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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 33
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XXXI.
An Frau W. D. Konstantinowa, Paris, den 1. Sept. 1862.

D.s Schwägerin, Schwester der Frau Maria Dmitrijewna.

Liebe und sehr verehrte Warwara Dmitrijewna! Sie haben vielleicht schon aus meinem Brief an Pascha Pascha Issajew – D.s Stiefsohn. erfahren, daß ich glücklich und wohlbehalten in Paris angelangt bin und mich daselbst niedergelassen habe; ich glaube aber kaum, daß ich hier lange bleiben werde. Paris gefällt mir nicht, obwohl es entsetzlich großartig ist. Es gibt hier vieles zu sehen; doch wenn man es sich ansieht, überfällt einen entsetzliche Langeweile. Es wäre wohl anders, wenn ich als Student hergekommen wäre, um irgend etwas zu lernen. Dann wäre es ja anders: ich hätte viel Arbeit und müßte vieles sehen und hören; doch einem Touristen, der einfach die Sitten beobachtet, sind die Franzosen ekelhaft, und die Stadt als solche ist mir ganz unbekannt. Am besten sind hier die Weine und das Obst: sie sind hier das einzige, was auf die Dauer nicht langweilig wird. Von meinen intimen Angelegenheiten will ich Ihnen nichts schreiben: »Briefe sind Unsinn, nur Apotheker schreiben Briefe« Zitat aus Gogols »Memoiren eines Verrückten«.. Ich will Ihnen nur von einer gewissen geschäftlichen Angelegenheit schreiben. Ich habe nämlich eine Bitte an Sie, meine liebe Warwara Dmitrijewna. Sie müssen wissen, daß ich mich unterwegs vier Tage in Wiesbaden aufgehalten und natürlich auch Roulette gespielt habe. Und was glauben Sie? Ich habe gewonnen und nicht verloren; ich habe zwar nicht so viel, als ich wollte, keine Hunderttausend, doch immerhin eine kleine Summe gewonnen. ( NB. Erzählen Sie niemand davon, liebe Warwara Dmitrijewna. Sie können es zwar auch niemand erzählen, denn Sie kommen mit niemand zusammen; ich meine aber in erster Linie Pascha: er ist noch dumm und wird sich vielleicht einbilden, daß man sich durch das Spiel eine Existenz begründen kann. Er hat sich ja neulich in den Kopf gesetzt, Kommis zu werden und sich auf diese Weise Geld zu verdienen; »folglich brauche ich nichts zu lernen«, hat er mir erklärt. Folglich braucht er nicht zu wissen, daß sein Papa Spielsäle besucht. Erzählen Sie ihm daher kein Wort davon.) Während dieser vier Tage habe ich mir die Spieler näher angesehen. Mehrere hundert Personen nahmen am Spiele teil, doch nur zwei verstanden richtig zu spielen, mein Ehrenwort! Eine Französin und ein englischer Lord waren es; sie verstanden zu spielen und verloren nichts, sprengten sogar beinahe die Bank. Glauben Sie bitte nicht, daß ich nur aus Freude darüber, daß ich gewonnen und nicht verloren habe, prahle und das Geheimnis des Spieles zu kennen behaupte. Das Geheimnis kenne ich wirklich und es ist höchst dumm und einfach: es besteht darin, daß man sich jeden Augenblick beherrscht und bei keiner Phase des Spieles hitzig wird. Das ist alles; unter diesen Umständen kann man unmöglich verlieren und muß unbedingt gewinnen. Es handelt sich nur darum, daß der Mensch, der dieses Geheimnis kennt, auch die Kraft und die Fähigkeit hat, es richtig anzuwenden. Wenn man noch so gescheit ist und einen noch so eisernen Charakter hat, kann man schließlich doch umschmeißen. Selbst der Philosoph Strachow würde verlieren. Selig sind daher, die nicht spielen, das Roulette verabscheuen und es für die größte Dummheit halten.

Doch zur Sache. Ich habe, liebe Warwara Dmitrijewna, fünftausend Franken gewonnen; d. h. ich hatte anfangs zehntausendvierhundert Franken gewonnen, das Geld nach Hause getragen, in die Reisetasche gelegt und beschlossen, am nächsten Tag abzureisen und nicht mehr in den Spielsaal zu gehen. Ich habe es aber nicht ausgehalten und die Hälfte des Geldes wieder verspielt. Es sind mir also nur noch fünftausend Franken geblieben. Einen Teil des Gewinns habe ich mir für jeden Fall aufgehoben und den Rest schicke ich nach Petersburg: die Hälfte meinem Bruder, damit er das Geld bis zu meiner Rückkehr aufhebt, und die Hälfte Ihnen, damit Sie es Maria Dmitrijewna Erste Gattin D.s. übergeben oder übersenden.

[Weiter ist die Rede davon, wie man das Geld am besten aus dem Auslande schickt und in Rußland wechselt.]

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