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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 16
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XIV.
An den Bruder Michail, den 26. November 1846

Alle meine Verlagsprojekte sind durchgefallen. Das Ganze war wenig lohnend, erforderte viel Zeit und war verfrüht. Das Publikum hätte sich vielleicht ablehnend verhalten. Ich will alles zum nächsten Herbst verschieben. Das Publikum wird mich inzwischen besser kennen lernen, und meine Stellung wird klarer sein. Außerdem habe ich einige Vorschüsse zu erwarten. Der »Doppelgänger« ist bereits von einem Moskauer Künstler illustriert. Zu den »Armen Leuten« werden jetzt hier von zwei Künstlern Illustrationen gemacht; wer sie besser macht, bekommt den Auftrag. Bernardskij Bernardskij – ein um jene Zeit beliebter Kupferstecher und Buchillustrator. sagt mir, daß er mit mir im Februar in Unterhandlungen treten will und mir einen gewissen Betrag für das Recht, meine Werke mit seinen Illustrationen herauszugeben, bezahlen wird. Bisher war er mit den Illustrationen zu den »Toten Seelen« beschäftigt. Mit einem Worte, die Verlagspläne interessieren mich nicht mehr. Außerdem habe ich auch wenig Zeit. Ich habe eine Menge Arbeit und Aufträge. Ich muß dir mitteilen, daß ich alle Beziehungen zum »Zeitgenossen« in Person Nekrassows abgebrochen habe. Er ärgerte sich, weil ich auch für Krajewskij schreibe, dem ich noch seine Vorschüsse abarbeiten muß, und weil ich nicht die von ihm gewünschte öffentliche Erklärung abgeben wollte, daß ich nicht zum Redaktionsverbande der »Vaterländischen Annalen« gehöre. Als er sah, daß er von mir in der allernächsten Zeit keine neue Arbeit bekommen kann, warf er mir verschiedene Grobheiten an den Kopf und beging die Unvorsichtigkeit, von mir Geld zu verlangen. Ich nahm ihn beim Wort und stellte einen Schuldschein über den ganzen Betrag, zahlbar am 15. Dezember, aus. Ich will, daß sie selbst zu mir kommen. Als ich Nekrassow tüchtig ausgeschimpft hatte, tänzelte er und jammerte wie ein bestohlener Jude. Es ist mit einem Worte eine schmutzige Geschichte. Jetzt verbreiten sie über mich das Gerücht, daß ich von Ehrgeiz angesteckt sei und mich dem Krajewskij verkauft habe, weil Maikow Valerian Maikow – Kritiker an den »Vaterländischen Annalen«. mich in seiner Zeitschrift lobt. Nekrassow hat nun die Absicht, mich herunterzureißen. Was aber Bjelinskij betrifft, so ist er so charakterlos, daß er selbst in literarischen Dingen seine Ansichten fünfmal in der Woche ändern kann. Nur zu ihm allein habe ich noch meine früheren guten Beziehungen bewahrt. Er ist ein durchaus edler Mensch. Krajewskij hat sich über diese ganze Geschichte so sehr gefreut, daß er mir Geld gab und außerdem alle meine Schulden zum 15. Dezember zu bezahlen versprach. Dafür muß ich bis zum Frühjahr für ihn arbeiten.

Nun siehst du, Bruder: aus der ganzen Geschichte habe ich eine weise Regel gewonnen. Erstens schädigt sich der beginnende begabte Autor, wenn er freundschaftliche Beziehungen mit den Verlegern und Besitzern von Zeitschriften unterhält; die Folge davon ist, daß die Leute sich nachher zu viel erlauben und sich schmutzig benehmen. Hinzu kommt die Unabhängigkeit des Dichters, und schließlich muß er seine Arbeit ganz der heiligen Kunst weihen; diese Arbeit ist heilig, keusch und erfordert ein einfältiges Herz; mein Herz bebt jetzt wie noch nie vor all den neuen Gestalten, die in meinem Geiste entstehen. Bruder, ich mache jetzt nicht nur eine moralische, sondern auch eine physische Wandlung durch. Noch nie war in mir solche Klarheit, solcher innerer Reichtum, noch nie war mein Charakter so gleichmäßig, meine Gesundheit so zufriedenstellend wie jetzt. Ich verdanke dies in hohem Grade meinen guten Freunden: Beketow, Saljubezkij und den anderen, mit denen ich lebe. Es sind tüchtige, kluge Menschen mit feiner Herzensbildung und edlem festem Charakter. Der Umgang mit ihnen hat mich geheilt. Ich machte ihnen schließlich den Vorschlag, zusammen zu wohnen. Wir mieteten uns eine große Wohnung und teilen alle Auslagen für die Wirtschaft zu gleichen Teilen, was höchstens zwölfhundert Rubel pro Kopf und Jahr ausmacht. So groß sind die Segnungen des Genossenschaftsprinzips! Ich habe ein eigenes Zimmer und arbeite den ganzen Tag.

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