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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 25
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XXIII.
An Frau Maria Dmitrijewna Issajewa
Aus Semipalatinsk nach Kusnezk [im Gouvernement Tomsk] den 4. Juni 1855

Dostojewskijs spätere Gattin. Vgl. Erinnerungen des Barons Wrangel im Anhang..

Tausend Dank für Ihren lieben Brief von der Reise, meine liebe und unvergeßliche Freundin Maria Dmitrijewna. Ich hoffe, daß Sie und Alexander Iwanowitsch Der Gatte der Adressatin. mir erlauben werden, Sie beide Freunde zu nennen. Wir sind ja hier Freunde gewesen, und ich hoffe, daß wir es bleiben werden. Wird denn die Trennung uns verändern? Ich glaube nein; denn die Trennung von Ihnen, meine lieben Freunde, fällt mir so schwer, daß ich schon daraus schließen kann, wie sehr ich an Ihnen hänge. Denken Sie sich nur: es ist schon der zweite Brief, den ich Ihnen schreibe. Ich hatte eine Antwort auf Ihren lieben herzlichen Brief noch für die vorige Post vorbereitet, teure Maria Dmitrijewna, ich schickte ihn aber nicht ab. Alexander Jegorowitsch Baron Wrangel, siehe Anmerkung im Anhang., der den Brief auf die Post bringen sollte, ist ganz plötzlich am vergangenen Samstag nach Smijew abgereist, und ich erfuhr von seiner Abreise erst am Sonntag. Sein Diener ist gleichfalls für zwei Tage verschwunden, und der Brief blieb in meiner Tasche stecken. Dieses Pech! Ich schreibe Ihnen jetzt wieder, weiß aber nicht, ob nun dieser Brief abgehen wird. Alexander Jegorowitsch ist noch nicht zurück. Man hat aber einen Extraboten nach ihm geschickt.

Michail Dostojewskij

Man erwartet hier bei uns stündlich den Generalgouverneur; er ist in diesem Augenblick vielleicht schon eingetroffen. Es heißt, daß er hier etwa fünf Tage verbringen wird. Doch genug davon. Wie sind Sie in Kusnezk angekommen? Ist Ihnen, Gott behüte, auf der Reise nichts zugestoßen? Sie schrieben mir, daß Sie verstimmt und sogar krank sind. Ich bin auch jetzt noch in großer Angst um Sie. Schon die Übersiedelung allein hat Ihnen so viel Mühe und unvermeidliche Unannehmlichkeiten bereitet, und nun kommt noch diese Krankheit hinzu! Wie kann man das alles ertragen! Ich denke jetzt nur an Sie. Sie wissen ja auch, wie ängstlich ich bin; Sie können sich also meine Unruhe verstellen. Mein Gott! Wie unverdient hat Sie, die Sie eine Zierde jeder Gesellschaft sein könnten, dieses Schicksal mit all den kleinlichen Sorgen und Widerwärtigkeiten betroffen! Das verfluchte Schicksal! Ich erwarte Ihren Brief mit Ungeduld. Wenn er doch mit dieser Post kommen wollte! Ich ging einigemal hin, um es zu erfahren; Alexander Jegorowitsch ist aber noch immer nicht zurück. Sie fragen mich, wie ich die Zeit verbringe und wie ich ohne Sie meine Stunden eingeteilt habe. Seit vierzehn Tagen weiß ich gar nicht, was ich mit mir anstellen soll; so traurig bin ich. Wenn Sie nur wüßten, wie verwaist ich mich jetzt fühle. Diese Zeit gleicht wirklich derjenigen, als man mich im Jahre 49 verhaftet, ins Gefängnis gesperrt und von allem, was mir lieb und wert war, losgerissen hat. So sehr habe ich mich an Sie gewöhnt. Unser Verhältnis habe ich nie als eine gewöhnliche Bekanntschaft betrachtet, und jetzt, da ich Sie nicht mehr in meiner Nähe habe, beginne ich vieles zu begreifen. Ich habe fünf Jahre ganz ohne Verkehr mit Menschen gelebt, ganz allein, ohne jemand zu haben, dem ich mein Herz ausschütten könnte. Sie haben mich aber wie einen Bruder aufgenommen. Ich besinne mich, daß ich mich bei Ihnen immer wie zu Hause gefühlt habe. Alexander Iwanowitsch hätte auch einen leiblichen Bruder nicht besser behandeln können, als mich. Mit meinem unerträglichen Charakter habe ich Ihnen wohl viele Unannehmlichkeiten bereitet, und doch haben Sie mich beide geliebt. Ich begreife und fühle es, denn ich bin ja nicht ganz herzlos. Sie sind eine bewunderungswürdige Frau, Sie haben ein Herz von ungewöhnlicher kindlicher Güte und Sie waren mir wie eine Schwester. Schon der Umstand allein, daß eine Frau mich so freundschaftlich behandelt hat, war ein großes Ereignis in meinem Leben. Denn selbst der beste Mann ist manchmal, mit Verlaub zu sagen, nur ein Klotz. Das weibliche Herz, das weibliche Mitleid, die weibliche Teilnahme, die unendliche Güte, von der wir keine Ahnung haben und die wir in unserer Dummheit oft gar nicht bemerken, sind unersetzlich. All das habe ich in Ihnen gefunden; selbst wenn ich alle meine Fehler nicht hätte, könnte eine Schwester gar nicht gütiger und nachsichtiger gegen mich sein, als Sie es waren. Wenn es zwischen uns auch manchmal zu heftigen Auftritten kam, so doch nur, weil ich undankbar und Sie krank, gereizt und beleidigt waren; Sie waren beleidigt schon aus dem Grunde, weil die ekelhafte Gesellschaft Sie weder geschätzt noch verstanden hat; und bei Ihrer Energie muß man sich doch gegen jede Ungerechtigkeit empören, und diese Empörung ist edel und vornehm. Dies sind die Grundzüge Ihres Charakters; Leiden und Lebensumstände haben selbstverständlich vieles in Ihnen verzerrt; doch, mein Gott, alles wurde immer mit Wucherzinsen entlohnt. Da ich aber nicht immer dumm war, so habe ich es gesehen und geschätzt. Mit einem Worte, ich mußte Ihr Haus mit meinem ganzen Herzen wie mein Vaterhaus lieben; ich konnte nicht anders. Ich werde Sie beide nie vergessen und werde Ihnen ewig dankbar sein. Denn ich bin überzeugt, daß Sie beide gar nicht einsehen, was Sie für mich alles getan haben und wie sehr mir solche Menschen wie Sie notwendig waren. Man kann es nur begreifen, wenn man es selbst erlebt hat. Wenn ich Sie nicht hätte, so wäre ich wahrscheinlich zu einem Stück Holz geworden; nun bin ich aber wieder Mensch. Doch genug davon, man kann es gar nicht erklären, am allerwenigsten in einem Brief. Ich verfluche diesen Brief, weil er mich an die Trennung erinnert; alles erinnert mich daran. In der Abenddämmerung, in jenen Stunden, wo ich mich zu Ihnen zu begeben pflegte, überkommt mich solche Trauer, daß ich weinen könnte, wenn ich überhaupt dazu fähig wäre; Sie würden wohl über meine Tränen nicht lachen. Mein Herz ist schon einmal so geschaffen, daß alles, was ihm lieb und wert ist, tief hineinwächst, und wenn man es herausreißt, gibt es immer Wunden und Schmerzen. Ich lebe jetzt hier ganz allein und weiß gar nicht, was ich mit mir anstellen soll; alles ist mir verleidet. Eine entsetzliche Leere! Ich habe nur noch Alexander Jegorowitsch; in seiner Gesellschaft ist es mir aber immer traurig zumute; denn ich muß mich immer unwillkürlich mit ihm vergleichen, und Sie können sich wohl vorstellen, was für ein Resultat dabei herauskommt. Außerdem ist er jetzt abwesend. Ich war während seiner Abwesenheit zweimal im Kasakowschen Garten und es war mir dabei so traurig zumute! Wenn ich an den vergangenen Sommer denke, als Sie, Arme, nur den einen Wunsch hatten, einen Ausflug aufs Land zu machen, um wenigstens etwas freie Luft zu atmen, so überfällt mich große Trauer und Sie tun mir furchtbar leid. Wissen Sie noch, wie wir – Sie, Alexander Iwanowitsch, ich und Jelena doch einmal im Kasakowschen Garten waren. So lebhaft war die Erinnerung, als ich jetzt wieder in diesen Garten kam! Dort hat sich nichts verändert, und die Bank, auf der wir gesessen haben, steht noch immer da ... Und mir wurde so traurig zumute. Sie schreiben mir, ich möchte doch mit Wrangel zusammen wohnen; ich will es aber nicht tun, denn ich habe viele wichtige Gründe dagegen. Erstens: Die Geldfrage. Wenn ich mit ihm wohne, muß ich selbstverständlich viel mehr für Wohnung, Bedienung und Essen ausgeben, und auf seine Kosten will ich nicht leben. Zweitens: Mein Charakter. Drittens: Sein Charakter. Viertens: Wie ich bemerkt habe, bekommt er oft Besuch von allerlei Leuten. Es geht doch nicht, daß ich mich von der Gesellschaft abschließe, ich kann aber fremde Menschen nicht ausstehen. Schließlich liebe ich das Alleinsein, ich bin daran gewöhnt, und die Gewohnheit ist die zweite Natur. Genug davon. Ich habe Ihnen eigentlich noch nichts erzählt. Nachdem ich Sie bis zum Wald begleitet und von Ihnen bei einer Fichte (die ich mir gemerkt habe) Abschied genommen hatte, kehrte ich Arm in Arm mit Wrangel (der sein Pferd am Zügel führte) zum gastfreundlichen Landhaus der Peschechonows zurück. Hier erst merkte ich, daß ich gänzlich verwaist war. Zuerst konnte ich noch Ihren Reisewagen in der Ferne sehen, dann nur noch hören, und schließlich war alles vorbei. Wir setzten uns in die Droschke und sprachen von Ihnen, wie Sie wohl die Reise überstehen würden, und bei dieser Gelegenheit erzählte mir Wrangel etwas, was mich sehr freute. Am Tage Ihrer Abreise, am frühen Morgen, hatte ihm nämlich Pjotr Michailowitsch vorgeschlagen, den ganzen Abend irgendwo zusammen zu verbringen; Wrangel schlug die Einladung ab, und als ihn Pjotr Michailowitsch fragte: »Warum?«, antwortete er: »Weil ich die Issajews begleiten muß.« Es waren noch einige andere Menschen dabei. Pjotr Michailowitsch fragte sogleich: »Sie sind also mit den Leuten gut bekannt?« Wrangel antwortete darauf ziemlich schroff, er sei mit Ihnen zwar erst seit kurzer Zeit bekannt, halte aber Ihr Haus für eines der angenehmsten, und die Dame des Hauses, d. h. Sie, sei eine Frau, wie er seit Petersburg noch keine gesehen hätte und wohl nie wieder sehen werde; eine Frau, »wie Sie wohl noch nie eine gesehen haben,« fügte er hinzu, »und ich halte die Bekanntschaft mit ihr für die größte Ehre.« Dieser Bericht Wrangels machte mir außerordentliche Freude. Ich glaube, daß die Meinung eines solchen Menschen, der die Damen aus der besten Gesellschaft (in der er geboren ist) kennt, durchaus maßgebend ist. Unter ähnlichen Gesprächen, fortwährend auf die Peschechonows schimpfend, erreichten wir die Stadt beinahe beim Sonnenaufgang. Und der Kutscher, dem wir keinen Auftrag gegeben hatten, brachte uns direkt zu meiner Wohnung. Auf diese Weise kam der beabsichtigte Tee nicht zustande, worüber ich mich sehr freute, denn ich hatte das Bedürfnis, allein zu bleiben. Zu Hause blieb ich noch lange auf, ging in meinem Zimmer auf und ab, betrachtete den Sonnenaufgang und ließ das ganze letzte Jahr, das für mich so unbemerkt vergangen ist, an mir vorüberziehen; alle Erinnerungen tauchten auf, und mir wurde sehr traurig zumute, als ich an meine Zukunft dachte. Von jenem Tage an irre ich ziellos wie der Ewige Jude umher. Ich gehe fast nirgend hin. Alles ist mir verleidet. Ich war einmal bei Grischin, der nach Kopal kommt und in diesen Tagen aufbricht (er wird auch nach Wjernyj kommen); bei Mader, welcher findet, daß ich abgemagert bin; bei Schulitschka (ich habe ihm zum Namenstag gratuliert), wo ich die Peschechonows getroffen und gesprochen habe; ich besuche ab und zu Bjelichow und gehe schließlich ins Lager zum Exerzieren. Manchmal bin ich krank. Mit welcher Ungeduld habe ich auf die Rückkehr der tatarischen Fuhrleute gewartet! Jeden Augenblick eilte ich zu Ordynskij, um etwas zu erfahren, auch Ssilota lief jeden Abend hin. Ich war auch einmal in Ihrer Wohnung, nahm den Efeu mit (er steht jetzt bei mir), sah die verwaiste Ssurka, die mir wie verrückt entgegenrannte, doch immer das Haus nicht verlassen will. Endlich kamen die Fuhrleute zurück. Ihr Brief, für den ich Ihnen unendlich dankbar bin, war mir eine große Freude. Ich fragte die Tataren aus. Sie haben mir vieles erzählt und Sie über alle Maßen gelobt (alle loben Sie, Maria Dmitrijewna)! Ich gab ihnen etwas Geld. Am nächsten Tag kam ich bei Wrangel mit Koptjow zusammen. Auch er hat mir einiges erzählt, doch ich konnte mich bei ihm nicht danach, was mich am meisten interessierte, nämlich wie es mit Ihrem Reisegeld steht, erkundigen: die Frage ist zu heikel. Ich kann mir auch heute noch nicht vorstellen, wie Sie die Reise zurückgelegt haben! Wie lieb ist Ihr Brief, Maria Dmitrijewna! Gerade einen solchen Brief hatte ich erwartet! So ausführlich ist er; schreiben Sie mir auch in Zukunft solche Briefe. Ihre Großmutter sehe ich lebhaft vor Augen. Die schlechte Alte! Wie sie Ihnen zusetzt und das Leben vergällt. Soll sie doch bis an ihr Lebensende bei ihren Schoßhündchen bleiben. Ich hoffe, daß es Alexander Iwanowitsch gelingen wird, von ihr das Testament zu erpressen und sie selbst nicht ins Haus zu lassen. Man muß sie überreden, daß es auch für sie das beste ist; sonst müßte sie sich schriftlich verpflichten, binnen dreier Monate zu sterben (und für jeden Monat tausend Rubel zu zahlen); nur unter dieser Bedingung dürfen Sie sie aufnehmen. Werden Sie sich denn in der Tat bei Ihrer schwachen Gesundheit mit allen den Schoßhündchen abgeben müssen! Solche alte Weiber sind ja wirklich unerträglich! Ihren Brief habe ich Wrangel vorgelesen (nur stellenweise, selbstverständlich). Ich konnte mich nicht beherrschen, und besuchte einmal Jelena: die Arme ist so einsam. Es tut mir unendlich leid, daß Sie unterwegs krank waren! Wann werde ich endlich einen Brief von Ihnen bekommen? Ich bin in solcher Sorge! Wie sind Sie angelangt!? Ich schüttele Alexander Iwanowitsch kräftig die Hand und küsse ihn. Ich hoffe, daß er mir bald schreiben wird. Ich umarme ihn herzlich als Freund und Bruder und wünsche ihm eine bessere Gesellschaft als die, die er hier hatte. Wird er denn in Kusnezk in bezug auf Menschen ebensowenig wählerisch sein, wie er es in Semipalatinsk war? Sind denn alle diese Leute überhaupt wert, daß man mit ihnen verkehrt, mit ihnen ißt und trinkt und hinterdrein von ihnen alle möglichen Schlechtigkeiten duldet? Auf diese Weise schädigt man ja sich selbst mit vollem Bewußtsein! Wie ekelhaft sind doch alle diese Menschen und vor allen Dingen wie schmutzig! Wenn man in ihrer Gesellschaft war, fühlt man manchmal seine Seele ebenso beschmutzt, als ob man in einer Schnapsbude gewesen wäre. Ich hoffe, Alexander Iwanowitsch wird mir wegen meiner Wünsche und Ratschläge nicht zürnen. Leben Sie wohl, unvergeßliche Maria Dmitrijewna! Leben Sie wohl! Wir werden uns doch wiedersehen, nicht wahr? Schreiben Sie mir recht oft und recht viel, schreiben Sie mir von Kusnezk, von den neuen Menschen und möglichst viel von sich selbst. Küssen Sie Pascha von mir. Leben Sie wohl, leben Sie wohl, werden wir uns denn nie mehr wiedersehen?!

Fjodor Dostojewskij.

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