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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 26
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XXIV.
An Frau Praskowja Jegorowna Annenkowa.
Semipalatinsk, den 18. Oktober 1855

Gattin des bekannten Dekabristen Annenkow.

Praskowja Jegorowna! Ich wollte Ihnen schon längst schreiben und habe so lange auf eine passende Gelegenheit gewartet, daß ich die sich mir jetzt bietende nicht versäumen will. Der Überbringer dieses Briefes, Alexej Iwanowitsch Bachirew, ist ein sehr bescheidener und sehr guter junger Mann, eine einfache und ehrliche Seele. Ich kenne ihn schon seit eineinhalb Jahren und bin überzeugt, daß ich mich in seinen Eigenschaften nicht irre.

Ich werde mich immer an die große und herzliche Teilnahme erinnern, die Sie und Ihre ganze treffliche Familie mir und meinen Genossen im Unglück, nach meiner Ankunft in Sibirien entgegengebracht haben. Ich denke an diese Teilnahme mit einem ganz besonders tröstlichen Gefühl und werde sie, glaube ich, nie vergessen. Wer in seinem Leben ein widriges Geschick erfahren und in gewissen Augenblicken die ganze Bitternis seines Schicksals ausgekostet hat, weiß, wie süß es ist, unter solchen Umständen ganz unerwartet einer brüderlichen Teilnahme zu begegnen.

So waren Sie gegen mich, und ich erinnere mich noch an meine Begegnung mit Ihnen, als Sie nach Omsk kamen und als ich noch im Zuchthause war.

Seit meiner Ankunft in Semipalatinsk habe ich fast noch nichts von Konstantin Iwanowitsch und der hochverehrten Olga Iwanowna Olga Iwanowna und Konstantin Iwanowitsch Iwanow – Tochter und Schwiegersohn der Frau Annenkowa. gehört; der Verkehr mit Olga Iwanowna wird für immer eine der angenehmsten Erinnerungen meines Lebens bleiben. Vor eineinhalb Jahren, als ich und Durow aus dem Zuchthause kamen, verbrachten wir fast einen ganzen Monat in ihrem Hause.

Sie können sich wohl vorstellen, welchen Eindruck dieser Verkehr auf einen Menschen machen mußte, der seit vier Jahren, um mit meinen früheren Genossen, den Zuchthäuslern zu reden, wie ein vom Brotlaibe abgeschnittenes Stück Brot, wie ein in die Erde Eingegrabener gelebt hat. Olga Iwanowna hatte mir wie eine Schwester ihre Hand entgegengestreckt, und die Erinnerung an diese schöne, reine, erhabene und edle Seele wird mein ganzes Leben lang leuchtend und klar bleiben. Möge ihr Gott recht viel Glück bescheren, Glück in ihrem eigenen Wesen und Glück in den Menschen, die ihr lieb sind. Ich möchte gerne etwas von ihr hören. Ich glaube, daß solche schöne Seelen wie sie, immer glücklich sein müssen; nur die Schlechten sind unglücklich. Ich glaube, daß das Glück nur in der heiteren Auffassung des Lebens und in der Vortrefflichkeit des Herzens, und nicht in den äußeren Umständen liegt. Es ist doch so? Ich bin überzeugt, daß Sie mich richtig verstehen und darum schreibe ich es Ihnen.

Mein Leben schleppt sich einigermaßen dahin; ich kann Ihnen aber mitteilen, daß ich große Hoffnungen habe ... Meine Hoffnungen sind auf gewisse Tatsachen gegründet; verschiedene Leute geben sich die größte Mühe, für mich in Petersburg zu wirken, und ich werde vielleicht schon in wenigen Monaten etwas erfahren.

Sie werden wohl gehört haben, daß Durow aus Gesundheitsrücksichten vom Militärdienst befreit worden ist und nun in den Zivildienst eingetreten ist. Er ist in Omsk. Vielleicht haben Sie Nachrichten von ihm. Wir korrespondieren nicht miteinander, obwohl wir einander in gutem Gedächtnisse bewahrt haben.

Baron Wrangel, den Sie kennen, läßt Sie grüßen. Ich bin mit ihm befreundet. Er ist eine schöne, jugendliche Seele; gebe Gott, daß er immer so bleibt.

Meine tiefe, vollkommene und aufrichtige Hochachtung Ihrem Herrn Gemahl. Ich wünsche Ihnen ein vollkommenes Glück. Haben Sie vielleicht etwas von einem gewissen Orakel Die Rede ist von einer spiritistischen Sitzung, bei welcher Frau Iwanowna eine erstaunliche Prophezeiung in einer Erbschaftsangelegenheit erhielt. gehört, das in Omsk in meiner Zeit befragt wurde? Ich weiß noch, welch einen tiefen Eindruck es auf Olga Iwanowna gemacht hat.

Leben Sie wohl, hochverehrte Praskowja Jegorowna.

Ich bin überzeugt, daß wir uns wiedersehen werden, und vielleicht recht bald. Dies ist mein herzlicher Wunsch. Ich denke mit Ehrfurcht an Sie und alle Ihrigen.

Ich verbleibe mit tiefster Hochachtung, Ihr ganz ergebener

F. Dostojewskij.

Von Konstantin Iwanowitsch habe ich in diesem Sommer einige Zeilen erhalten.

Den Überbringer des Briefes, A. I. Bachirew, achte ich zwar sehr, doch ich vertraue ihm nicht alles an.

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