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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 27
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XXV.
An Apollon Nikolajewitsch Maikow.
Semipalatinsk, den 18. Januar 1856

Apollon Maikow, namhafter Dichter, 1821-97.

Ich wollte schon längst Ihren lieben Brief beantworten, mein lieber Apollon Nikolajewitsch. Als ich Ihren Brief las, wehte mir ein Hauch der Vergangenheit entgegen. Ich danke Ihnen tausendmal dafür, daß Sie mich nicht vergessen haben. Ich weiß nicht warum, ich hatte aber immer den Eindruck, Sie würden mich nicht vergessen; vielleicht schon aus dem Grunde, weil ich Sie nicht vergessen kann. Sie schreiben, wievieles sich in dieser Zeit verändert habe und wie manche Wandlung wir beide durchgemacht haben. Für mich will ich einstehen. Ich könnte Ihnen viel Interessantes über mich berichten. Zürnen Sie aber bitte nicht, daß ich Ihnen jetzt in aller Eile schreibe, und daß mein Brief abgerissen und vielleicht auch unklar wird. Ich empfinde aber in diesem Augenblick wohl dasselbe, was Sie empfanden, als Sie mir schrieben: die Unmöglichkeit, nach so vielen Jahren alles auszusprechen, und wenn der Brief auch fünfzig Bogen lang werden sollte. Man müßte sich mündlich unter vier Augen aussprechen, so daß man die Seele in den Gesichtszügen lesen und das Herz in den Lauten der Stimme hören könnte. Ein Wort, das man aufrichtig, unter vier Augen, Angesicht vor Angesicht spricht, bedeutet mehr als Dutzende von Bogen geschriebenen Papiers. Ich danke Ihnen ganz besonders für alles, was Sie mir über sich selbst schreiben.

[Es folgen einige Sätze über Menschen, die Maikow nahestanden.]

Vielleicht haben Sie von meinem Bruder einiges über mich gehört. In meinen freien Stunden notiere ich mir manches aus meinen Erinnerungen an den Aufenthalt im Zuchthause »Aufzeichnungen aus dem Totenhause«, veröffentlicht 1861-62.. In diesen Aufzeichnungen ist übrigens nur wenig Persönliches; wenn ich sie einmal zu Ende schreibe und wenn sich mir eine ganz besonders günstige Gelegenheit bietet, werde ich Ihnen ein Exemplar in eigenhändiger Abschrift zum Andenken schicken.

[Es folgt eine warme Empfehlung für den Überbringer des Briefes, Baron A. Wrangel.]

Dostojewskij in Semipalatinsk (1858) in Fähnrichsuniform

Sie schreiben, daß Sie meiner mit warmen Gefühlen gedacht und sich immer gefragt haben: »Wozu, wozu?« Auch ich habe Ihrer mit warmen Gefühlen gedacht, doch auf Ihre Frage: »Wozu?« will ich nichts erwidern; denn was ich auch sage, alles wird überflüssig sein. Sie schreiben, daß Sie vieles durchgemacht, sich vieles überlegt und viel Neues aus dem Leben geschöpft haben. Es könnte auch gar nicht anders sein, und ich bin überzeugt, daß wir uns auch jetzt in unseren Ansichten vertragen würden. Auch ich habe über vieles nachgedacht und vieles durchgemacht; es sind mir so ungewöhnliche Umstände und Einflüsse begegnet, daß ich viel zu viel, und sogar über meine Kraft, erleben, denken und überlegen mußte. Da Sie mich sehr gut kennen, werden Sie mir wohl glauben, daß ich mich in allen Dingen von Erwägungen leiten ließ, die ich für gut und gerecht hielt, daß ich nie geheuchelt habe und, wenn ich mich irgendeiner Sache hingab, mit meiner ganzen Seele dabei war. Glauben Sie nur nicht, daß ich mit diesen Worten auf die Umstände hindeute, die mich hierher gebracht haben. Ich spreche jetzt nur von den späteren Erlebnissen; es wäre auch nicht am Platze, von jenen vergangenen Ereignissen zu sprechen; sie waren auch nicht mehr als eine Episode. Die Ansichten wechseln, das Herz bleibt immer gleich. Ich habe Ihren Brief gelesen, doch das Wichtigste darin nicht verstanden. Ich meine den Patriotismus, die russische Idee, das Gefühl der Pflicht, die nationale Ehre und alles, worüber Sie mit solcher Begeisterung sprechen. Aber mein Freund! Waren Sie denn je anders? Auch ich war ja immer von den gleichen Gefühlen und Überzeugungen beseelt. Rußland, Pflicht, Ehre? – Ja! Ich war immer durch und durch Russe, ich sag' es Ihnen ganz aufrichtig. Was ist denn neu an der Bewegung, die sich in Ihrer Nähe bemerkbar macht und von der Sie wie von einer neuen Richtung schreiben? Ich sage ganz offen, daß ich Sie nicht verstehe. Ich las Ihre Gedichte und fand sie wunderschön; ich teile vollkommen Ihr patriotisches Gefühl, Ihr Streben nach einer moralischen Befreiung der Slawen. Darin liegt die Aufgabe Rußlands, unseres edlen, großen Rußlands, unserer heiligen Mutter. Wie schön sind die Schlußzeilen in Ihrem »Konzil zu Clermont«! Wo haben Sie nur die Sprache her, mit der Sie so großartig den gewaltigen Gedanken ausgedrückt haben? Ja! Ich teile vollkommen Ihre Idee, daß in Rußland der Abschluß Europas und seiner Mission liegt. Dies war mir immer klar. Sie schreiben, daß die Gesellschaft aus ihrer Apathie erwacht zu sein scheint. Sie wissen doch, daß es in unserer Gesellschaft überhaupt keine Manifestationen gibt; wer durfte aber daraus schließen, daß sie ganz ohne Energie sei? Beleuchten Sie doch so gut wie möglich irgendeine Idee und rufen Sie die Gesellschaft herbei: die Gesellschaft wird Sie sofort begreifen. So ist es auch jetzt: die Idee wurde großartig, durchaus national und ritterlich (dies muß man bestätigen) beleuchtet – und unsere politische Idee, die uns noch Peter der Große vermacht hat, fand sofort bei allen Rechtfertigung. Vielleicht nahmen Sie und nehmen noch jetzt Anstoß daran, daß in jene Schichten der Gesellschaft, die bewußt denken, fühlen und forschen, französische Ideen eindringen? Darin steckt gewiß auch Exklusivität, doch es ist das Wesen einer jeder Exklusivität, daß sie sofort einen Gegensatz hervorruft. Sie werden doch selbst zugeben, daß alle vernünftig denkenden Menschen, d. h. diejenigen, die in allen Dingen den Ton angeben, die französischen Ideen ausschließlich von der wissenschaftlichen Seite betrachtet haben und daß selbst diejenigen, die am meisten zur Exklusivität hinneigten, im Grunde doch immer Russen blieben. Was sehen Sie denn darin Neues? Ich versichere Ihnen, daß ich z. B. mich so sehr allem Russischen verwandt fühle, daß selbst die Zuchthäusler mir keine Angst machten; sie waren Russen, meine Brüder im Unglück, und ich hatte oft das Glück, in der Seele eines Raubmörders Großmut zu finden; ich konnte ihn aber doch nur darum verstehen, weil ich selbst Russe bin. Meinem Unglück verdanke ich viele praktische Erfahrungen, die auf mich vielleicht einen großen Einfluß gehabt haben; ich machte aber dabei auch die Erfahrung, daß ich in meinem tiefsten Innern immer Russe gewesen bin. Man kann sich wohl in einer Idee irren; man kann sich aber nicht mit dem Herzen irren und durch diesen Irrtum gewissenlos werden, d. h. gegen seine Ueberzeugungen handeln. Warum schreibe ich Ihnen übrigens dies alles? Ich weiß ja, daß diese Zeilen nichts auszudrücken vermögen; warum soll ich dann noch schreiben? Ich will Ihnen noch einiges über mich selbst berichten. Im Zuchthause habe ich nur sehr wenig gelesen, denn ich konnte mir gar keine Bücher verschaffen. Manchmal fiel mir aber doch irgendein Buch in die Hand. Seit ich hier in Semipalatinsk bin, lese ich etwas mehr. Doch habe ich keine Bücher zur Hand, selbst die notwendigen nicht, und die Zeit vergeht. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich darunter litt, daß ich im Zuchthause nicht schreiben durfte. Die innere Arbeit kochte nur so. Einiges geriet mir sehr gut, ich fühlte es. Ich habe im Geiste eine große Novelle, die ich für mein endgültiges Werk halte, geschaffen. Ich hatte solche Angst, daß die erste Liebe zu meinem Werk erkalten würde, wenn die Jahre vergehen und die Stunde der Verwirklichung schlägt; jene Liebe, ohne die man nicht schreiben kann. Ich hatte mich aber geirrt: die von mir geschaffene Gestalt, die dem ganzen Werk zugrunde liegt, erforderte einige Jahre für ihre Entwicklung, und ich bin überzeugt, daß ich alles verdorben hätte, wenn ich damals unvorbereitet und im ersten Eifer die Arbeit unternommen hätte. Als ich aber das Zuchthaus verließ, ging ich doch noch nicht an die Ausführung des Werkes, obwohl es im Geiste ganz fertig war. Ich konnte einfach nicht schreiben. Ein Umstand, ein Zufall, der in meinem Leben lange auf sich warten ließ und endlich eingetroffen ist, hat mich gänzlich hingerissen und ertränkt. Ich war glücklich, ich konnte nicht arbeiten. Später erfuhr ich Kummer und Trauer. Ich verlor etwas, was mein alles war. Hunderte von Werste trennen uns Gemeint ist Frau Issajewa, spätere Gattin D.s. jetzt. Ich will Ihnen nichts Genaueres sagen, werde Ihnen vielleicht später einmal alles erklären; jetzt kann ich es nicht. Ich bin dennoch nicht ganz müßig gewesen. Ich habe gearbeitet; die Ausführung meines Hauptwerkes habe ich aber aufgeschoben. Ich brauche dazu ruhigere Stimmung. Ich begann im Scherze eine Komödie zu schreiben; ich habe so viele komische Personen und so viel komische Handlung erfunden und mein Held gefiel mir so gut, daß ich die Form der Komödie aufgab, obgleich sie mir gut gefiel, eigentlich nur, um möglichst lange das Vergnügen zu haben, die Erlebnisse meines neuen Helden zu verfolgen und über ihn zu lachen. Dieser Held ist mir in manchen Beziehungen verwandt. Mit einem Worte, ich schreibe einen komischen Roman »Onkelchens Traum«.; bisher habe ich nur einzelne Abenteuer geschrieben; nun habe ich ihrer genug und nähe das ganze zusammen. Hier haben Sie also den Bericht über meine Arbeiten: ich muß Ihnen dies alles schreiben; wenn ich mit Ihnen spreche, muß ich an unsere Vergangenheit denken, mein unvergeßlicher Freund! Ja! Ich war in Ihrer Gesellschaft oft glücklich: wie hätte ich Sie vergessen können? Sie schreiben mir einiges von der Literatur. In diesem Jahre habe ich fast nichts gelesen. Ich will Ihnen auch meine Eindrücke mitteilen: Turgenjew gefällt mir am besten; es ist nur schade, daß er bei seinem großen Talent so ungleichmäßig ist. L. T. Leo Tolstoi. gefällt mir sehr gut, mir scheint aber, daß er kaum vieles schaffen wird (vielleicht irre ich mich auch). Ostrowskij Alexander Ostrowskij (1823-86) – sehr bedeutender Dramen- und Lustspieldichter. kenne ich gar nicht; ich habe nichts von ihm gelesen, habe aber viele Bruchstücke aus seinen Werken in den Aufsätzen über ihn gelesen. Er mag ja eine gewisse Schicht der russischen Gesellschaft sehr genau kennen, ich glaube aber, daß er kein Künstler ist. Außerdem scheint er mir ein Dichter ohne Ideal zu sein. Versuchen Sie doch, bitte, mich vom Gegenteil zu überzeugen, schicken Sie mir um Gottes willen einige seiner Werke, die Sie für die besseren halten, damit ich ihn nicht nur aus den Kritiken kenne. Von Pissemskij A. F. Pissemskij (1820-81) – früher sehr beliebter Romanschriftsteller zweiten Ranges; politisch-tendenziös und pessimistisch. kenne ich nur den »Aufschneider« und den »Reichen Freier«, sonst nichts. Er gefällt mir sehr gut. Er ist klug, gutmütig und sogar naiv; er erzählt meisterhaft. Eines ist an ihm traurig: er schreibt zu schnell. Er schreibt viel zu schnell und viel zu viel. Man soll mehr Ehrgeiz, mehr Achtung vor seinem Talent und vor der Kunst, mehr Liebe zur Kunst haben. Wenn man jung ist, kommen einem die Ideen in unglaublichen Mengen in den Kopf; man soll aber nicht eine jede im Fluge auffangen und in aller Eile aussprechen. Man soll lieber auf die Synthese warten, man soll mehr denken; man soll warten, bis sich die vielen Einzelheiten, die eine Idee ausdrücken, zu einem Großen ansammeln, zu einem großen, erhabenen Bilde; dann soll man sie erst niederschreiben. Kolossale Gestalten, die von kolossalen Dichtern geschaffen worden sind, sind oft unter langen und hartnäckigen Bemühungen entstanden. Man soll doch nicht alle dazwischenliegenden Proben und Skizzen ausführen. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen werden! Was aber Pissemskij betrifft, so glaube ich, daß er seine Feder nicht recht im Zaume hält. Unsere schriftstellernden Damen schreiben eben wie schriftstellernde Damen, d. h. klug, nett, und sie haben es sehr eilig, ihre Gedanken auszusprechen. Sagen Sie mir, bitte, warum eine schriftstellernde Dame fast nie ein ernster Künstler ist? Selbst die zweifellos kolossale Künstlerin Georges Sand hat sich nicht selten mit ihren echt weiblichen Eigenschaften geschadet. – Während der ganzen Zeit habe ich in den Zeitschriften viele von Ihren kleineren Gedichten gelesen ... Sie gefielen mir sehr. Seien Sie stark und arbeiten Sie. Ich will Ihnen im Vertrauen, ganz im Vertrauen sagen: Tjutschew Fjodor Iwanowitsch Tjutschew (1803-73), der tiefsinnigste Dichterphilosoph Rußlands. ist sehr bemerkenswert, doch ... usw. Welcher Tjutschew ist es übrigens, ist es der unsrige? Viele seiner Gedichte sind ausgezeichnet.

Leben Sie wohl, mein teurer Freund. Entschuldigen Sie die Zusammenhanglosigkeit meines Briefes. In einem Briefe kann man nie etwas ordentlich aussprechen. Aus diesem Grunde kann ich eben Mme. de Sévigné nicht leiden. Sie hat viel zu gute Briefe geschrieben. – Wer weiß? Vielleicht werde ich Sie doch noch einmal in meine Arme schließen. Das walte Gott! Um Gottes willen, zeigen Sie meinen Brief niemand (wirklich niemand)! Ich umarme Sie.

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