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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 36
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XXXIV.
An Apollon Nikolajewitsch Maikow, Genf, d. 16. [28.] August 1867

So lange habe ich wieder geschwiegen und auf Ihren lieben Brief nicht geantwortet, mein teurer und unvergeßlicher Freund Apollon Nikolajewitsch. Ich nenne Sie: unvergeßlicher Freund und fühle tief in meinem Herzen, wie richtig diese Benennung ist: wir beide sind so alte und aneinander gewohnte Freunde, daß das Leben, das uns zuweilen voneinander trennte und sogar auseinanderbrachte, uns nicht nur nicht auseinandergebracht, sondern endgültig zusammengeführt hat. Sie schreiben mir, daß Sie meine Abwesenheit einigermaßen fühlen; um so mehr fühle ich die Ihrige. Ganz abgesehen davon, daß ich jeden Tag die Ähnlichkeit und Übereinstimmung unserer Gedanken und Gefühle neu bestätigt finde, bitte ich Sie noch zu beachten, daß ich, nachdem ich Sie verloren, obendrein noch in ein fremdes Land geraten bin, wo es nicht nur keine russischen Gesichter, russischen Bücher, russischen Gedanken und Sorgen, sondern überhaupt keine freundlichen Gesichter gibt. Ich kann wirklich nicht verstehen, daß dies nicht ein jeder im Auslande lebende Russe, wenn er überhaupt Herz und Verstand hat, bemerkt und schmerzvoll empfindet. Vielleicht sind auch alle diese Gesichter gegeneinander freundlich. Ich habe aber immer den Eindruck, daß sie gegen uns nicht freundlich sind. Es ist wirklich so! Wie kann man überhaupt das Leben im Auslande ertragen? Bei Gott, ohne die Heimat ist es eine Qual! Ich kann noch verstehen, daß man für ein halbes Jahr, sogar für ein ganzes Jahr ins Ausland geht. Doch so zu reisen, wie ich, ohne zu wissen und zu ahnen, wann man wieder zurückkehrt, ist sehr schwer. Schon dieser Gedanke ist schwer zu ertragen. Ich brauche Rußland für meine Arbeit, für mein Dichten (ich spreche gar nicht vom übrigen Leben). Ich bin wie ein Fisch ohne Wasser; ich verliere alle Kräfte und Daseinsmöglichkeiten ...

Sie wissen, unter welchen Umständen ich abgereist bin und aus welchem Grunde. Es sind hauptsächlich zwei Gründe: erstens mußte ich meine Gesundheit und sogar mein Leben retten. Die Anfälle wiederholten sich alle acht Tage, und es war mir unerträglich, diese Zerrüttung der Nerven und des Gehirns zu fühlen und zu erkennen. Ich begann wirklich den Verstand zu verlieren, dies ist eine Tatsache. Ich fühlte es; und die Zerrüttung der Nerven brachte mich oft aus Rand und Band. Die zweite Ursache ist, daß meine Gläubiger nicht länger warten wollten, und am Tage meiner Abreise mehrere gerichtliche Klagen gegen mich eingereicht waren ...

[Weiter ist die Rede von Dostojewskijs Schulden.]

... Die Last war unerträglich. Ich reiste ab, doch mit dem Tod im Herzen. Ich glaubte nicht ans Ausland, d. h. ich glaubte, das Ausland werde auf mich eine schlechte moralische Wirkung haben: ich war ganz allein, ohne Mittel, mit einem jungen Geschöpf Die zweite Gattin D.s, Anna Grigorjewna, geb. Snitkina. an meiner Seite, das mit naiver Freude mein Wanderleben teilen wollte; doch ich sah, wieviel Unerfahrenheit und jugendliches Feuer in dieser naiven Freude steckte, und dies bedrückte und quälte mich. Ich fürchtete, Anna Grigorjewna würde sich mit mir langweilen. Wir leben ja noch immer ganz für uns allein. Auf mich selbst hoffte ich gar nicht: mein Charakter ist krankhaft, und ich erwartete, daß sie von mir viel auszuhalten haben würde. ( NB. Anna Grigorjewna erwies sich in der Tat als viel stärker und tiefer, als ich erwartete; in vielen Fällen war sie mein schützender Engel; in ihr ist zur gleichen Zeit viel Kindliches und Jugendliches, was sehr schön und durchaus notwendig und natürlich ist, was ich aber kaum erwidern kann. Dies alles schwebte mir schon bei der Abreise vor; obwohl also Anna Grigorjewna viel besser und stärker ist, als ich erwartet hatte, bin ich auch heute noch nicht ganz ruhig.) Endlich machten mir unsere ungenügenden Mittel große Sorge: wir hatten nur sehr wenig Geld und schuldeten Katkow einen Vorschuß von dreitausend (!) Rubel. Ich hatte allerdings die Absicht, gleich nach der Abreise mit der Arbeit zu beginnen. Doch was kam dabei heraus? Ich habe bisher nichts oder fast nichts zustande gebracht und will mich erst jetzt ernsthaft an die Arbeit machen. Ich muß gestehen, daß ich noch im Zweifel bin, ob ich wirklich nichts gemacht habe; ich habe ja vieles innerlich erlebt und auch manches erfunden; doch schwarz auf weiß geschrieben habe ich noch sehr wenig; und nur das, was schwarz auf weiß geschrieben steht, ist endgültig und wird bezahlt.

Wir verließen so schnell als möglich das langweilige Berlin (wo ich mich nur einen Tag aufgehalten habe, wo die langweiligen Deutschen mich nervös und rasend gemacht haben und wo ich ein russisches Dampfbad aufgesucht habe) und reisten nach Dresden. In Dresden mieteten wir eine Wohnung und richteten uns für eine Zeitlang ein.

Der Eindruck war sehr sonderbar; sofort tauchte vor mir die Frage auf: warum bin ich in Dresden, ausgerechnet in Dresden, und nicht in irgendeiner anderen Stadt, und aus welchem Grunde lohnte es sich, einen Ort zu verlassen und nach einem anderen zu ziehen? Die Antwort war ja klar (meine Gesundheit, die Schulden usw.). Schlimm ist aber die klare Einsicht, daß es mir nun ganz gleich ist, wo ich wohnen soll. In Dresden oder in einer anderen Stadt: ich fühle mich überall in der Fremde wie ein Stück Brot, das man vom Laibe abgeschnitten hat. Ich wollte mich gleich am ersten Tage an die Arbeit machen, doch ich fühlte, daß ich hier unmöglich arbeiten kann und daß alle Eindrücke ganz anders sind. Was ich machte? Ich vegetierte. Ich las, schrieb ab und zu einige Zeilen, verging vor Heimweh und später vor Hitze. Die Tage gingen eintönig dahin ...

Ich kann Ihnen gar nicht alle meine Gedanken mitteilen. Ich habe viele Eindrücke gesammelt. Ich las russische Zeitungen und erleichterte mir dadurch das Herz. Ich fühlte in mir schließlich so viele neue Gedanken aufgespeichert, daß ich einen langen Aufsatz vom Verhältnisse Rußlands zu Westeuropa und von den oberen Schichten der russischen Gesellschaft schreiben könnte. Was soll ich viel davon erzählen! Die Deutschen haben mich ganz nervös gemacht, und unser russisches Leben, das Leben der oberen Schichten, ihr Glaube an Europa und an die Zivilisation, von dem diese Schicht durchdrungen ist – ebenfalls. Das Ereignis in Paris Das Attentat Beresowskis auf Alexander II. hat mich furchtbar erschüttert. Schön sind auch die Pariser Advokaten, die »Vive la Pologne!« geschrien haben. Pfui, wie ekelhaft, wie stumpfsinnig, wie abgeschmackt! Ich fühlte mich noch mehr als früher in meiner Idee bestärkt: es ist für uns vorteilhaft, daß Europa uns gar nicht kennt und von uns eine so ekelhafte Vorstellung hat. Und erst die Einzelheiten der Gerichtsverhandlung gegen Beresowski! Wie häßlich, wie abgeschmackt; ich begreife gar nicht, wie sie sich noch immer nicht in ihrem Geschwätz erschöpft haben und noch immer auf dem gleichen Punkte stehen!

Rußland erscheint unsereinem von hier aus gesehen viel plastischer. Einerseits die ungewöhnliche Tatsache, daß sich unser Volk bei allen Reformen (wie z. B. bei der Reform des Gerichtswesens) so unerwartet selbständig und reif erwiesen hat, und andererseits die Nachricht von der Auspeitschung eines Kaufmanns erster Gilde im Orenburgschen Gouvernement durch den Polizeihauptmann. Eines sieht man klar: daß das russische Volk dank seinem Wohltäter und dessen Reformen endlich in eine solche Lage geraten ist, daß es sich notgedrungen an Betriebsamkeit und Selbstkritik gewöhnen muß; und dies ist die Hauptsache. Bei Gott, unsere Zeit ist hinsichtlich der Reformen und Umwälzungen beinahe noch wichtiger als das Zeitalter Peters des Großen. Wie steht es mit den Eisenbahnen? Wir müßten so schnell als möglich nach dem Süden Hier meint D. das Streben Rußlands, an den Bosporus und nach Konstantinopel zu kommen. kommen können; dies ist außerordentlich wichtig. Bis dahin werden wir auch überall ein gerechtes Gerichtswesen haben; wie groß wird dann die Wandlung sein! (Ich denke hier immer mit Herzklopfen an alle diese Dinge.) Ich komme hier fast mit niemand zusammen; es ist aber ganz unmöglich, hier nicht zufällig auf jemand zu stoßen. In Deutschland habe ich einen Russen getroffen, der ständig im Auslande lebt; er reist jedes Jahr für etwa drei Wochen nach Rußland und kehrt dann wieder nach Deutschland zurück, wo er Frau und Kinder hat; sie alle sind durch und durch deutsch geworden. Ich fragte ihn unter anderem: »Warum sind Sie eigentlich ausgewandert?« Er antwortete mir gereizt und frech: »Hier ist die Zivilisation und bei uns ist Barbarei ...«

Dieser Herr gehört zu den jungen Fortschrittlern, hält sich aber übrigens anscheinend etwas abseits von allen. Wie sie sich doch im Auslande alle in knurrende und launische Köter verwandeln.

Schließlich konnten ich und Anna Grigorjewna es in Dresden vor Heimweh gar nicht mehr aushalten ... Wir beschlossen, den Winter irgendwo in der Schweiz oder in Italien zu verbringen. Doch wir hatten gar kein Geld. Das Geld, das wir mitgenommen hatten, war erschöpft. Ich schrieb an Katkow, schilderte ihm meine Lage und bat ihn um einen weiteren Vorschuß von fünfhundert Rubel. Und was glauben Sie: er schickte mir das Geld! Welch ein ausgezeichneter Mensch! Dieser Mann hat ein Herz in der Brust. Also reisten wir in die Schweiz. Nun will ich Ihnen meine Gemeinheit und meine Schande beschreiben.

Mein lieber Apollon Nikolajewitsch, ich fühle, daß ich Sie als meinen Richter betrachten darf. Sie haben Herz und Gemüt, wovon ich mich erst neulich überzeugt habe; auch habe ich Ihr Urteil immer hoch geschätzt. Es fällt mir nicht schwer, Ihnen meine Sünden zu beichten. Was ich Ihnen heute schreibe, ist nur für Sie allein bestimmt. Ueberliefern Sie mich nicht dem Gericht der Menge.

Als ich durch die Gegend von Baden-Baden reiste, beschloß ich, einen Abstecher dorthin zu machen. Mich peinigte ein verführerischer Gedanke: zehn Louisdor zu riskieren und vielleicht zweitausend Francs zu gewinnen; diese Summe würde mir für vier Monate reichen, selbst mit den Auslagen, die ich in Petersburg habe. Das Gemeine ist, daß ich schon früher einigemal gewonnen hatte. Am schlimmsten ist aber, daß ich einen schlechten und übertrieben leidenschaftlichen Charakter habe. In allen Dingen gehe ich bis an die äußersten Grenzen; mein Leben lang habe ich nie Maß halten können.

Der Teufel trieb gleich am Anfang mit mir seinen Scherz: in drei Tagen gewann ich ungewöhnlich leicht viertausend Francs. Jetzt will ich Ihnen schildern, wie es mir vorkam: einerseits dieser leichte Gewinn – aus hundert Francs hatte ich in drei Tagen viertausend gemacht –; andererseits – meine Schulden, Prozesse, seelische Unruhe und die Unmöglichkeit, nach Rußland zurückzukehren; drittens, und das ist die Hauptsache, das Spiel selbst. Wissen Sie, wie es einen hereinzieht! Nein, ich schwöre Ihnen, es war nicht Gewinnsucht allein, obwohl ich auch tatsächlich das Geld des Geldes wegen brauchte. Anna Grigorjewna flehte mich an, mich mit diesen viertausend Francs zu begnügen und sofort abzureisen. Doch diese leichte und wahrscheinliche Möglichkeit, meine Lage auf einen Schlag zu verbessern! Und die vielen Beispiele! Abgesehen vom eigenen Gewinn sehe ich noch täglich, wie die anderen Spieler zwanzigtausend bis dreißigtausend Francs gewinnen (man sieht nie, daß jemand verliert). Warum sind die anderen besser als ich! Ich brauche das Geld notwendiger als sie. Ich riskierte weiter und verlor. Ich verlor nicht nur das Gewonnene, sondern auch das eigene Geld bis zum letzten Pfennig; ich war in fieberhafter Erregung und verlor alles. Dann begann ich meine Kleidungsstücke zu versetzen. Anna Grigorjewna versetzte ihr Letztes, ihren letzten Besitz. (Dieser Engel! Wie tröstete sie mich, wie litt sie in diesem verfluchten Baden, in unseren beiden winzigen Zimmern über der Schmiede, in die wir ziehen mußten!) Endlich hatte ich genug, alles war verspielt. (Wie gemein sind doch diese Deutschen! Sie sind alle Wucherer, Schurken und Betrüger! Als die Zimmervermieterin sah, daß wir ohne Geld nicht abreisen konnten, steigerte sie uns!) Endlich mußten wir uns irgendwie retten und aus Baden fliehen. Ich schrieb wieder an Katkow und bat ihn um fünfhundert Rubel (ich schrieb nichts von den Umständen, da aber der Brief aus Baden kam, begriff er wohl von selbst den Sachverhalt). Und er schickte mir das Geld! Wirklich! Ich habe jetzt also im ganzen vom »Russischen Boten« viertausend Rubel auf Vorschuß bekommen.

Nun der Schluß meiner Erlebnisse in Baden-Baden: wir quälten uns in dieser Hölle sieben Wochen. Gleich nach meiner Ankunft in Baden begegnete ich auf dem Bahnhofe Gontscharow. Anfangs genierte sich Iwan Alexandrowitsch vor mir. Dieser Staatsrat oder wirkliche Staatsrat beteiligte sich auch am Spiele. Als sich aber herausstellte, daß dies sich nicht gut verheimlichen ließ und da ich auch selbst mit grober Offensichtlichkeit spielte, so hörte auch er bald auf, sich vor mir zu verbergen. Er spielte in fieberhafter Erregung (doch nur mit kleinen Einsätzen). Er spielte während der ganzen zwei Wochen, die ich in Baden verbracht habe, und verlor, wie mir scheint, recht viel. Gott gebe aber diesem guten Menschen Gesundheit: als ich alles verloren hatte (er hatte aber schon in meinen Händen viel Geld gesehen), gab er mir auf meine Bitte sechzig Francs. Er verurteilte mich dabei wohl entsetzlich, weil ich alles und nicht wie er nur die Hälfte verloren hatte!

Gontscharow erzählte mir in einem fort von Turgenjew; ich schob es immer auf, ihn aufzusuchen, mußte aber schließlich einen Besuch bei ihm machen. Ich ging um die Mittagsstunde zu ihm und traf ihn beim Frühstück. Ich will Ihnen offen sagen: ich habe diesen Menschen nie recht gemocht. Am Schlimmsten ist, daß ich ihm noch seit dem Jahre 1857 Ein Fehler. Es kann sich nur um die Jahre 1862 oder 1863 handeln. von Wiesbaden her fünfzig Taler schulde (die ich ihm auch heute noch nicht zurückgegeben habe!) Ich kann auch seine aristokratische und pharisäische Manier nicht leiden, mit der er einen umarmt, wobei er seine Wange zum Kusse reicht. Er tut ungeheuer wichtig; am ärgsten hat mich aber sein Buch »Rauch« gegen ihn aufgebracht. Er hat mir selbst gesagt, der Hauptgedanke, der Ausgangspunkt dieses Buches bestehe in dem Satze: »Wenn Rußland heute vom Erdboden verschwinden sollte, so würde es keinen Verlust für die Menschheit bedeuten, und sie würde es sogar gar nicht spüren«. Er erklärte mir, dies sei seine grundlegende Ansicht über Rußland. Ich fand ihn in gereizter Stimmung: es war der Mißerfolg des »Rauch«! Ich muß gestehen, daß mir damals noch alle Einzelheiten dieses Durchfalles fremd waren. Sie schrieben mir zwar über den Aufsatz Strachows in den »Vaterländischen Annalen«; ich wußte aber nicht, daß man ihn auch in allen anderen Zeitschriften heruntergerissen hatte und daß man in Moskau, ich glaube in einem Klub, Unterschriften zu einem Protest gegen den »Rauch« gesammelt hatte. Dies hat er mir selbst erzählt. Ich habe es, offen gesagt, nicht für möglich gehalten, daß jemand so naiv und so ungeschickt alle wunden Stellen seiner Eitelkeit aufdecken kann, wie es Turgenjew tat. Und diese Leute prahlten auch noch damit, daß sie Atheisten sind! Er erklärte mir, daß er entschiedener Atheist sei. Mein Gott! Dem Deismus verdanken wir den Heiland, d. h. eine Menschengestalt, die so erhaben ist, daß man sie nicht ohne Ehrfurcht erfassen kann und nicht daran zweifeln kann, daß sie das ewige Ideal der Menschlichkeit bedeutet. Und was verdanken wir allen diesen Leuten – Turgenjew, Herzen, Utin, Tschernyschewskij? Statt der höchsten göttlichen Schönheit, auf die sie spucken, sehen wir an ihnen eine so häßliche Eitelkeit, eine so schamlose Empfindlichkeit, einen so leichtsinnigen Hochmut, daß es einfach unbegreiflich ist, worauf sie hoffen und wer ihnen folgen wird. Er schimpfte schrecklich auf Rußland und die Russen. Ich habe aber folgendes bemerkt: alle die Liberalen und Fortschrittler, die zum größten Teil aus der Schule Bjelinskijs stammen, betrachten es als ein Vergnügen und eine Genugtuung, auf Rußland zu schimpfen. Der Unterschied besteht darin, daß die Anhänger Tschernyschewskijs einfach schimpfen und unverblümt wünschen, daß Rußland von der Erdoberfläche verschwinden möchte (dies in erster Linie!). Die anderen behaupten aber dabei, daß sie Rußland lieben. Und doch hassen sie alles, was in Rußland urwüchsig ist und verzerren es mit Wollust zu einer Karikatur; wenn man ihnen aber irgendeine Tatsache, die sie nicht wegleugnen oder zu einer Karikatur verzerren können, eine Tatsache, die sie unbedingt gelten lassen müssen, entgegenhalten wollte, so wären sie, glaube ich, tief unglücklich, verletzt und verzweifelt. Dann habe ich noch bemerkt, daß Turgenjew (und überhaupt alle, die lange im Auslande leben) keine Ahnung von den Tatsachen haben (obwohl sie auch Zeitungen lesen), und so sehr jedes Gefühl und Verständnis für Rußland verloren haben, daß sie selbst ganz gewöhnliche Tatsachen, die auch der russische Nihilist nicht mehr leugnet, sondern nur auf seine Art karikiert, einfach nicht begreifen. Unter anderem sagte er mir, wir müßten vor den Deutschen im Staube kriechen, es gäbe nur einen allgemeinen und unfehlbaren Weg – den der Zivilisation, und alle Versuche, eine selbständige russische Kultur zu schaffen, seien nichts als Dummheit und Schweinerei. Er sagte, er schreibe einen großen Aufsatz gegen die Russophilen und Slawophilen. Ich riet ihm, sich zur Bequemlichkeit aus Paris ein Fernrohr kommen zu lassen. »Wozu?« fragte er mich. »Die Entfernung ist so groß,« entgegnete ich. »Richten Sie das Fernrohr auf Rußland und dann können Sie uns betrachten; sonst können Sie wirklich nichts sehen.« Er wurde wütend. Als ich ihn so gereizt sah, sagte ich zu ihm mit gut geheuchelter Naivität: »Ich hätte wirklich nicht erwartet, daß alle die abfälligen Urteile über Sie und Ihren neuen Roman Sie derart aus der Fassung bringen würden; bei Gott, die Sache ist es wirklich nicht wert, daß Sie sich aufregen. Spucken Sie doch drauf.« – »Ich rege mich ja gar nicht auf! Was fällt Ihnen ein?« entgegnete er errötend.

Ich unterbrach ihn und brachte die Rede auf häusliche und persönliche Angelegenheiten. Vor dem Weggehen schüttete ich so ganz zufällig und ohne besondere Absicht alles aus, was sich in mir in diesen drei Monaten an Haß gegen die Deutschen aufgespeichert hatte. »Wissen Sie, was es hier für Schwindler und Schurken gibt? Wirklich, das einfache Volk ist hier viel schlimmer und ehrloser als bei uns; daß es auch dümmer ist, unterliegt keinem Zweifel. Sie sprechen immer von der Zivilisation; was hat diese Zivilisation den Deutschen gegeben und worin übertreffen sie uns?« Er erbleichte (es ist keine Übertreibung) und sagte zu mir: »Wenn Sie so sprechen, beleidigen Sie mich persönlich. Sie wissen ja, daß ich mich hier endgültig niedergelassen habe, daß ich mich für einen Deutschen und nicht für einen Russen halte und darauf stolz bin.« Ich erwiderte: »Obwohl ich Ihren ›Rauch‹ gelesen und soeben eine ganze Stunde mit Ihnen gesprochen habe, hätte ich doch nicht erwartet, daß Sie so etwas sagen würden. Verzeihen Sie mir daher, wenn ich Sie verletzt habe.«

Dann nahmen wir sehr höflich voneinander Abschied, und ich gab mir das Wort, nie wieder über Turgenjews Schwelle zu treten. Am nächsten Tage kam Turgenjew Punkt zehn Uhr morgens zu mir ins Haus und ließ bei den Wirtsleuten seine Visitenkarte zurück. Da ich ihm aber am Vortage erklärt hatte, daß ich vor der Mittagsstunde nicht zu sprechen sei und daß wir bis elf Uhr zu schlafen pflegen, so mußte ich seinen Besuch um zehn Uhr morgens als einen Wink auffassen; nämlich, daß er mich nicht mehr sehen wolle. Während der ganzen sieben Wochen sah ich ihn nur noch ein einziges Mal auf dem Bahnhofe. Wir blickten einander an, doch keiner von uns grüßte. Die Schadenfreude, mit der ich über Turgenjew spreche und die Beleidigungen, die wir einander zugefügt haben, werden Ihnen vielleicht unangenehm erscheinen. Doch bei Gott, ich kann nicht anders: er hat mich mit seinen Überraschungen zu schwer gekränkt. Persönlich fühle ich mich eigentlich wenig getroffen, obgleich auch sein hochmütiger Ton schon sehr unangenehm ist; ich kann aber wirklich nicht mitanhören, wenn ein russischer Verräter, der, wenn er wollte, seinem Lande nützen könnte, derart über Rußland schimpft. Sein Kriechen vor den Deutschen und seinen Haß gegen die Russen habe ich schon früher, vor vier Jahren bemerkt. Doch seine jetzige Gereiztheit und Raserei gegen Rußland kommt einzig daher, beruht einzig auf dem Mißerfolg des »Rauch« und darauf, daß Rußland wagte, ihn nicht als Genie anzuerkennen. Es ist nichts als Ehrgeiz und daher noch abstoßender.

Hören Sie nun, mein Freund, was ich vorhabe. Es war natürlich gemein von mir, daß ich so viel verspielt habe. Doch habe ich verhältnismäßig wenig eigenes Geld verloren. Allerdings hätte uns dies Geld für zwei Monate, bei unserer Lebensweise sogar für vier Monate gereicht. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich dem Gewinn nicht widerstehen kann. Wenn ich gleich im Anfang die zehn Louisdor, die ich riskieren wollte, verloren hätte, so hätte ich sicher nicht weiter gespielt und wäre sofort abgereist. Doch der Gewinn von viertausend Francs hat mich zugrunde gerichtet. Die Versuchung, noch mehr zu gewinnen (was mir so leicht erschien) und auf diese Weise alle meine Schulden zu bezahlen und mich und die Meinigen – Emilie Fjodorowna, Pascha – und die andern für eine Zeitlang zu versorgen, erschien mir zu verführerisch und ich konnte ihr nicht widerstehen. Dies ist übrigens noch immer keine Entschuldigung, denn ich war nicht allein. Ich hatte ja an meiner Seite ein junges, herzensgutes und schönes Menschenkind, das mir vertraute, das ich beschützen und beschirmen mußte, und das ich folglich nicht mit ins Verderben stürzen durfte, indem ich meinen ganzen, wenn auch nicht sehr großen Besitz aufs Spiel setzte. Meine Zukunft erscheint mir sehr traurig; vor allen Dingen kann ich aus dem erwähnten Grunde nicht nach Rußland zurückkehren; am schwersten bedrückt mich die Frage: was soll mit jenen geschehen, die von meiner Hilfe abhängen? Alle diese Gedanken morden mich ...

Sie allein, mein teurer Freund, sind mir gut; Sie sind meine Vorsehung. Helfen Sie mir auch in der Zukunft. Denn ich werde in allen meinen großen und kleinen Dingen Ihre Hilfe anrufen.

Sie verstehen wohl die Grundlage aller meiner Hoffnungen: es ist klar, daß alles nur unter einer Bedingung in Ordnung kommen und seine Früchte bringen kann; nämlich, wenn mein Roman gut gerät. Darum muß ich jetzt alle meine Kräfte einsetzen. Ach, mein Lieber, wie schwer, wie unerträglich schwer war es mir, mich vor drei Jahren der wahnwitzigen Hoffnung hinzugeben, daß ich alle diese Schulden bezahlen würde, und die vielen Wechsel zu unterschreiben. Wo nehme ich die nötige Energie und Lebenskraft her? Die Erfahrung hat ja gezeigt, daß ich einen Erfolg erringen kann; doch unter welcher Bedingung? Nur unter der einen Bedingung, daß jedes meiner Werke so gut gerät, daß es beim Publikum das größte Interesse weckt; sonst stürzt alles zusammen. Ist es denn aber auch möglich? Unterliegt es denn überhaupt irgendwelchen Berechnungen? ...

[Der Brief endet mit einer Bitte um ein Darlehen und mit einer weiteren Schilderung der verzweifelten Lage Dostojewskijs.]

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