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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 21
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XIX.
An den Bruder Michail, den 14. September 1849

[Aus der Festung.]

Deinen Brief, lieber Bruder, die Bücher (Shakespeare, Bibel und die »Vaterländischen Annalen«) und das Geld (zehn Rubel) habe ich erhalten und danke dir für alles. Es freut mich, daß du gesund bist. Mir geht es wie früher. Immer dieselben Verdauungsstörungen und Hämorrhoiden. Ich weiß gar nicht, wann das alles vorübergehen wird. Es nahen die für mich so schweren Herbstmonate, und mit ihnen kommt auch meine Hypochondrie wieder. Der Himmel ist schon jetzt trüb; meine Gesundheit und meine gute Laune sind vom kleinen Fetzen des heiteren Himmels, den ich aus meiner Kasematte sehen kann, abhängig. Doch bin ich vorläufig noch am Leben und verhältnismäßig gesund. Diese Tatsache steht für mich fest. Darum bitte ich dich, dir meinen Zustand nicht allzu düster vorzustellen. Meine Gesundheit ist vorläufig gut. Ich hatte Schlimmeres erwartet, und jetzt sehe ich, daß ich so viel Lebenskraft in mir habe, daß sie sich gar nicht erschöpfen läßt.

Ich danke dir noch einmal für die Bücher. Sie geben mir wenigstens Zerstreuung. Seit fast fünf Monaten lebe ich ausschließlich von meinen eigenen Mitteln, d. h. von meinem Kopf allein und sonst von nichts. Diese Maschine ist vorläufig noch im Gange. Es ist übrigens unsagbar schwer, nur zu denken, ewig zu denken, ohne alle äußeren Eindrücke, die die Seele erfrischen und nähren! Ich lebe gleichsam unter der Glocke einer Luftpumpe, aus der man die Luft herauspumpt. Mein ganzes Wesen hat sich im Kopfe konzentriert und ist aus dem Kopfe in die Gedanken geflüchtet, obwohl die Gedankenarbeit von Tag zu Tag größer wird. Die Bücher sind zwar nur ein Tropfen im Meere, doch helfen sie mir immerhin. Meine eigene Arbeit verzehrt aber, wie mir scheint, meine letzten Kräfte. Übrigens macht sie mir viel Freude.

Ich habe die von dir geschickten Bücher gelesen. Für den Shakespeare bin ich dir besonders dankbar. Das war ein guter Einfall von dir! Der englische Roman in den »Vaterländischen Annalen« ist sehr gut. Die Komödie von Turgenjew ist dagegen unerlaubt schlecht. Warum hat er immer solches Pech? Ist es ihm denn immer beschieden, jedes seiner Werke, dessen Umfang einen Druckbogen übersteigt, zu verderben? Ich habe ihn in dieser Komödie gar nicht wiedererkannt. Keine Spur von Originalität: alles steckt bei ihm im alten, ausgefahrenen Geleise. Alles ist schon vor ihm ausgesprochen worden und noch viel besser. Die letzte Szene zeigt eine kindliche Ohnmacht. Hie und da glaubt man Spuren von Begabung zu sehen, doch nur in Ermangelung eines Besseren. Wie prächtig ist der Aufsatz über die Banken! Und wie allgemeinverständlich! Ich danke allen, die sich meiner erinnern; grüße mir deine Emilie Fjodorowna, unsern Bruder Andrej und küsse die Kinder, denen ich besonders Erholung wünsche. Ich weiß wirklich nicht, Bruder, wann und wie wir uns wiedersehen werden! Lebe wohl und vergiß mich bitte nicht. Schreibe mir, wenn auch erst in zwei Wochen.

Auf Wiedersehen!
Dein F. Dostojewskij.

Mache dir bitte keine Sorgen über mich. Wenn du mir irgendwelche Lektüre verschaffen kannst, so schicke sie mir.

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