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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 29
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XXVII.
An den Baron A. J. Wrangel.
Semipalatinsk, den 13. April 1856

[Der Brief beginnt mit wenig interessanten Mitteilungen über die materielle Lage Dostojewskijs.]

Sie schreiben, daß uns, politische Sträflinge, gewisse Gnaden erwarten, die aber noch geheim gehalten werden. Erweisen Sie mir den Gefallen, teurer Freund, und suchen Sie irgend etwas zu erfahren, was mich betrifft. Ich muß es wissen. Wenn Sie irgend etwas erfahren, so teilen Sie es mir unverzüglich mit. An die Versetzung nach dem Kaukasus denke ich nicht mehr. An das Bataillon zu Barnaul auch nicht. Jetzt ist mir dies alles unwesentlich. Sie schreiben, daß alle den neuen Zaren lieben. Ich selbst vergöttere ihn. Ich muß gestehen, daß mir sehr darum zu tun ist, befördert zu werden; doch auf die Beförderung zum Offizier kann ich noch sehr lange warten; ich möchte aber irgend etwas jetzt gleich, anläßlich der Krönungsfeierlichkeiten haben. Das Beste und Vernünftigste wäre natürlich, wenn ich mich um die Erlaubnis, mich literarisch zu betätigen, bewerben würde. Ich habe die Absicht, Ihnen in der nächsten Zeit privatim ein von mir anläßlich der Krönungsfeierlichkeiten verfaßtes Gedicht zu übersenden. Ich könnte es auch ganz offiziell schicken. Sie werden wohl mit Hasford Generalgouverneur von Sibirien. zusammenkommen. Er reist ja zur Krönung. Könnten Sie ihn nicht bewegen, mein Gedicht dem Kaiser zu überreichen? Ginge es nicht? Teilen Sie mir auch mit, bis zu welchem Zeitpunkt ich Ihnen noch schreiben darf; denn wenn Sie Petersburg verlassen, können meine Briefe verloren gehen, und das wäre unangenehm. Ich habe Ihnen schon von meinem Aufsatz über Rußland erzählt. Es ist ein rein politisches Pamphlet daraus geworden. Ich möchte aber aus diesem Aufsatz auch nicht ein einziges Wort streichen. Man wird mir kaum erlauben, die literarische Tätigkeit mit einem Pamphlet, wie patriotisch sein Inhalt auch sein mag, zu beginnen. Der Aufsatz war aber gut, und ich war mit ihm zufrieden. Er interessierte mich außerordentlich. Ich habe aber die Arbeit aufgegeben. Und wenn ich keine Genehmigung bekomme, ihn zu veröffentlichen, warum soll dann meine ganze Mühe umsonst sein? Die Zeit ist mir jetzt zu teuer, als daß ich sie umsonst verschwenden und nur aus bloßem Vergnügen schreiben sollte. Auch die politischen Verhältnisse haben sich verändert. Aus diesem Grunde habe ich einen neuen Aufsatz begonnen: »Briefe über die Kunst«. Die Großfürstin Maria Nikolajewna ist Präsidentin der Akademie der Künste. Ich will um Genehmigung nachsuchen, ihr diesen Aufsatz zu widmen, und ihn dann ohne Namensunterschrift erscheinen lassen. Mein Aufsatz ist die Frucht zehnjähriger Überlegungen. Ich habe ihn bis ins kleinste Detail noch in Omsk durchgedacht. Es wird viel Originelles und Leidenschaftliches darin stehen, doch für die Ausführung will ich nicht garantieren. Wahrscheinlich werden viele mit mir in verschiedenen Punkten nicht einverstanden sein. Doch ich glaube an meine Ideen, und das genügt mir. Ich will Ap. Maikow bitten, den Aufsatz zuvor zu lesen. In gewissen Kapiteln sind ganze Seiten aus dem Pamphlet enthalten. Der Aufsatz handelt eigentlich von der Bestimmung des Christentums in der Kunst. Wo soll ich ihn aber unterbringen? Wenn ich ihn als Sonderdruck erscheinen lasse, werden ihn höchstens hundert Menschen kaufen, denn es ist kein Roman. Von einer Zeitschrift könnte ich aber Honorar bekommen. Doch der »Zeitgenosse« war mir immer feindlich gesinnt, ebenso der »Moskwitjanin«. Im »Russischen Boten« ist die Einleitung zu einem Aufsatze Katkows über Puschkin erschienen, in dem Gedanken ausgesprochen werden, die den meinigen entgegengesetzt sind. Es bleiben also nur noch die »Vaterländischen Annalen«. Ich weiß aber nicht, was jetzt mit dieser Zeitschrift vorgeht. Sprechen Sie also bitte mit Maikow und Ihrem Bruder, ob es eine Möglichkeit gibt, den Aufsatz gegen Honorar erscheinen zu lassen und teilen Sie mir mit, was man Ihnen darüber sagt; sprechen Sie davon nur so ganz nebenbei. Die Hauptsache ist, daß der Roman, an dem ich jetzt arbeite, »Raskolnikow.« mir großen Genuß bereitet. Nur mit dem Roman kann ich mir einen Namen machen und die Aufmerksamkeit des Publikums auf mich lenken. Vernünftiger wäre allerdings, mit einem ernsten Aufsatz (über Kunst) zu beginnen und um Genehmigung für die Veröffentlichung eines solchen Aufsatzes nachzusuchen; denn heutzutage betrachtet man einen Roman als etwas Minderwertiges. So glaube ich wenigstens ...

[Weiter wiederholt Dostojewskij seine Bitte, Wrangel möchte sich für ihn verwenden.]

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