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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 13
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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XI.
An den Bruder Michail, den 1. April 1846

Du machst mir wohl Vorwürfe, weil ich dir so lange nicht geschrieben habe. Ich stehe aber auf dem Standpunkt Poprischtschins Held der »Memoiren eines Verrückten« von Gogol.: »Briefe sind Unsinn; nur Apotheker schreiben Briefe.« Was hätte ich dir schreiben können? Wenn ich alles, was ich dir zu sagen habe, schreiben wollte, müßte ich ganze Bände voll schreiben. Jeder neue Tag bringt mir soviel Neues, so viele Veränderungen, Eindrücke, angenehme und unangenehme, günstige und ungünstige Dinge, daß ich keine Zeit zum Nachdenken habe. Erstens bin ich immer beschäftigt. Ich habe eine Menge Ideen und schreibe ununterbrochen. Stelle dir nur nicht vor, daß ich auf Rosen gebettet bin. Unsinn. Erstens habe ich sehr viel Geld ausgegeben (d. h. genau viertausendfünfhundert Rubel seit unserem letzten Wiedersehen) und etwa tausend Rubel Vorschuß auf meine Ware bekommen. Bei meiner dir wohlbekannten Genauigkeit habe ich mich also vollständig bestohlen; so kommt es wieder oft vor, daß ich ganz ohne Geld bin ...

Das macht aber nichts. Mein Ruhm hat seinen Höhepunkt erreicht. Im Laufe von zwei Monaten wurde ich nach meiner Berechnung fünfunddreißigmal in verschiedenen Zeitschriften erwähnt. In einzelnen Kritiken werde ich über alle Maßen gelobt, in anderen mit Einschränkungen und in anderen wieder entsetzlich beschimpft. Was könnte ich denn noch verlangen? Unangenehm und qualvoll ist es aber für mich, daß meine eigenen Freunde, Bjelinskij und die anderen, mit meinem »Goljädkin« unzufrieden sind. Der erste Eindruck war ein unbewußtes Entzücken, großes Aufsehen und unendliches Gerede. Der zweite Eindruck war die Kritik. Alle, d. h. meine Freunde und das ganze Publikum erklärten einstimmig, daß mein »Goljädkin« langweilig und fad sei und so sehr in die Länge gezogen, daß man ihn unmöglich lesen könne. Einer von den unsrigen beschäftigt sich nun ausschließlich damit, daß er täglich ein Kapitel liest, um nicht zu ermüden; dabei grunzt er vor Vergnügen. Ein Teil des Publikums schreit, das Buch sei ganz unmöglich, es sei unsinnig, solche Werke zu schreiben und zu drucken; andere schreien wieder, daß alles aus dem Leben geschöpft sei und daß sie sich im Buche erkennen; zuweilen bekomme ich auch solche Lobhymnen zu hören, daß ich mich schäme, sie wiederzugeben. Was mich betrifft, so war ich für einige Zeit völlig entmutigt. Ich habe ein entsetzliches Laster: ich bin unerlaubt ehrgeizig und eitel. Der Gedanke, daß ich alle auf mich gesetzten Hoffnungen betrogen und ein Werk, das sehr bedeutend werden konnte, verdorben habe, bedrückte mich sehr schwer. Mich ekelte vor dem Goljädkin. Vieles darin habe ich zu flüchtig und in Augenblicken der Ermüdung geschrieben. Die erste Hälfte ist besser als die zweite. Neben vielen glänzenden Stellen gibt es ekelhafte und so schlechte, daß ich sie selbst nicht lesen kann. Dies alles versetzte mich für eine Zeitlang in eine Hölle; ich war ganz krank vor Ärger. Lieber Bruder, ich will dir den Goljädkin in vierzehn Tagen schicken. Lies ihn und teile mir deine aufrichtige Meinung mit.

Ich übergehe mein Leben und mein Studium und teile dir einige Neuigkeiten mit. 1. Eine große Neuigkeit: Bjelinskij verläßt die Redaktion der »Vaterländischen Annalen«. Seine Gesundheit ist arg zerrüttet, und er geht in ein Bad, vielleicht ins Ausland. Er will etwa zwei Jahre lang keine Kritiken mehr schreiben. Um seine Finanzen zu stärken, gibt er einen Almanach von fabelhaftem Umfang (sechzig Druckbogen) heraus. Ich schreibe für ihn zwei Erzählungen: l. »Der abrasierte Backenbart«, 2. »Die Erzählung von den abgeschafften Kanzleien«; beide Erzählungen sind von einer erschütternden Tragik und außerordentlich interessant, dabei äußerst knapp. Das Publikum ist auf sie sehr gespannt. Beide Erzählungen sind kurz ... Außerdem werde ich etwas für Krajewskij und einen Roman für Nekrassow schreiben. Das Ganze wird etwa ein Jahr in Anspruch nehmen. Der »Abrasierte Backenbart« ist in diesen Tagen fertig.

Die zweite Neuigkeit. Es ist eine ganze Menge neuer Schriftsteller aufgetaucht. In einzelnen sehe ich Nebenbuhler. Besonders interessant sind Herzen (Iskander) und Gontscharow. Von Herzen ist schon einiges erschienen; Gontscharow fängt erst eben an und ist noch nicht gedruckt. Beide werden über alle Maßen gelobt. Ich habe aber vorläufig den Vorrang und hoffe, ihn für immer zu behalten. Im literarischen Leben war noch nie so viel los wie jetzt. Es ist ein gutes Zeichen ...

[Es folgen einige unwesentliche Mitteilungen über D.s Leben. Er erteilt u. a. dem Bruder den Rat, Goethes »Reineke Fuchs« zu übersetzen.]

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