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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 30
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XXVIII.
An den Bruder Michail.
Semipalatinsk, den 31. Mai 1858

Du bittest mich, mein Freund, daß ich dir alles, was ich schreibe, schicke. Ich kann mich nicht mehr erinnern (mein Gedächtnis ist jetzt überhaupt sehr schwach), ich kann mich nicht erinnern, ob ich dir geschrieben habe, daß ich in Beziehungen zu Katkow (»Russischer Bote«) getreten bin und ihm meine Mitarbeiterschaft für seine Zeitschrift angeboten habe; ich versprach ihm, noch in diesem Jahre eine längere Erzählung zu schreiben, wenn er mir sofort fünfhundert Rubel schickt. Diese fünfhundert Rubel und einen sehr klugen und freundlichen Brief habe ich von ihm vor etwa vier oder fünf Wochen erhalten. Er schreibt mir, daß er sich auf meine Mitarbeiterschaft sehr freut und meine Bitte (wegen der fünfhundert Rubel) sofort erfüllt; er bittet mich, daß ich mir ja keinen Zwang antue und ohne Übereilung schreibe. Das ist wunderschön. Ich schreibe jetzt also für den »Russischen Boten« eine längere Novelle; unangenehm ist nur, daß ich mit Katkow kein Bogenhonorar ausgemacht habe: ich schrieb ihm, daß ich mich in diesem Falle auf ihn verlasse. Ich will in diesem Jahre auch etwas für das »Russische Wort« schreiben; doch nicht den Roman, sondern eine Erzählung. Den Roman will ich schreiben, wenn ich erst aus Sibirien heimgekehrt bin. Ich muß ihn bis dahin aufschieben. Die Grundidee des Romans ist recht glücklich, die Hauptfigur neu und noch nie beschrieben. Da aber diese Figur in Rußland heute auch im wirklichen Leben häufig vorkommt (was ich aus den neuen Bewegungen und Ideen, von denen alle erfüllt sind, schließe), bin ich überzeugt, daß es mir gelingen wird, nach meiner Rückkehr den Roman mit neuen Beobachtungen zu bereichern »Raskolnikow.«. Man soll sich nicht übereilen, lieber Freund, man muß sich nur bemühen, etwas Gutes zu schaffen. Du schreibst, mein Teurer, daß ich wohl sehr eitel sei und jetzt mit irgendeinem besonders hervorragenden Werk hervortreten wolle; daß ich daher geduldig auf den Eiern sitze, um dieses hervorragende Werk auszubrüten. Setzen wir den Fall, daß es wirklich so ist; da ich aber die Absicht, den Roman jetzt herauszubringen, fallen gelassen habe und nur an zwei Novellen, die nur halbwegs erträglich werden sollen, arbeite, kann vom Ausbrüten nicht die Rede sein. Woher hast du nur die Theorie, daß ein Bild auf den ersten Anhieb gemalt werden soll usw.? Wann bist du zu dieser Überzeugung gekommen? Glaube mir, bei allen Dingen ist Arbeit notwendig, riesengroße Arbeit. Glaube mir, daß irgendein graziöses, flüchtiges Gedicht von Puschkin, das nur wenige Zeilen enthält, nur darum so graziös und wie flüchtig hingeworfen erscheint, weil der Dichter lange Zeit daran gearbeitet und herumgestrichen hat. Das ist Tatsache. Gogol hat an seinen »Toten Seelen« acht Jahre geschrieben. Alles, was auf den ersten Anhieb entstanden ist, war unreif. Man sagt, daß in Shakespeares Manuskripten keine einzige Durchstreichung vorkommt. Daher gibt es bei ihm auch soviel ungeheure Geschmacklosigkeiten. Hätte er mehr gearbeitet, so wäre alles viel besser geraten. Du verwechselst offenbar die Inspiration, d. h. das erste augenblickliche Entstehen eines Bildes oder einer Bewegung in der Seele des Künstlers (was immer der Fall ist), mit der Arbeit. Ich schreibe mir z. B. jede Szene sofort auf, wie sie mir zuerst in den Sinn kommt, und freue mich über sie; dann überarbeite ich sie monate- und jahrelang. Ich lasse mich von ihr mehr als einmal begeistern (denn ich liebe diese Szene); einiges füge ich hinzu, anderes streiche ich; glaube mir, daß die Szene dabei immer gewinnt. Man muß nur Inspiration haben. Ohne Inspiration kann man natürlich nichts anfangen.

Du schreibst, daß man bei euch jetzt große Honorare zahlt. Pissemskij hat also für seine »Tausend Seelen« zweihundert oder zweihundertfünfzig Rubel für den Druckbogen bekommen. Unter diesen Umständen kann man wirklich leben und ohne Übereilung arbeiten. Hältst du aber wirklich den Roman Pissemskijs für hervorragend? Er ist Durchschnitt, wenn auch goldener Durchschnitt, doch immer Durchschnitt. Gibt es denn in dem Buch auch eine einzige neue, von ihm geschaffene, noch nie beschriebene Gestalt? Alles ist schon einmal dagewesen und von unsern neueren Schriftstellern, besonders von Gogol, längst beschrieben worden. Es sind alte Weisen in neuer Stimmung. Ausgezeichnete Arbeit nach fremden Mustern, einheimische Arbeit nach Zeichnungen von Benvenuto Cellini. Ich habe allerdings nur die beiden ersten Teile des Romans gelesen; die Zeitschriften kommen zu uns mit großer Verspätung. Der Schluß des zweiten Teiles ist durchaus unwahrscheinlich und gänzlich verdorben. Kalinowitsch, der bewußt betrügt, ist einfach unmöglich. Kalinowitsch, wie ihn der Autor vorher geschildert hat, müßte ein Opfer bringen, eine Heirat vorschlagen, sich selbst an seinem Edelmut berauschen und überzeugt sein, daß er zu keinem Betrug fähig ist. Kalinowitsch ist so eitel, daß er sich selbst unmöglich für einen Schurken halten kann. Natürlich wird er dabei sein Vergnügen haben, eine Nacht mit Nastenjka verbringen und sie dann betrügen; doch nur nachher, unter dem Zwange der Wirklichkeit; er wird sich gewiß auch dann noch trösten und sagen, daß er auch in diesem Falle edel gehandelt habe. Doch Kalinowitsch, der bewußt betrügt, ist abstoßend und unmöglich; d. h. solch ein Mensch ist möglich, doch nicht als Kalinowitsch. Genug von diesem Unsinn.

Ich kann meinen Abschied gar nicht erwarten.

[Es folgen Erörterungen, wie sich D. nach dem Abschied einrichten will.]

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