Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 28
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
Schließen

Navigation:

XXVI.
An den General E. I. Totleben

Eduard Totleben (1818-84) hervorragender Militäringenieur, Erbauer der Festungswerke von Sebastopol, die den vereinigten Armeen zwölf Monate standhielten.

Ew. Exzellenz Eduard Iwanowitsch! Verzeihen Sie, daß ich Ihre Aufmerksamkeit für meinen Brief in Anspruch zu nehmen wage. Ich fürchte, daß, wenn Sie die Unterschrift und meinen Namen, den Sie wohl vergessen haben – obwohl ich vor Jahren, vor sehr vielen Jahren die Ehre hatte, mit Ihnen bekannt zu sein –, sehen, Sie mir zürnen und den Brief fortwerfen werden, ohne ihn gelesen zu haben. Ich flehe Sie um Ihre Nachsicht an. Strafen Sie mich nicht und glauben Sie nicht, daß ich den ganzen unermeßlichen Unterschied zwischen meiner Lage und der Ihrigen nicht begriffen habe. Ich habe in meinem Leben viel zu viel traurige Erfahrungen gemacht, als daß ich diesen Unterschied nicht einsehen könnte. Ich weiß recht wohl, ich habe gar kein Recht, Sie jetzt daran zu erinnern, daß Sie mich einst gekannt haben, und daraus auch nur den Schatten eines Anrechtes auf Ihre Aufmerksamkeit abzuleiten. Doch ich bin so unglücklich, daß ich mich fast gegen meinen Willen der Hoffnung hingeben muß, daß Sie Ihr Herz einem unglücklichen Verbannten nicht verschließen und ihm einen Augenblick Ihre Aufmerksamkeit schenken werden.

Ich ersuche Baron Alexander Jegorowitsch Wrangel, Ihnen diesen Brief zu überbringen. Während seines Aufenthaltes in Semipalatinsk hat er für mich mehr getan, als ein leiblicher Bruder hätte tun können. Seine Freundschaft machte mich glücklich. Er kennt alle meine Umstände. Ich bat ihn, diesen Brief Ihnen persönlich zu überbringen; er wird es tun, obgleich es mir gar nicht möglich war, ihn davon zu überzeugen, daß Sie diesen Brief mit Nachsicht entgegennehmen werden. Diese Zweifel sind im Herzen eines gewesenen Zuchthäuslers wohl verständlich. Ich habe eine große Bitte an Sie und nur eine schwache Hoffnung, daß Sie mich anhören werden.

Vielleicht haben Sie irgend etwas von meiner Verhaftung, meinem Prozeß und der allerhöchsten Bestätigung des Urteils gehört, das im Prozeß, an dem ich im Jahre 1849 beteiligt war, gefällt worden ist. Vielleicht haben Sie auch meinem Schicksal irgendwelche Aufmerksamkeit geschenkt. Ich gründe diese Vermutung darauf, daß ich einmal mit Ihrem Bruder Adolf Iwanowitsch befreundet war und an ihm in meiner Kindheit mit aufrichtiger Liebe hing. Obgleich ich mit ihm in der letzten Zeit nicht mehr zusammen kam, bin ich doch überzeugt, daß er mit mir Mitleid gehabt und Ihnen vielleicht etwas von meiner traurigen Geschichte erzählt hat. Ich wage nicht, Ihre Aufmerksamkeit für einen Bericht über meinen Prozeß in Anspruch zu nehmen. Ich war schuldig und bin mir dessen wohl bewußt. Man überführte mich der Absicht (doch nur der Absicht), gegen die Regierung zu handeln; ich wurde gesetzmäßig und vollkommen gerecht abgeurteilt; die schweren und qualvollen Erfahrungen der folgenden Jahre haben mich ernüchtert und meine Ansichten in vielen Beziehungen geändert. Doch damals, als ich noch blind war, glaubte ich an alle die Theorien und Utopien. Als ich nach Sibirien ging, hatte ich wenigstens den einen Trost, daß ich mich vor Gericht ehrlich verhalten habe, meine Schuld nicht auf die anderen abzuwälzen gesucht und sogar meine eigenen Interessen geopfert habe, wenn ich damit die anderen zu retten glaubte. Doch ich war damals noch immer von der Wahrheit meiner Ansicht überzeugt, wollte nicht alles gestehen, und wurde dafür strenger bestraft. Vorher litt ich zwei Jahre lang an einer seltsamen moralischen Krankheit. Ich verfiel in Hypochondrie. Es gab eine Zeit, da ich sogar die Vernunft verlor. Ich war übertrieben reizbar, hatte eine krankhaft entwickelte Empfindlichkeit und die Fähigkeit, die gewöhnlichsten Vorfälle ins Unermeßliche zu verzerren. Obgleich diese Krankheit einen wirklich unheilvollen Einfluß auf mein Schicksal hatte, wäre sie doch nur eine schlechte und sogar erniedrigende Rechtfertigung; das sagte mir mein Gefühl. Übrigens war ich mir dessen gar nicht so recht bewußt. Verzeihen Sie mir diese Einzelheiten. Seien Sie großmütig und hören Sie mich weiter an.

Ich kam ins Zuchthaus – vier traurige, entsetzliche Jahre. Meine Gesellschaft waren Räuber, Menschen ganz ohne menschliche Gefühle, mit verdrehter Moral; während dieser vier Jahre konnte ich nichts Erfreuliches sehen, als die schwärzeste und häßlichste Wirklichkeit. Ich hatte an meiner Seite kein einziges Geschöpf, mit dem ich herzliche Worte hätte wechseln können; ich litt Hunger, Kälte, Krankheiten; ich litt unter der schweren Arbeit und unter dem Hasse meiner Genossen, der Räuber, die an mir Rache nahmen, weil ich ein Offizier und Adeliger war. Doch ich schwöre Ihnen, keine dieser Qualen war größer als die, die ich empfand, als ich meine Verirrungen einsah und begriff, daß ich in der Verbannung von der menschlichen Gesellschaft abgeschnitten bin und ihr nicht mit allen meinen Kräften, Wünschen und Fähigkeiten dienen kann. Ich weiß, daß man mich für meine Ideen und Theorien bestraft hat. Doch die Ideen und sogar die Überzeugungen wechseln, selbst der Mensch verändert sich; wie schwer ist es mir nun, für Dinge zu büßen, die nicht mehr sind und die sich in mir ins Gegenteil verwandelt haben; für meine früheren Verirrungen zu leiden, die ich schon lange als solche erkannt habe; zu fühlen, daß ich Kräfte und Fähigkeiten habe, irgend etwas zu tun, um die Nutzlosigkeit meiner früheren Tätigkeit abzubüßen, und dabei in Untätigkeit zu schmachten. Jetzt bin ich Soldat, diene in Semipalatinsk und bin in diesem Sommer zum Unteroffizier befördert worden. Ich weiß, daß mir viele Leute aufrichtige Teilnahme entgegengebracht haben und auch jetzt entgegenbringen; daß man sich für mich verwendet hat, mir Hoffnung gemacht hat und mich auch jetzt vertröstet. Der Monarch ist gütig und barmherzig. Ich weiß schließlich, wie schwer es einem fällt, der den Beweis liefern will, daß ein unglücklicher Mensch etwas Gutes vollbringen kann, wenn ihm dieser Beweis nicht gelingt. Etwas kann ich ja auch leisten; ich bin ja nicht ganz ohne Fähigkeiten, Gefühle und Grundsätze. Ich habe eine große Bitte an Sie, Eduard Iwanowitsch. Eines macht mir nur Sorge: ich habe nicht das geringste Recht, Sie mit meinen Angelegenheiten zu belästigen. Doch Sie haben ein edles und großes Herz. Dies darf ich offen sagen; Sie haben es erst neulich vor der ganzen Welt gezeigt. Ich habe schon viel früher, früher als die andern, das Glück gehabt, mir diese Meinung von Ihnen zu bilden, und habe schon längst gelernt, Sie zu achten. Ihr Wort kann jetzt bei unserm barmherzigen Monarchen, der Ihnen dankbar ist und Sie liebt, viel gelten. Gedenken Sie des armen Verbannten und helfen Sie ihm. Ich will mich nutzbringend betätigen. Wenn man seelische und geistige Kräfte hat, die man nicht anwenden kann, leidet man schwer in der Untätigkeit. Doch der militärische Beruf liegt mir nicht. Ich will mir ja, soweit es meine Kräfte erlauben, die größte Mühe geben; doch ich bin krank und fühle in mir größere Neigung für einen andern Wirkungskreis, der meinen Fähigkeiten mehr entspricht. Mein sehnlichster Wunsch wäre es, aus dem Militärdienste entlassen zu werden und irgendwo im europäischen Rußland oder sogar hier in den Zivildienst zu treten, auch einige Freiheit in der Wahl meines Aufenthaltsorts zu haben. Doch nicht den Dienst betrachte ich als den Hauptzweck meines Lebens. Vor Jahren hat mich das Publikum auf literarischem Gebiet wohlwollend begrüßt und ermutigt. Ich möchte gerne die Erlaubnis bekommen, meine Werke zu veröffentlichen. Es gab ja schon Präzedenzfälle: manchen politischen Verbrechern wurde Wohlwollen und Gnade zuteil, und sie bekamen die Erlaubnis, zu schreiben und zu drucken. Den Beruf eines Schriftstellers habe ich stets für einen ehrenvollen und nützlichen gehalten. Ich habe die Überzeugung, daß ich nur auf diesem Gebiete nutzbringend wirken kann, daß ich eine gewisse Aufmerksamkeit auf mich lenken, meinen guten Ruf wieder erlangen und mir das Leben einigermaßen erleichtern könnte; denn ich besitze nichts als gewisse, vielleicht auch recht bescheidene literarische Fähigkeiten. Ich will es Ihnen offen sagen: neben dem aufrichtigen Wunsch, mein Schicksal mit einem andern, das meinen Fähigkeiten mehr entspricht, zu vertauschen, hat mir noch ein anderer Umstand Anspielung auf D.s Heiratspläne., von dem vielleicht das Glück meines ganzen Lebens abhängt (es ist ein durchaus persönlicher Umstand), den Mut gegeben, mich an Sie zu wenden und Sie an mich zu erinnern. Ich bitte ja nicht um alles auf einmal; ich bitte nur um die Möglichkeit, den Militärdienst zu quittieren und in den Zivildienst einzutreten.

Lesen Sie diese meine Bitte, nennen Sie mich aber nicht kleinmütig. Ich habe so viel gelitten, und schon durch den Umstand allein, daß ich diese Leiden ertragen habe, meine Geduld und einen gewissen Grad von Tapferkeit bewiesen. Doch jetzt habe ich den Mut verloren, was ich auch selbst einsehe. Ich hielt es stets für kleinmütig; andere, wer es auch sei, mit meinen Angelegenheiten zu belästigen. Um so mehr Sie zu belästigen. Doch ich flehe Sie an, haben Sie Erbarmen mit mir. Ich habe bisher mein Unglück geduldig ertragen. Nun bin ich unter der Last der Umstände zusammengebrochen, und habe mich entschlossen, diesen Versuch – es ist nicht mehr als ein Versuch – zu unternehmen. Ich schwöre Ihnen, daß der Gedanke, Ihnen zu schreiben und Sie zu bitten, mir nie früher gekommen war. Es wäre mir peinlich und schwer gewesen, Sie an mich zu erinnern. Mit einem so begeisterten und uneigennützigen Gefühl habe ich in der letzten Zeit Ihre Heldentaten verfolgt. Wenn Sie wüßten, mit welchem Genuß ich über Sie mit andern sprach, würden Sie mir Glauben schenken. Wenn Sie wüßten, mit welchem Stolz ich mich darauf berief, daß ich die Ehre hatte, Sie persönlich zu kennen! Als man hier von Ihren Heldentaten erfuhr, überschüttete man mich mit Fragen über Sie, und es war mir eine Freude, von Ihnen erzählen zu können. Ich scheue mich nicht, Ihnen dies zu schreiben. Ihre Heldentaten sind so groß, daß selbst diese Worte nicht als eine Schmeichelei erscheinen können. Der Überbringer dieses Briefes kann Ihnen bestätigen, wie aufrichtig und uneigennützig meine Gefühle gegen Sie sind. Die Dankbarkeit eines Russen gegen denjenigen, der in Zeiten des nationalen Unglücks die furchtbare Verteidigung von Sebastopol mit ewigem, unvergänglichem Ruhm gekrönt hat, ist wohl begreiflich. Ich wiederhole, daß es nicht meine Absicht war, Sie irgendwie zu belästigen. Doch jetzt, da ich jeden Mut verloren habe und gar nicht weiß, an wen ich mich wenden soll, habe ich mich erinnert, wie freundlich, herzlich und einfach Sie stets gegen mich waren. Ich gedachte Ihrer stets kühnen und erhabenen Herzensregungen und begann zu hoffen. Ich fragte mich: werden Sie mich denn jetzt zurückstoßen, wo Sie eine so hohe und ruhmvolle Stellung erlangt haben, und ich so tief gesunken bin? Verzeihen Sie meine Unbescheidenheit, verzeihen Sie mir diesen langen (viel zu langen, ich sehe es ein) Brief; und wenn Sie für mich etwas tun können, so tun Sie es, ich flehe Sie an. Und ich habe noch eine große Bitte, schlagen Sie sie mir nicht ab. Bringen Sie mich bei Gelegenheit Ihrem Bruder Adolf Iwanowitsch in Erinnerung und teilen Sie ihm mit, daß ich ihn noch immer wie früher liebe und daß ich ihm oft während der vierjährigen Zuchthausstrafe, als ich im Geiste meine ganze Vergangenheit Tag um Tag und Stunde um Stunde an mir vorüberziehen ließ, in meinen Erinnerungen begegnet bin. Doch er weiß selbst, wie sehr ich ihn liebe. Ich weiß noch, daß er in der letzten Zeit krank war. Ist er wieder gesund? Ist er am Leben? Verzeihen Sie mir auch diese Bitte. Doch ich weiß nicht, durch wen ich diesen meinen Herzenswunsch erfüllen könnte und wende mich daher an Sie. Ich weiß, daß dieser Brief einen schweren Verstoß gegen die Disziplin bedeutet. Ein gemeiner Soldat schreibt an einen Generaladjutanten! Doch Sie sind großmütig, und ich vertraue mich Ihrer Großmut an Totlebens Resolution lautet: »Seine Majestät geruhte zu befehlen, dem Herrn Kriegsminister schriftlich vorzuschlagen, den Fjodor Dostojewskij zum Fähnrich bei irgendeinem Regiment der zweiten Armee zu befördern. Sollte dies nicht tunlich sein, so ist er mit dem Range eines Beamten der vierzehnten Klasse in den Zivildienst zu versetzen; in beiden Fällen ist ihm die Beschäftigung mit Literatur zu erlauben und das Recht, seine Werke auf Grund der allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen zu drucken, einzuräumen.«.

Mit tiefster Hochachtung und dem aufrichtigen Danke eines Russen verbleibe ich

Ew. Exzellenz ergebenster Diener

Fjodor Dostojewskij.

Semipalatinsk, den 24. März 1856.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.