow, Genf, den 9. (21.) Oktober 1867

[Anfangs ist die Rede von D.s Geldnot.]

Was mich persönlich betrifft, ist es mir ganz gleich, wo ich die nächsten fünf Monate verbringe, denn ich habe die Absicht, noch mindestens fünf Monate zu arbeiten. Und trotzdem ist mir alles gleich; Genf ist ekelhaft, ich habe mich in bezug auf diese Stadt entsetzlich getäuscht. Meine Anfälle wiederholen sich hier alle acht Tage; auch habe ich hier zuweilen ein eigentümliches, sehr unangenehmes Herzklopfen. Es ist eine grauenhafte Stadt. Wie Cayenne. Tagelang stürmt es hier, und selbst an den gewöhnlichsten Tagen wechselt das Wetter drei und viermal. Und dies soll ich mit meinen Hämorrhoiden und meiner Epilepsie aushalten! Wie düster, wie traurig ist hier alles! Und wie selbstzufrieden und prahlerisch die Leute hier sind! Es ist ja ein Anzeichen ganz besonderer Dummheit, wenn man so selbstzufrieden ist. Alles ist hier häßlich, durch und durch faul und teuer. Die Leute sind hier immer betrunken! So viele Rowdys und Trunkenbolde gibt es selbst in London nicht. Jedes Ding, jeden Pfahl auf der Straße halten sie für schön und majestätisch. – Wo ist die und die Straße? – Voyez, monsieur, vous irez tout droit et quand vous passerez près de cette majestueuse et élégante fontaine en bronze, vous prendrez etc. Diese » majestueuse et élégante fontaine« ist ein unbedeutendes und geschmackloses Zeug im Rokokostil; ein Genfer muß aber immer prahlen, auch wenn Sie ihn nur nach einer Straße fragen. Sie haben ein kleines Gärtchen aus einigen Sträuchern angepflanzt (kein einziger Baum ist darunter), etwa so groß wie zwei Vorgärten, wie man sie in Moskau in der Ssadowajastraße sieht; dann photographieren sie es und verkaufen die Bilder als die Ansicht des »Englischen Garten zu Genf«. Der Teufel mag diese Spitzbuben holen! Und dabei liegt nur zweieinhalb Stunden von Genf entfernt am gleichen Genfer See die Stadt Vevey, wo, wie man sagt, das Klima im Winter sehr gesund und sogar angenehm ist. Wer weiß, vielleicht werden wir einmal hinüberziehen. Alles hängt jetzt nicht von mir ab. Mag kommen, was kommen will.

Von meiner Arbeit schreibe ich Ihnen nichts, denn ich kann darüber noch gar nichts sagen. Nur das eine: ich muß angestrengt, sehr angestrengt arbeiten. Die Anfälle nehmen mir inzwischen meine letzten Kräfte, und nach jedem Anfall kann ich mindestens vier Tage lang meine Gedanken nicht sammeln. Und wie schön war es anfangs in Deutschland! Das verdammte Genf. Ich weiß gar nicht, was mit uns noch geschehen wird. Und dabei ist der Roman meine einzige Rettung. Das Unangenehmste ist, daß der Roman unbedingt sehr gut geraten muß. Nicht anders! Dies ist sine qua non. Wie kann er mir aber gut geraten, wenn alle meine Fähigkeiten durch die Krankheit völlig gelähmt sind! Phantasie habe ich noch, und sie ist gar nicht schlecht; dies habe ich erst neulich bei der Arbeit erprobt. Auch Nerven habe ich noch. Doch ich habe kein Gedächtnis mehr. Mit einem Wort, ich will den Roman im Ansturm erobern, ich stürze mich mit dem Kopfe hinein, setze alles aufs Spiel, mag kommen was will! Genug davon.

Die Nachricht über Kelssijew W. Kelssijew, politischer Emigrant und Mitarbeiter Herzens. Kam reumütig nach Rußland zurück und wurde Mitarbeiter am extrem-konservativen »Russischen Boten«. las ich mit Rührung. Das ist der richtige Weg, das ist die Wahrheit, das ist vernünftig! Machen Sie sich aber darauf gefaßt, daß (ganz abgesehen von den Polen) alle unsere Liberalen von sozialistischer Gesinnung wie die Tiere rasen werden. Das wird ihnen durch Mark und Bein gehen. Die Geschichte ist ihnen unangenehmer, als wenn man ihnen allen die Nasen abschneiden würde. Was sollen sie jetzt sagen, wen sollen sie jetzt mit Schmutz bewerfen? Sie können höchstens noch die Zähne fletschen; darauf versteht man sich bei uns ausgezeichnet. Haben Sie denn von unseren Liberalen je einen vernünftigen Gedanken gehört? Sie verstehen nur die Zähne zu fletschen, und dies imponiert den Gymnasiasten kolossal. Von Kelssijew wird man jetzt behaupten, er habe alle denunziert. Bei Gott, Sie werden sehen, daß ich recht habe. Kann man sie denn überhaupt noch denunzieren? Erstens haben sie sich selbst kompromittiert, zweitens: wer hat für sie überhaupt noch Interesse? Sie sind es gar nicht wert, daß man sie denunziert! ...

[Weiter ist wieder von Geld und geschäftlichen Dingen die Rede.]

Was wird nun in der Politik kommen? Womit werden alle die Erwartungen enden? Napoleon scheint etwas im Schilde zu führen. Italien, Deutschland. Das Herz stand mir vor Freude still, als ich die Nachricht las, daß die Eisenbahnstrecke bis Kursk eröffnet werden wird. Daß es nur schneller kommt, und: es lebe Rußland!

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.